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„Es fordert dich, es erweitert deinen Verstand“

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Erst Christ, dann Kommunist und nun satanistischer Atheist: Nathan Gray ist überzeugt, dass er sehr viel Glück mit der Erziehung durch seine Eltern hatte. Und betont, man sollte immer Skeptiker bleiben und vor allem: zuhören. Sebastian Bartoschek hat den Sänger der populären US-Post-Hardcore-Band Boysetsfire einmal ausführlich zu seinem Glaubensweg befragt.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Foto: A. Aßmuth

Nathan Gray (r.): „Ich konnte aus dem Christentum ausbrechen, indem ich mich aus etwas einließ, von dem die Religion mir erzählte, dass es mich töten würde, dass es schrecklich wäre.“

LaVey hat eine enge Verbindung zu satanistischen Ritualen. Er benutzt sie als eine Art Psychodrama. Würdest du sagen, dass das in Ordnung ist?

Ich würde auf jeden Fall sagen, dass das okay ist, weil viele Menschen das in ihrem Leben brauchen. Menschen brauchen Rituale – ich persönlich nicht, ich mache mir nichts daraus. Ein Satanist zu sein, bedeutet nicht, dass man irgendetwas tun muss. Aber ich denke, dass Psychodrama und Dinge dieser Natur wichtig für die menschliche Psyche sind, um sich abzulenken, anstatt hinaus zu gehen und seine Ex-Frau zu schlagen.

Es ist eine Katharsis, man hat dieses Ritual, wo man etwas verbrennt und hofft, dass alles im Leben schief geht. Und wenn du fertig bist und aus der Kammer kommst, ist es abgehakt. Du musst nie wieder daran denken. Und das ist, was so schön ist an Nicht-Religionen wie dem Satanismus. Dass sie so etwas tun, das finde ich smart. Da gibt es die Dinge, die Menschen so anziehend an Religion finden, weil sie ihnen helfen, Sachen abzuschließen und weiter zu machen, ohne daran glauben zu müssen, dass es da draußen etwas gibt. Es hilft.

Sie brauchen also die Rituale, aber nicht die metaphysischen Aspekte?

Ja, ja. Es ist wichtig, ich weiß, ich muss es für mich selbst tun. Aber ich weiß immer, ich bin mein eigener Gott.

Und alles was passiert, passiert durch mich.

Absolut richtig.

Hast du schon mal an solchen magischen Ritualen teilgenommen?

Nein, ich denke durch Symbolismus und so etwas – mit meiner anderen Band I am Heresy. Sie hat einen sehr satanistischen Standpunkt und Symbolismus und Sachen, die damit einher gehen, aber das ist halt Satanismus und Archetypen. Also in dieser Hinsicht hab ich schon irgendwie teilgenommen. Aber nicht in einer Wir-tragen-alle-Umhänge-Art, das hört sich für mich ein wenig dumm an. Das könnte ich nicht.

Ist da auch eine Verbindung zu Boysetsfire, mit dem Heptagramm im Bandlogo?

Ja, ein bisschen. Aber ich habe das Heptagramm gewählt, weil es eine Verbindung zwischen so vielen Glaubenssystemen darstellt. Boysetsfire vereint so viel Seltsames, da war das Heptagramm perfekt. Ich würde mich selbst Atheist und auch Satanist nennen. Robert hat seltsame Hindu-Krishna-Dinge, Josh würde sich selbst als Christ bezeichnen und Jared ist Agnostiker – da gibt es also eine weite Spannbreite und ich wählte das Heptagramm, weil es schafft, all dies zu vereinen. Es wurde in jeder Zeitperiode unsere Geschichte für etwas benutzt. Das hat mir Spaß gemacht und es ist eine Art Rätsel in einem Symbolismus, auf das jeder schauen kann und denkt, dass es dieses oder jenes bedeutet.

Wurdest du schon einmal persönlich oder physisch für deine Meinungen angegriffen?

Nie physisch. Ich wurde von Magazinen und so angegriffen. Mit meiner anderen Band, I am Heresy, hatte ich ein Interview über atheistischen Satanismus und dieser Christen-Typ wurde so verdammt wütend! Er hat einfach versucht, mich schlecht da stehen zu lassen.

Es war eigentlich echt witzig zu lesen, dass der Typ so wütend war. Ich mache mich nicht über Christen lustig oder mache ihr Glaubenssystem schlecht. Mir ist das egal. Wenn es aber eine öffentliche Situation darstellt, werde ich sauer, z.B. bei christlichen Bands, die Hardcore Metal machen oder so etwas. Und die Tatsache, dass sie ihren sinnlosen Dreck in eine Szene bringen, die mir so wichtig ist. Durch so etwas werde ich ein bisschen sauer, aber es gab nie physische Angriffe.

War das zu der Zeit, als Krishnacore so groß war?

Oh Gott, ja.

All diese Bands...

Ja. Aber ich denke, dass dieser neue Aufstand der Hardcore-Christen akzeptierter ist, als dieses Krishnacore-Ding war. Damals war das ein großes Ding, aber ich denke nicht so eine riesige Institution wie das Christentum.

Hier in Deutschland war das ein großes Problem, weil die Krishnas einen schlechten Ruf haben. Also hatten viele Deutsche Angst vor dem, was da passierte. Dieselben Fragen werden aber bei christlichen Bands nicht gestellt. Es heißt, es wird schon ok sein, was die tun. Und das ist es meiner Meinung nach nicht.

Absolut, da stimme ich zu. Das ist ein Problem für mich, dass das nicht genug angezweifelt wird. Die Leute denken nur: Jaja, lasst sie nur – und das finde ich nicht fair der Gesellschaft gegenüber. Denn wenn man nicht dauernd zweifelt, wenn du nichts sagst, wenn du nur hörst, wie jemand Jesus Christus preist…

…dann ist das ein Monolog.

Ja, es ist nur ein Monolog. Er denkt, dass das, was er sagt, unbestreitbar ist und ich sage, dass jeder angezweifelt werden muss. Gerade wenn sie an etwas glauben, das keinen verdammten Beweis hat. Das ist lächerlich.

Wenn ich höre, wie du dich in all den Jahren verändert hast – würdest du sagen, du hast dich auch in der Art und Weise verändert, wie du Musik machst oder hat das keinen Zusammenhang?

Foto: A. Aßmuth

Fotos (3): A. Aßmuth

Ich denke, zum Teil hat es Zusammenhang. Bis ich in meinen 30ern war – jetzt bin ich 41 – hatte ich noch viel von meiner Christlichkeit aus meiner Jugend. Ich würde sagen, dass ich mich in meinen 20ern sogar noch Christ nannte. Bis in meine 30er hielt ich viel von der Schuld fest, die deinen Kopf zerstört und das ging so, bis ich LaVey, Peter Gilmore und den Satanismus fand. Da war ich endlich in der Lage, aus dem Christentum auszubrechen. Indem ich mich mit dem befasste, wovor ich Angst hatte.

War das eine Art Reinigung für dich?

Ja, es war eine Reinigung. Ich konnte aus dem Christentum ausbrechen, indem ich mich aus etwas einließ, von dem die Religion mir erzählte, dass es mich töten würde, dass es schrecklich wäre. Das half mir, aus der Psychologie auszubrechen, die ein Trauma in meinem Kopf verursachte. Insofern habe ich meinen Standpunkt verändert. Davor veränderte ich meine kommunistischen Glaubenssysteme, indem ich nicht länger glaubte, dass die Partei eine Erlösung für mich bietet. Ich denke, das ist gefährlich, wenn du von einem System oder einer Partei glaubst, sie wäre dein Erlöser.

Und ich denke das macht mich zu einem stärkeren Gläubigen, was Veränderung, eine richtige, revolutionäre Veränderung angeht. Als Gesellschaft sind wir nicht in der Lage, unwirkliche Autoritäten loszuwerden. Wie sollen wir denn dann mit echten Autoritäten umgehen und sie anzweifeln?

Wenn du Personen kreierst, die du nicht anzweifeln kannst, wie wirst du mit echten Typen fertig, die wirklich Macht über dich haben? Ich denke, das ist einer der Gründe dafür, dass wir uns in vielen Bereichen nicht weiterentwickelt haben: wissenschaftlich und politisch. Weil wir an dieser Angst festhalten. Und das ist alles, was es ist. Angst vor dem Tod.

Du hast gesagt, dass Du einen christlichen Hintergrund hast. Ich würde dir gerne eine Frage stellen, auf die du aber nicht antworten musst: Wie reagierte deine Familie, als sie hörten, wie du dich verändert hast?

Das ist schon seltsam. Ich wuchs in einer sehr offenen Familie auf. Meine Eltern und meine Großeltern sind konservative Christen – komischerweise sind sie aber sehr offen für die Standpunkte anderer, die du nicht bei vielen Menschen findest. Ich hatte sehr viel Glück mit meiner Erziehung. Ich versuche, das in Interviews oft zu sagen. Damit die Leute nicht denken, dass ich von meinen Eltern zum Christentum gezwungen wurde. Sie sind wundervolle Menschen, tolle Menschen. Sie haben ihren Glauben und ehrlich gesagt, sind viele ihrer Gedanken sehr, sehr konservativ. Aber nur in einem persönlichen Umfeld – einfach großartig.

Als ich aufwuchs ließ mein Vater mich alles glauben und lesen, was ich wollte. Innerhalb von Sicherheitsgrenzen, er ist immerhin mein Vater. Ich denke, dass mich das zum Skeptiker gemacht hat. Und für das sie sich jetzt, unter uns gesagt, wahrscheinlich selbst schlagen würden. Aber er ließ mich alles lesen oder denken, solange ich es mit ihm diskutierte. Er ließ mich nicht einfach lesen, er sagte: lass uns darüber reden. Das half mir sehr. Ich meine, das brachte mich auf jeden Fall weiter weg von ihrem Glauben. Aber es war ein tolles Geschenk meiner Eltern, dass ich verstehen musste, was ich glaube und nicht nur sage, dass ich dieses oder jenes bin.

Du würdest also sagen, dass es gut ist, alles mit seiner eigenen Familie zu diskutieren, bevor man sich als irgendetwas bezeichnet?

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, bei der eigenen Familie und eigenen Umgebung anzufangen, zu lernen, wie man diskutiert, wie man denkt, wie man mit Kritik umgeht. Der Kritik, die von den Menschen kommt, die dir die Welt bedeuten, weil du dadurch eine dickere Haut bekommst. Wenn du dich auflehnst…

…wird das die Beziehung nicht zerstören, sondern eine neue erschaffen. Richtig?

Genau, eine neue Beziehung erschaffen. Versuche, eine Beziehung mit deiner Familie zu formen, in der Du, Du selbst bist und ein anderer. Sei ehrlich: Das ist das gleiche wie mit Schwulen zum Beispiel, die ihre Beziehung mit der Familie erst wieder neu aufbauen müssen. Als sie selbst und nicht als die Person, von der die Familie dachte, dass sie es sind.

Ich denke, das ist wichtig und eine Lektion fürs Leben, wenn du in deine Umgebung gehst, in die Welt hinaus. Und nicht ängstlich zu sein vor dem, was Menschen vielleicht über dich denken könnten, was sie sagen könnten. In der Lage zu sein, zu dem zu stehen, woran du glaubst, aber gleichzeitig zuzuhören.

Denn es gibt Menschen, die vergessen, zuzuhören. Und ich denke, das ist es, was wirklich wichtig ist. Auch wenn du mit jemanden sprichst und das, was aus seinem Mund kommt, das Lächerlichste ist, was du je gehört hast, ist es wichtig, zuzuhören. Es fordert dich, es erweitert deinen Verstand. Es hilft dir zu verstehen, wie Leute ticken und ebenso, wie man selbst tickt.

Nathan, vielen Dank für das Gespräch!

Foto: A. Aßmuth

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