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„Vielleicht vergessen wir zu oft die Emotionen“

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Ein Mensch ist mehr als einfach nur Vernunft und Rationalität, betont Sonja Eggerickx. Die Präsidentin der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union spricht im Interview über die Entwicklungen bei den Organisationen nichtreligiöser Menschen weltweit. Und sie meint, säkulare Humanisten könnten in mancher Hinsicht eine Menge vom Vatikan lernen.
Dienstag, 1. Oktober 2013
Foto: Asociația Umanistă Română

Sonja Eggerickx (r.) auf der gemeinsamen Konferenz von IHEU und EHF in der rumänischen Hauptstadt Bukarest im vergangenen Mai. Foto: Asociația Umanistă Română

Der neue Präsident der Europäischen Humanistischen Föderation Pierre Galand empfahl vor einigen Monaten, sich nicht in ein direktes Kräftemessen mit den Kirchen zu begeben. Teilen Sie seine Einschätzung?

Ich stimme Pierre Galand zu: In der Tat gibt es so viele Probleme auf der Welt, dass wir keine Zeit darauf verschwenden sollten, mit den Kirchen zu „wetteifern“. Das heißt nicht, dass wir auf Religionskritik verzichten, da Religionen tatsächlich eine Quelle von Intoleranz, Unterdrückung und Verfolgung darstellen.

Die wichtigste Botschaft für uns sollte aber darin bestehen, Lösungen für die Entwicklung demokratischerer Gesellschaften zu finden: in denen die Menschenrechte respektiert werden und wo alle in Frieden und mit Respekt gegenüber „dem Anderen“ leben können.

Im Juni hat mit Unterstützung der IHEU-Jugendorganisation IHEYO die erste Humanismus-Konferenz in Asien stattgefunden. Hier wächst langsam etwas. Wie ist denn die Lage der in der IHEU versammelten Organisationen im Großen und Ganzen?

Die meisten unserer Mitgliedsorganisationen befinden sich der sogenannten „westlichen Welt“, also Europa und Nordamerika, doch auch in Indien gibt es eine starke Präsenz. Nicht zu vergessen: In Indien existierte schon vor der britischen Kolonisation eine rationalistische Tradition. Aber es gibt auch Bewegungen und strukturierte Organisationen in Nepal und weitere kleine Vereinigungen in einigen asiatischen Ländern. Am wenigstens sind wir in den islamischen Staaten vertreten. Ich fürchte, dass die Ursachen dafür in der dortigen Intoleranz gegenüber Nicht-Muslimen und vor allem gegenüber „gottlosen“ Menschen liegen.

Wie macht sich das denn aus IHEU-Sicht bemerkbar?

Wir erhalten viele Nachrichten von Menschen, die uns um Hilfe dabei bitten, ihr Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit wahrnehmen zu können. Wie ja vielleicht schon bekannt ist, haben wir einige Fälle in unserem ersten Bericht über die weltweite Diskriminierung von nichtreligiösen Menschen vom Dezember letzten Jahres dargestellt. Der Bericht ist natürlich keine Lösung für alle Verfolgten. Aber er ist eine gute Möglichkeit, um für all diejenigen als ein Alarmruf zu wirken, die davon überzeugt sind: Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist nicht einfach nur ein netter Text, sondern stellt ein bedeutendes Instrument zur Verbesserung der Welt dar.

Und welche Rolle spielen hier Konferenzen wie die in Asien?

Die Humanismus-Konferenz im vergangenen Juni war hier in der Tat ein Erfolg und ihre Bedeutung sollte nicht unterschätzt werden. Unserer Erfahrung nach sind Staaten sensibel für internationale Kommentare und Einschätzungen. Also kann es einer Konferenz oder einem Kongress unter Schirmherrschaft eines internationalen Gremiums eher gelingen, die Aufmerksamkeit der Medien zu gewinnen und den Widerstand dagegen verringern: Sie lässt sich dann nicht mehr einfach so verbieten.

Ich will hier aber auch nicht die Versammlung der Jugend in Brüssel Anfang August vergessen. Sie hat für viele Jugendliche aus (Ost-)Europa deutlich gemacht, dass Säkularismus und Humanismus von Regierenden akzeptiert und beachtet werden kann. Das ist ein positives Zeichen, das sie mit nach Hause nehmen konnten.

Besonders wenige Nachrichten gibt es vom afrikanischen Kontinent, die europäischen Medien widmen der Region in dieser Hinsicht so gut wie keine Aufmerksamkeit.

In Afrika gibt es eine Menge Probleme. Viel Aberglaube herrscht hier, womit auch der Glaube vieler Menschen in ältere Religionen als die heute „akzeptierten“, also Christentum und Islam, gemeint ist: Man denke nur an die vielen Gräueltaten wegen „Hexerei“ oder die Verbreitung der Überzeugungen, der Glaube an Übernatürliches könnte jede Krankheit heilen. Ich erinnere mich an die IHEU-Generalversammlung in Kampala 2004, wo wir Unmengen an Werbetafeln sahen, die sämtlich auf verschiedene und unterschiedliche Kirchen hinwiesen: Alles „christliche“ Sekten, von denen wir nie gedacht hätten, dass es so viele wären. Unsere humanistischen Freunde dort berichteten uns, dass die Menschen hier dahin gehen, wo auch immer sie im Gegenzug für ihre Mitgliedschaft in der Kirche Nahrung oder materielle Hilfe bekommen. Daher fürchten sich die Menschen auch davor, eine Kirche oder Religion zu verlassen. Und die Kirchenführer benutzen dabei natürlich die alten Ängste und furchteinflößenden Behauptungen, um die Macht über ihre Anhänger zu erhalten.

Foto: A. Platzek

Delegierte der indischen Rationalisten beim IHEU-Congress 2011 in Oslo. Foto: A. Platzek

Und wie ist die Lage in Südamerika, der Heimatregion vom neuen katholischen Papst Franziskus?

In Lateinamerika stellt sich die Lage ein wenig ähnlich dar: Starke evangelikale Sekten aus den USA breiten sich in Richtung Süden aus. Der Katholizismus nimmt ab, aber dafür entwickeln sich andere christliche Gruppierungen. Das geht natürlich Hand in Hand mit Analphabetismus und Armut.

Im Herbst letzten Jahres war ich in Argentinien und überrascht, dass ich dabei aber doch  Menschen – einen Touristenführer und einen Taxifahrer – außerhalb meiner Treffen mit den Humanisten und anderen Säkularen getroffen habe, die sich sogar ohne Nachfrage als Atheisten bezeichneten. Sie waren stolz darauf, nicht genauso wie alle anderen zu sein.

Wir besitzen darüber hinaus Kontakte in verschiedene Länder dort und Zusagen, sie bald als Mitglieder begrüßen zu können. Deshalb denke ich, dass die IHEU sich in ihrer Arbeit mehr mit der sprachlichen Ebene beschäftigten sollte: Viel mehr spanische Texte wären hier ein Anfang, schließlich spricht und versteht nicht „jedermann“ Englisch. Natürlich ist das für uns eine Frage der Ressourcen – die IHEU verfügt nun mal nicht über viele finanziellen Mittel – und deshalb müssen wir dafür nun erst mal die entsprechenden Personen finden.

Am besten läuft es derzeit in Brasilien: Hier gibt es eine junge Organisation, energiegeladen und mit wachsenden wirtschaftlichen Möglichkeiten, um mehr Menschen zu erreichen. Trotzdem liegt auch vor ihnen noch ein ganzes Stück Wegstrecke…

Ist da denn auch etwas, dass Ihnen besondere Sorge bereitet?

Ja, und da möchte ich noch einmal auf Indien zurückkommen. Hier gibt es zwar eine starke rationalistische Tradition, aber auch eine wachsende Intoleranz in der Bevölkerung gegen „das Andere“: Hindus gegen Muslime und natürlich auch anders herum, daneben eine energische Bewegung, die sich dem Kampf gegen Aberglauben widmet. Doch übersehen wir hier nicht den Mord an Narendra Dabholkar, um den wir jüngst erst trauern mussten.

Auch wenn ich optimistisch bleiben möchte, ist es oft nicht einfach. Trotz all des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts scheint es manchmal, dass es eine Zurückentwicklung zu religiösem Denken gibt. Ich glaube, es liegt daran, dass die Menschen nach Gemeinschaft suchen, dem Zusammensein mit Anderen und der Möglichkeit, gemeinsame Erlebnisse zu teilen. Ich denke deshalb, dass humanistische, säkulare Zeremonien eine wichtige Rolle im Leben unserer Verbände spielen können. Ein Mensch ist mehr als einfach nur Vernunft und Rationalität. Vielleicht vergessen wir zu oft die Emotionen in unseren Planungen.

Foto: IHEYO

In diesem Jahr war in Brüssel Premiere für die ersten European Humanist Youth Days. Foto: IHEYO

Wie ist das Verhältnis zwischen IHEU und EHF, welchen Austausch gibt es zwischen den beiden internationalen Dachverbänden?

Die EHF besteht hauptsächlich aus IHEU-Mitgliedsorganisationen und sie konzentriert sich in ihrer Arbeit auf typisch europäische Probleme und besonders die Europäische Union. Es ist für die Institutionen wichtig, ein „europäisches Gesicht“ zu haben, es gibt keinen Grund für sie, die europäischen Humanisten zu ignorieren und für die EHF ist es leichter, über Themen mit Europa-Bezug zu kommunizieren und sich mit den Mitgliedern des Europäischen Parlaments in Verbindung zu setzen. Vor Jahren gab es hier Reibungen zwischen IHEU und EHF, aber diese sind heute vollständig verschwunden und die Aufgabenteilung ist klar.

In Brüssel präsent zu sein macht es leichter, Zugang zu den EU-Institutionen zu erhalten und Vorgänge weiter zu verfolgen. Es wäre dabei in der Tat ein Teil positiver Evolution, wenn wir das gleiche auf jedem Kontinent oder wenigstens für die Mitgliedsverbände in der gleichen geografischen Einheit erreichen könnten.

Klar ist auch, dass wir auf verschiedenen Stufen an verschiedenen Orten kämpfen und Europa nun mal nicht Indien oder Uganda ist. Eine Zusammenarbeit, wie wir sie bereits etwa im Europäischen Rat vollbringen, ist von vitaler Bedeutung und doch gibt es noch zu wenig Kooperation – wir könnten mehr mit mehr finanziellen Mitteln und mehr ehrenamtlich tätigen Menschen erreichen. Trotzdem freuen wir uns über die schon vorhandene Koordination und unsere festen Mitarbeiter vor Ort, die natürlich miteinander im Austausch stehen.