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War die DDR ein „humanistisches Land“?

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DDR und Humanismus – nur wenig scheint aus heutiger Perspektive unpassender als diese Paarung. Der Kulturwissenschaftler Horst Groschopp hat sich dennoch damit auseinandergesetzt. Wir sprachen mit dem Direktor der Humanistischen Akademie über sein gerade erschienenes Buch „Der ganze Mensch – Die DDR und der Humanismus“.
Montag, 7. Oktober 2013
Horst Groschopp

Der Kulturwissenschaftler Horst Groschopp leitet die Humanistische Akademie Deutschlands

Heute ist der 7. Oktober 2013. Vor 64 Jahren wurde die DDR gegründet. Feiern Sie „Republikgeburtstag“?

Wir begehen die „Eiserne Hochzeit“ meiner Eltern, die hatten immer Feiertag bis 1989. Aber weshalb die Frage? Besteht etwa der Verdacht auf Nostalgie?

Nun ja, die Frage scheint in Anbetracht Ihres neuen Buches Der ganze Mensch: Die DDR und der Humanismus - Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte doch naheliegend. Wer schreibt heute schließlich noch Bücher über die DDR, noch dazu über Humanismus?

Seit deren Ende in der „Wende“ sind über dieses Land etwa 10.000 Titel erschienen. Da muss etwas zu diskutieren sein, sonst verkauft sich so viel Papier nicht; darunter war keines über Humanismus. Das war eine Lücke.

Nichts scheint so unpassend wie ein „DDR-Humanismus“.

Dachte ich zunächst auch, jedenfalls als wissenschaftlicher Gegenstand, bis mich vor etwa drei Jahren Hubert Cancik, ich nenne ihn hier mal den Nestor der deutschen Humanismusforschung, fragte, wie denn der Humanismus 1949 in die DDR-Verfassung gekommen sei. Ich hatte keine Ahnung. Das sei doch aber einmalig auf der Welt – bis heute. Also machte ich mich auf die Suche.

Es geht um den Artikel 37 in der Verfassung von 1949, den Bildungsteil. Hier steht eine Passage über Erziehung zur „wahren Humanität“. Wo wurde gesucht und was wurde gefunden?

Selbstredend wusste ich einiges aus meinem beruflichen Werdegang und der teilnehmenden Beobachtung. Doch ich bin ganz naiv herangegangen: Die Verfassung lesen – hatte ich das jemals getan? warum hätte ich das tun sollen? –, Briefe an mögliche Experten, Mails an ehemalige Kollegen, Bibliotheksrecherchen… dann ab ins Bundesarchiv, die Originalakten der Verfassungskommission, der Untergruppen, der SED-Parteigremien und so weiter. Das spiegelt sich nun in dem Buch als breite Nachkriegsdebatte über Humanismus und Humanität, die in den Kalten Krieg gerät, wo das Humanistische sich mit dem Sozialismus sowjetischer Bauart konzeptionell und ziemlich eigenartig verbindet – während im Westen eine konservativ-christliche Ideologie vom Abendland obsiegt, darin wieder zu finden der „dritte Humanismus“, der sich unter dem Nationalsozialismus entfaltete.

Groschopp: Der ganze Mensch

Das klingt nun schon ziemlich idealistisch. Die Sowjetisch Besetzte Zone, das bessere Deutschland?

Unser aller Blick auf diese Zeit ist durch die nachfolgende Historie, die fast fünfzig Jahre währende Teilung Deutschlands geprägt. Ich versuche herauszufinden, was konnte wer wann über Humanismus wissen. Fast ein Drittel des Buches beschäftigt sich nicht mit der DDR, sondern mit diversen Vorgeschichten, wer also und warum die Formel von der „wahren Humanität“ erfand, politisch aufgriff und kulturell damit etwas beabsichtigte. Die erste DDR-Verfassung, der Bildungs- und Humanismus-Teil, war nicht zu erklären ohne den Antifaschismus und die hohe Stellung, die Humanismus in diesen Debatten hatte, etwa in den Pariser Volksfrontdiskursen Mitte der 1930er Jahre. Hier beschwört Klaus Mann den „sozialistischen Humanismus“, wie er ihn verstand.

Was hat das nun mit der absoluten Herrschaft der SED zu tun?

Es konnte in Deutschland nur jemand etwas politisch werden, der im Westen die Unterstützung der Amerikaner oder im Osten der Russen hatte. Das waren die Voraussetzungen bis 1989. Die SED, dann die DDR, wurden ab Sommer 1948 diktatorisch auf Druck aus Moskau mithilfe derjenigen „Kader“, die in der Sowjetunion geschult wurden.

Und die brachten dann den Humanismus mit?

So war es. In Deutschland gab es ihn ja nicht mehr und die Amis kennen ihn teilweise bis heute nicht. Also war es meine Frage: Wie lernen die Kommunisten, für die seit Marx 1845 in der „Heiligen Familie“ der Humanismus in den Kommunismus aufgegangen war, dass es ihn dennoch gibt und dass sie damit umgehen müssen in einem künftigen Deutschland. Ich beschreibe das an den Vorgängen im westlichen Exil und der dortigen „Humanistischen Front“, anhand des Humanismuskongresses in Paris 1935 und wie sich alles spiegelte in der Sowjetunion, wie Leute, die dann in der DDR politisch aufstiegen, das verarbeitet haben.

Image of Der ganze Mensch: Die DDR und der Humanismus - Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte

Horst Groschopp: Der ganze Mensch: Die DDR und der Humanismus - Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Tectum Wissenschaftsverlag 2013, Taschenbuch, 560 Seiten