Direkt zum Inhalt

„Es fordert dich, es erweitert deinen Verstand“

Druckversion
Erst Christ, dann Kommunist und nun satanistischer Atheist: Nathan Gray ist überzeugt, dass er sehr viel Glück mit der Erziehung durch seine Eltern hatte. Und betont, man sollte immer Skeptiker bleiben und vor allem: zuhören. Sebastian Bartoschek hat den Sänger der populären US-Post-Hardcore-Band Boysetsfire einmal ausführlich zu seinem Glaubensweg befragt.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Foto: A. Aßmuth

Boysetsfire waren im Oktober für ihr aktuelles Album „While a Nation sleeps…“ in Deutschland auf Tour. Ende April kommen sie wieder nach Deutschland. Foto: A. Aßmuth

Sebastian Bartoschek: Zum wievielten Mal seid ihr in diesem Jahr in Deutschland gewesen?

Nathan Gray: Oh, das ist eine schwierige Frage. Wir kommen seit ca. 20 Jahren hierher. Es ist wirklich schwierig, da eine genaue Zahl zu sagen. Ich würde sagen, dass Deutschland uns aus irgendeinem Grund besonders findet. Wir kommen hierhin und spielen ausverkaufte Shows. Deutschland scheint von dem, was wir tun, so berührt zu sein und es so zu mögen, warum sollten wir also nicht kommen? Es ist wundervoll.

Ich hab gehört, dass du in einem Interview davon gesprochen hast, dass besonders Ostdeutsche die kommunistischen Ideen sehr unterstützen. Ist das vielleicht ein Grund für den Erfolg von Boysetsfire in Deutschland?

Es kann sein, dass uns unsere eher linke politische Einstellung von Anfang an geholfen hat. Aber ich denke, dass es auch etwas mit unserer Musik zu tun hat. Sonst würde das keinen interessieren. Du kannst reden worüber du willst, aber wenn die Musik nicht gut ist und die Leute nicht erreicht, bringt es nichts. Ich denke, das ist es, was den Erfolg ausmacht und worauf wir stolz sind. Wir sprechen bestimmte Probleme an, sodass es einen persönlicheren Teil der Band gibt, an dem sich die Leute festhalten können.

Bist du eigentlich immer noch Mitglied der kommunistischen Partei in Amerika?

Nein, schon lange nicht mehr. Josh und ich waren das mal – in den späten 90ern. Ich weiß nicht, was Joshs Geschichte ist, aber er verließ die Partei um dieselbe Zeit wie ich. Ich fand es komplett ineffektiv und irgendwie lächerlich, ehrlich gesagt. Wir hatten ein paar Treffen in meinem Haus und so weiter, es war eine von den Situationen, wo ich mich fühlte, als wäre ich Teil von etwas, das sich niemals ändern würde und niemals wachsen würde.

Ich würde das nicht über jede Partei sagen. Ich bin sicher, dass es Gruppen gibt, die Veränderungen von innen heraus erlauben und so - aber nicht die kommunistische Partei, oder zumindest der Teil, mit dem wir rumgehangen haben. Da waren viele ältere Leute und viele Leute, die strikt auf Parteilinie waren. Das ist so eine von den Sachen, wo du herumsitzt und erwartest, dass es offene Dialoge gibt über Dinge, die nicht richtig sind oder Dinge, die nicht funktionieren – aber da war keine Bewegung.

Es war zu theoretisch?

Ja, zu theoretisch und gleichzeitig zu steif. Ich möchte nicht mehr Mitglied einer Partei oder Teil einer Gruppe sein. Denn ob Kommunist, Sozialist, Kapitalist – was auch immer – es ist in allem etwas davon. Wenn du dich nicht für neue und frische Ideen öffnest und dir selbst nicht erlaubst, dich zu verändern und zu wachsen, dann bist du nicht viel wert. Man muss immer ein Skeptiker sein, Dinge in Frage stellen. Auch wenn es Standpunkte sind, an denen du fest hängst, sie müssen immer in Frage gestellt werden.

Boysetsfire sind derzeit für ihr im Juli erschienes Album „While a Nation Sleeps…“ auf Tour. Ihr nächstes Konzert in Deutschland ist für Ende April in Wiesbaden geplant.

Skeptiker zu sein – guter Punkt. Ich bin selbst Mitglied der skeptischen Bewegung hier in Deutschland. Was bedeutet es denn für dich persönlich, Skeptiker zu sein?

Für mich bedeutet das, alles in Frage zu stellen, aber dich auch nicht zum Deppen zu machen, während du das tust. Es gibt Leute, die können einfach nicht ruhig sein. Sie machen einen Krieg daraus, fast eine Schlacht, anstatt eine Lernerfahrung daraus zu entwickeln. Skeptisch zu sein und eine Person zu sein, die Dinge in Frage stellt: das sollte ein persönliches Lernsystem sein und eine Möglichkeit, sich und andere über deinen Glauben zu informieren. Gleichzeitig sollte man einen konstanten Dialog aufrechterhalten. Denn es gibt viele Leute, die sagen, dass sie Skeptiker sind, aber eigentlich keine Ahnung haben, warum.

Also haben sie ein Glaubenssystem und nennen sich selbst Skeptiker, sie sind es aber nicht.

Genau, es ist einfach ein weiteres Dogma, an dem man sich festhalten kann. Ich denke, es ist eine gute, verbindliche Regel: immer achtsam sein. Bei allem, was man aufnimmt, was Leute einem sagen – immer achtsam zu sein, das ist es, was es heißt, Skeptiker zu sein.

Stehst du irgendwie in Verbindung mit Leuten wie Michael Shermer oder James Randi?

Nein. Ich hab von ihnen gehört, aber ich wüsste nicht, welche Verbindung ich zu ihnen haben sollte. Es gibt viele skeptische Denker und Leute, von denen ich viele meiner Gedanken habe. Ich lese auch viel über bestimmte Religionen und Standpunkte. Das hat mir geholfen, meine eigenen Gedanken in Frage zu stellen.

Wo wir gerade über Religion reden – es hörte sich so an, als würdest du auch Positives an Religion finden oder habe ich dich falsch verstanden?

Also, du hast mich nicht zwangsläufig missverstanden. Vielleicht hast du mich aber doch falsch verstanden, weil ich nicht zwangsläufig irgendwas an Religion positiv oder hilfreich finde. Ich bin eher verbunden mit den Gedanken von Christopher Hitchens, dass Religion eher schädlich als gut ist.

Gleichzeitig habe ich eine Band mit tollen Menschen, die an solche Dinge glauben, es aber für sich tun und sich nicht drum scheren, ob du so denkst oder nicht. Es ist persönliches Glaubenssystem. Wenn sie also ihr Leben in einer bestimmten Weise leben – dann habe ich dazu nichts zu sagen. Wenn es nur für sie persönlich ist, wenn sie es niemandem aufdrängen, warum sollte es mich dann stören?

In Österreich gibt es eine Kampagne mit dem Namen „Religion ist Privatsache“. Sie zielt auf die radikale Trennung von Staat und Religion. So wie ich dich verstehe, wäre das in Ordnung, weil man in seiner eigenen Wohnung glauben kann, was man will.

Ich würde mich selbst als eine Person sehen, die studiert hat und stark beeinflusst von LaVey und satanistischen Gedanken ist, also atheistisch-satanistisch. Mit dem Glauben an eine pluralistische Gesellschaft, in der die Menschen frei sind, alles zu tun, was sie wollen. Eine Regierung sollte aber weltlich sein.