Direkt zum Inhalt
Unser neuer News- & Community-Service – Entdecke die Vielfalt!
view counter

Wer oder was ist Dr. Axel Stoll?

DruckversionEinem Freund senden
„Dritte Macht“, „Vril“-Flugscheiben aus Brandenburg, Templer und versteckte Nazis in der Antarktis mit Verbindungen zum galaktischen Imperium Aldebaran: „Es geht mir nur um die Aufklärung“, sagt Axel Stoll. Um die Ideen aus seiner Glaubenswelt hat der Ost-Berliner in den letzten Jahren eine feste Fangemeinde gescharrt.
Donnerstag, 13. Februar 2014


Drei mit Verschwörungstheorien und okkulten Ansichten vertraute Skeptiker, die in der Podcaster-Szene bekannten Hoaxillas und der Psychologe Sebastian Bartoschek, gingen im vergangenen Jahr auf Tuchfühlung, um der Persönlichkeit Axel Stoll endlich einmal näher zu kommen – mit Erfolg, wie das im Dezember im JMB Verlag veröffentlichte Buch „Muss man wissen – Ein Interview mit Dr. Axel Stoll“ beweist.

Cover

Könnt ihr ganz kurz erklären, um was genau es bei dem Interview-Band mit Stoll geht?

Sebastian: Wir haben Dr. Axel Stoll interviewt. Der Mann ist promovierter Geologe und verbreitet seit mehreren Jahren in seinem Neuschwabenland-Forum in Berlin absurde Thesen zu „freier Physik“, „Reichsflugscheiben“ und der Wiederkehr der „Reichsdeutschen“. Außerdem relativiert er den Holocaust. Die Videos seiner Vorträge werden online gestellt, vor allem bei YouTube.

Dadurch hat Stoll im Neuland eine gewisse Bekanntheit erlangt, gerade auch Meme und Fotos aus den Vorträgen mit Zitaten machen immer wieder die Runde. Wir haben mehrere Stunden mit ihm gesprochen und ausführlich nachrecherchiert und kommentiert, was er da von sich gibt.

Ihr kommt zu dem Ergebnis, dass er aus psychologischer Sicht nicht als Verrückter eingestuft werden kann.

Alexander: Ja, so ist es. Dr. Stoll erfüllt die Leitkriterien zu keiner Störung aus dem ICD-10 vollständig. Aber den Begriff „verrückt“ finden wir eh eher abwertend für psychisch gestörte Menschen.

Sebastian: Allerdings erfüllt er die Kriterien einer ehemals relevanten Störung: der Pseudologie. Was ist das jetzt schon wieder? Es ist das quasi zwangshafte Lügen und Verdrehen der Realität zur Aufwertung der eigenen Person.

Ist es denn Zufall, dass eine Persönlichkeit wie Stoll aus den neuen Bundesländern kommt?

Sebastian: Hm, schwierig. Stoll hat schon einige Brüche in seiner Biografie, die durch den Wechsel von der Diktatur zur Demokratie entstanden sind. In solchen Umbruchssituationen fühlen sich ja oft Menschen als Verlierer, und suchen nach neuen Sicherheiten – und finden sie mitunter in seltsamen Überzeugungen. Andererseits gab und gibt es natürlich überall in der BRD Menschen, die solchen Glaubensmodellen anhängen. Berlin ist dabei vielleicht ein besonderer Attraktor, allein schon durch die Größe.

Foto: (c) Ralf Stockmann

Foto: (c) Ralf Stockmann

Was könnten die Gründe sein, dass er mit seinen Theorien auf beachtliche Resonanz stößt?

Sebastian: Naja, es ist doch so: Menschenmassen bewegt er nicht. Er scharrt aber in der Tat einen immer größer werdenden Haufen um sich. Darunter sind viele Menschen, die eine Orientierung brauchen, und das Glaubensmodell, das Stoll und das NSL-Forum (Neuschwabenland, d. Red.) offerieren, bietet Sicherheit und letztlich Erlösungsideen.

Alexa: ...und unglaubliches Wissen. Das klingt zwar absurd, aber genau so nehmen es dort die Leutchen auf. Sie glauben tatsächlich, was Stoll erzählt...

Ist er eine charismatische Persönlichkeit?

Alexander: Eigentlich nicht. Wahrscheinlich spricht einige an, dass er promovierter Wissenschaftler ist, und suggeriert, er würde alles wissen. Andererseits kann er durchaus empathisch sein...

Sebastian: ...was für uns im Buch ja auch sehr wichtig war...

Alexander: ...in der Tat, weil dadurch die narzistische Persönlichkeitsstörung ausgeschlossen werden konnte. Naja, aber charismatisch würde ich ihn nicht nennen.

Traditionelle Religion scheint in seiner Gedankenwelt keine große Rolle zu spielen, oder?

Alexander: Es gibt dazu eine sehr aussagekräftige Stelle im Interview, an der Stoll ausführt, dass die Reichsdeutschen mit ihren Flugscheiben schließlich die Guten retten und die Bösen bestrafen würden. Er selbst widerspricht nicht, als wir dies als Erlösungsidee ausführen.

Sebastian: Genau. Und eben das zeichnet doch eine Religion aus: metaphysische Wesen, die irgendwann den Gläubigen erlösen. Außerdem ist er Anhänger der Homöopathie – was ja auch ein Glaubenssystem ist.

Alexander: Aber wenn es Dir eher um „klassische“ Religionen geht: Stoll benennt auf Nachfrage eine Sympathie für den Buddhismus...

Alexa: ...die aber nicht wechselseitig sein dürfte.

Webtipp
Kennen Sie schon? humanistisch.net – Unser neuer News- und Community-Service.

Mal geschätzt, wie viel Stunden Arbeit stecken denn in den rund 220 Seiten?

Sebastian: Naja, so alles in allem – lass mal rechnen – 350?

Alexander: Ja, kann sein, vielleicht aber auch mehr.

Wird das Buch irgendwann auch als Hörbuch erscheinen?

Alexa: Wer weiß? Wir überlegen das noch. Problem sind unter anderem die Passagen von Stoll, die rechtlich problematisch. Der Mann leugnet ja den Holocaust und ähnliches.

Alexander: Wir denken gemeinsam mit unserem Verleger über vieles nach.

Foto: (c) Ralf Stockmann

Foto: (c) Ralf Stockmann

Ist Axel Stoll eigentlich der einzige seiner Art?

Alexander: Nein. Er ist nicht ein Unikum in seinen Überzeugungen, wenn das gemeint ist. Es gibt in einigen Städten Deutschlands sogenannte „Reichsbürger“.

Sebastian: … die ja auch der Verfassungsschutz kritisch im Blick hat. Aber Dr. Stoll ist auch in Berlin nicht der „einzige seiner Art“. Andere bekannte Größe des Neuschwabenland-Forums sind Peter Schmidt oder Heinz-Mario Kiesel.

Kiesel stammt ebenfalls aus der DDR – ebenfalls nur Zufall?

Sebastian: Naja, in Berlin sollte es einige ehemalige DDR-Bürger geben – so oder so. Und der Wechsel von der Diktatur zur Demokratie war gesellschaftlich zwar wunderbar, führte bei Einzelnen aber zu Brüchen in Biografien, zu Arbeits- und Orientierungslosigkeit. Bei einigen wenigen dieser Personen wurde dann das Glaubenssystem des Sozialismus durch andere irrationale Glaubensmodelle abgelöst.

Hat Stoll denn selbst auf das Buch reagiert?

Alexa: Mittlerweile hat sich Stoll selbst zu dem Buch zu Wort gemeldet. In einem Video findet er es zunächst halbwegs OK – zuletzt dann aber nicht mehr so sehr...

Sebastian: Ja, wir sind jetzt „Schmierfinken“, „Strohköpfe“ und gehören in die „Klapsmühle“.

Alexander: Und Peter Schmidt will genau prüfen, was wir in unserem zukünftigen Neuschwabenland-Buch schreiben.

Sebastian: Soll er doch!

Und auf welche Resonanz ist die Veröffentlichung des Interviews sonst gestoßen?

Alexander: Die allgemeine Rezeption ist sehr positiv.

Sebastian: Nachdem es ja im Internet die eine oder andere kritische Stimme gab.

Alexander: Ja, es war schon interessant zu sehen, wieviel da kritisiert wurde, ohne dass das Buch überhaupt veröffentlicht worden war. Aber wie gesagt, das hat sich gelegt. Die Meisten finden das Buch gut, und melden das auch so zurück. Es war richtig, kein Satire-Ding daraus zu machen, sondern das ernsthaft zu erarbeiten.

Cover

Sebastian Bartoschek, Alexa Waschkau, Alexander Waschkau: Muss man wissen!. JMB 2013, Broschiert, 226 Seiten, EUR 8,95