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Debatte um Hausfrauen-Thesen: „Das Problem ist die Kinderfeindlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse“

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Mit drastischen Äußerungen hat der katholische Theologe Kardinal Joachim Meisner den Streit um die Familienpolitik in Deutschland genährt. Trägt das Recht auf Schwangerschaftsabbruch die Schuld für den demografischen Wandel?
Sonntag, 26. Mai 2013
 Foto: T. Hummitzsch

„Marsch für das Leben“, Berlin im September 2012. Foto: T. Hummitzsch

Und führt der Abfall vom Glauben zu einer sterbenden Gesellschaft? Mit einem Interview in der Stuttgarter Zeitung hat der vor seinem Ruhestand stehende Kölner Erzbischof Joachim Meisner am vergangenen Sonntag die Debatte um Kind und Karriere noch einmal neu angeheizt. Mit Blick auf den Verfall der gesellschaftlichen Institution der Familie sagt der Philosoph Frieder Otto Wolf im Gespräch mit diesseits zur Kontroverse, hier müsste eine humanistische Politik „energisch gegensteuern“.

Herr Professor Wolf, der scheidende Kölner Kardinal Joachim Meisner sagte in einem Interview vom vergangenen Sonntag, wir seien „ein sterbendes Volk“, das eine „perfekte Gesetzgebung für Abtreibung“ habe. Er sprach von der „Selbsttötung einer Gesellschaft“.  Wie weit würden Sie denn mit den Aussagen des Kardinals mitgehen?

Prof. Frieder Otto Wolf: Gar nicht! Ich sehe da nur die sexualfeindliche Phantasie, unsere menschliche Sexualität darauf zu reduzieren, ein Mittel zur Fortpflanzung zu sein.

Fakt ist, dass die Geburtenziffern seit langem auf einem Tiefpunkt verharren, gerade säkularere Gruppen in der Gesellschaft sind laut einigen Untersuchungen hier „ganz vorne“ mit dabei. Zeichnet sich da nicht die Botschaft ab: Wo die Menschen vom Glauben abfallen, hören sie häufig auf, Familien zu gründen und Kinder aufzuziehen?

Ich ziehe es vor, meinerseits zu glauben, dass Konfessionsfreie eher dazu neigen, ihre realen Möglichkeiten nüchtern einzuschätzen – und insofern ganz rational auf die existierende Kinderfeindlichkeit der deutschen Gesellschaft zu reagieren.

Daher hilft hier auch kein Predigen, sondern nur die Veränderung der Umstände, durch die es in unserer Gesellschaft zu einem relevanten Armutsrisiko wird, etwa Kinder zu bekommen. Das muss aber nicht so sein, allein schon durch eine andere Politik der öffentlichen Kinderbetreuung und der Erleichterung der Übergänge zwischen Phasen der Mutter- bzw. Vaterschaft und der Berufstätigkeit könnte hier viel erreicht werden.   

Und dass die Zahlen in den Bundesländern mit relativ hoher kirchlicher Bindung der Einwohner ähnlich niedrig sind wie in den neuen Bundesländern, wäre nur ein Zeichen für eine weitgehende Säkularisierung der Lebenswirklichkeiten?

In der Tat macht es wohl für die wirklich elementaren Lebensentscheidungen der allermeisten Menschen in Deutschland keinen Unterschied mehr, was ihre Kirchen dazu sagen.

Das Spannungsfeld der gesellschaftlichen Realität umfasst nun feministische Gruppen genauso wie sogenannte Antideutsche, daneben stark wertkonservative Milieus und darunter natürlich auch religiöse Fundamentalisten wie Kardinal Meisner. Das Bild vom „sterbenden Volk“, gerade aus einem Mund der katholischen Kirche, berührt die Menschen hier wohl ganz unterschiedlich. Wie berührt es Sie?

Eher merkwürdig – wo „wir“ doch gleichzeitig in breitem Umfang jugendliche Eliten aus Südeuropa dazu zwingen, ihre Zukunft hierzulande zu suchen. Wir sind doch schon lange ein Einwanderungsland und werden dies immer mehr. Wer da von „Volkstod“ faselt, hat überhaupt nicht verstanden, dass das „deutsche Volk“ immer schon ziemlich „migrantisch“ gewesen ist.

Ein persönliches Beispiel: Meine Heimatstadt Kiel ist in den zwei Jahrzehnten nach der Reichseinheit von ca. 30.000 auf 250.000 Einwohner angewachsen – und die kamen aus einem ziemlich multiethnischen Reich, auch wenn sie wohl alle deutsch sprachen. Aber das lernen unsere heutigen MigrantInnen doch auch gerade – und viele haben es längst gelernt, von den deutschen PolInnen im Ruhrpott bis zu den deutschen TürkInnen in Berlin.

Abtreibungsverbot ist keine Option für eine aus humanistischer Sicht vernünftige Familienpolitik. Wo sehen Sie die maßgeblichen Ursachen für den weitverbreiteten Nachwuchsmangel, die der Kardinal lieber verschweigt?

Das einzige Problem, was ich hier überhaupt sehe, ist das Problem der mangelnden Kinderfreundlichkeit unserer gesellschaftlichen Verhältnisse, die es vielen Frauen und wohl auch Männern, die sich durchaus Kinder wünschen, viel zu schwer macht, sich diese Wünsche zu erfüllen.

Es geht wirklich darum, Berufstätigkeit und öffentliche Angebote so umzubauen, dass Menschen sich ihre Kinderwünsche erfüllen können, ohne befürchten zu müssen, dadurch mit Stress und Armut gleichsam bestraft zu werden – und das sollte für alle Menschen gelten können, die hier leben, ohne Unterschied nach Herkunft und Pass.

Meisners Argument von der weggenommenen Jugend aus anderen Ländern ist beachtlich, Einwanderung ist nur bedingt eine Lösung. Wo gäbe es sonst noch Wege zu einer familienfreundlichen Gesellschaft?

Ich denke, dass es als gesichertes Wissen betrachtet werden kann, dass viel mehr Menschen in diesem Land sich Kinder wünschen, als dann wirklich welche bekommen. Dabei spielen reproduktionsmedizinische Probleme – als Schwierigkeiten bei Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt – eine vernachlässigbare Rolle, so sehr sie auch in den Medien aufgegriffen werden.

Das eigentliche Problem ist eben immer noch: Doch die Verhältnisse, die sind nicht so! Flächendeckende Kinderbetreuung in guter Qualität zu erschwinglichen Kosten für die Eltern ist die eine Achse von Forderungen, hier nachhaltig für eine Verbesserung zu sorgen; die andere Achse bezieht sich darauf, wirklich umfassend Elternphasen als normalen Bestandteil von Berufsbiographien lebbar zu machen – für Männer wie für Frauen.

Dass sich etwa Unternehmen dafür interessieren, dass ihre Mitarbeiter eine Familie haben bzw. haben können, erscheint mit Blick auf die heutigen Zustände reichlich utopisch.

Dass das ein ähnlich tiefer Einschnitt wie dies historisch die Einführung des Normalarbeitstages oder des bezahlten Urlaubs für ArbeiterInnen gewesen ist, das ist mir schon klar. Aber wir sollten uns daran erinnern, dass auch bei diesen Gelegenheiten ganze Scharen von Experten – damals nur Männer – öffentlich vorgerechnet haben, dass das überhaupt nicht geht, sich nicht rechnet, wider die Natur ist oder vergleichbarer Quatsch!

In der Sonntagsfrage stehen CDU/CSU stabil bei 40 Prozent. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft rührt derzeit weiter die Werbetrommel dafür, dass auch die FDP im Boot bleibt. Es sieht gerade nicht so aus, als würde sich politisch demnächst viel ändern.

Zur Bundestagswahl ist noch einige Zeit hin – da kann noch einiges passieren: Noch sind die Wahlurnen ja nicht ausgezählt. Gravierender scheint mir, dass auch von anderen Parteien keine wirklich tiefer greifenden Alternativen angeboten werden. Allerdings werden die ganz realen Krisenprozesse auch weiterhin dazu zwingen, dass sich – wenn auch im Modus des einigermaßen orientierungslosen Durchwurstelns – dann in der Wirklichkeit doch sehr viel ändert. Aber leider wird dies voraussichtlich nicht im Sinne nachhaltiger Lösungen sein…

Was meinen Sie mit den ganz realen Krisenprozessen?

Ich denke, wir haben es zumindest mit einer komplexen ökologischen Krise zu tun, wie sie etwa in der Klimaentwicklung oder im Artensterben zum Ausdruck kommt, aber auch mit einer tiefsitzenden Krise des finanzkapitalistischen Wirtschaftsmodells, wie es sich in den letzten 30 Jahren weltweit entwickelt hat und zur Zeit ihre wichtigsten Ausdrucksformen in der Staatsschuldenkrise – auch der USA – und in den damit verknüpften Währungskrisen findet.

Sehen Sie wirklich die Furcht der Menschen vor Stress und Armut als maßgeblichen Grund, dass es so wenige Kinder gibt? In den alten – wohlhabenderen – Bundesländern ist das schon seit 30 Jahren so. Und bis vor einer Weile hieß es, dass gerade die hochqualifizierten Akademikerinnen und Akademiker besonders wenige Kinder haben.

Das ist sicherlich psychologisch sehr vielfältig – das kann auch die Form annehmen, dass jemand einfach andere Prioritäten setzt, auch ohne sich zu fürchten oder gar unter Ängsten zu leiden. Aber die strukturellen Faktoren sind eben die von mir genannten – vielleicht sollte noch der berufliche Misserfolg als solcher mit angesprochen werden, der eben auch hoch qualifizierten Frauen droht, wenn sie sich, ohne auf entsprechende positive Rahmenbedingungen zurückgreifen zu können, für Kinder entscheiden. Und in den alten Bundesländern, war das Verarmungs- und Stressrisiko besonders von Frauen, die ihren Kinderwunsch verwirklichten, doch sehr greifbar. Es waren ja keineswegs alle wohlhabender.

Bild: Statistisches Bundesamt

Ein hohes Einkommen und nette Rahmenbedingungen allein machen auch noch keine Familie. Menschen können ihr Geld für alles Mögliche ausgeben, für Autos, Reisen oder sonst irgendwas. Die Geburtenziffer in den alten Bundesländern war 1983 genauso niedrig wie heute.

Ich glaube auch gar nicht an diese Umkehrung dieses Arguments! Familie, also eine kleine, langfristig angelegte Lebensgemeinschaft, erlaubt es ganz andere Bedürfnisse zu befriedigen, als dies durch Konsum geschehen kann. Der Wunsch, mit Kindern zu leben und sie „großzuziehen“ ist da nur ein, wenn auch sehr wichtiges Beispiel. Und die Befriedigung dieser Bedürfnisse, die doch für die Kultur und Lebensqualität einer Gesellschaft wirklich wichtig sind, bedarf eben der gesellschaftlichen Einbettung und Unterstützung, wobei monetäre Aspekte jedenfalls nicht im Vordergrund stehen sollten. Das Wort von der gesellschaftlichen „Kinderfeindlichkeit“ ist meines Wissens in den 1960er Jahren in der alten Bundesrepublik aufgekommen. Da gab es dieses Problem – und zwar nach meiner Erinnerung in ziemlich massiver Weise.

Das Reden über die „Keimzelle der Gesellschaft“ ist nun traditionell eine Domäne von den konservativen und kirchlich geprägten Milieus. Ist es aus einer humanistischen und säkularen Perspektive sinnvoll, ihnen das zu überlassen?

Die Frage ist dabei nur, welchen Familienbegriff wir zugrunde legen. Selbstverständlich ist eine stabile kleine Gemeinschaft von „Bezugspersonen“ als „Einstiegsplattform“ und langfristige „Basis“ für Kinder von zentraler Bedeutung – auch wenn wir nicht vergessen sollten, wie viel Leid Kindern in und von real existierenden Familien angetan wird.

Die Rede von der „Keimzelle“ bleibt aber ein biologistisches Ideologem, dem wir nicht auf den Leim gehen sollten – auch die Fabrik oder das Labor bzw. der Bauernhof sind doch in gewissem Sinne derartige „Keimzellen“, wenn wir schon diese Metapher benutzen wollen.

Und damit diese kleinen Gemeinschaften optimal funktionieren, also weniger instrumentalistisch formuliert, ein gutes Leben möglich machen, sind sie immer auch durch entsprechende Formen der öffentlichen Aufsicht, der Förderung und der Beratung zu ergänzen. Ähnliches gilt aber auch für stabile Wohngemeinschaften von Menschen, die nicht mit Kindern zusammen leben. Sie braucht mensch einfach zum guten Leben.

Eine progressive, nicht diskriminierende Familienpolitik, die sich darum kümmert, dass sich derartige Familien im weitesten Sinne gut entwickeln können, halte ich für ein wichtiges humanistisches Anliegen – über das eine Verständigung möglich ist, auch ohne sich über Fragen der Wirtschafts- oder der Gesellschaftspolitik zu einigen.

Das Statistische Bundesamt berichtete außerdem vor kurzem, dass nur noch 49 Prozent der Bevölkerung in Familien leben. Eine fundamentale gesellschaftliche Institution, ich denke da auch an Artikel 6 Grundgesetz, ist jetzt ein Minderheitenerlebnis. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Ja, durchaus – da müsste eine humanistische Familienpolitik, wie ich sie eben umrissen habe, energisch gegensteuern!

Öffentliche und politische Gespräche über diese Themen riechen jedenfalls immer noch schnell nach Kirche, Mutterkreuz und hetero-normativem Patriarchat, angeführt werden die Diskussionen oft auch von Männern – wie hier gerade. Ist das ein notwendiges Übel oder ein plausibler Zustand?

Ich fürchte, das ist einfach nur ein Übel, nicht einmal ein notwendiges. Damit dieser strenge Geruch aus den Debatten um die Familienpolitik endlich entweicht, muss sie ganz einfach breiter geführt werden: nicht nur zwischen Männern und Frauen oder auch zwischen Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierungen, sondern durchaus auch zwischen Menschen, in deren Leben ein Kinderwunsch ganz unterschiedliches Gewicht hat – von fast gar keines bis zu übermächtig. Aber dass das so schwierig ist, hat eben auch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, unter denen wir diese Debatte zu führen versuchen.

Von den „gesellschaftlichen Verhältnissen“ war vorhin schon die Rede, was ist damit gemeint? Die soziale Marktwirtschaft, die parlamentarische Demokratie, die freien Medien? Konsumismus, Ellenbogenmentalitäten oder die Entpolitisierung bei den Menschen?

Ich denke, es muss hier genügen, sich auf alles das zu beziehen, was in Staat und Gesellschaft die positive Entwicklung von Familien in dem von mir benannten allerweitesten Sinne behindert. Und hier kann eine Menge getan werden, auch ohne dass wir uns gleich auf die ganz großen gesellschaftspolitischen Fragen stürzen – und die parlamentarische Demokratie oder die freien Medien sind jedenfalls sicher als solche kein Teil dieser kinder- und familienfeindlichen Verhältnisse. Allenfalls die auch in Parlamenten und Medien bis in die jüngste Vergangenheit zu beobachten Tendenzen zur Diskriminierung junger Mütter – oder auch junger Väter, die ihre Vaterrolle wirklich ernsthaft übernehmen.

Zukunft mit Kindern Der demografische Wandel ist Thema des Wissenschaftsjahres 2013. Eine Expertise zur Fertilität und gesellschaftlichen Entwicklungen steht daher im Mittelpunkt eines gemeinsamen Projekts der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Ein Online-Portal klärt über populäre Mythen auf und präsentiert die Kernaussagen und Empfehlungen einer interdisziplinären Akademiengruppe anschaulich und multimedial. Im Netz: www.zukunft-mit-kindern.eu

Kinder, Krisen und Kapitalismus – Zu unseren gesellschaftlichen Verhältnissen gehören heute auch die sozialen Netzwerke im Internet: Sind das Stücke eines kaputten Systems oder bieten sie auch Chancen zu seiner Veränderung?

Zusammen aktiv zu werden, sich zu unterstützen und gemeinsam nicht nur Forderungen zu erheben, sondern auch bei sich selbst damit anzufangen, Probleme zu lösen oder lösbar zu machen, gehört sicherlich zu einem gelingenden humanen Leben. Gerade auch in kaputten Verhältnissen kann man hier wichtige Ressourcen der Solidarität und der Selbsthilfe aktivieren.

Und das kann dann auch viel weiter führen. In meiner Generation war es die Kinderladenbewegung, die hier viel geleistet hat – weit über die Selbsthilfe studierender Eltern hinaus. Und sie ist ja hier in Berlin auch weder verschwunden, noch ist sie ohne Bedeutung für den Umgang mit Kindern auch in öffentlichen Einrichtungen geblieben – ganz im Gegenteil: Sie hat zu einer neuen Kinderfreundlichkeit geführt. Das sollte doch auch den heutigen jungen Eltern Mut machen, ihre Initiativen zu ergreifen!