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„Vielleicht vergessen wir zu oft die Emotionen“

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Ein Mensch ist mehr als einfach nur Vernunft und Rationalität, betont Sonja Eggerickx. Die Präsidentin der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union spricht im Interview über die Entwicklungen bei den Organisationen nichtreligiöser Menschen weltweit. Und sie meint, säkulare Humanisten könnten in mancher Hinsicht eine Menge vom Vatikan lernen.
Dienstag, 1. Oktober 2013
Foto: IHEU UN Geneva

Hannah Bock und Amelia Cooper: Zwei Vertreterinnen des IHEU-Teams bei den Vereinten Nationen in Genf.

Regelmäßig äußern sich Vertreter der IHEU oder alliierter Organisationen bei den Vereinten Nationen zu relevanten Themen, die IHEU besitzt seit 13 Jahren den Status als besonderer Berater. Welche Organisationen oder Institutionen haben sich bisher in den UN-Gremien als Verbündete gezeigt, welche als Gegner?

Unsere Arbeit bei den Vereinten Nationen ist in der Tat sehr wichtig und auch wenn sie nicht immer sichtbar ist, haben wir hier viel Knowhow aufgebaut. Wir arbeiten mit Atheisten, dem Center for Inquiry (Internationale Skeptiker-Organisation, Anm. d. R.) und auch Menschenrechtsorganisationen, die nicht unbedingt säkular sind, zusammen. Einige der progressiven religiösen Menschenrechtsorganisationen sind immer wieder bereit, manche der Stellungnahmen zu unterstützen und ich schätze das als eine positive Sache.

Andererseits beobachten wir auch sonderbare Allianzen gegen uns: So werden wir „selbstverständlich“ immer wieder von der Organisation für Islamische Zusammenarbeit angegriffen, zugleich aber auch von Kuba – welches bekanntermaßen kein islamisches Land ist. Ich denke da etwa an die stetig wiederkehrende Debatte über Blasphemie bei den Vereinten Nationen in New York. Alles, was wir tun können und bisher erfolgreich taten, ist: so viele Delegierte davon zu überzeugen, sich hier gegen eine – sozusagen – Diskriminierung zu entscheiden. Aber es bleibt ein heftiger Streit gegen die obskuren Kräfte, welche eine Verdammung von Blasphemie als Vorwand dafür missbrauchen werden, jede kritische Stimme gegenüber Religionen zu verurteilen und anzuklagen. Daher ist es immer gut, wenn unsere Mitgliedsorganisationen sich bei ihren Regierungen dafür einsetzen, dass diese gegen die Akzeptanz von Blasphemiegesetzen stimmen.

Video: IHEU-Sprecherin Amelia Cooper (British Humanist Association) warnte am 17. September vor dem UN-Menschenrechtsrat gemeinsam mit Kacem El Ghazzali (links) vor der Einflussnahme islamistischer Organisationen. Das UN-Team der IHEU auf Facebook.


Nun ist es aber eine Sache, Leute zu haben, die sich um diese Dinge kümmern und sie wenigstens für ihren Aufwand und die im Rahmen dieser ehrenamtlichen Arbeit entstandenen Kosten zu entschädigen. Und wenn wir die aufwändige und wichtige Arbeit hier fortsetzen wollen, benötigen wir Geld. Unsere Mitgliedsverbände sind nicht reich, doch die IHEU ist wohl noch viel weniger finanzkräftig. Und obwohl ich die Tätigkeiten, die ich als „praktischen Humanismus“ bezeichnen würde, wie unter vielem anderem beispielsweise die Unterstützung von Schulprojekten in Uganda oder dem „Adoptiere ein Dalit Dorf“-Projekt, für unverzichtbar halte: wir brauchen ebenfalls Mittel für unsere taktische Arbeit in den großen internationalen Institutionen. Daher ist es wichtig und notwendig, dass wir mehr einzelne Unterstützer und Förderer finden.

Hat sich seit dem Wechsel im Papstamt eigentlich die Stimmung bei den Säkularen in Europa und weltweit verändert und wenn ja, wie?

Ich denke nicht, dass sich die Ansichten über das „Papstamt“ grundsätzlich geändert haben. Wir lesen alle, was der neue Papst sagt, und er scheint in der Tat weniger konservativ aber genauso arrogant zu sein. In seiner „unendlichen Güte“ akzeptiert er Homosexualität und erlaubt sogar Atheisten, zu denken. Es stimmt, dass er ein sehr gutes PR-Team hat und in Zeiten der Social Networks ist das sehr wichtig. Wir könnten davon lernen.

Gibt es vielleicht auch etwas, was wir Europäer von den Humanisten und Säkularen in den USA oder Asien lernen könnten?

Von den Amerikanern können wir lernen, wie man Fundraising betreibt. Außerdem sie sind besser darin, ihre Errungenschaften als Erfolge zu verkaufen. Und aus Asien können wir lernen, nicht aufzugeben und weiterzumachen, selbst wenn man in der Minderheit ist. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass wir auch in Europa erfolgreich sind.

Prognosen auf Basis statistischer Daten gehen heute davon, dass die Gesellschaften Europas im Gegensatz zum Rest der Welt in den nächsten Jahrzehnten immer säkularer werden. Welche Rahmenbedingungen brauchen wir Ihrer Sicht, damit diese säkularen Gesellschaften auch menschliche Gesellschaften bleiben?

Wir müssen uns an die soziale Gesellschaft erinnern, die wir hier in Europa aufgebaut hatten. Humanisten können keine Gesellschaft akzeptieren, in der Menschen weniger wichtig sind als große Vermögen. Wenn wir die Solidarität vergessen, werden wir niemals in einer humanen Welt leben.

Beim Gedanken an das immense Bevölkerungswachstum weltweit glaube ich, dass es erforderlich sein wird, Wissen über Geburtenkontrolle zu vermitteln – ich bin aber kein Freund des chinesischen Systems. Es geht mir auch nicht um ein anderes politisches oder ökonomisches System, sondern es geht mir um einen Aufruf zur Solidarität anstelle von „Caritas“, für Bildung anstelle von Gehorsamkeit, und so weiter.

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Anmeldungen jetzt möglich Der 19. World Humanist Congress wird vom 8. bis zum 10. August 2014 stattfinden. Gastgeber der internationalen Konferenz ist in diesem Jahr die British Humanist Association. Ort des Treffens wird das altehrwürdige Sheldonian Theatre der University of Oxford sein. Die seit 1952 in dreijährigem Rhythmus durchgeführte Konferenz ist die größte und bedeutendste Versammlung der in der IHEU vertretenen säkularen und humanistischen Organisationen.

Nachdem der letzte World Humanist Congress das Thema „Humanismus und Frieden“ hatte, werden im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen des kommenden Kongresses Fragen dazu stehen, wie die weltweit mit am stärksten bedrohten Menschenrechte auf Gedanken- und Redefreiheit weiter gesichert und durchgesetzt werden können. Unter dem Titel „Freedom of thought and expression: Forging a 21st century enlightenment“ sollen auf der Konferenz Wege für eine Fortsetzung der Aufklärung vorgestellt und diskutiert werden.

Plenarrunden von Vertretern der Organisationen, Podiumsdiskussionen und Workshops widmen sich einer Analyse der Bedrohungen für die Gedanken- und Redefreiheit sowie den Möglichkeiten, mit konkreten Problemen umzugehen. Daneben wird die Konferenz wie jedes Mal eine hervorragende Plattform zur Begegnung und zum Austausch mit Vertretern der weltweit arbeitenden humanistischen Organisationen bieten. Online www.whc2014.org.uk

Haben Sie eigentlich das Gefühl, dass die nichtreligiösen Menschen in den westlichen Staaten sehr an der Situation ihrer „Nicht-Glaubensgeschwister“ in anderen Ländern interessiert sind? Und was sind die Gründe dafür, dass Atheisten meist wenig Interesse an der Situation von säkular denkenden Menschen in anderen Ländern zeigen?

Ich gestehe: Manchmal bin ich sehr entmutigt durch diesen Mangel an Interesse. Man schaut auf die eigene Situation, arbeitet an Verbesserungen – und das ist selbstverständlich in Ordnung – doch damit hört es dann auf. Warum begeistert uns nicht die Tatsache, dass jemandem in einer traditionell religiösen Gesellschaft die Gründung einer säkularen Schule gelungen ist? Warum freuen wir uns nicht darüber, dass es in Indien ein großes und aktives Atheismus-Zentrum gibt, das eine tolle Arbeit macht? Ich könnte mehr solcher Beispiele nennen, frage aber auch: Warum sind wir nicht bereit, die Arbeit im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf oder New York zu unterstützen? Sind wir zu individualistisch geworden?

Ich bin überzeugt davon, dass es unsere Pflicht ist, andere zu autonomem Denken zu befähigen. Und das ist nichts, was auf Hilfe verzichten kann, ohne Arbeit vor Ort funktioniert. Wir sollten uns dafür einsetzen, es möglich zu machen.

Könnte man vielleicht sogar davon sprechen, dass die internationale humanistische Organisation an der starken Säkularisierung in vielen wohlhabenden europäischen Staaten leidet?

Ja, wenn auch nicht unmittelbar. Es ist eine Tatsache, dass viele säkulare Menschen auch in anderen Gruppen tätig sind und dort einen Einfluss entfalten. Eine Vielzahl der in der Gesellschaft diskutierten ethischen Probleme werden auf Grundlage von Standpunkten und Argumenten diskutiert, die säkulare Humanisten eingebracht haben.

Nein, wenn man die bis heute vorhandene Macht der Religionen betrachtet, sowohl in den nationalen wie auch den internationalen Institutionen. Wir sind miserabel in der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Wenn es um solche Dinge geht, da können wir eine Menge vom Vatikan lernen.