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„Da gibt es große Unterschiede“

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Ethikunterricht und Humanistische Lebenskunde: Inwiefern unterscheiden sie sich vom traditionellen Religionsunterricht? Werner Schultz, Leiter des Bereichs Bildung im Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg, erklärt im Interview, warum beide Fächer wichtig sind – und was sie leisten können.
Mittwoch, 30. April 2014
Foto: A. Platzek

Will die Diskriminierung konfessionsfreier und nichtreligiöser Eltern nicht länger einfach hinnehmen: Anna Ignatius am Bundesverwaltungsgericht vor zwei Wochen.

Vor zwei Wochen entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, dass Konfessionsfreie aus dem Grundgesetz keinen Anspruch auf Ethikunterricht ab der Grundschulstufe ableiten können. Um der fast flächendeckenden Benachteiligung im Bereich der schulischen Wertebildung ein Ende zu setzen, soll die Klage der Mutter aus Baden-Württemberg nun als Verfassungsbeschwerde zum höchsten Gericht der Bundesrepublik gehen.

Anders als in Baden-Württemberg und vielen anderen Bundesländern gibt es in der deutschen Hauptstadt eine solche Benachteiligung konfessionsfreier Menschen nicht. Derzeit besuchen in der Konfessionsfreien-Hochburg acht von zehn Grundschülern einen wertebildenden Unterricht, und die meisten von ihnen nehmen am Schulfach Humanistische Lebenskunde teil. Zusätzlich gibt es einen integrierenden Ethikunterricht ab der 7. Klasse, der für alle Schüler verpflichtend ist. Aus Sicht von Werner Schultz eine Lösung, die als Vorbild für ganz Deutschland wirkt. Im Interview macht er deutlich, worin die Unterschiede zwischen beiden Fächern bestehen und warum Ethikunterricht bekenntnisorientierte Schulfächer nicht ersetzen kann.

Was halten Sie von dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts?

Foto: A. Platzek

Werner Schultz: Die Mutter wurde vom Gericht mit dem Argument abgewiesen, dass aus dem Religionsunterricht kein Anspruch auf Ethikunterricht abgeleitet werden kann. Vergleichbar zum Religionsunterricht wäre nur ein Weltanschauungsunterricht wie z.B. die Humanistische Lebenskunde.

Das Vorgehen der Klägerin und ihres Rechtsanwaltes, die Gleichbehandlung zu verlangen, ist allerdings auch verständlich. Der Ethikunterricht wird oft als Ersatzfach für den Religionsunterricht behandelt und damit in ein direktes Verhältnis zum Religionsunterricht gesetzt. Wobei das eine Fach auf der Grundlage der Kirchen und des Glaubens gestaltet ist und das andere auf der Basis von philosophischer Ethik. Das ist doch etwas grundsätzlich anderes.

Was hätte die Klägerin sonst tun können?

Die Mutter hätte wahrscheinlich vor Gericht Recht bekommen, wenn sie für ihr Kind Humanistische Lebenskunde beantragt hätte. Religion und Weltanschauung muss nach dem Grundgesetz gleichbehandelt werden. Eine Gleichheit von Religion und Ethik in der Schule wird im Gesetz nicht vorgenommen. Die Einführung eines Fachs wie Ethik ist allein eine schulpolitische Entscheidung. So ist auch in Berlin und ähnlich in Brandenburg ein Fach Ethik bzw. LER für alle Schülerinnen und Schüler eingeführt worden, unabhängig vom Bekenntnisunterricht der Kirchen oder des Humanistischen Verbandes.

Foto: HVD Berlin-Brandenburg

Können Dinge ewig feststehen? Im Lebenskundeunterricht werden Dinge hinterfragt - meist auch ganz praktisch. Foto: HVD Berlin-Brandenburg

Das Urteil hatte bei vielen Beobachtern die Frage aufgeworfen, was die Unterschiede zwischen einem Schulfach Ethik und dem Fach Humanistische Lebenskunde sind.

Da gibt es einige große Unterschiede. Ethikunterricht hat vor allem nicht die Aufgabe der Sinngebung aus weltlich-humanistischer Sicht. Er vermittelt einige allgemeine Grundlagen des Zusammenlebens und stellt meist die Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit in den Mittelpunkt. Ein staatlich verantworteter Ethikunterricht kann im Rahmen des religiös-weltanschaulichen Neutralitätsgebots nur über unterschiedliche religiöse und nichtreligiöse Weltdeutungen und Lebensauffassungen informieren. Er muss die verschiedenen Begründungen nebeneinanderstellen und darf nicht für eine bestimmte Orientierung werben. Ganz anders Lebenskunde, die vermittelt, dass Menschen die alleinige Quelle von Sinngebung sind.

Stichwort werben – Gegner des Lebenskundeunterrichts meinen, solch ein Fach für Konfessionsfreie stelle auch eine Form der Indoktrination dar.

Humanistische Lebenskunde würde niemals mit Methoden der Indoktrination arbeiten. In ihm wird versucht, durch kritische Reflexion den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, eine eigene Entscheidung aufgrund der besseren Argumente zu treffen. Das ist ein zentrales Element.

Darüber hinaus machen die Lehrerinnen und Lehrer aber auch die Vorteile einer humanistischen Position für eine demokratische Gesellschaft deutlich. Denn sie sehen ihre Aufgabe darin, Kindern ohne Religion eine Orientierung zu vermitteln. Im Zentrum dieser humanistischen Orientierung steht das selbständige Denken und Selber-Entscheiden. Lebenskunde fördert eine Orientierung, die bewusst auf religiöse Antworten auf ethische Probleme verzichtet.

Humanistische Lebenskunde betont das soziale Lernen. Moralisches Verhalten wird über die Entwicklung des Urteilsvermögens hinaus durch praktische Erfahrungen der Konfliktlösung am besten gelernt. Lebenskundeunterricht will auch das Einfühlungsvermögen fördern, für Ungerechtigkeiten sensibilisieren und bewusst ermutigen, sich dagegen zu wenden. Und er wirbt schließlich für die Vorteile rationalen Denkens auf wissenschaftlicher Grundlage gegenüber religiösen Glaubensannahmen.

Im Ethikunterricht wäre eine wie oben beschriebene Orientierung nicht zulässig?

Nein, die Lehrkräfte müssen den Unterricht neutral gestalten.

Ist es denn im Lebenskundeunterricht möglich, dass sich Schüler gegen eine weltlich- humanistische Orientierung entscheiden?

Ja, selbstverständlich. Deshalb ist es aus unserer Sicht wichtig, dass das Fach nicht benotet wird. Und es gibt übrigens gar nicht so wenig Fälle, in dem Schüler auch im Religionsunterricht zum Schluss gekommen sind, dass sie mit den dort angebotenen Erklärungen nichts anfangen können.

Welches Konzept finden Sie optimal?

Wir plädieren für das „Berliner Modell“, bei dem sich ein freiwilliger bekenntnisorientierter Unterricht in allen Klassenstufen und ein verpflichtender Ethikunterricht in höheren Klassen gegenseitig ergänzen.

Was halten Sie von einem allgemeinverbindlichen Ethikunterricht ab der ersten Klasse?

In einigen Bundesländern gibt es das bereits. Ein Ethikunterricht kann allerdings nicht das Angebot des Religions- und Weltanschauungsunterrichts ersetzen. Der weltliche Humanismus hat eine mehr als 2.500 Jahre alte Tradition und gehört ebenso zu unserer Gesellschaft wie die jüdische und christliche Religion. Humanistischer Lebenskundeunterricht geht davon aus, dass Menschen zu Selbstbestimmung, Solidarität und Toleranz fähig sind und ein erfülltes Leben haben können, ohne auf religiöse Offenbarungen zurückzugreifen.

Lebenskunde bietet somit eine tiefere Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schüler sich mit humanistischen Orientierungen, Ideen und Traditionen vertraut machen können, als es in einem neutralen Ethikunterricht möglich ist. Dort wäre der Humanismus – sofern er überhaupt als eigene große weltanschauliche Tradition Berücksichtigung findet – neben viele religiöse Orientierungen, zu denen ja nicht nur die christliche und jüdische gehört, gestellt.

Der Mensch in der Welt - Lebenskunde in der Oberschule | Foto: Istvan Imreh

Der Mensch in der Welt – Lebenskunde in der Oberschule | Foto: Istvan Imreh

Entschiedene Gegner von bekenntnisorientiertem Unterricht vertreten die These, dass Religionsunterricht per se falsch sei, da es christliche oder jüdische Kinder ebenso wenig gibt wie sozialdemokratische oder liberaldemokratische Kinder.

Nun, der Gedanke mag im Augenblick der Geburt zutreffen – aber auch nur in dieser Zeit. Denn so gut wie alle Menschen werden in Familien hineingeboren, die sich in verschiedenen kulturellen und auch weltanschaulichen bzw. religiösen Kontexten befinden, und diese sind in der Regel sehr grundlegend. Das elterliche Erziehungsrecht ist hier ein fundamentales Recht, in das sich ein Staat nur in Ausnahmefällen einmischen darf. Solange es also Eltern gibt, die ihre Kinder in einer bestimmten religiösen oder weltanschaulichen Tradition erziehen, werden Heranwachsende auch die entsprechenden Hintergründe mit in die Schulen bringen. Bekenntnisorientierter Unterricht hat also die Aufgabe, diese Lebensauffassungen jeweils im Sinne der Eltern und Schülerinnen bzw. Schüler zu reflektieren.

Und es entspricht nicht dem staatlichen Bildungsauftrag, Heranwachsenden einen Glauben abzuerziehen, ebenso wenig wie ihnen einen anderen anzuerziehen. Gerade die grundsätzlichen Gegner von Religionsunterricht übersehen gern, dass gläubige bzw. konfessionell gebundene Menschen ebenso Steuern zahlen wie Konfessionsfreie. Deshalb sollte es nichtreligiösen Menschen mit humanistischen Überzeugungen vor allem um einen Abbau der Benachteiligung im Bereich der schulischen Wertebildung gehen.

Der Fall aus Baden-Württemberg soll nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts nun zum Bundesverfassungsgericht. Welche Entscheidung erhoffen oder erwarten Sie?

Mir wäre es am liebsten, das Gericht würde deutlich machen, dass neben dem Religionsunterricht ein anderes Bekenntnisfach eingeführt werden kann. Dies fordert auch der Gleichbehandlungsgrundsatz von Religion und Weltanschauung im Grundgesetz. Das heißt, ein Schulfach, in dem auch nicht-religiöse Heranwachsende gleichberechtigt zu konfessionellen Schülern eigenes Urteilen lernen sowie Wissen und eine Orientierung erhalten. Ein Schulfach wie Humanistische Lebenskunde im Fächerkanon der öffentlichen Schule entspricht der Pluralität der Gesellschaft und öffnet eine gerade in Europa bedeutsame Tradition des Humanismus – ein Sinngebungsangebot, an dem Jugendliche und Eltern zunehmend interessiert sind.

Herr Schultz, vielen Dank das Gespräch.