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„Die Gleichbehandlung ist ein Grundpfeiler jeder Demokratie“

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Deutschland ist nicht nur ein Einwanderungsland, sondern auch geprägt von einer großen Vielfalt, sagt Melek Yildiz vom Vorstand der Alevitischen Gemeinde in Deutschland. Die politischen und öffentlichen Debatten seien jedoch vielfach auf den Islam reduziert, während andere Religionsgemeinschaften sich benachteiligt sehen.
Donnerstag, 15. August 2013

Die Frage, wie die Politik auf die gewachsene religiöse und weltanschauliche Pluralität reagieren sollte, steht am 17. August im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion in Berlin. Im Vorfeld befragte diesseits Melek Yildiz und Helmut Fink, Vorsitzender des Koordinierungsrates säkularer Organisationen und Vizepräsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands.

Herr Fink, Frau Yildiz, warum gibt es aus Ihrer Sicht Diskussionsbedarf bei der Kooperation des Staates mit kleinen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften?

Melek Yildiz: Die Gleichbehandlung der Religionen und Weltanschauungen sowie aller Ethnien ist ein essentieller Grundpfeiler jeder Demokratie. Obwohl die „kleinen“ Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften wichtige zivilgesellschaftliche, integrative und sozialpolitische Arbeit leisten, sind sie im Vergleich zu Einrichtungen und Organisationen der „großen“ Religionsgemeinschaften zum Teil benachteiligt.

Helmut Fink: Die Gesellschaft wird zunehmend pluralistischer, auch in weltanschaulicher Hinsicht. Wir wünschen uns den zügigen Abbau noch bestehender unzeitgemäßer Privilegien und Monopolstellungen der christlichen Großkirchen und eine Öffnung hin zu fairen Rahmenbedingungen im weltanschaulichen Wettbewerb. Dabei ist die Politik gefragt. Denn es fehlen noch etliche Schritte, bis man von einer echten Gleichbehandlung religiöser und nichtreligiöser Gemeinschaften durch den Staat sprechen kann.

Kann man die Alevitische Gemeinde in Deutschland als „kleine Religionsgemeinschaft“ bezeichnen? Mit ihren mehr als 300.000 Mitgliedern besitzt sie eine ähnliche Größe wie die im Koordinationsrat der Muslime versammelten Mitgliedsvereine.

Melek Yildiz: Das stimmt, Alevitinnen und Aleviten bilden die drittgrößte Religionsgemeinschaft nach Christen und Muslimen in Deutschland. Die Integrationsdebatte, die derzeit in Deutschland geführt wird, ist geprägt von der Suche nach geeigneten Formeln für eine erfolgreiche Integration, vor allem jener zugewanderten Gruppen, die ihre kulturellen Wurzeln in der Türkei haben. Diese Debattenlandschaft ist vielfach religionisiert und bisweilen nur noch auf den Islam reduziert.

Die vier Millionen Menschen mit einer Migrationsgeschichte, die in Deutschland leben, werden als Zugehörige der monotheistischen Religion Islam erfasst. So werden fast alle Menschen aus der Türkei immer noch undifferenziert als Muslime bezeichnet. Sowohl die Religion „Islam“ als auch ihre gläubigen „Muslime“ werden vielfach als „ein monolithischer Einheitsblock“ betrachtet.

Eine Differenzierung nach ihren kulturellen Merkmalen, religionshistorischen Kontexten, Rechtsschulen, kurz nach ihren weltanschaulichen Vorstellungen und Überzeugungen wird kaum gemacht. Wenn doch, dann unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und in wissenschaftlich fundierten Diskursen.

Foto: F. Nicolai

„Wir sollten gemeinsam die Werte der Aufklärung und des Humanismus verteidigen“ – Melek Yildiz auf der Kritischen Islamkonferenz im Mai 2013. Foto: F. Nicolai

Herr Fink, der HVD hingegen hat nur rund 20.000 Mitglieder. Der Verband kann also wirklich als klein bezeichnet werden. Weshalb tun sich denn überhaupt Menschen zusammen, die sich keiner religiösen Glaubenstradition zugehörig fühlen?

Helmut Fink: Wer sich nicht als religiös empfindet, kann sich ja sehr wohl für Fragen der Werte, der Ethik und des Lebenssinns interessieren und dabei Gleichgesinnte suchen. Das ist es, was eine Weltanschauungsgemeinschaft im Kern ausmacht. Natürlich kann man sich in unserer freien Gesellschaft sein Weltbild auch privat als Einzelner „zusammenstellen“ – aber wenn man dann etwa Kinderbetreuungs- oder Senioreneinrichtungen oder Lebens- und Sozialberatung sucht, die der eigenen Lebensauffassung entspricht, dann wird man schnell merken, dass eine Organisation als Träger Dinge leisten kann, die man als Einzelner nicht schafft. Und dann gibt es noch das weite Feld der öffentlichen Anerkennung und der politischen Interessenvertretung. Auch hier gilt: Einigkeit macht stark!    

Fühlen Sie sich ausreichend wahr- und ernstgenommen durch die großen Akteure, ob nun in der Politik oder auch seitens der größeren Religionsgemeinschaften?

Melek Yildiz: Als Alevitische Gemeinde Deutschland nehmen wir als berufenes Mitglied der Deutschen Islam Konferenz sowie des Integrationsgipfels der Bundesregierung teil. Dort werden wir natürlich wahrgenommen. Allerdings stellten wir in der Vergangenheit immer wieder fest, dass die deutsche Debattenlandschaft zur Integrationspolitik die Multiperspektivität des Islams nicht wahrnimmt. Auch bei der rechtlichen Gleichstellung des Islams mit den etablierten Großkirchen – etwa der evangelischen oder der katholischen Kirche – bleiben die Alevitinnen und Aleviten oft unberücksichtigt.

Helmut Fink: Mit dem wachsenden Bevölkerungsanteil konfessionsfreier Menschen wird auch die Wahrnehmung langsam besser. Es spricht sich herum, dass auch kirchenferne Menschen kulturelle Interessen haben. Viele Religionsvertreter haben das längst erkannt. Hier könnte der Dialog noch intensiviert werden, wenn wir selbst mehr personelle Kapazitäten dafür hätten. Ich strebe das an. Dialog ist wichtig, denn er fördert das gegenseitige Ernstnehmen.

Schwieriger ist es mit politischen Akteuren, die ihre angestammte religiöse Klientel nicht verprellen wollen und dabei nicht erkennen, dass auch die Konfessionsfreien Wähler sind und eine Stimme haben. Hier herrscht oft noch „altes Denken“. Der Koordinierungsrat säkularer Organisationen, dem der HVD angehört, hat deshalb schon vor einiger Zeit angeregt, analog zur Deutschen Islam-Konferenz auch eine Konfessionsfreien-Konferenz einzuberufen. Wäre das nicht eine echte Chance für politischen Dialog und gesellschaftlichen Fortschritt?      

Mit welchen Problemen sind säkulare Humanisten und Aleviten denn derzeit am stärksten konfrontiert, in Fragen der Kooperation mit dem Staat?

Melek Yildiz: Die Etablierung der alevitischen Glaubenslehre in Lehre und Forschung an deutschen Universitäten sowie die Anerkennung der AABF als Körperschaft des öffentlichen Rechts sind die bedeutendsten Ziele auf der politischen Agenda unseres Verbandes. Die Erteilung des Alevitischen Religionsunterrichts (ARU) als reguläres Unterrichtsfach an staatlichen Schulen stellt für uns eine historische und gesellschaftspolitische Errungenschaft dar.

Es gibt jedoch noch einige Hürden bei der Umsetzung des Unterrichtsangebots. Ein weiteres Problemfeld ist das universitäre Angebot zur Ausbildung von Lehrkräften für den ARU. Derzeit existiert bundesweit nur an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten ein Angebot zur Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrer für den ARU. Wir sind daher verstärkt darum bemüht, die Einrichtung eines eigenständigen Lehrstuhls für die alevitische Lehre und Forschung von einer den evangelischen u. katholischen Lehrstühlen vergleichbaren religionswissenschaftlichen Qualität einzurichten.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat mit der Anschubfinanzierung der Zentren für Islamische Studien ein wichtiges Zeichen in der zeitgemäßen Integrationspolitik gesetzt. Eine solche Anschubfinanzierung muss auch für ein universitäres Institut für Alevitische Studien erfolgen, um die Ausbildung von alevitischen Lehrerinnen und Lehrern, Geistlichen und wissenschaftlichem Nachwuchs an deutschen Universitäten zu etablieren. Die Einrichtung eines solchen Instituts wäre auch ein klares Signal in der Integrations- und Wissenschaftspolitik Deutschlands. Die plurale Gesellschaft muss sich auch an den Universitäten und in ihrem Angebot widerspiegeln.

Mit Vertretern dieser kooperierenden Gemeinschaften soll auf der Veranstaltung diskutiert werden, wie erfolgreich die Zusammenarbeit mit dem Staat verläuft und ob sich der Staat in weiteren Bereichen für die religiös-weltanschauliche Vielfalt in der Bevölkerung öffnen muss.

Helmut Fink: Für die säkularen Humanisten sehe ich zum einen die große Aufgabe, ihr Bildungs-, Beratungs- und Betreuungsangebot flächendeckend auszubauen. Das kann nur gelingen, wenn wir als Träger dieselben Refinanzierungsbedingungen vorfinden wie etwa kirchliche Einrichtungen. Dies ist insbesondere im Bereich der Privatschulen noch nicht der Fall.

Ein anderes wichtiges Feld ist der wertebildende Unterricht an der öffentlichen Schule. Hier arbeiten wir daran, das Schulfach „Humanistische Lebenskunde“ über Berlin und Brandenburg hinaus auch in anderen Bundesländern aufzubauen. Dies erfordert dann auch entsprechende Strukturen der Lehrerbildung. Es ist aus humanistischer Sicht gar nicht einzusehen, wieso der Lebenskundeunterricht schlechter gestellt sein sollte als z.B. der politisch erwünschte und vielerorts im Aufbau befindliche Islamunterricht.    

Als weiteres Beispiel für das Ziel der Gleichbehandlung nenne ich die Beteiligung von Humanisten am lebenskundlichen Unterricht – eine Art Ethikunterricht – in der Bundeswehr. Auch hier wird es auf Dauer keine christliche Alleinstellung mehr geben können. Viele Soldaten sind ja konfessionsfrei.

Offene Religionspolitik in der Praxis Während im Zentrum religionspolitischer Diskussionen das Verhältnis des Staates zur römisch-katholischen Kirche, den evangelischen Landeskirchen und dem Islam steht, ist die Kooperation des Staates mit den kleineren Gemeinschaften bislang wenig ausgeleuchtet. Einige kleinere Religionsgemeinschaften und säkulare Weltanschauungsgemeinschaften sind zwar bereits Körperschaften öffentlichen Rechts, nutzen den staatlichen Kirchensteuereinzug und bieten Religionsunterricht in der Schule an. Die Vielfalt der Anschauungen und Bekenntnisse wird in Zukunft eher noch zunehmen – umso wichtiger ist es, einen Weg zu finden mit der Vielfalt in Freiheit zu leben. Das Forum Offene Religionspolitik (FOR) und die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit laden am nächsten Samstagabend in Berlin zu einer Diskussion über die Zusammenarbeit des Staates mit den kleineren Religionsgemeinschaften und säkularen Weltanschauungsgemeinschaften ein. Neben Melek Yildiz und Helmut Fink sind Ulf-Martin Schmidt, Pfarrer und Vorsitzender des Kirchenvorstands der Alt-Katholiken in Berlin, sowie Sven Speer, Vorsitzender Forum Offene Religionspolitik, die Gäste auf dem Podium. Mehr zur Veranstaltung: wwww.freiheit.org

Und wo gibt es aus Ihrer Sicht gemeinsame Interessen, Positionen und Ziele?

Melek Yildiz: In der öffentlichen Debatte der gegenwärtigen Migrations- und Integrationspolitik werden Fehlleistungen und falsche Prioritätensetzung der politisch Verantwortlichen unserer Regierung beklagt. Wir haben sicherlich alle ein Interesse daran, uns als Gesellschaft zu begreifen. Dabei spielt die politische Kultur eine essentielle Rolle.

Wir sollten gemeinsam für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie streiten und die Werte der Aufklärung und des Humanismus verteidigen. Und zwar unabhängig von politischen Konstellationen und Mehrheiten, unabhängig von Diskursen, die nicht der gelebten Wirklichkeit entsprechen, unabhängig von gesellschaftlichen Moden und ökonomischen Rahmenbedingungen. Ein zugegebenermaßen hoher Anspruch, an dem wir uns als Akteure des Wandels dennoch messen lassen müssen. Dazu gehören natürlich auch das Scheitern und das Eingestehen eigener Fehlleistungen und falscher Prioritäten, solange wir das Wesentliche, die Verständigung darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, nicht aus den Augen verlieren.

Helmut Fink: Unsere Gesellschaft ruht auf gemeinsamen Grundwerten, die oftmals nur verschieden begründet werden, weil auf unterschiedliche Traditionen und Denkschulen Bezug genommen wird. Dass Bildung ein zentraler Wert ist, dass Konflikte friedlich ausgetragen werden können und müssen, dass gelebte Vielfalt möglich sein muss und Fundamentalismus nicht weiter führt – das alles werden doch die wenigsten Akteure in unserer Gesellschaft bestreiten. Menschenwürde und Menschenrechte verbinden uns.

Ich habe die Hoffnung, dass in Europa die Grundwerte von Aufklärung und Humanismus unumkehrbar verankert sind. Wir müssen sie nur immer wieder neu fruchtbar machen. Dann werden wir auch Säkularisierung, Integration und Wertewandel gemeinsam konstruktiv gestalten können.

Was erhoffen Sie sich von der Diskussion am Wochenende in Berlin?

Melek Yildiz: Deutschland ist nicht nur ein Einwanderungsland, sondern auch geprägt von einer großen Vielfalt – eine nicht weg-diskutierbare Realität und Normalität. Wir alle (er-)leben Diversität in unserem persönlichen und beruflichen Alltag schon lange. Jetzt müssen wir beginnen, die Dimensionen dieser Heterogenität zusammenzudenken und auch politisch und gesellschaftlich zu nutzen. Nur durch den Dialog miteinander und der Sensibilisierung füreinander, durch Streiten für gemeinsame Werte, durch ein gemeinsames Wirken, ist eine inklusive Gesellschaft unseres Landes möglich.

Helmut Fink: Das Podium behandelt ein spannendes Thema, und ich erhoffe mir vor allem eine Sensibilisierung der Zuhörer aus dem politischen Raum für die noch ungelösten Fragen. Dabei werden sicher manche der Probleme konkretisiert werden. Und vermutlich wird sich zeigen, dass es in vielen kleineren Gemeinschaften ähnliche Problemlagen und Problemwahrnehmungen gibt.

Wenn dann herauskäme, dass mit einer offeneren Religionspolitik und einer echten Gleichbehandlung der nichtreligiösen, säkularen Weltanschauungen mit den Religionen letztlich der ganzen Gesellschaft gedient ist, dann hätte das Podium aus meiner Sicht sein Ziel erreicht. Es wäre dann ein Schritt auf dem Weg zu einem liberalen, offenen und fairen Religions- und Weltanschauungsrecht im neutralen Staat – und ein Signal der Verständigung und des Verständnisses über Weltanschauungsgrenzen hinweg.

Frau Yildiz, Herr Fink, vielen Dank für Ihre Antworten.