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„Wir möchten einen Kristallisationspunkt schaffen“

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Am vergangenen Freitag hat die Kulturinitiative „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ einen „säkularen Frühling“ in der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen ausgerufen. Medien reagierten entsetzt. Die kirchennahe „Rheinische Post“ prangerte fehlende „Faktentreue“ der Initiative an, ein Lokalblatt schrieb den Aktivisten sogar die Spaltung der Stadt zu.
Montag, 7. April 2014
Foto: David Müller-Rico

Seit Freitag ist der "Humane-Welt-Laden" täglich ab Nachmittag bis in die Abendstunden für interessierte Besucherinnen geöffnet. Foto: David Müller-Rico

Immer wieder gibt es vor allem im Internet extremistische Stimmen, die fordern, dass Religion „privatisiert“ oder „abgeschafft“ werden sollte. Was halten Sie davon?

Eva Creutz: Ich bin nicht der Ansicht, dass Religion „abgeschafft“ werden sollte. Wer privat sein Gebet pflegt, um sich wohl zu fühlen, soll das unbedingt tun dürfen. Sollte es staatlicherseits Tendenzen geben, das Beten zu verbieten, würden ich in jedem Fall das Recht eines Gläubigen auf seinen Glauben und sein Gebet verteidigen. Dies gehört zur Meinungsfreiheit, ebenso wie das Recht, nicht beten zu wollen. Allerdings bin ich der Ansicht, dass Staat und Religion vollkommen getrennt sein sollten und in der Politik unbedingt weltliche Standards gelten müssen. Das hieße z.B. auch, dass in öffentlichen Einrichtungen ein Neutralitätsgebot herrschen sollte. Ich wäre demnach dafür, den Glauben bzw. Unglauben zur Privatangelegenheit zu erklären.

Marc Ahrens: Ich teile diese Auffassungen nicht uneingeschränkt. Glaube ist Privatsache, ja. Aber wenn ich z.B. die Grünen wähle, muss ich nicht gleich anti-christdemokratisch sein, diese Position abschaffen und einen Ein-Parteien-Staat errichten wollen. Bei der Forderung der „Abschaffung“ von Religion würde ich in diesem Fall die Christen und die Weltanschauungsfreiheit unterstützen.

Wie soll das funktionieren? Wollen Sie erzwingen, dass Menschen nicht über ihre grundlegenden Überzeugungen sprechen dürfen und gegen ihr Gewissen handeln müssen? Sie haben eben selbst gesagt, dass mehr Menschen öffentlich erklären sollen, dass sie nicht glauben.

Marc Ahrens: Grundlegende menschliche Überzeugungen dürfen nicht via Politik und Gesetz diktiert werden. Politik und Gesetz sind für alle da. Reden kann und soll man selbstverständlich über seine Überzeugungen. Wenn aber beispielsweise Politiker die „Pille danach“ aus religiösen Gründen verbieten wollen, sollten sie ihr Gewissen befragen, inwieweit sie der Gesamtbevölkerung dienen.

Eva Creutz: Unsere Handlungen sind in der Regel Ausdruck unserer Überzeugungen und das soll auch so sein. Dennoch finde ich es schwierig, wenn Personen des öffentlichen Lebens ein Glaubensbekenntnis ablegen. Ich möchte nicht, dass meine Klassenlehrerin, der Fernsehmoderator, meine Universitätsprofessorin oder der Richter vor dem ich stehe, mir ihre Haltung zum Glauben mitteilen. Ebenso wenig, wie ich wissen will, welche Partei sie wählen. Bei der politischen Gesinnung haben wir diese Regelung längst kultiviert: auch für die Biologieklasse ist es uninteressant, ob der Lehrer die CDU wählt. Als Privatperson kann er sich dort engagieren und lautstark für seine Haltung eintreten, auch öffentlich. Warum sollen wir es mit dem Glauben nicht genau so halten?

Und in diesem Sinne begrüße ich auch ein Bekenntnis zum Atheismus und Humanismus. Ich finde es wichtig und gut, wenn Menschen – auch Prominente – sich privat Kampagnen oder Verbänden und Organisationen anschließen und für ihren Unglauben eintreten.

Was ich hingegen nicht will, und das meine ich mit der strikten Trennung von Staat und Religion vor allem, ist, in der Landesverfassung zu lesen, dass die Schulkinder „in Ehrfurcht vor Gott“ erzogen werden sollten.

Wie reagierte denn bisher die normale Düsseldorfer Bevölkerung auf diesen säkularen Frühling?

Marc Ahrens: Viele Passanten gehen an unserem Ladenlokal vorüber, an dem unübersehbar der Schriftzug „Gottlos glücklich“ prangt. Einige bleiben stehen und fotografieren es, andere kommen auch von der anderen Straßenseite und informieren sich bei uns. Andere gehen weiter. Das Wesentliche ist aber: Es wird wahrgenommen. Egal, ob die Wahrnehmung positiv oder negativ ist, wenn wir eine Diskussion befeuern können, haben wir schon viel erreicht!

Eva Creutz: Bisher haben wir sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Sowohl im Internet, als auch persönlich äußern sich Menschen herzlich, aufgeschlossen und interessiert. Der überwiegende Tenor ist: Endlich passiert mal etwas in dieser Richtung.

Und wo sehen Sie in Düsseldorf oder im ganzen Bundesland den dringendsten Handlungsbedarf?

Marc Ahrens: Der Einfluss der Kirche in Politik und Gesetzgebung muss deutlich gemacht werden. Konfessionsschulen gehören abgeschafft, ebenso konfessionelle Krankenhäuser. Der Passus der Landesverfassung „oberstes Ziel der Erziehung ist Ehrfurcht vor Gott...“ kann ersatzlos gestrichen werden. Finanzielle Zuwendungen an die Kirchen von Land und Kommunen sollten offengelegt und diskutiert werden.

Eva Creutz: Momentan fehlt es an einem breiten und sichtbaren Angebot kultureller, humanistischer Alternativen und Anlaufstellen.

Was wird oder sollte sich nun in Zukunft in der Stadt verändern, damit aus dem Frühling auch ein säkularer Sommer wird?

Eva Creutz: Auch hier sollte die Kungelei zwischen Kirche, Politik und Medien ein Ende finden. Wir wünschen uns mehr Transparenz. Unsere Vision für Düsseldorf: Wir möchten ein humanistisches Zentrum errichten und damit einen Kristallisationspunkt schaffen. Hier soll atheistisches, humanistisches, naturalistisches Leben und Interesse in seiner ganzen Vielfalt sichtbar werden und Platz finden. Hier sollen Vorträge, Diskussionen, Konzerte und Filmreihen laufen und philosophische Impulse stattfinden. Hier sollen sich die laizistischen Arbeitsgruppen der Parteien treffen und arbeiten können, ein Café oder Kneipe zum Verweilen und Austauschen anregen, etc. Wir denken, dass solch ein Zentrum die Kulturlandschaft von Düsseldorf enorm bereichern würde.

Vielen Dank für Ihre Zeit!