Direkt zum Inhalt

Nervosität im kirchlich-konservativen Lager

DruckversionEinem Freund senden
In Österreich wird aktuell massiv über den Religions- und Ethikunterricht diskutiert. Bildungsministerin Claudia Schmied, die sich für einen für alle verpflichtenden Ethikunterricht stark macht, wird sogar aus dem eigenen Lager vorgeworfen, sie wolle den Religionsunterricht abschaffen. Wir sprachen mit Eytan Reif, dem Sprecher der laizistischen „Initiative Religion ist Privatsache“ über die Perspektiven eines gemeinsamen neutralen Werteunterrichts an Österreichs Schulen.
Montag, 16. September 2013
Eytan Reif

Eytan Reif ist Mitgründer und Sprecher der laizistischen Initiative Religion ist Privatsache. | Foto: © Astrid Bartl

Herr Reif, die Debatte um den Ethik- und Religionsunterricht in Österreich hat schon historische Züge. Warum wird in Österreich nun erneut so energisch über den Religionsunterricht diskutiert?

Die Religionsunterrichtsthematik wurde am vorletzten Sonntag (8. September) im Zuge eines gut organisierten medialen „Blitzes“ künstlich eingeführt. Den Anlass lieferte eine „gemeinsame Erklärung“ zum Ethikunterricht, die Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz und die führenden gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften Österreichs im Tandem verabschiedet haben. Nebenbei bemerkt: die triviale Erklärung enthält nichts Neues und den Trick der „Sonntagserklärung zum Ethikunterricht“ verwendete Kurz vor genau einem Jahr, um Aufmerksamkeit auf das Thema bzw. auf sich zu ziehen. Man kann also sagen: Jährlich grüßt in Österreich das Ethikunterrichtsmurmeltier! Aber Spaß beiseite: bereits 20-30 Prozent der Schüler, die das 14. Lebensjahr vollendet und somit die Religionsmündigkeit erreicht haben, melden sich vom Religionsunterricht ab, Tendenz steigend. Es besteht also aus kirchlicher Sicht tatsächlich akuter Handlungsbedarf und daher auch der Druck auf die Österreichische Volkspartei (ÖVP), die in dieser Sache ohne Wenn und Aber im Auftrag der Kirche handelt.

Die politischen Parteien überschlagen sich derzeit mit gegenseitigen Vorwürfen und werfen sich gegenseitig Nebelkerzen zwischen die Beine. Können Sie den Nebel lichten? Welche Partei vertritt hier welche Position? 

Die klarste Position vertritt derzeit die kirchennahe ÖVP mit folgender Parteilinie: Der Religionsunterricht bleibt ein Pflichtgegenstand mit Abmeldungsmöglichkeit,  während der Ethikunterricht als so genannter „Ersatzpflichtgegenstand“ für all jene Schüler flächendeckend einzuführen ist, die – aus welchem Grund auch immer – den Religionsunterricht nicht besuchen. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich Die Grünen, die für einen für alle Schüler verpflichtenden weltanschaulich neutralen „Ethik- und Religionenunterricht“ eintreten. Den konfessionellen Religionsunterricht betrachten sie lediglich als zusätzliches Wahlfach. Bei den Sozialdemokraten (SPÖ) ist die Lage etwas komplexer: während Unterrichtsministerin Claudia Schmied von ihrer Position „Ethik für alle“ kein Hehl macht, hüllen sich ihre Parteikollegen eher in Schweigen. Bei der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei (FPÖ) herrscht wiederum eine grundsätzliche Affinität zum Religionsunterricht, gekoppelt an eine gewisse Skepsis gegenüber dem Ethikunterricht, in welcher Gestaltung auch immer. [A.d.R. Eine Übersicht der parteipolitischen Positionen finden Sie hier.] 

Welche Bedeutung spielen die Forderungen nach einem „ersatzweise verpflichtenden Ethikunterricht“? Sehen Sie in einem solchen Ersatzfach etwas anderes, als den Versuch, den Fortbestand des verpflichtenden Religionsunterrichts zu sichern?

Während der Amtszeit der jetzigen Regierung, die ja kurz vor ihrem natürlichen Ende steht, konnte ein nachhaltiger und ernstgemeinter politischer Wille der ÖVP beobachtet werden, einen Ethikunterricht nach dem Ersatzpflichtmodell flächendeckend einzuführen. Bislang gibt es diesen Ersatzunterricht bloß als Schulversuch an 234 Standorten. Auf politischer und insbesondere kirchlicher Ebene steckt hinter dem Bestreben, Ethik als Ersatzpflichtgegenstand einzuführen, eindeutig die Absicht, Abmeldungen vom Religionsunterricht soweit es geht unattraktiv zu machen. In einigen Schulen gibt es aber auch sehr engagierte Lehrkräfte, die mit guten Absichten für den Ethikunterricht, falls notwendig auch als Ersatzpflichtgegenstand, kämpfen. Höhergeordnete politische Überlegungen – geschweige laizistische Bestrebungen – scheinen sie wenig zu interessieren.

Alternativ dazu gibt es das Konzept eines verpflichtenden Ethikunterrichts für alle und freiwilligem Religionsunterricht. Die Plattform „Ethik für ALLE“, an der sie beteiligt sind, versucht seit einem Jahr, dieses Konzept nach vorn zu bringen. Sehen sie die jetzige Debatte als Erfolg ihrer Kampagne? 

Absolut. Mit der Gründung der Plattform „Ethik für ALLE“ konnten erstmals unterschiedliche Akteure für eine gemeinsame, überparteiliche und medienwirksame Aktion gegen das Ersatzpflichtmodell gebündelt werden. Und diese Plattform wird nur wachsen. Die Nervosität im kirchlich-konservativen Lager wird auch zunehmend spürbar. Es ist bemerkenswert, dass das bisher vom konservativen Lager oft verwendete – wenn nicht missbrauchte – Argument der „Werteerziehung“ in den Hintergrund geraten ist.

Eytan Reif 2

In einem von Reif mit erarbeiteten Positionspapier wird eine „Versachlichung der Ethikdebatte“ sowie „die vollkommene Entkopplung des Ethik- und Religionenunterrichts vom Religionsunterricht" gefordert | Foto: © Andreas Leitner

Was meinen Sie mit dem Argument der „Werteerziehung“?

Gemäß Paragraf 2 Schulorganisationsgesetz hat die Schule die Aufgabe, einen Beitrag zur „Anlage der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen“ zu liefern. Vertreter des Ersatzpflichtmodells werden nicht müde zu behaupten, dass Schüler, die den Religionsunterricht besuchen, die gesetzliche Werteerziehung erhalten und folglich auch moralisch gefestigt werden. Nichtbesucher des Religionsunterrichts erhalten hingegen, so Kirche und ÖVP unisono, nicht die gesetzlich festgelegte Werteerziehung und sind daher, mal überspitzt formuliert, der moralischen Verwahrlosung ausgesetzt.

Beobachtbar ist derzeit jedoch eine gewisse semantische Verschiebung. Nun kommen vermehrt Drohungen zum Einsatz. Sollte der Ethikunterricht nicht schleunigst als Ersatzpflichtgegenstand eingeführt werden, stünde, so wird behauptet, der Religionsunterricht vor dem Aus. Parallel dazu wird vor dem Abwandern des Religionsunterrichts „in Hinterhöfe und Koranschulen“ gewarnt. Ministerin Schmied wurde ja auch erst vor einer Woche unterstellt, dass sie mit ihrer „Ethik für ALLE“-Haltung eigentlich den Religionsunterricht abschaffen will, obwohl sie bisher betont hat, den Religionsunterricht in seiner jetzigen Form beibehalten zu wollen!  

Bildungsministerin Claudia Schmied erntet für das von ihr verfolgte Konzept momentan viel Schelte. Worum geht es dabei genau und wie stark lehnt sich dieses Konzept an das von der Plattform vorgeschlagene an?

Das von Ministerin Schmied verfolgte Konzept, das bisher allerdings nur in groben Zügen präsentiert wurde, folgt grundsätzlich unserem „Ethik für ALLE“-Entwurf, den wir in einem detaillierten und prominent unterstützten Positionspapier der Initiative Religion ist Privatsache dargelegt haben. Schmieds Ablehnung eines Ersatzpflichtmodells dürfte aber schon länger in ihr arbeiten. Sie könnten sagen, ich wäre naiv, aber ich glaube tatsächlich, dass Ministerin Schmied aus rein ideologischen Gründen gegen Ethik als Ersatzpflichtgegenstand zum Religionsunterricht ist und gerade aufgrund ihrer aufrichtigen Haltung als innerparteilicher sowie innerkoalitionärer Reibebaum missbraucht wird. Eines muss schon gesagt werden: in Sachen Religion herrscht bei der SPÖ schon lange der pragmatisch-opportunistische Ansatz. In dieses Schema passt Schmied nicht hinein.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, Ministerin Schmied verfolge ihr Ethikmodell aus ideologischen Gründen und sei damit der „Reibebaum“ der Koalition? Sehen Sie in der Ministerin eine Konfessionsfreie? Und wird ihr ihre Haltung ideologisch vorgehalten?

Mit „ideologischen Gründen“ meine ich nicht Schmieds konfessionelle oder, alternativ, gottlose Weltanschauung, über die ich nichts weiß und die mich ohnehin nichts angeht. Damit meine ich vielmehr ihre Verpflichtung zum Prinzip der Laizität und somit der Trennung von Staat und Religion. Die parlamentarische Enquete zum Ethikunterricht im Jahr 2011 öffnete Schmied mit einer Rede, die kein Zweifel bezüglich ihres ideologisch-politischen Kredos aufkommen ließ: mit Verweis auf die  Charta der Grundrechte der Europäischen Union beschwor sie einen grundlegenden Respekt den Religionen gegenüber bei gleichzeitiger Trennung von Staat und Religion. Dies ist die offensichtliche Basis für ihr Modell, das ich natürlich nur unterstützen kann. Ideologische Aufrichtigkeit ist in Österreich jedoch nicht selbstverständlich. Als wir Unterstützer für unser Positionspapier „Ethik- und Religionenunterricht“ suchten, nahm ich Kontakt mit dem SPÖ-Parlamentsklub auf. Naiv wie ich war, dachte ich, dass gerade die Nationalratsabgeordneten der SPÖ ihre „eigene“ Ministerin unterstützen werden. Der zuständige Klubsekretär teilte mir jedoch mit, dass „jede Lösung nur in Einvernehmen mit den Religionsgemeinschaften vorgenommen werden wird“. Soweit zum Parlamentarismus im Allgemeinen und zur Sozialdemokratie im Besonderen in Österreich im Jahr 2013 des Herrn.

Zur Person: Eytan Reif, Jahrgang 1971, ist Mitgründer und Sprecher der laizistischen Initiative Religion ist Privatsache. In dem genannten Positionspapier „Ethik- und Religionenunterricht“ fordert die Initiative Religion ist Privatsache eine „Versachlichung der Ethikdebatte“ sowie „die vollkommene Entkopplung des Ethik- und Religionenunterrichts vom Religionsunterricht und zwar an allen öffentlichen Schulen sowie mit Öffentlichkeitsrecht ausgestatteten Privatschulen.“ Das Papier können Sie hier einsehen.

Gibt es Umfragen, die Erkenntnisse liefern, welcher Weg der österreichischen Bevölkerung am liebsten wäre: obligatorischen Ethikunterricht für alle und freiwilligen Konfessionsunterricht oder Ethik und Religion gleichberechtigt nebeneinander?

Von einer aussagekräftigen Umfrage zu diesem Thema ist mir nichts bekannt. Man muss auch gestehen, dass Frau und Herr Österreicher sich kaum Gedanken machen bezüglich der „richtigen“ Einführungsmodalität eines Ethikunterrichts. Aufgrund der eher konservativen Grundausrichtung der österreichischen Gesellschaft kann ich mir gut vorstellen, dass eine Mehrheit für das Ersatzpflichtmodell ist. Unter den Schülern sieht es aber höchstwahrscheinlich anders aus: die meisten würden sich am liebsten von Religion abmelden und wöchentlich zwei Freistunden genießen. Nur: steht es eigentlich der Mehrheit zu, über eine ohnehin verfassungswidrige Lösung abzustimmen?

Was halten Sie von einem humanistisch-konfessionellen Werteunterricht, wie er vom Humanistischen Verband in Bayern, Berlin und Brandenburg erteilt wird?

Es wird Sie vielleicht überraschen, aber meine Begeisterung für einen sogenannten „Lebenskundeunterricht“ hält sich in Grenzen – und dies obwohl ich mich mit den Inhalten, die er derzeit vermittelt bzw. vermitteln soll, weitgehend identifizieren kann. Die größte Schwachstelle solch eines Unterrichts liegt in seiner weltanschaulichen Verankerung. Gerade wenn es um konsensfähige Inhalte wie Grundrechte, Demokratie oder Toleranz geht, sollte es wohl möglich sein, alle Schüler gleichzeitig in derselben Klasse anzusprechen.

Sie bevorzugen also das Berliner Modell der Sekundarstufe II, wo ein für alle verpflichtender Ethikunterricht stattfindet und der konfessionelle Unterricht der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften als freiwilliges Zusatzfach belegt werden kann?

Grundsätzlich ja auch wenn ich mit der derzeitigen Modalität des Religionsunterrichts nicht glücklich bin. Hier schneiden wir aber ein anderes umfangreiches Thema an.

Was denken Sie, wie geht die Diskussion aus? Wann wird es welche politischen Entscheidungen geben?

Das ist die so genannte „One Million Dollar Question“. Die bevorstehenden Wahlen finde ich äußerst spannend und zwar nicht nur im Hinblick auf die Ethikunterrichtsfrage. Da die Ethikdebatte nicht dazu geeignet ist, die Massen zu mobilisieren, lauert die größte Gefahr in einem möglichen faulen Kompromiss zwischen den künftigen Koalitionspartnern. Es soll nämlich nicht vergessen werden, dass die Zeit gegen die Kirche läuft und dass die Kirche in der nächsten Legislaturperiode alles daran setzen wird, die Ethikfrage endlich zu lösen und zwar mit einem Ersatzpflichtmodell. Als sehr problematisch betrachte ich auch etwaige budgetäre Engpässe: das Ersatzpflichtmodell würde etwa die Hälfte der Kosten des „Ethik für ALLE“-Modells verursachen, also 40 Millionen Euro anstelle von 90 Millionen jährlich. Sollte die ÖVP in der nächsten Regierung beteiligt sein fürchte ich, dass Schmied als Ministerin abgesetzt werden wird. Damit wird – insbesondere mit der SPÖ als Koalitionspartnerin! – der flächendeckenden Einführung des Ethikunterrichts als Ersatzpflichtgegenstand zum Religionsunterricht Tür und Tor geöffnet werden.

Herr Reif, wir danken Ihnen für das Gespräch.