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„Ist das wirklich wahr? Ich mag das gar nicht glauben.“

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Wer biblische Schöpfungsgeschichte im Schulunterricht als ernstzunehmende Alternative zur Evolution darstellt, verhöhne die eigene Profession, sagt Eckart Voland, Inhaber der Professur für Biophilosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Im Interview spricht er über die Motive und Ziele des „Evokids“-Projekts. Ende November beginnt dazu eine Tagung.
Dienstag, 22. Oktober 2013
Der Kinderbuchautor Max Kruse stellte das Urmel in die Dienste von „Evokids“ und im Juni den zwölften Band seiner beliebten Buchreihe vor.

Der Kinderbuchautor Max Kruse stellte das Urmel in die Dienste des Projekts „Evokids“. Im Juni erschien mit „Urmel saust durch die Zeit“ der zwölfte Band seiner beliebten Buchreihe.

Eckart Voland erklärt dabei, welche Vorteile eine frühere schulische Vermittlung von Evolution für Kinder und Heranwachsende hätte und warum das Begreifen der natürlichen Entwicklung des Lebens zu einem versöhnlicherem Umgang mit sich selbst und anderen führen kann. Bis heute sei für Menschen nicht einfach, sich über die „biologisch evolvierten Denkmuster klar zu werden und sie in ihren alltäglichen Auswirkungen zu begreifen.“

Herr Voland, Sie haben normalerweise vor allem mit Studierenden und nicht mit Grundschülern zu tun. Welches Interesse besitzen Sie am „Evokids“-Projekt?

Eckart Voland: Ich mache im Umgang mit Studierenden, übrigens auch mit Biologie-Studierenden, regelmäßig die Erfahrung, dass die Beschäftigung mit einigen Aspekten der Evolutionstheorie, etwa mit der Abstammungsfrage, kaum Probleme aufwirft. Dieselbe Theorie angewendet auf Verhaltensaspekte des Menschen oder gar die Entstehung des menschlichen Geistes und seiner Leistungen im alltäglichen Leben, stellt jedoch für viele eine kontraintuitive Herausforderung dar. Die Gründe dieser Widerstände haben meines Erachtens sehr frühe Wurzeln, und wer Bildung und Aufklärung ernst nimmt, sollte entsprechend früh Weichen stellen, um spätere Irrtümer zu vermeiden.  

Der Biologiedidaktiker Dittmar Graf, der ebenfalls an dem Projekt beteiligt ist, sagte vor kurzem, dass naturalistische Erklärungen des Entstehens und Veränderns der Lebewesen den Schülerinnen und Schülern bislang fälschlich vorenthalten werden. Stimmen Sie zu?

Ja, das ist sicherlich richtig, wobei es in meiner Sicht zwei Gründe für diesen Missstand gibt. Zum einen gibt es grundsätzlich antinaturalistisch eingestellte Gruppen, die die Darwinsche Evolutionstheorie in Gänze oder zumindest in zentralen Aussagen schlichtweg für falsch halten und bei entsprechender religiöser Ausrichtung darüber hinaus auch noch als sündhafte Ketzerei, die es im Namen Gottes und zum Lohn des Seelenheils zu bekämpfen gilt.

Wesentlich bedeutsamer ist meiner Meinung nach allerdings der Umstand, dass angesichts des umfangreichen Bildungskanons in unserer modernen „Wissensgesellschaft“ die Evolutionstheorie mit zahlreichen anderen, durchaus auch wichtigen Bildungsinhalten konkurrieren muss, und wenn die Bedeutung dieser Theorie nicht angemessen eingeschätzt wird, kann es dazu kommen, dass sie als notwendiger Unterrichtsgegenstand einfach übersehen wird .

Pädagogik mit Mängeln In der Bundesrepublik Deutschland wird das Thema der Evolution bislang in keinem einzigen Lehrplan für die Grundschule angemessen aufgegriffen. Oft wird es erst ab der 10. Klasse behandelt. Manch ein europäisches Nachbarland ist da schon weiter: Eine aktuelle Reform des nationalen Rahmenlehrplans im Vereinigten Königreich sieht unter anderem vor, bereits den Grundschülern im Land mehr Wissen über die Evolution zu vermitteln.

Welche Vorteile hat es aus Ihrer Sicht, Evolution früher als bisher im Unterricht zu vermitteln?

Nun – Menschen generieren ihr Wissen und ihre Einstellungen zu den Dingen des Lebens kumulativ. Das bedeutet, dass frühe Weichenstellungen nicht so ohne weiteres rückgängig gemacht werden können. Wenn sich also erst – sagen wir – die biblische Schöpfungsgeschichte mental verfestigt hat, kann es dazu kommen, dass spätere Einsichten erschwert sind, selbst wenn sie wissenschaftlich gestützt sind und deshalb in Anspruch nehmen können, wahrheitsnäher zu sein.

Die Evolutionstheorie spielt eine bedeutende Rolle für das Selbstverständnis des Menschen und die Einordnung innerhalb der Natur. Welche positiven Auswirkungen auf das kindliche Selbstverständnis erwarten Sie von einer früheren Vermittlung?

Ich bin der Auffassung, dass „Wissen“ immer besser ist als „Nicht-Wissen“. Worin der Vorteil der Aufklärung im Einzelnen und für den Einzelnen konkret liegt, ist freilich nicht immer mit Sicherheit zu bestimmen, wenngleich eines klar ist: Aufgeklärte Menschen begehen nicht jene fatalen Fehler, wie sie unaufgeklärte Menschen in der Geschichte bekanntermaßen nur allzu häufig begangen haben. Meine Fantasie geht in die Richtung, dass ein verbessertes Verständnis der biologischen Evolution dazu beitragen kann, die eitle Homozentrik der Menschen und die häufig so konflikthafte Egozentrik jedes Einzelnen zu drosseln.

Wer begreift, Teil des naturgeschichtlichen Ganzen zu sein, und wer begreift, dass es natürliche Ursachen nicht nur für sein eigenes So-Sein, sondern auch für das So-Sein aller anderen gibt, wird wohl offener und letztlich versöhnlicher im sozialen Umgang und möglicherweise auch im Umgang mit sich selbst.

Und wer begreift, dass Evolution Unterschiede zwischen uns Menschen hervorbringt ohne zugleich diese Unterschiede irgendwie zu bewerten, wird vermutlich eher zu undogmatischen, liberalen, letztlich auf selbstverständliche Akzeptanz des Anderen abzielenden Einstellungen gelangen. Diese Ideen haben viel mit dem Projekt des „Evolutionären Humanismus“ zu tun. Jetzt haben wir freilich einen ganz großen Bogen aufgespannt, in dem sich ein winziges Evokids-Projekt zu verlieren droht. Aber dennoch: Dieses Projekt hat aufklärerisches Potenzial und trägt deshalb die große Idee mit.

Foto: JLU Gießen

Voland: „Es ist auf Dauer kontraproduktiv und schädlich, wenn gerade jenes Wissen nur stiefmütterlich gelehrt wird, das über die Natur des Menschen Auskunft gibt.“ Foto: JLU Gießen

Wie groß schätzen Sie die Gefahren der Verbreitung von kreationistischen Vorstellungen ein, welche negativen Konsequenzen kann das haben?

Ehrlich gesagt, sehe ich hier bei uns in Deutschland keine wirklich dramatisch großen Gefahren, die vom Kreationismus ausgehen könnten. Das mag in anderen Teilen der Welt deutlich anders sein, insbesondere dort, wo evangelikale Mission am Werke ist, wie in großen Teilen Afrikas oder Südamerikas. Aber Deutschland hat eine große Tradition der Aufklärung und eine gesellschaftlich breit akzeptierte Wissenschaftspraxis. Beides lehrt den kritisch-rationalen Umgang mit Ideen, und im Großen und Ganzen pflegt das die Gesellschaft auch.

Das Problem, was ich sehe, ist ein wenig anders gelagert. Es liegt darin begründet, dass wir Menschen mit „kognitiven Strategien“ auf die Welt kommen, die ihrer Natur nach nicht gut geeignet sind, die Wirkweise der biologischen Evolution und ihre Folgen für das menschliche Schalten und Walten verständlich werden zu lassen. Ironischerweise hat es uns die Evolution nicht gerade leicht gemacht, sie zu verstehen. „Dualistisches Denken“ gehört zu diesen Strategien, was bedeutet, dass wir spontan immer wieder intuitiv zwischen Körper und Geist als wesensverschieden unterscheiden. Und auch diejenigen, die gar kein grundsätzliches Problem mit der Evolution haben, werden unsicher, wenn sie menschliches Denken, Fühlen und Handeln in die Evolutionstheorie einordnen sollen.

Wir denken von Geburt an – ohne es erst umständlich lernen zu müssen – „finalistisch“, also ganz so, als ob es in der Natur Fortschritte und Entwicklungsziele gäbe. Selbst professionelle Biologen sprechen gern von höheren und niederen Organismen, was evolutionstheoretisch nicht gerechtfertigt ist. Ferner suchen wir auch gern dort Agenten, wo es gar keine gibt – ein Umstand, warum es überhaupt Religionen in der Welt gibt – und vieles mehr. Es ist nicht einfach, sich über diese biologisch evolvierten Denkmuster klar zu werden und sie in ihren alltäglichen Auswirkungen zu begreifen.

Ende November beginnt der dreitägige Kongress „Evokids: Evolution in der Grundschule“, in dem das „Evokids“-Projekt vorgestellt und diskutiert werden soll. Was erwarten und erhoffen Sie sich von dieser Veranstaltung?

Es geht uns darum, Aufmerksamkeit für dieses Thema zu erlangen. Es kann nicht angehen und ist auf Dauer kontraproduktiv und schädlich, wenn in einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft gerade jenes Wissen nur stiefmütterlich gelehrt wird, das über die Natur des Menschen Auskunft gibt. Ich denke, wenn bereitwillige Lehrerinnen und Lehrer auf die bisherigen Unterrichtsdefizite hingewiesen werden, dies Motivationen zur Verbesserung der Unterrichtspraxis freisetzen könnte.

„Evokids“-Tagung Kinder sollten bereits in der Grundschule die Prinzipien der Evolution kennenlernen. Um diesem Ziel näher zu kommen, lädt das Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen Lehrerinnen und Lehrer, interessierte Eltern, Bildungspolitiker und Studierende zum Kongress „Evolution in der Grundschule“ ein. Referenten der offenen Tagung, die vom 30. November bis zum 1. Dezember 2013 an der Universität Gießen stattfinden wird, sind neben Eckart Voland u.a. der Biologiedidaktiker Dittmar Graf, der Primatologe Volker Sommer, die Evolutionsbiologen Thomas Junker, Ulrich Kutschera und Sabine Paul, der Philosoph Michael Schmidt-Salomon sowie die Pädagogin Ulrike von Chossy, Managerin einer Humanistischen Grundschule im fränkischen Fürth. Mehr über die Tagung: www.evokids.de/kongress.html

Michael Schmidt-Salomon, der neben Ihnen und Prof. Dittmar Graf verantwortlich für das Projekt ist, wurde mal als „Deutschlands Chef-Atheist“ bezeichnet. Könnten dieser Umstand sowie die generelle Nähe zur atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung moderat bzw. liberal religiöse Menschen eventuell abschrecken? Ist das Projekt grundsätzlich offen für die Mitarbeit religiöser Menschen und Institutionen?

Um einem Missverständnis entgegenzuwirken: Die Giordano-Bruno-Stiftung versteht sich als religionskritisch und nicht etwa als „militant atheistisch“. Ihre Religionskritik speist sich aus Philosophie und Wissenschaft und stellt sich dem rationalen Diskurs. Die Stiftung ist deshalb alles andere als dogmatisch – und nur nebenbei: Sie tritt natürlich auch für Religionsfreiheit ein.

„Moderat bzw. liberal religiöse Menschen“ sind ihrem Wesen nach ja auch keine Dogmatiker, sondern offen für religionskritische Auseinandersetzungen. Ich wüsste deshalb nicht, weshalb sie vor den Aktivitäten der Giordano-Bruno-Stiftung zurückscheuen sollten. Um es ganz deutlich zu sagen: Die Teilnahme am Evokids-Projekt verpflichtet niemanden zum Kirchenaustritt!

Was halten Sie davon, dass es an einigen evangelischen Schulen möglich ist, sogar im naturwissenschaftlichen Unterricht Evolutionstheorie und Schöpfungslehren als gleichberechtigte Erklärungsmodelle nebeneinander darzustellen?

Ist das wirklich wahr? Ich mag das gar nicht glauben. Falls es aber tatsächlich zutreffen sollte, wäre das ein eklatanter Verstoß gegen den wissenschaftsbasierten Bildungsauftrag der Schulen. Die biblische Schöpfungsgeschichte ist naturwissenschaftlich nicht nur nicht darstellbar, sondern definitiv falsch. Sie gehört – wenn überhaupt – in den Religionsunterricht. Wer sie dennoch im Bio- oder Sachkundeunterricht behandelt und so tut als sei sie eine ernstzunehmende, gleichberechtigte Alternative zu wissenschaftlich begründbaren Weltzugängen, verhöhnt seine eigene Profession.

Image of Soziobiologie: Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz

Eckart Voland: Soziobiologie: Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Springer Spektrum 2013, Taschenbuch, 260 Seiten, EUR 24,99

Image of Urmel: Urmel saust durch die Zeit

Günther Jakobs, Max Kruse: Urmel: Urmel saust durch die Zeit. Thienemann ein Imprint der Thienemann-Esslinger 2013, Gebundene Ausgabe, 176 Seiten, EUR 12,99