Direkt zum Inhalt

„Angela Merkel verfasst keine Grußworte für einen CSD“

Druckversion
Ein ähnlicher Rollback beim gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Lesben und Schwulen wie in Russland erscheint in Deutschland nahezu undenkbar – aber eben nur nahezu, betont Norbert Blech. Der Redaktionsleiter von Queer.de warnt davor, den Einfluss der Kirchen zu unterschätzen.
Montag, 28. Oktober 2013
Bild: Screenshot

Seit Oktober 2003 informiert Queer.de über Neuigkeiten und Hintergründe, die besonders für homo- und transsexuelle Menschen von Bedeutung sind. Bild: Screenshot

Das Nachrichten- und Communityportal Queer.de ist seit zehn Jahren im Netz und hat sich bis heute zum größten und reichweitenstärksten Medium zu LGBT-Themen im deutschsprachigen Raum entwickelt. Im Interview spricht Norbert Blech über die Erfahrungen der vergangenen Jahre und seinen Blick auf die Entwicklungen in der Politik und bei den Kirchen.

Im Vergleich großer Online-Leitmedien wie dem von „10000Flies“ rangierte Queer.de im September noch vor den Seiten des Berliner Tagesspiegels, RP Online oder des Handelsblatts: Habt ihr es euch im Oktober 2003 vorgestellt, mal solch einen Erfolg haben zu können?

Norbert Blech: Wir waren uns damals nicht mal sicher, ob wir in zehn Jahren noch existieren würden; wir standen ja noch unter dem Eindruck der Pleite der Queer AG, die versucht hatte, eine bundesweite monatliche Zeitung mit Regionalteilen zu machen. Die LGBT-Medienlandschaft ist in einem konstanten Umbruch, vor allem, da es immer wieder Finanzierungsschwierigkeiten gibt: Anders als im Ausland ist der Anteil von Markenartiklern, der in Homo-Medien wirbt, überschaubar. Auch lehnen uns etwa viele Werbenetzwerke ab.

Trotzdem sind wir schnell gewachsen und wachsen immer noch – noch immer kennen uns selbst viele Schwule und Lesben nicht. Zugleich können wir immer öfter Themen setzen, die auch von Heteros gelesen werden oder von Mainstream-Medien aufgegriffen werden.

Als wir uns gründeten, gab es noch keine sozialen Netzwerke. Die haben unseren Einfluss nochmal vergrößert: Als wir kürzlich über eine geplante Anti-Homo-Ehen-Konferenz in Leipzig mit u.a. Thilo Sarrazin berichteten, wurde das auch durch soziale Netzwerke schnell ein wichtiges Thema, dass dann auch andere Medien aufgriffen. Wir wurden etwa von Spiegel Online zitiert. Und noch viel wichtiger: Binnen weniger Stunden begannen Gruppen mit einem groß angelegten Gegenprotest.

Verratet ihr mir auch ein paar harte Zahlen?

Wir hatten im September mit einer einzigen Geschichte erstmals über 100.000 Aufrufe – die Meldung über den Barilla-Boss, der nicht mit Schwulen werben wollte, verbreitete sich wie wild in den Netzwerken. Am Abend übernahm dann noch tagesschau.de die Meldung fast 1:1. Solche Erfolge häufen sich, auch weil sich viele Heterosexuelle dafür interessieren, sind aber ein zweischneidiges Schwert: Viele wichtigere Themen finden nicht immer die Verbreitung, die sie dort haben sollten. Das virale Klickverhalten wird den Online-Journalismus langfristig prägen wie Einschaltquoten das Fernsehen, einige Mitbewerber aus dem Ausland haben etwa schon begonnen, Themen deutlich aufzubauschen und Recherche, Quellenskepsis oder kompliziertere Themen zu vernachlässigen. Trotzdem kommen auch unsere „langweiligen“ Meldungen in der Regel über die VG-Wort-Grenze von 2.000 Besuchern aus Deutschland. Und sie erreichen Politiker und andere Medien.

Was glaubt Ihr, waren und sind denn die Gründe für euren Erfolg?

Abseits von der viralen Verbreitung, die sich weder planen noch wirklich vorausahnen lässt, bieten wir unseren Lesern eine umfassende und glaubhafte Berichterstattung. Am Thema Russland sind wir etwa schon seit Jahren dran, halten Kontakt zu deutschen und russischen Aktivisten. Wir können uns daher auch erlauben, manchen Aktionismus zu kritisieren oder manche Meldung zu hinterfragen.

Bleiben wir noch kurz bei den Erfolgen: Welche sind die aus Sicht der Leserzahlen und öffentlichen Wirkung durchschlagendsten Beiträgen bzw. Themen gewesen? Was hat das Publikum besonders interessiert, gefreut oder empört?

Es gibt zwei Grundempörungen, die sich durch die Jahre ziehen: Über die Union, teilweise in Verbindung mit ihren willigen Koalitionspartnern, und über die Kirche. Es heißt ja immer wieder mal salopp, Schwule würden nicht mehr wirklich diskriminiert. Aber wir registrieren als Minderheit doch sehr genau, wie etwa die Union uns weiter Rechte vorenthalten will. Auch wenn uns die Homo-Ehe vielleicht persönlich gar nicht interessiert, spüren wir dabei doch die grundlegende Homophobie, die uns seit unserer Jugend negativ begleitet und noch lange nicht besiegt ist.

Deswegen ist wohl auch die Empörung über Russland derart groß: Es erscheint nahezu undenkbar, dass es in Deutschland einen ähnlichen Rollback geben könnte. Aber eben nur nahezu: Die Massendemonstrationen gegen die Ehe-Öffnung in Frankreich hatte niemand erwartet, und User-Kommentare in deutschen Online-Medien, von „was wollen die Schwulen denn jetzt schon wieder“ bis hin zu bewussten diskriminierenden Äußerungen, lassen erahnen, dass die Lage hier noch lange nicht so rosig ist, wie man denken mag.

Daher finden etwa auch Meldungen über Gewalttaten oder Selbstmorde großes Interesse. Leider fallen wichtige Probleme und in gewissem Sinn Lösungsansätze, etwa die noch immer mangelnde Berücksichtigung von Homosexualität in Schulbüchern und Lehrplänen, auf erheblich weniger Interesse. Aber vielleicht müssen wir hier noch mehr Einsatz zeigen, die Mängel noch deutlicher benennen und solche Themen klarer für eine virale Verbreitung aufbereiten. Zugleich wollen wir aber einen nüchternen Grundton und eine Verhältnismäßigkeit beibehalten.

Queer.de arbeitet dabei mit einem unglaublich kleinen Team: Mal ehrlich, das ist kein 40-Stunden-Job, oder?

Nein. Wir sind drei feste Mitarbeiter, und dann muss sich auch noch nicht zu knapp um Geschäftsführung, Vermarktung und Technik gekümmert werden. Ein dringend nötiger Relaunch kommt da derzeit etwa kaum voran, weil aktuelle Themen doch jedes Mal wichtiger erscheinen.

Foto: privat

Klein aber fein: Seit zehn Jahren sind Norbert Blech (l.) und seine Redaktionskollegen Micha Schulze und Dennis Klein immer am Puls der LGBT-Themen. Foto: privat

Und wie haltet ihr euch im anstrengenden Newsgeschäft da über Wasser?

Indem wir uns hauptsächlich auf aktuelle Themen beschränken, obwohl wir so vieles mehr liefern wollten. Und auch das wird zunehmend schwierig: Durch die sozialen Netzwerke verbreiten sich hier etwa auch Meldungen von englischspachigen Portalen, die wir ja erst mal übersetzen müssen. Durch die internationale Verbreitung stehen diese Portale wirtschaftlich besser da und können mehr leisten: Gay Star News aus England hat etwa inzwischen eine Nachtschicht aus Amerika. Wir haben zwar häufig die genaueren Meldungen, etwa zu Russland. Aber die Klicks landeten dann schon anderswo. Gelegentlich, etwa zum Thema Russland, machte uns u.a. auch Spiegel Online durch schnell übernommene Agenturmeldungen Leser streitig. Da fiel aber auch vieles unter den Tisch, weil es dazu keine Agenturmeldung gab.

Zu LGBT-Verbänden wie etwa dem LSVD scheint ihr allerdings eine vornehme Distanz zu pflegen. Wirkt das nur so und wenn nicht, warum?

Es gibt sicher viele, die das anders sehen, wie uns auch oft vorgeworfen wird, zu viel von Volker Beck zu bringen. Allerdings ist er oft der einzige, der zu einem Thema eine Pressemitteilung herausgibt oder ein Thema setzt. Ähnlich sieht es beim LSVD aus, der in weiten Bereichen alleine da steht. Ich würde das Verhältnis als gelegentlich kritisch, aber doch auch sehr freundschaftlich-kollegial bezeichnen.

In letzter Zeit ist es etwas in Mode gekommen, einen LSVD zu kritisieren, der den Anschluss verpasst habe. Als Gegenbeispiel werden etwa die Jungs von „Enough is enough“ aufgeführt, die innerhalb weniger Tage die halbe Berliner Szene zu einem Protest gegen die homophobe Politik Russlands mobilisieren konnten. Damit tut sich der LSVD in der Tat schwer. Man darf aber auch nicht übersehen, dass der Verband bei diesem Thema seit Jahren aktiv ist, etwa, indem er einen Aktivistenaustausch veranstaltet und Organisationen in St. Petersburg finanziell und ideologisch unterstützt. Als ich nach meinem Besuch beim CSD in Moskau vor einigen Jahren zusammen mit anderen einmal quasi die Seite gewechselt habe und eine Demonstration vor der Botschaft in Berlin selbst veranstaltete, rannte ich beim LSVD offene Türen ein.

Sitz von Queer.de ist ja Köln, eine Hochburg des rheinischen Katholizismus. Wie ist eigentlich das Verhältnis der Redaktion zu Dingen wie Kirche und Religion?

Keiner von uns ist gläubig, was man uns manchmal vielleicht zu sehr anmerkt: Wir sollten schwule und lesbische Gläubige vielleicht öfters gezielt zu Wort kommen lassen. Ansonsten ist aber klar, dass homophobe Positionen, Äußerungen und Handlungen von uns klar benannt und kritisiert werden, wie erst recht evangelikale Angebote zur Homo-„Heilung“ oder das aktiv genutzte Recht der Kirchen, in ihren sozialen Einrichtungen Personen aufgrund ihrer Homosexualität zu entlassen, etwa Putzfrauen oder Krankenpfleger.

Zum Mittagessen mit den Leuten vom Kölner Domradio trefft ihr euch also eher nicht. Mit wem dann?

Ich denke, dass wir uns mit den Kollegen vom Domradio oder Vertretern von halbwegs gemäßigten Portalen wie kath.net durchaus treffen könnten. Wir nutzen uns ja schon als gegenseitige Quelle, und ein besseres gegenseitiges Verständnis kann nicht schaden. Abseits von klarer Hetze und sehr viel lächerlicher Doppelmoral und fragwürdiger Verhältnismäßigkeit kämpfen viele Gläubige mit ihrer Haltung zum Thema in Konflikt mit ihrer Religion und wir sollten aufpassen, nicht zu viel und zu hart über sie zu urteilen. Das kann aber nicht für ihre Anführer gelten, der letzte Papst mit seinem andauernden Kampf gegen die rechtliche Gleichstellung von Lebenspartnerschaften stand natürlich völlig zu Recht unter Dauerkritik.

Auch haben wir als Mitinitiator des Waldschlösschen-Appels – in Kürze: Homo-Hasser raus aus Talkshows – klare Linien, welche Ansichten man trotz Kritik durch uns noch vertreten kann und welche völlig inakzeptabel sind. Es ist etwa ein Unterschied, ob man Homosexualität als Sünde bezeichnet, was schon herabwürdigend genug ist, oder als widernatürlich oder heilbar, was uns gegen alle wissenschaftlichen Fakten die Existenz, die Gesundheit, die Würde abstreitet. Das kann keine legitime Haltung mehr sein.

Woher bei der Frage nach LGBT-Rechten der Gegenwind weht, liegt da auf der Hand.

Man darf den Einfluss der Kirchen nicht unterschätzen, die sich immer wieder gegen staatliche (!) Pläne zur Homo-Ehe wenden. Wie oft sind unsere führenden Politiker bei Kirchentagen, Kirchenvertreter im Kanzleramt und auf sonstigen staatstragenden Veranstaltungen? Vertreter des LSVD waren nie dort, weder ein Bundeskanzler noch -präsident waren je auf einem CSD (Christopher Street Day, d. Red.) oder selbst bei der Eröffnung des Homo-Mahnmals in Berlin. Angela Merkel verfasst trotz Anfragen keine Grußworte für einen CSD, fliegt im Wahlkampf aber mit einem Hubschrauber zu einer evangelisch-evangelikalen Gemeinde, die Angebote zur Homo-„Heilung“ bewirbt.

Mehr erfahren: „Er wird nicht von heute auf morgen eine jahrhundertelange Geschichte der Diskriminierung, die ja auch eine gezielte Profilierung auf Kosten von Schwulen und Lesben war, ungeschehen machen können“, sagt Norbert Blech im Interview auf wissenrockt.de zum neuen Papst Franziskus. Und er verrät, wie das Team auf das plötzliche Aus der Hetzseite kreuz.net reagierte. Jetzt weiterlesen: www.wissenrockt.de