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„Wir möchten einen Kristallisationspunkt schaffen“

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Am vergangenen Freitag hat die Kulturinitiative „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ einen „säkularen Frühling“ in der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen ausgerufen. Medien reagierten entsetzt. Die kirchennahe „Rheinische Post“ prangerte fehlende „Faktentreue“ der Initiative an, ein Lokalblatt schrieb den Aktivisten sogar die Spaltung der Stadt zu.
Montag, 7. April 2014
Foto: David Müller-Rico

Die Aktionen rund um das kleine Ladenlokal in der Friedrichstraße würden einige Düsseldorfer am liebsten verbieten – doch die Atheismus-Aktivisten sind fest etabliert. Foto: David Müller-Rico

„Wir haben sehr gelacht“, sagt Eva Creutz zu diesen Reaktionen. Die 34-Jährige hatte mit anderen nichtreligiösen Menschen die einwöchige Veranstaltungsreihe organisiert und deutet die harte Reaktion der Medien nun als positives Zeichen. Im Interview sprechen sie und ihr Mitstreiter für ein säkulares Düsseldorf und Nordrhein-Westfalen, Marc Ahrens, über Beweggründe und die ersten Publikumsreaktionen. Sie sagen, dass es ihnen an einem breiten Angebot humanistischer Alternativen und Anlaufstellen fehlt.

Frühling bedeutet, dass der Winter, also eine dunkle und kalte Jahreszeit, zu Ende geht. Inwiefern herrschte bisher in Düsseldorf ein säkularer Winter?

Marc Ahrens: Düsseldorf als Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen repräsentiert auch den Zustand in diesem Bundesland. NRW ist das letzte Bundesland, indem noch Kinder nach Glauben getrennt auf konfessionelle Grundschulen verteilt werden dürfen, was häufig dazu führt, dass „gottlose“ oder „falschgläubige“ nicht die nächstgelegene Schule in der Nachbarschaft besuchen dürfen. Im sozialen Sektor sind Ärzte oder medizinisches Fachpersonal gezwungen, in der Kirche zu bleiben. Konfessionelle Krankenhäuser haben hier in einigen Gebieten sogar eine Monopolstellung. Als nichtreligiöser Mensch weht einem da eine eiskalte Luft auf dem Arbeitsmarkt entgegen.

Eva Creutz: Laut Statistik gibt es in Düsseldorf nun 50 Prozent konfessionsfreie Bürger. Natürlich ist uns klar, dass unter diesen 50 Prozent auch ausgetretene Gläubige sind. Wie natürlich auch Tausende Menschen, die überhaupt nie geglaubt haben, nur in der Kirche sind, damit sie ihren Arbeitsplatz beim zweitgrößten Arbeitgeber Deutschlands, also der Kirche, behalten dürfen und nicht gekündigt werden. Soviel zur Statistik.

Es gibt ja nicht nur eine Kirche, sondern viele Kirchen und Religionen.

Eva Creutz: Wir haben diese Statistik dennoch zum Anlass genommen, um plakativ darauf aufmerksam zu machen, dass der Trend zum Kirchenaustritt ungebrochen weiter geht. Dieser Tatsache wird allerdings bundesweit weder in der Politik, noch in den Medien adäquat Rechnung getragen. Auch nicht in der lokalen Politik- und Medienlandschaft Düsseldorfs. Die Kirchen genießen weiterhin absurde Privilegien und wir fragen uns, warum? Wir finden, die Kirchen sollten endlich zu dem werden, was sie auch sind: Vereine, wie jeder andere auch, die ausschließlich von denen finanziert werden, denen sie auch etwas bedeuten.

Wir begrüßen daher die steigenden Austrittszahlen, denn mit Statistik wird Politik gemacht und spätestens wenn nur noch zehn Prozent der Bürger Mitglieder der Kirchen sind, muss deren Rolle neu verhandelt werden. Wir möchten aber bereits jetzt eine breite gesellschaftliche Debatte über das Thema anregen. Der Begriff „säkularer Frühling“ ist angelehnt an den „arabischen Frühling“. Wir erinnern damit an eine emanzipatorische Bewegung, die unzufrieden war mit den herrschenden Verhältnissen und sich lautstark Gehör verschaffte, um die Bedingungen neu zu verhandeln.

Düsseldorfer Medien haben ablehnend reagiert. Der Express stellte sich sogar klar gegen die Einladung der Initiative. Sie und viele andere Menschen in der Region wurden in den Schlagzeilen als „gottlos“, also als Menschen, denen etwas Wichtiges fehlt, diffamiert.

Eva Creutz: Richtig. Der Express hat Anfang letzter Woche über uns getitelt: „Die Gottlosen spalten Düsseldorf“. Wir haben sehr gelacht. Vor allem auch, weil der plumpe Versuch der Lagerbildung total an der Wirklichkeit vorbei geht: Wir wollen nicht spalten, sondern endlich das trennende Element der Religionen abschaffen, das z.B. dafür sorgt, das Kinder in katholische Kinder, evangelische Kinder, islamische Kinder etc. separiert werden. Absurd, wenn man sich überlegt, Kinder würden in den SPD-, CDU-, Grünen-Politikunterricht eingeteilt. Natürlich sei es einem Blatt, wie dem Express zugestanden, dass er keinen differenzierten Journalismus pflegt, sondern mit polemischer Schwarz-weiß-Malerei Schlagzeilen schafft. Aber abgesehen vom Stil des Hauses Express, deute ich diese harte Reaktion als positives Zeichen für uns. Schließlich muss nur um sich schlagen, wer etwas zu verlieren hat. Ich denke, dass viele Kirchenanhänger das Gefühl haben, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Auch sie sehen, dass die Austrittstendenz unaufhaltsam ist. Anders ist es mir nicht zu erklären, dass Düsseldorf zwar voller Kirchen steht, aber die tendenziöse Lokalpresse zusammenbricht, nur weil wir 50 Quadratmeter Ladenfläche zur religionsfreien Zone erklärt haben.

Marc Ahrens: Es ist faszinierend, dass im 21. Jahrhundert eine Aktion wie die unsere so stark wahrgenommen und in der Presse niedergemacht wird. 300 Jahre nach der Aufklärung stellen sich einige Menschen als selbstverständlich gottlos dar, und sofort kommt das Fernsehen und die Presse und berichten von einer „wundersamen“ Entwicklung. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Ist das der einzige Fall, in dem Politik und Medien gemeinsame Sache gegen die Menschen ohne Konfession in Nordrhein-Westfalen machen?

Eva Creutz: Es gibt keine wirklich ausgewogene Berichterstattung. Mir ist nicht bekannt, dass sich Journalisten in nennenswerter Weise konstant mit den Argumenten und Anliegen der konfessionsfreien Bürger befassen oder gar die Privilegien der Kirchen und zunehmend auch des institutionalisierten Islam problematisieren würden.

Was ist denn die Ursache dafür, dass Konfessionsfreien in NRW so viel Geringschätzung, Missachtung oder Hass entgegenschlagen?

Eva Creutz: Weil es viele Vorurteile über diese Gruppe von Menschen gibt, die auch von Kirchenseite immer wieder bedient werden und durch eine fehlende öffentliche Lobby meist widerspruchslos im Raum stehen bleiben.

Marc Ahrens: Das würde ich multifaktoriell sehen. Da wären Bildung und frühkindliche Indoktrinierung, Vorurteile aufgrund von Unkenntnis und vielleicht auch die Angst vor Neuerungen zu sehen.

Was sind die gängigsten Vorurteile?

Eva Creutz: Eines der Vorurteile ist, dass Humanisten und Atheisten keine Werte hätten. Ein weiteres Vorurteil, ohne Glauben gäbe es keinen Sinn im Leben, außer Egoismus und Konsum. Wir wären auch nicht zur Nächstenliebe fähig. Alles absurd.

Natürlich sind Atheisten nicht per se bessere Menschen. Allerdings sind umgekehrt Gläubige auch nicht bessere Menschen, nur weil sie religiös sind. Wir meinen, dass Menschen am Ende allein durch ihr Handeln überzeugen, nicht durch das Etikett, welches sie sich anheften.

Auf welche Weise könnten solche Vorurteile abgebaut werden?

Eva Creutz: Wir meinen, dass es an der Zeit ist, dass mehr Menschen selbstbewusst und öffentlich erklären, dass ihr ethisches Handeln nicht aus Glauben erwächst, sondern aus der einfachen Erkenntnis, dass wir Leben inmitten von Leben sind, das leben will und wir als soziale Tiere ohnehin von der Evolution auf Kooperation programmiert sind. Altruismus liegt in unserer Natur. Wir wünschen uns daher eine breite, populäre Bewegung von Menschen – gerne auch Prominenten –, aus allen Berufssparten und Altersgruppen, die selbstverständlich und lautstark zu ihrem Unglauben stehen und darüber erzählen, dass sie bewusst und verantwortungsvoll ihr einmaliges Leben gestalten. Humanisten und Atheisten sollten also Gesicht zeigen, sich zusammenschließen und gemeinsam auf ihre Belange aufmerksam machen. Ab einer gewissen Lautstärke und Präsenz kann dies politisch und medial nicht mehr ignoriert werden.

Marc Ahrens: Am besten durch einen gemeinsamen Ethik-/Werteunterricht schon in der Grundschule. Ich wünsche mir auch eine frühere Vermittlung von evolutionsbiologischen Tatsachen.