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„Drogen, sexuelle Ausschweifungen und Okkultismus“

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Vom Lebensstil nichtreligiöser Menschen existieren in Ägypten abenteuerliche Vorstellungen, sagt Johann Esau. Der Masterstudent an der Philipps-Universität Marburg ist im vergangenen Jahr für vier Wochen in das Land am Nil gereist, um die Lebenswelten arabischer Atheisten zu untersuchen. Im Interview berichtet er nun über seine Erfahrungen.
Freitag, 21. März 2014

Für seine Untersuchung von Mitte August bis Mitte September befragte Esau sechs junge ägyptische Männer und fünf Frauen, die nicht an einen Gott glauben. Wie sind sie zum Atheismus gekommen, wie wirkt es sich im Alltags- und Familienleben aus und wo begegnen sie anderen Menschen, die ebenfalls nichtreligiös sind?

Herr Esau, im vergangenen Jahr haben Sie eine Forschungsreise zum Thema Atheismus in Ägypten durchgeführt. Ziel war, die Lebenswelten arabischer Atheisten zu untersuchen. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Foto: privat

Johann Esau: Das lässt sich natürlich nicht so schnell beantworten. Ich habe eine qualitative Studie mit teilstandardisierten Interviews gemacht. Das heißt, dass ich zwar einige Fragen hatte, aber immer versucht habe, diese offen zu stellen, um möglicherweise Unerwartetes zu hören. Dafür habe ich elf Interviews geführt, sechs mit Männer und fünf mit Frauen, alle im Alter von 20 bis 35 Jahren.

Aus welchen religiösen Hintergründen stammten die Interview-Partner?

Ich habe nur Atheisten befragt. Zwei der elf Befragten hatten einen koptischen Hintergrund, der Rest stammt aus muslimischen Familien.

Was für Fragen haben Sie ihnen gestellt?

Ich habe versucht, drei Bereiche besonders zu bearbeiten. Zum einen wollte ich die Motive herausfinden, die junge Menschen in einer sehr religiösen Gesellschaft zum Atheismus bringen. Alle haben gemeinsam, dass sie eine gute Bildung genossen haben und einen relativ ausgeprägten kritischen Geist, wie ich es nenne. Die meisten haben irgendwann Fragen nach Gott und Religion gestellt, die gar nicht oder sehr unbefriedigend beantwortet wurden. Als sie irgendwann Leute kennenlernten, die sehr kritisch über Religionen im Allgemeinen dachten und sprachen, sind sie in ihrem Hinterfragen bestärkt worden. Dieser Kontakt zu neuen Freunden spielt bei fast allen die entscheidende Rolle. Manche haben sogar eine Art Mentor, der sie auf dem Prozess begleitet hat. Es sind vor allem Fragen der Naturwissenschaft und Evolution, nach Toleranz und Absolutheitsanspruch von Religion sowie Frauendiskriminierung, mit denen die Befragten nicht zurechtgekommen sind.

Foto: Alwine Esau

Laut Angaben des Auswärtigen Amtes sind 90 Prozent der Ägypter Muslime, fünf bis zehn Prozent Christen, zwei Prozent gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an. Foto: Alwine Esau

Die zweite Frage war die nach dem Alltag der Atheisten. Alle leben eine Art Doppelleben, auf ganz unterschiedlichen Niveaus. Einige bezeichnen sich vor Familie und Freunden offen als Atheisten und haben keine größeren Probleme zu befürchten. Nur zwei der elf Befragten müssen ein richtiges Versteckspiel betreiben. Eine ca. 30-jährige Ärztin, die bei ihren Eltern lebt, trägt im Alltag Kopftuch und hält sich an alle islamischen Regeln, die von der Gesellschaft und natürlich ihren Eltern erwartet werden. Sie hätte bei einem Outing einschneidende Konsequenzen zu erwarten, also versteckt sie sich. Im Internet ist sie mit einem Pseudonym unterwegs, ihre atheistischen Freunde trifft sie nur selten und dann unter einem Vorwand. Der andere ist nicht nur Atheist, sondern auch homosexuell, was er noch stärker verheimlichen muss. Interessant ist, dass der Befragte mit den religiösesten Eltern – sein Vater hat eine Führungsposition in der Muslimbruderschaft inne – am offensten als Atheist leben kann.

Um was ging es denn noch?

Außerdem sollte die Rolle des sogenannten „Arabischen Frühlings“ untersucht werden. Anders als vermutet, hat der Beginn der Revolte im Januar 2011 bei niemandem den Ausschlag gegeben, keine Religion mehr haben zu wollen. Alle haben sich bereits vorher kritisch mit ihrer Religion auseinandergesetzt. Die größte Änderung ist die neue Offenheit, mit der an gesellschaftlichen Tabus gerüttelt wird. Viele haben sich erst nach 2011 getraut, Gleichgesinnte zu suchen und sich zu vernetzten. In einer Zeit, in der vieles im Wandel war, haben sich auch die Atheisten ihre Räume geschaffen. Jetzt sind sie im Internet präsent, oft auch mit ihren richtigen Namen und treffen sich auch im wahren Leben.