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War die DDR ein „humanistisches Land“?

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DDR und Humanismus – nur wenig scheint aus heutiger Perspektive unpassender als diese Paarung. Der Kulturwissenschaftler Horst Groschopp hat sich dennoch damit auseinandergesetzt. Wir sprachen mit dem Direktor der Humanistischen Akademie über sein gerade erschienenes Buch „Der ganze Mensch – Die DDR und der Humanismus“.
Montag, 7. Oktober 2013
DDR Literaturfestival

Ein dankbares und begeistertes Publikum fanden der Oktoberklub und viele andere Singegruppen der DDR-Hauptstadt am 3.11.68 bei der großen Abschlußveranstaltung des V. Literatur-Festivals der Berliner Jugend in der Kongreßhalle. | Foto: Vera Katscherowski, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst

Ohne Humanismus hätte es keine Alleinherrschaft der SED gegeben?

Sie regierte nie allein, immer waren die Russen präsent und im „Block“ zwar abhängige, aber doch nicht total marionettenhaft wirkende andere Parteien. Gerade in der Verfassungsdiskussion, die in ihrem Kern 1946 beginnt, zeigt sich dies. Es gab zu dieser Zeit ein Verständnis, das den Humanismus als Totale gegen den Faschismus sah. Das half, diesen Block zu schmieden und Intellektuelle in großer Zahl zu gewinnen. Doch davor steht ein weiterer Lernprozess der Kommunisten, der in den Kriegsgefangenenlagern, wo sie für die Rote Armee agitierten. Sie erfahren Humanismus als eine Art Erhellung, weil hunderte gebildete gefangene bürgerliche wie adelige Offiziere, darunter zahlreiche Militärbischöfe, im Disput über Humanismus mit ihnen eine gemeinsame Sprache finden, aber auch – und dies mit Macht und Versprechungen – für den Einsatz in der SBZ vorbereitet werden. Meine Frage war, wie sah der Humanismus aus, den sie mitbrachten und was ist daraus in seiner „Anwendung“ geworden.

Verstehe ich das richtig, der DDR-Humanismus ist kein Dogma?

Das wurde versucht, gelang aber nicht, zum einen, weil man das mit humanistischen Grundwerten nicht machen kann, die sind zu sperrig; zum anderen, weil Humanismus nicht in den Kanon des Marxismus-Leninismus, schon gar nicht des Stalinismus, passte. Er wurde auch bewusst ferngehalten, übrigens von Moskau aus; dort galt das als zu deutsch, zu kosmopolitisch, zu unbestimmt. Bei allem großen Einsatz, bildungspolitisch, ideologisch und kulturpraktisch, er war immer zugleich ein Stachel des Zweifels, ein Verweis auf Barmherzigkeit und Menschenwürde, bis hin zu Alternativen eines „Humansozialismus“, von Beginn der DDR an. Diese Geschichte hat es in ihrer Mehrdeutigkeit in sich.

Die DDR schmückte sich mit Humanismus?

Ja, aber sie litt auch daran. Humanismus ist zu großen abgehobenen Festreden tauglich. Aber wenn man sagt, er habe in der DDR gesiegt oder er wird – so 1961 – 1965 gesiegt haben, dann setzt man Maßstäbe und wird daran gemessen. Selbst schuld. Den „ganzen Menschen“ in der antiken und frühbürgerlichen Tradition schaffen zu wollen [eine Herleitung zu dieser These findet man hier gebündelt] hat ein Kultursystem hervorgebracht - Stichwort Leseland, Theaterdichte, Fernsehdramen und so weiter - das sich die Volkswirtschaft der DDR gar nicht leisten konnte, das die Bürger so nicht wollten, aber heute gern gelobt wird.

Wie ist das nun wieder zu verstehen? Wenn man heute etwas lobt, dann doch Christa Wolf, Stephan Hermlin, Stefan Heym und all die anderen…

Berechtigt, aber eine böse Frage: Was davon entstand trotz und was wegen der Diktatur? Die Antwort wird auch hier mehrdimensional sein. Ich frage im Buch nach der Konzeption der SED und des Staates, hin und wieder auch der philosophischen beziehungsweise philologischen Debatte, aber besonders – und dies dann im Zusammenhang mit der 1968er Verfassung und dem Humanismusbegriff wie dem der „Unkultur“ darin – nach dem „Kulturstaat“ oder – wie mein Kollege Gerd Dietrich es sieht – dem „Kultursozialismus“ Ulbrichts versus den „Konsumsozialismus“ Honeckers, den ich allerdings vernachlässige, was bereits in einer Rezension kritisiert wird.

Groschopp: Der ganze Mensch

Am 14. Februar 2012 war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in einer Rezension eines Buches von Hubert Cancik - das übrigens nichts mit DDR zu tun hat - über den Humanismus zu lesen „Sein vorerst letztes Hurra feierte er in der DDR“. Wie sind solche Äußerungen zu erklären?

Der Autor ist der Bielefelder Althistoriker Uwe Walter. Er führt seit 2009 für die FAZ den Blog „Antike und Abendland“. Als er 1962 geboren wurde, begann die Inflationszeit des Humanismus in der DDR ihrem Ende entgegen zu gehen. Wenn das auf später Geborene wie ihn einen solchen Eindruck macht, muss man der Sache schon mal nachgehen, warum ihn dies heute noch abstößt, warum ihm bei „Humanismus“ gleich die DDR einfällt. Das versuche ich. Diese Rezension war ein Anreiz, an dem Thema weiter zu arbeiten.

War die DDR ein „humanistisches Land“?

Ich antworte darauf mit einem klaren „Ja, aber…“. Die Argumente kann man dem Buch entnehmen und anderer Meinung sein, aber bitte begründet am verifizierbaren Material.

Warum sollten Humanisten das Buch lesen?

Wer über Humanismus in Deutschland etwas sagt, kann an dem Buch schlecht vorbei. Ich möchte das an einem Beispiel illustrieren: Vor drei Wochen wurde in den Medien und in der Politik etwas gefeiert, nämlich die am 20. September 1973 „deutschlandweit“ eingeführten einheitlichen Notrufnummern. Das war etwas übertrieben. Die DDR hatte genau diese Nummern schon 1954 eingeführt. Hat sie der Westen übernommen? Die Frage ist beim Humanismus ähnlich – was gehört zu Deutschland? Hat es die DDR überhaupt gegeben, befand sie sich in Deutschland oder war sie eine Kolonie der Russen? Deshalb auch mein Untertitel „Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte“.

Image of Der ganze Mensch: Die DDR und der Humanismus - Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte

Horst Groschopp: Der ganze Mensch: Die DDR und der Humanismus - Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Tectum Wissenschaftsverlag 2013, Taschenbuch, 560 Seiten