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„Die Chefredakteure waschen sich in Unschuld“

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Philosoph, politischer Ästhet und humanistischer Aktivist: Philipp Ruch meint, was die Deutschen im täglichen Nachrichtenstrom vorgesetzt bekommen, sei in der Regel eine „Beleidigung für mündige Bürger“. Angesichts dieser „nationalen Erziehung“ ist er fest überzeugt: In den zu schreibenden Geschichtsbüchern werden wir nicht gut wegkommen.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Kohle- und Rußspuren in den Gesichtern der Akteure des ZPS sollen die Spuren des Wühlens in den verbrannten politischen Hoffnungen Deutschlands kennzeichnen. Foto: © dpa

Kohle- und Rußspuren in den Gesichtern der Akteure des Zentrums für politische Schönheit sollen die Spuren des Wühlens in den verbrannten politischen Hoffnungen Deutschlands kennzeichnen. Foto: © dpa

Herr Ruch, Sie haben einmal gesagt, wir werden als Generation, die nichts mehr wollte, in die Geschichtsbücher eingehen. Wie wird es dazu gekommen sein?

Philipp Ruch: Durch die Unfähigkeit politischer Eliten, für Politik zu begeistern und Gelegenheiten für Widerstand, Aufstand und Revolution zu identifizieren und zu ergreifen. Das liegt möglicherweise am epochalen Gefühl, alle entscheidenden Probleme gelöst zu haben. Zwei Milliarden Menschen leben weit unterhalb von allen akzeptablen Bedingungen und der Westen deklariert die wichtigsten Probleme als gelöst. Außenpolitik ist das neue und alte Aquarium des Politischen. Ehrlicherweise sollte sie direkt wählbar sein. Die Gelder für den heuchlerischen „Wahlkampf“, wie ihn die deutschen Parteien gegenwärtig treiben, können wir in Zukunft einsparen.

Warum sinkt unter demokratischen Bedingungen die Bereitschaft für den Kampf um Menschenrechte? Fehlt es an Gefühl, vor allem an Mitgefühl für den anderen?

Die deutsche Demokratie ist mit dem Ende der DDR unfähig geworden, große Menschenrechtler hervorzubringen. Auf institutionelle Organisationen wie Amnesty International kann und sollte man sich nicht länger verlassen. Die hätten während des Zweiten Weltkriegs Pressemitteilungen verschickt, welche die Kriegsverbrechen an den deutschen Soldaten anprangerten, „verübt“ während des Unternehmens Barbarossa. Dass Soldaten in Notwehr erschlagen werden, dafür fehlt Organisationen wie Amnesty der Begriff. Die größte Menschenrechtsorganisation der Welt wird im Übrigen zentral und professionell aus England gesteuert. Amnestys Kampagnen werden fabrikfertig in London entworfen. Ich glaube nicht, dass es uns an Mitgefühl fehlt, nicht mehr als an Zeit. Nirgends haben die Menschen so viel Zeit wie im Westen. Philosophisch gesehen könnte der Grund für die mangelnde Durchsetzung der Menschenrechte in dem liegen, was Richard David Precht eine „Empirifizierung“ nennt. Die Natur- und Sozialwissenschaften lehren seit geraumer Zeit nur, dass es auf den einzelnen Menschen nicht ankommt. Das ist nachweislich falsch. Die Geschichte wird in der Regel von Einzelnen geschrieben und abgeändert. Hinzu kommt, dass der technokratische Begriff „Menschenrechte“ suggeriert, dass nur die Rechte der Betroffenen verletzt sind, wo es zumeist weniger um eine Verletzung, als um den Knochenbruch von Körper, Zukunft und Seele geht.

Webtipp
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Vor einiger Zeit haben Sie darauf hingewiesen, dass Nachrichtenselektion die vornehmste Form der nationalen Erziehung ist. Pressemitteilungen bewirken zu wenig, wenn Dinge wirklich verändert werden sollen.

Was aus dem Nachrichtenstrom den Deutschen „serviert“ wird, ist in der Überzahl der Fälle eine Beleidigung für mündige Bürger. Hat eine Bevölkerung das Recht, etwas über Kachelmann, Höneß oder Sport zu erfahren, während alles, was Aufmerksamkeit verdiente, weggelassen wird? Ist es nicht unmoralisch, dass Millionen Deutsche von Fernsehsendern und Zeitungen über das hinterletzte Detail einer sog. „Affäre“ aufgeklärt wird, während sie nicht die geringste Ahnung hat, dass jährlich mehr Menschen im Mittelmeer bei der Flucht nach Europa ertrinken, als jemals an der Mauer der DDR gestorben sind? Das meint der Satz von der Nachrichtenselektion als vornehmster Form nationaler Erziehung. Dürfen wir uns emotional an „Affären“ beteiligen, während Millionen Menschen verhungern oder auf dem Weg zu uns ertrinken? Die Chefredakteure waschen sich in Unschuld. Aber sie wissen insgeheim, dass sie über etwas ganz anderes nachdenken, schreiben und reden sollten. In den zu schreibenden Geschichtsbüchern werden wir nicht gut wegkommen. Die Ehre einer ganzen Zivilisation steht auf dem Spiel.

Weiterlesen in der aktuellen Ausgabe Kann Politik heute noch glaubhaft sein? Interessiert sich heute wirklich noch jemand für Menschenrechte und welche Rolle spielen die großen Organisationen und Religionen im Kampf um diese Rechte? diesseits sprach mit dem Gründer des Zentrums für politische Schönheit über Ethik und Ästhetik in der Politik und bat Ruch um eine Erklärung, was er mit „aggressivem Humanismus“ meint. Hier kann das Magazin bestellt werden: www.diesseits.de/abo