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„Leitziel des Unterrichts muss der mündige Mensch sein“

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Obwohl sie seit über 150 Jahren wissenschaftlich belegt ist, wird die Tatsache der Evolution bis heute bestritten. Starke Gegner hat sie nicht nur in den Religionen. Auch in der schulischen Bildung gibt es noch große Defizite bei ihrer Vermittlung. Das im vergangenen Juni erstmals vorgestellte Projekt „Evokids“ versucht das nun zu ändern.
Montag, 7. Oktober 2013
Foto: Anna Beniermann

Meist maßlos unterschätzt: Kinder und auch viele Erwachsene machen sich oft falsche Vorstellungen über die langen Zeiträume der Erdgeschichte, hat Dittmar Graf festgestellt. Foto: A. Beniermann

„Zurzeit ist es so, dass naturalistische Erklärungen des Entstehens und Veränderns der Lebewesen den Schülerinnen und Schülern über weite Strecken ihrer Schulzeit fälschlich vorenthalten werden“, sagt Prof. Dr. Dittmar Graf, Direktor des Instituts für Biologiedidaktik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Im Interview spricht er über die Motive für die Entwicklung und die Ziele des „Evokids“-Projekts.

„Evokids“ zielt auf die Einbindung der Evolution in die Lehrinhalte von Grundschulen. Warum besitzt das Thema an den Schulen hierzulande bisher eine zu geringe Bedeutung?

Prof. Dr. Dittmar Graf: In der Oberstufe spielt das Thema durchaus eine zentrale Rolle, allerdings nur, wenn man Biologie als Schwerpunkt wählt. In der Breite werden die Schülerinnen und Schüler aber in der Tat mit dem Thema nur eher am Rande konfrontiert – meist ab der 7. Klasse oder später.

Das ist deswegen unverständlich, weil die Evolution das verknüpfende Element aller Teilgebiete sämtlicher Lebenswissenschaften darstellt und darüber hinaus konstitutiv für ein angemessenes Selbst- und Weltverständnis ist. Zum späten Zeitpunkt des Aufgreifens wird von einigen Biologiedidaktikern und Schulpraktikern argumentiert, man könne sich das Thema nicht angemessen erschließen, wenn man keine Kenntnisse in Genetik habe. Genetik wird aber aus vielen Gründen erst in der zweiten Hälfte der Sekundarstufe I thematisiert.

Diese Begründung ist aber insofern nicht nachvollziehbar, da Charles Darwin seine Evolutionstheorie entwickelt hat, ohne die geringste Ahnung von Genetik haben zu können. Diese Disziplin hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts noch gar nicht etabliert.

Dass Evolution bis heute eher randständig im Unterricht vorkommt, hat sicher auch damit zu tun, dass die Bedeutung des Themas sich noch nicht bis zu allen Entscheidungsträgern herumgesprochen hat. Darüber hinaus sei auch nicht vergessen, dass es bis heute immer noch massive Vorbehalte gegen das Thema gibt. Immer noch sind etwa 20 Prozent unserer Bevölkerung nicht von der Faktizität der Evolution überzeugt.

Pädagogik mit Mängeln In der Bundesrepublik Deutschland wird das Thema der Evolution bislang in keinem einzigen Lehrplan für die Grundschule angemessen aufgegriffen. Oft wird es erst ab der 10. Klasse behandelt. Manch ein europäisches Nachbarland ist da schon weiter: Eine aktuelle Reform des nationalen Rahmenlehrplans im Vereinigten Königreich sieht unter anderem vor, bereits den Grundschülern im Land mehr Wissen über die Evolution zu vermitteln.

Wie groß schätzen Sie die Chancen ein, dass ein früheres Aufgreifen der Evolution in den Unterricht tatsächlich in die Tat umgesetzt werden wird und von welchen Faktoren hängt das ab?

Zum einen müssen wir belegen, dass das Thema, das ja eher als schwer und abstrakt angesehen wird, für die Grundschule geeignet ist. Eigene Untersuchungen haben gezeigt, dass evolutionäre Themen für Schülerinnen und Schüler im Grundschulalter von großem Interesse sind – und das gilt nicht nur für den Bereich Dinosaurier. Zum anderen müssen die Grundschullehrkräfte mit geeigneten Unterrichtsmaterialien versorgt werden. Wir haben deswegen einige Materialien entwickelt und werden sie im Laufe der Zeit auf der Evokids-Site zur Verfügung stellen. Darüber hinaus muss den Lehrkräften die Angst vor dem für die meisten unbekannten Thema genommen werden, hier wären Lehrerfortbildungen geeignet. Auch in diesem Bereich werden wir aktiv werden.

Verstehen so junge Kinder evolutionäre Konzepte, die ja doch häufig sehr abstrakt und komplex sind, denn eigentlich ausreichend? Gibt es besondere Ansätze zur Vermittlung?

Evolution als Faktum können Schüler in der Grundschule ohne weiteres verstehen, mit der Evolutionstheorie ist es etwas anderes. Unsere eigenen Forschungen zeigen, dass Schülerinnen und Schüler spätestens ab Ende der Grundschule ein basales Verständnis aufbauen können, das in späteren Schuljahren allerdings gefestigt und vertieft werden muss.

Alle unsere Unterrichtsvorschläge setzen auf Schülerinitiative und eine spielerische Herangehensweise. Wir haben eine Reihe von Simulationen ausgearbeitet, die sämtlich in Form von Spielen durchgeführt werden können.

Und woher kommen die Materialien, die Sie auf Ihrer Internetseite anbieten wollen, wurden sie bereits in der Praxis erprobt?

Zum Teil handelt es sich um Eigenentwicklungen, z.T. haben wir bei älteren Schülern bewährte Ansätze heruntergebrochen und für die Grundschule angepasst. Alle Materialien wurden und werden erprobt und aufgrund der Rückmeldungen optimiert.

Welche Vorteile hat ein früherer Evolutionsunterricht?

Kinder werden schon vom Kindergarten an mit Schöpfungsgeschichten konfrontiert, wenn es um die Erklärung geht, wieso es die Vielfalt der Tiere und Pflanzen gibt. Entsprechende Kinderbücher tun ihr übriges. Max Kruses „Urmel saust durch die Zeit“ ist eine der wenigen Ausnahmen auf dem Buchmarkt. In Absprache mit Max Kruse beziehen wir uns ja auch in der Evokids-Iniative auf das Urmel und verwenden es als „didaktisches Lasttier“.

Evolutionäre Erklärungen kommen, wie gesagt, erst spät im Unterricht dazu. Uns erscheint es wichtig, dass Kinder möglichst früh auch mit naturalistischen Erklärungen der Vielfalt der Lebewesen konfrontiert werden.

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„Urmel saust durch die Zeit“ – Der Kinderbuchautor Max Kruse stellte das Urmel in die Dienste von „Evokids“ und im Juni den zwölften Band seiner beliebten Buchreihe vor.

Welche Fehlvorstellungen können bezüglich der Evolutionstheorie bei Schülern auftreten und wie sollte damit umgegangen werden?

Man muss streng zwischen Evolution und Evolutionstheorie unterscheiden. Evolution ist die wissenschaftliche Tatsache, dass sich Lebewesen im Lauf der Generationenfolge verändern, die Evolutionstheorie liefert die Erklärung dieser Veränderung. Auf beiden Ebenen kommen Fehlvorstellungen vor. So machen sich Kinder (und viele Erwachsene) falsche Vorstellungen über die langen Zeiträume der Erdgeschichte – in der Regel werden sie maßlos unterschätzt.

Viele glauben, dass so komplexe Lebewesen, wie die Dinosaurier am Anfang der Entwicklung standen, einige sind davon überzeugt, dass sich Menschen und Dinosaurier noch begegnet sind. Auch der kurze Zeitraum der Anwesenheit des Menschen auf der Erde wird völlig falsch eingeschätzt.

Im Bereich der Evolutionstheorie liegen oft Alltagsvorstellungen den von Schülerinnen und Schülern gegebenen Erklärungen zum evolutionären Wandel zugrunde. So glaubt man, Organismen könnten sich über die Generationen hinweg durch Training verändern (lamarckistische Vorstellungen) oder die Organismen hätten das explizite Ziel, sich zu verändern (finalistische Vorstellungen).

Vom 29. November bis zum 1. Dezember findet der Kongress „Evokids: Evolution in der Grundschule“ statt, bei dem das Projekt vorgestellt und diskutiert werden soll.

Ziel ist es, die Initiative „Evokids – Evolution in der Grundschule“ der Öffentlichkeit vorzustellen und mit Interessierten zu diskutieren. Dabei werden auch die Ergebnisse der empirischen Forschungen zum Thema vorgestellt.

„Evokids“-Tagung Mit einem Kongress an der Hermann-Hoffmann-Akademie der Justus-Liebig-Universität Gießen soll das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Im Zentrum des Kongresses werden eine Analyse der gegenwärtigen Situation in Deutschland, Konzepte für die pädagogische Arbeit und mögliche Widerstände aus der Gesellschaft stehen. Zu den Referenten auf der Tagung gehören neben Dittmar Graf der Biologe und Biologiedidaktiker Hans-Peter Ziemek, der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, die Dokumentarfilmerin Ricarda Hinz sowie die Pädagogin Ulrike von Chossy, Managerin einer Humanistischen Grundschule im fränkischen Fürth. Mehr über die Tagung: www.evokids.de/kongress.html

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Giordano-Bruno-Stiftung?

Wir haben im Zuge der vielen Veranstaltungen zum Darwinjahr 2009 erkannt, dass wir bei dem Thema übereinstimmende Interessen und Überzeugungen haben.

Michael Schmidt-Salomon, der neben Ihnen und Eckart Voland verantwortlich für das Projekt ist, wurde mal als „Deutschlands Chef-Atheist“ bezeichnet. Könnten dieser Umstand sowie die generelle Nähe zur atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung moderat bzw. liberale religiöse Menschen evtl. abschrecken? Ist das Projekt da grundsätzlich offen für die Mitarbeit religiöser Menschen und Institutionen?

Ziel eines schulischen Unterrichts kann niemals die ausschließliche Vermittlung eines bestimmten Weltbildes sein – wie auch immer es aussieht und wie überzeugt man als Einzelner davon ist. Vielmehr muss das Leitziel des Unterrichts der mündige Mensch sein, dem sämtliche Informationen zu einem Bereich offen liegen und der daraus in Selbstverantwortung und Vernunft seine eigenen Vorstellungen und Überzeugungen generiert. Hier sehe ich keine Konflikte mit Michael Schmidt-Salomon oder der gbs. Zurzeit ist es so, dass naturalistische Erklärungen des Entstehens und Veränderns der Lebewesen den Schülerinnen und Schülern über weite Strecken ihrer Schulzeit fälschlich vorenthalten werden. Jeder, der das genauso sieht, ist herzlich eingeladen, bei der Initiative mitzutun.

Und ist es geplant, im Unterricht in der Grundschule auch den Konflikt zwischen den Schöpfungsgeschichten der monotheistischen Religionen und der Evolutionstheorie zu behandeln? Wie soll mit dem zu erwartenden Konflikt mit dem Religionsunterricht in der Grundschule umgegangen werden?

Es ist nicht geplant, ganze Unterrichtsgänge mit genauen Unterrichtsentwürfen zu entwickeln. Unsere Materialien sind flexibel im Unterricht in verschiedene Kontexte zu integrieren. Im Sachunterricht, in dem ja in der Grundschule naturwissenschaftliche Inhalte vermittelt werden, haben Schöpfungsmythen ebenso wenig verloren wie im Biologieunterricht. Jeder Sachunterrichtslehrkraft steht es selbstverständlich offen, gemeinsame Projekte mit dem Religionslehrer durchzuführen.

Sollte ein Schüler oder eine Schülerin im Sachunterricht kreationistische Vorstellungen äußern, dann muss das natürlich kritisch aufgegriffen werden, und gezeigt werden, dass die naturalistischen Erklärungen der Naturwissenschaften überzeugend sind.

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