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„Die Alarmsignale sind nicht mehr zu übersehen“

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Humanismus ist nicht nur eine Veranstaltung der Bessergestellten. Denn konfessionsfreie Menschen gehören meist zu dem Teil der Gesellschaft, der weniger vermögend ist. Darauf weist Michael Bauer, Vorstand des Humanistischen Verbandes in Bayern, im Gespräch über das neue Jahresgutachten des Paritätischen Gesamtverbandes hin.
Montag, 28. April 2014
Foto: © Harald07 - Fotolia.com

„Noch nie war im vereinigten Deutschland die Spanne zwischen Arm und Reich größer“, sagte Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen, zum Jahresgutachten. Foto: © Harald07 - Fotolia.com

Erstmals hat der Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege mit dem am vergangenen Donnerstag in Berlin präsentierten Gutachten eine Untersuchung zu Faktoren des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Bundesrepublik Deutschland vorgelegt. Die Ergebnisse des Berichts zeigen, dass die soziale Ungleichheit im Land während der vergangenen Jahre weiter gewachsen ist. Bei der Vermögensungleichheit belegt Deutschland einen Spitzenplatz unter den Ländern der Euro-Zone. Eine große Spaltung zeigt sich unter anderem in regionaler Hinsicht.

Wer eine schlüssige Interessenvertretung der Konfessionsfeien leisten will, muss das berücksichtigen, sagt dazu Michael Bauer, der ehrenamtlich im Paritätischen Verband in Bayern aktiv ist. Die Wohlfahrtspflege allein kann gesellschaftliche Fehlentwicklungen nicht ausgleichen, heißt es.

Wie bewerten Sie die Ergebnisse des neuen Jahresgutachtens?

Michael Bauer: Die Bewertung ist sehr zwiespältig. Zum einen ist ja dem Gutachten zu entnehmen, dass es durch die gute Wirtschaftsentwicklung an manchen Stellen besser geht. Gewinner sind die, die eine tarifvertraglich abgesicherte Arbeit haben, und vor allem die Selbstständigen und Beamten. Aber das sind ja nun nicht alle.

Zum anderen sind die Alarmsignale inzwischen nicht mehr zu übersehen. Der Bericht zeigt eindeutig, dass der Zusammenhalt unserer Gesellschaft nicht nur gefährdet ist, sondern bereits brüchig wird. Deutschland ist inzwischen das europäische Land mit der höchsten Ungleichheit beim persönlichen Wohlstand. Wenn die unteren 20 Prozent der privaten Haushalte im Schnitt ein Negativvermögen, also Schulden, von knapp 5.000 Euro haben und die oberen zehn Prozent durchschnittlich ein Nettovermögen von 1,2 Millionen Euro, dann kann man nicht mehr von einer Schere sprechen, sondern das sind schon Welten, die da dazwischenliegen. Diese Entwicklung ist gefährlich für den sozialen Frieden.

Welche Erfahrungen haben Sie hier als ehrenamtlich aktive Person beim Paritätischen Verband in Bayern gemacht? Passt die deutliche Warnung des Gutachtens zu Ihren Beobachtungen?

Ja, völlig. Viele Organisationen im Paritätischen haben damit in ihrer täglichen Arbeit zu tun. Das betrifft z.B. den steigenden Anteil von Kindern, die in Kindertagesstätten ergänzende Leistungen aus der Sozial- und Jugendhilfe erhalten, oft ist das schon die Mehrzahl, oder auch die Verarmung und Vereinsamung von Senioren, denen mit Teilhabeprojekten und anderen Unterstützungsleistungen begegnet wird. Oft ist das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Wohlfahrtspflege alleine kann gesellschaftliche Fehlentwicklungen nicht ausgleichen. Umsteuern kann nur die Gesellschaft im Ganzen.

Besonders auffällig ist ja auch die Ungleichverteilung der Vermögen in regionaler Hinsicht. Menschen in den neuen Bundesländern besitzen durchschnittlich nur einen Bruchteil des Vermögens, das Bürgerinnen und Bürgern in den alten Ländern zur Verfügung steht. Was bedeutet das für die Interessenvertretung von Konfessionsfreien?

Das bedeutet, dass konfessionsfreie Menschen in unserem Land im Gesamtschnitt eher weniger zu den Vermögenden oder Beziehern hoher Einkommen zählen. Humanismus ist also nicht nur eine Veranstaltung der Bessergestellten. Wenn man eine schlüssige Interessenvertretung der Konfessionsfeien bundesweit leisten will, wird das zu berücksichtigen sein. Die Verbandspolitik muss auch in dieser sozioökonomischen Hinsicht anschlussfähig sein.

Im Mai wird der Koordinierungsrat säkularer Organisationen, dem unter anderem der Humanistische Verband und die Giordano Bruno Stiftung angehören, in Kassel ein Strategietreffen abhalten. Müssten dort Feststellungen wie die des Jahresgutachtens nicht Thema sein, wenn es um Wege und Chancen zur Durchsetzung der Gleichbehandlung konfessionsfreier Menschen geht?

Da darf man nicht zu viel erwarten. Dieses Treffen hat einen kleinen Ausschnitt von Interessenpolitik zum Thema, und es handelt sich bei den Teilnehmern um Vertreter von Organisationen mit im Kern unterschiedlichen, nicht selten sogar widerstrebenden Zielen. Nur einem Teil dieser Organisationen geht es überhaupt um Gleichbehandlung, noch weniger von ihnen befassen sich mit sozialen oder ökonomischen Problemlagen, und nur ein abermals kleinerer Teil hat eine dafür relevante eigene Praxis. Der Blick wird dort eher nach innen als nach außen gehen.

Tabelle:  Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung.

Tabelle: Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung.

Ist es mit einem Selbstverständnis einer humanistischen Organisation vereinbar, die realen sozialen Verhältnisse auszublenden?

Nein, natürlich nicht. Humanismus ist ohne Menschen nicht vorstellbar, das ist ja offensichtlich. Abstrakte Menschen gibt es nicht, es gibt nur solche in realen sozialen Verhältnissen. Sobald sich humanistische Organisationen damit den Menschen befassen, kommen sie an diesen Fragen gar nicht vorbei. Einige, die aus einer humanistischen Weltanschauung auch praktische Konsequenzen gezogen haben, haben ja auch entsprechende humanistische Angebote entwickelt, z.B. die Obdachlosenarbeit in Berlin oder das Schuldnercoaching und die Seniorenwohnprojekte in Nürnberg. Dennoch ist die Kultur einer humanistischen Barmherzigkeit, um es mit Horst Groschopp (Direktor der Humanistischen Akademie Deutschlands, d. Red.) auszudrücken, durchaus noch ausbaufähig. Aber das wird ja vielleicht noch.

Was für weitere Schlussfolgerungen können Humanistinnen und Humanisten aus den Ergebnissen des Berichts ziehen?

Der praktische Humanismus sollte der vorhandenen Problemlage gerecht werden, z.B. durch die Verstärkung der konkreten Hilfsangebote für Menschen in Armut oder in Überschuldung. Das Gutachten zeigt überdeutlich, dass insbesondere alte Menschen mit Armut zu kämpfen haben, und das hat leider eine steigende Tendenz. Inzwischen erhält eine halbe Million Renterinnen und Rentner die soziale Grundsicherung, und es werden jedes Jahr Zehntausende mehr. Auf jeden von ihnen kommen zwei, die aus Scham die Grundsicherung nicht in Anspruch nehmen, obwohl sie das könnten. Diese Menschen leben oft in bitterer Armut. Damit geht die radikale Verminderung der Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe einher. Hier zu unterstützen, damit Armut nicht zum Verlust von Selbstbestimmung und Lebensfreude führt, das ist eine anspruchsvolle Herausforderung, aber eine, der man sich stellen muss. Humanismus hat ja auch mit der Frage nach dem „guten Leben“ zu tun, und das darf nicht nur abstrakt bleiben, sondern muss auch konkret erfahrbar sein.   

Was kann denn der oder die Einzelne konkret tun?

Erstens kann man sich ehrenamtlich engagieren und so direkt helfen. Zweitens kann man aber auch durch Spenden den Organisationen und Projekten unter die Arme greifen, die sich in diesem Bereich engagieren. Dazu gehören auch manche humanistische Organisationen. Und drittens kann sich überlegen, selbst politisch aktiv zu werden, z.B. in  einer der Parteien. Die Verhältnisse fallen nicht vom Himmel, sondern sie sind Ergebnisse von sozialpolitischen Entscheidungen. Sie können daher auch verändert werden.

Halten Sie es für denkbar, dass diese über Jahre und Jahrzehnte erfolgte Entwicklung nun von der derzeitigen Regierung als politische Problemstellung angegangen wird?

Dafür gibt es keine Anzeichen. Im Gegenteil: Die bisherigen Initiativen verschärfen eher die Probleme. Die Rentenreform der Ministerin Nahles beispielsweise leistet keinerlei Beitrag zur Bekämpfung der Altersarmut, sondern schafft neue Privilegien für diejenigen, denen es ohnehin im Alter schon ganz gut geht. Zusätzlich geht das Ganze auch noch auf Kosten der Jüngeren. Es sieht so aus als ob es bei beiden Parteien bisher keinen Mut dazu gibt, aus den Denkbahnen der Klientelpolitik auszubrechen und die Gesellschaft als Ganze in den Blick zu nehmen. Das ist schade.

Und welchen Rat würden Sie den Menschen, die sich aufgrund humanistischer Überzeugungen in die Gesellschaft einbringen, bei der Prioritätensetzung in der Arbeit geben?

Naja, ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist, da Ratschläge zu verteilen. Das muss jeder selber wissen. Persönlich würde ich mich fragen, welchen Unterschied mein Engagement für konkrete Menschen macht, ob es tatsächlich zum größeren Wohl einer größeren Zahl von Menschen beiträgt. Das wäre für mich ein wichtiges Kriterium.

Herr Bauer, vielen Dank für Ihre Zeit.