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„Einen Glauben sollte man an Universitäten durchaus auch reflektieren können“

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Islam-Verbände laufen Sturm gegen Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster. Khorchide verbreite Irrlehren, behaupten die Verbände und fordern die Absetzung. Doch warum gibt es überhaupt Theologie an staatlichen Hochschulen? Zehn Fragen an Frieder Otto Wolf, Philosoph und Hochschullehrer an der FU Berlin.
Montag, 27. Januar 2014
Foto: Foto: MalaysiaTrulyAsia / Flickr

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Mitte Dezember vergangenen Jahres veröffentlichte der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland (KRM) eine Stellungnahme, durch die sich der Rat offiziell mit den Thesen des reformorientierten Theologen auseinandersetzte. Anlass für ein mit der Stellungnahme vorgestelltes Gutachten war Mouhanad Khorchides im Herbst 2012 veröffentlichtes Buch „Islam ist Barmherzigkeit“. Die KRM-Stellungnahme forderte die Absetzung von Khorchide. Durch den Protest der konservativen Islam-Verbände aufgeschreckt, gingen sogar Studierende auf Distanz: sie fürchteten um ihre berufliche Zukunft.

Doch könnten sich die Universität Münster und muslimische Gläubige den Ärger nicht einfach sparen, indem sie die akademische Ausbildung von Geistlichen in eigenen Einrichtungen durchführen? Im Interview zeigt sich der Philosoph Frieder Otto Wolf überzeugt, dass die komplette Verdrängung der Theologien von den staatlichen Hochschulen keinen großen Gewinn brächte.

Herr Professor Wolf, derzeit gibt es eine große Kontroverse um den Inhaber des Lehrstuhls für islamische Theologie in Münster. Gehören theologische Fakultäten oder Lehrstühle überhaupt an die staatlichen Universitäten oder sollten sie in vollständiger Eigenverantwortung von den Glaubensgemeinschaften organisiert und finanziert werden?

Frieder Otto Wolf: Diese Kontroverse dreht sich im Kern um die Freiheit von Forschung und Lehre des Lehrstuhlinhabers. Hier ist die Forderung zu unterstützen, dass sie auf jeden Fall zu gewähren ist. Wenn religiöse Weltanschauungsgemeinschaften wie die christlichen Kirchen oder jüdische bzw. islamische Gemeinden dies ihren HochschullehrerInnen nicht zugestehen wollen, dann sollen sie in der Tat dies außerhalb der Universitäten organisieren.

Allerdings gibt es auch dann noch das öffentliche Interesse daran, dass hier Kriterien des wissenschaftlichen Diskurses und der – bei aller weltanschaulichen Gebundenheit – nicht einzuschränkenden wissenschaftlichen Freiheit verbindlich bleiben, wie dies in der Verknüpfung von Anerkennung als Hochschule und staatlicher Förderung im Fall der kirchlichen Hochschulen gilt.

Vermutlich wäre es gut, wenn einiges aus den theologischen Fakultäten an kirchliche Hochschulen verlagert würde. Die bisherige Praxis, sogenannten „abgefallenen“ TheologInnen dann Lehrstühle außerhalb der theologischen Fakultäten zu geben, ist bestenfalls eine schlitzohrige Notlösung: An der Universität sollte die Freiheit von Forschung und Lehre nicht durch verbindliche weltanschauliche Vorgaben eingeschränkt werden dürfen.

Ein Argument für die Ablehnung der theologischen Einrichtungen ist, dass dieser akademischen Disziplin der wissenschaftliche Gegenstand fehlt. Trifft das zu?

Das ist nicht so einfach, wie dies aus der Perspektive der Naturwissenschaften aussieht: Was ist denn, genau genommen, der wissenschaftliche Gegenstand von Sozialpädagogik? Und wie ist damit umzugehen, dass die Abgrenzung von Gesellschaft, Staat und Wirtschaft jedenfalls ziemlich kompliziert ist – und daher die Abgrenzung von Soziologie, Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaften immer wieder strittig wird. Und was ist etwa der wissenschaftliche Gegenstand der Jurisprudenz?

Richtig ist sicherlich, dass im Fall der Theologie dieser Gegenstand nur für die jeweils Gläubigen existiert – aber es gibt Schriften und Traditionen, an denen durchaus wissenschaftlich geforscht und gelehrt werden kann und dies wird zweifellos auch getan. Jedenfalls so lange die Bearbeitung dieser Stoffe nicht Dunkelmännern in Hinterzimmern und -höfen überlassen werden soll, ist es sinnvoll, dass es derartige Zweige akademischer und wissenschaftlicher Arbeit gibt.

Was sagen Sie zu dem Einwand, dass so etwas eine Aufgabe der Religionswissenschaft sein sollte?

Dazu ist sie zum einen – weil sie sich im Wesentlichen als Wissenschaft von den „anderen Religionen“ entwickelt hat – rein kapazitätsmäßig nicht in der Lage. Und zum anderen gibt es ernstzunehmende Gründe dafür, diese Art von wissenschaftlichen Untersuchungen durchaus auch aus einer Perspektive der teilnehmenden Beobachtung zu betreiben – also auch durch HochschullehrerInnen, welche den jeweiligen Weltanschauungsgemeinschaften selber angehören, vorausgesetzt, ihnen wird die Freiheit von Forschung und Lehre uneingeschränkt zugestanden. Ob dies dann die Gestalt einer auf bekenntnisbezogene Studien erweiterten Religionswissenschaft oder einer aufgeklärten Theologie geschehen soll, wäre dann nicht mehr wirklich wichtig.

Die Ablehnung wird auch damit begründet, dass Theologie auch nicht nachweisbare, nur begrifflich existierende Objekte wie „Gott“ oder „Transzendenz“ zum Gegenstand hat. Sind „Gott“ und „Transzendenz“ tatsächlich nur begrifflich existierende Objekte?

Ich denke, dass hier zunächst einmal zu unterscheiden ist: Der Begriff „Gott“ bezieht sich auf einen bestimmten Gegenstand, der der „Transzendenz“ auf eine Dimension menschlicher Lebensführung. Auch Atheisten, welche ihr Leben auf der Bestreitung der Existenzbehauptung für „Gott“ aufbauen, können in ihrer Lebensführung eine Dimension haben und entwickeln, die sich nicht in den wissenschaftlich erfassbaren Gegenständen erschöpft, mit denen sie umgehen. Und jedenfalls diejenigen Theisten, die dazu bereit und in der Lage sind, auf jeglichen Aberglauben zu verzichten, behaupten ja gar nicht, dass „Gott“ existiert wie der Stuhl, auf dem ich sitze. Für sie ist es eine reale Orientierung der eigenen und der gemeinsamen Lebenspraxis, die sie durch die Bezugnahme auf Gott zum Ausdruck bringen.

Gibt es denn in der Philosophie ebenfalls Begriffe für Dinge, die nur begrifflich existieren?

Der Gegenbegriff zu einer „nur begrifflichen Existenz“ ist ja wohl die „empirische Existenz“. Für die These, es gäbe nur „empirische Existenz“ gibt es in der Philosophie den Begriff des „Empirismus“ – und der gilt nicht als besonders plausibel. Das einfachste Beispiel ist bereits der Begriff des Begriffs, der keineswegs in empirischen „Worten“ oder „Wortverwendungen“ aufgeht. Mathematik wäre ohne Bezugnahme auf nichtempirische Existenzen ziemlich unmöglich – und selbstverständlich auch Philosophie. Durchaus seriöse Philosophen behaupten übrigens, dass diese gar keinen besonderen Gegenstand habe, sondern sich in besonderer, „reflexiver“ oder „kritischer“ Weise auf die Gegenstände anderer beziehe.

Foto: privat

Wolf: Möglichst alle gesellschaftlich und kulturell relevanten Strömungen gleichermaßen in den öffentlichen Raum der Universitäten einbinden.

Sehen Sie einen guten Grund dafür, dass die theologischen Lehrstühle nicht unter den gleichen Bedingungen und nach den gleichen Maßstäben besetzt werden wie philosophische Lehrstühle?

Wenn die theologischen Lehrstühle unter dem Gesichtspunkt der teilnehmenden Reflexion besetzt werden, dann macht es durchaus Sinn, dass Vertreter der entsprechenden Weltanschauungsgemeinschaft gewichtig – nicht diktatorisch – in die Besetzungsverfahren einbezogen werden. Dann muss aber für die Berufenen die selbstverantwortliche Ausfüllung der Freiheit von Forschung und Lehre gelten!

Und warum soll die Gruppe der Konfessionsfreien die theologischen Fakultäten finanzieren?

Auch die Konfessionsfreien haben ein Interesse daran, dass die Reflexion und die Rekrutierung der großen Religionsgemeinschaften wissenschaftlich bzw. wissenschaftsförmig in öffentlichen Institutionen betrieben werden und nicht in die Hände fundamentalistischer privater Geldgeber und SektiererInnengruppen fallen.

Allerdings ist es hier längst überfällig, dass auch nichtreligiöse Weltanschauungen gleiche Möglichkeiten der öffentlich geförderten Reflexion und Pflege ihrer Weltanschauungen eingeräumt werden – also etwa durch Humanismus-Lehrstühle oder durch humanistische Hochschulen, an denen etwa Lebenskunde-LehrerInnen oder humanistische BeraterInnen ausgebildet werden könnten.

Entschuldigen Sie die Frage, aber müsste eine Universität nicht wirklich in allererster Linie für die Qualifikation von Personen da sein, die möglichst viele Menschen darüber aufklären, dass es keinen Gott gibt und alle Religionen bloß von Menschen erfunden wurden?

Was Sie da sagen, ist nur scheinbar selbstverständlich und weltanschauungsfrei: Auch die Gläubigen – jedenfalls die doch zahlreichen Aufgeklärten unter ihnen – behaupten doch gar nicht, dass Gott so existiert wie ein beliebiger Gegenstand in der Welt oder auch wie eine kosmische Konstante. Und niemand bestreitet, dass es Menschen waren, die von Gott gesprochen haben. Die Frage ist doch, ob es rational möglich ist, einen religiösen Glauben zu hegen und diese Menschen etwa für Propheten zu halten.

Und da halte ich es für nichts weiter als einen weiteren Glauben, nämlich einen szientistischen Glauben an die Fähigkeit der Wissenschaften, jegliche Art von Fragen zu beantworten, wenn jemand an die Nichtexistenz Gottes und den trügerischen Charakter aller Propheten glaubt. Einen Glauben sollte man an Universitäten durchaus untersuchen und auch reflektieren können – aber ihm keine Monopolstellung einräumen. Auch hier gilt die Forderung nach Pluralismus und Gleichbehandlung!

Das sollte uns nicht hindern, nicht nur die Einsicht mit anderen zu teilen, dass wir als Menschheit durch wissenschaftliche Forschung von vielerlei abergläubischen Ängsten befreit worden – diese Einsicht teilen wir übrigens mit allen aufgeklärten religiösen Menschen. Sondern wir sollten auch unsere Erfahrung mitteilen, dass darin, sich von allen behaupteten „höheren Wesen“ und dogmatischen Glaubenslehren zu lösen ebenfalls eine Befreiung liegt. Wir sollten allerdings wissen, dass etwa gläubige ProtestantInnen gerade in ihrer „Bindung an Gott“ eine Befreiung zu erfahren behaupten. Und das wird ihnen ebenso wenig auszureden sein, wie uns die Erfahrung unserer ganz anders gelagerten Befreiung.

Angenommen, die traditionelle Forderung von Freidenkern nach einem Aus für theologische Lehrstühle wäre erfüllt. Hätte „die Aufklärung“ damit einen Erfolg errungen?

Ich denke, damit würde sich die Aufklärung in einer sehr unguten Dialektik verstricken: Der Glaube der FreidenkerInnen würde von Staats wegen verbindlich gemacht und die religiösen Glaubensvorstellungen der öffentlichen Reflexion entzogen. Da Menschen sich in ihrem wirklichen Leben nicht allein aufgrund wissenschaftlicher Ergebnisse orientieren können, entstünde womöglich sogar ein Orientierungsvakuum, das dann durch Ausbreitung von allerlei Alltags-Aberglauben aufgefüllt werden könnte. Das wäre kein Gewinn für eine wirkliche Aufklärung, sondern ein Rückfall.

Wofür plädieren Sie denn stattdessen?

Worum es vielmehr geht, um Aufklärung voranzubringen, sind die beiden Forderungen nach Freiheit von Forschung und Lehre für alle HochschullehrerInnen, auch die in Bezug auf ihre weltanschauliche Bindung eingestellten einerseits, und die nach Pluralität der weltanschaulichen Bindungen bei grundsätzlicher Gleichbehandlung aller Weltanschauungsgemeinschaften, andererseits. Dadurch könnte in der Tat ein Fortschritt an wirklicher und nachhaltiger Aufklärung erzielt werden – auch gegenüber jedem naiven Szientismus, der sich die reale Komplexität von gesellschaftlichen Prozessen und menschlicher Lebensführung nicht klar zu machen bereit ist.

Somit kommt es in meinen Augen heute nicht darauf an, gesellschaftlich und kulturell bedeutende Weltanschauungen von unseren Universitäten auszuschließen, sondern möglichst alle relevanten Strömungen auch in diesen öffentlichen Raum gleichermaßen einzubinden, die religiösen und die nichtreligösen, und zugleich auch hier die Freiheit der Forschung und Lehre der Lehrenden zu gewährleisten.

Herr Wolf, vielen Dank für das Interview.