Direkt zum Inhalt

„Der Mensch ist ein ästhetisches Wesen“

Druckversion
Der Philosoph und Kulturpolitiker Julian Nida-Rümelin spricht im Interview über den Mangel humanistischer Werte im Bildungssystem, die Defizite einer wirtschaftsorientierten Bildungskultur und die überfällige Reform des Bildungskanons.
Sonntag, 1. September 2013
Foto: Böllstiftung / Stephan Röhl / CC BY-SA

Julian Nida-Rümelin: Wir haben eine Verantwortung nicht nur für unsere Handlungen, sondern auch für unser Denken und Fühlen. Foto: Böllstiftung / Stephan Röhl / CC BY-SA

Herr Nida-Rümelin, Sie sind ein großer Streiter für humanistische Werte. Was verstehen Sie unter Humanismus?

Julian Nida-Rümelin: Ich unterscheide zwischen einem theoretischen und einem ethischen Humanismus. Der theoretische Humanismus ist durch die leitende These charakterisiert, dass Gründe für menschliches Urteilen, Handeln und für menschliche Emotionen eine Rolle spielen, dass Menschen Wesen sind, die sich von Gründen affizieren lassen. Der ethische Humanismus entwickelt daraus Postulate des menschlichen, eben humanen Umgangs miteinander: Gleiche Freiheit, gleicher Respekt, gleiche Anerkennung, Gleichwürdigkeit jedes menschlichen Individuums, so wie ich es in meinem Essay Über menschliche Freiheit formuliert habe.

Mit Philosophie einer humanen Bildung haben Sie einen flammenden Appell für eine neue Bildungskultur entworfen. Was muss Bildung ihrem Verständnis nach leisten?

Wenn man es in einem Satz zusammenfassen wollte, dann besteht das Ziel darin, die Voraussetzungen gleicher individueller Autorschaft des Lebens zu schaffen. Menschen in ihrer eigenständigen Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit entsprechend zu stärken und dabei die Einheit der Person als kognitives, aber auch als soziales
und ästhetisches Individuum zu wahren.

Sie fordern eine neue Reform der Bildungssysteme. Was ist Ihre Hauptkritik an den bisher vorgenommenen Reformen?

Wenn man überhaupt von einer Leitidee der aktuellen Bildungsreformen sprechen kann, dann beschränken diese sich auf employability, also auf die Bedingungen beruflich beschäftigt zu werden. Zweifellos ist die Fähigkeit, nach dem Abschluss von Schule und gegebenenfalls Hochschule oder Lehre, berufstätig zu sein, wichtig, aber eine Ausrichtung der Bildungssysteme auf dieses Ziel blendet andere, ebenso wichtige Bildungsziele aus, vernachlässigt die musische, physische und ethische Dimension und lässt im schlimmsten Fall die Persönlichkeit in einer Kaskade genormter Leistungsansprüche verkümmern.

Welches Welt- und Menschenbild steht hinter Ihrem Entwurf einer neuen Bildungskultur?

Ich versuche so weltanschauungsfrei wie möglich zu argumentieren. Diese Bildungsphilosophie richtet sich an alle, die bestimmte anthropologische und ethische Annahmen teilen, unabhängig davon, ob sie Agnostiker, Christen, Buddhisten, Muslime, Liberale, Konservative oder Sozialisten et cetera sind. Diese Herangehensweise entspricht einem Philosophieverständnis, dass die Philosophie nicht jenseits aller lebensweltlichen Erfahrung ansiedelt, sondern die alltägliche Erfahrung, das alltägliche Geben und Nehmen von Gründen zum Ausgangspunkt nimmt.

Zurzeit erleben wir eine zunehmende Privatisierung unseres Schulsystems. Wer ist Ihrer Meinung nach zuständig für die Humanisierung unseres Schul- bzw. Bildungssystems?

Bildungspolitisch verteidige ich das staatliche Schulsystem, weil es besser als ganz oder überwiegend privatisierte Bildungssysteme Chancengleichheit und Inklusion realisieren kann. Private Angebote versammeln diejenigen, deren Eltern über die notwendigen Mittel verfügen und schließen andere aus. Aber das staatliche Schulsystem ist keine Garantie, wie die seit den frühen Achtzigerjahren stark zugenommene Selektivität des deutschen zeigt. Längeres gemeinsames Lernen, die Vielfalt unterschiedlicher Begabungen ansprechen und fördern, vorschulische Bildung, Ganztagsschulen mit zusätzlichen Angeboten innerhalb und außerhalb der Schulen, individuelle Betreuung und Begleitung sind Bedingungen für Chancengleichheit und Inklusion.

Eine der aktuellen Bildungsdebatten dreht sich um die Frage, ob Kinder und Jugendliche in ihren Lernprozessen eher mehr Freiheit oder eher mehr Orientierung brauchen. Was meinen Sie?

Das ist eine falsche Alternative. Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit ist ebenso wichtig wie die Erfahrung von Bindungen. Bildung ist kein Prozess des Laissez-faire, aber auch keiner der Abrichtung. Urteilskraft und Verantwortlichkeit entwickeln sich nur, wenn Kinder und Jugendliche Spielräume der Gestaltung haben und der Unterricht hinreichend Zeit für Reflexion vorsieht.

Sie sprechen vor allem von der Schaffung von Orientierungswissen als Gegenentwurf zur „kognitiven Schlagseite“, die unserem Bildungswesen innewohnen würde. Was verstehen Sie darunter?

Orientierungswissen umfasst diejenigen Kenntnisse und Erfahrungen, die erforderlich sind, um sich in der natürlichen, aber auch in der geistigen Welt wirksam – Stichwort: „Autorschaft“ – zu orientieren. Gegenwärtig wird zu viel Detailwissen von Schülerinnen und Schülern abgefordert, das in der Regel wenig Relevanz für das Orientierungswissen hat und entsprechend schnell wieder vergessen ist.

Eine wichtige Rolle spielt hier die Vermittlung universeller Werte wie Vernunft- und Moralfähigkeit und das Konzept der Menschenwürde. Kommt das heute in den Schulen zu kurz?

Ich würde so weit gehen und sagen, dass die Schulen in kaum einem anderen Bereich derart starke Defizite aufweisen, wie in diesem. Wir hatten in den vergangenen Jahren eine unselige Religions- und Ethikunterrichtdebatte, die suggerierte, dass lediglich Religionsgemeinschaften für die Vermittlung von Werten zuständig und gemeinsame ethische Orientierungen, die allen kulturellen und partikularen Prägungen überwölben, überflüssig seien. Hinzu kommt die Merkwürdigkeit, dass in einem Land, das in den letzten 300 Jahren zur philosophischen Literatur möglicherweise mehr beigetragen hat als jedes andere, Philosophie und Ethik nur eine marginale Rolle spielen, im Gegensatz zu Frankreich, Italien, Spanien, Argentinien, Brasilien, USA und vielen anderen Ländern. Eine Orientierung an Menschenwürde verlangt theoretische Anstrengungen, aber auch eine Anleitung zu humaner Praxis.

Basis Ihres humanistischen Bildungskanons ist ein „neohumanistischer“ Verantwortungsbegriff, der nicht nur Verantwortung für das eigene Handeln, sondern auch für die eigenen Überzeugungen einschließt. Brauchen wir eine Art innere Gedankenpolizei?

In der Tat, der Verantwortungsbegriff steht hier im Mittelpunkt, mit Polizei hat das jedoch nichts zu tun, aber mit der Fähigkeit Gründe abzuwägen und auf der Basis dieser Abwägung zu urteilen und zu handeln. Wir haben eine Verantwortung nicht nur für unsere Handlungen, sondern auch für unser Denken und Fühlen.

Sie wollen weniger Expertenwissen und mehr Gemeinbildung, mehr sportliche Betätigung sowie die Vermittlung von Kunst und Musik. Warum sind ästhetische Inhalte wichtig?

Ich habe nichts gegen das Fachwissen in Schule und Hochschule. Gegenwärtig hat eine Kompetenz-Orientierung Konjunktur, die in ihren Normierungen vor allem für den globalen Arbeitsmarkt fit machen soll. Kompetenzen wie Urteilskraft und eigenständige Entscheidungsfähigkeit sind unbeschadet dessen zentrale Bildungsziele. Der Mensch ist aber nicht nur ein kognitives und soziales, sondern eben auch ein physisches und ästhetisches Wesen. Verkümmert das eine, verkümmert meist auch das andere. Der kontinuierliche Abbau von Spielräumen für Reflexionen, physische und ästhetische Erfahrungen ist für die Persönlichkeitsbildung schädlich.

Inwiefern unterscheidet sich Ihr humanistisches Bildungsideal vom oft als emotionslos wahrgenommenen Rationalismus oder gar Scientismus?

In Philosophie und Lebensform habe ich mich ausführlich mit der Frage, welche Rolle wissenschaftliche Erkenntnis für die Alltagspraxis spielt, befasst. Um es hier kurz zu sagen: Rationalismus im engeren Sinne meint die Deduktion allen Wissens oder auch aller Praxis aus vermeintlich unbezweifelbaren Axiomen. Scientismus ist durch die These charakterisiert, dass erst die Wissenschaft erlaube, zwischen rational und irrational zu unterscheiden. Beide sind gefährliche Verabsolutierungen, die dem Ideal einer humanen Gesellschaft und individueller Autorschaft des Lebens entgegenstehen.

Sie sind auch ein politischer Mensch. Inwiefern kann Ihr Konzept zur Vermenschlichung der soziopolitischen Wirklichkeit beitragen?

Dieses Bildungsideal strebt nicht nur nach der Einheit der Person und des Wissens, sondern auch nach der Einheit der Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich über Konkurrenz und Selektion definiert, die den Kampf um die beste Startposition und das höchste Einkommen in den Mittelpunkt aller Bildungsanstrengungen stellt, ist inhuman. Eine eher versteckte Botschaft meiner Bildungsphilosophie lautet: Entspannt euch, nehmt jede Lebensphase als eine Zeit eigenen Wertes. Bildung ist nicht nur Vorbereitung, sondern Lebensinhalt und Sinnstiftung.

Welche Haltung hat Ihr Konzept gegenüber einem liberalen Markt? Oftmals hat man den Eindruck, dass das vermittelte Wissen nach Nutzen und Marktkonformität ausgewählt wird.

Die Tendenzen zur Ökonomisierung des Bildungswesens, die Entwicklung von Qualifikationsmerkmalen zur Normierung des globalen Arbeitsmarktes stehen einem humanen Bildungskonzept entgegen. Der ökonomische Markt ist unverzichtbar, aber ohne politische, kulturelle und moralische Einbettung inhuman.

Ist es angesichts eines entfesselten Kapitalismus überhaupt möglich, tugendhafter Autor des eigenen Lebens zu sein?

Das Versprechen der Anhänger eines libertären Marktes ist ja gerade dies: Alle sollen nach ihrer façon leben und Regeln soll es nur in minimalem Umfang geben. Der Irrtum der Libertären ist, dass der entfesselte Markt gleichermaßen individuelle Freiheit garantiert. Wer gleiche Freiheit aller Individuen, gleichen Respekt und gleiche Würde realisieren will, muss das Marktgeschehen in einen zivilen Rahmen betten, Rechts- und Sozialstaatlichkeit garantieren und eine Kultur gleicher Anerkennung fördern.

Herr Nida-Rümelin, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Alexander Bischkopf und Thomas Hummitzsch.