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Streit über Gott: „Auf sehr lange Zeit wird der Atheismus keine guten Karten haben“

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Eine realistische Weltbetrachtung scheint eher auf dem Rückzug zu sein, meint Peter Henkel. Im Gespräch mit »diesseits« sagt der ehemalige Landeskorrespondent der Frankfurter Rundschau und Buchautor, dass Religion reale Vorteile bringt und Atheismus als solcher noch keine Quelle sei, aus der moralische Impulse fließen könnten.
Freitag, 24. Mai 2013
Foto: ESO

 „Die maximal ca. 5000 mit bloßem Auge sichtbaren Sterne stellen nur einen winzigen Bruchteil der nach heutiger Schätzung zig Trilliarden Himmelskörper dar.“ Foto: ESO

Peter Henkel hatte mit dem früheren CDU-Politiker Norbert Blüm in 20 Briefen sieben Monate lang über den Glauben an Gott gestritten. Der Herder Verlag veröffentlichte den Schriftwechsel im vergangenen Jahr schließlich im Buch „Streit über Gott – Ein Gespräch unter Gegnern“.

Im diesseits-Gespräch meint Henkel, Immanuel Kant hätte sich nicht träumen lassen, dass die Forderung an Religionen, vor einem „Gerichtshof der Vernunft“ Rede und Antwort zu stehen, „gut zwei Jahrhunderte später ganz überwiegend als absurd und als anmaßend empfunden würde“. Als einen Skandal bezeichnet er die seitens der Kirche und akademischen Theologie fehlende Auseinandersetzung mit Karlheinz Deschners Lebenswerk.

Wenn es IHN nicht gibt, rasen wir wie Milliarden Menschen vor und nach uns durch den dunklen, sich weiter ausdehnenden Kosmos. Unsere Lebensspanne ist im weltzeitlichen Maßstab lediglich ein kurzes Blitzlicht, und unsere kleine Existenz verglüht wie eine Sternschnuppe – ohne Rückstände im Weltall. Kein schöner Gedanke, oder? – Norbert Blüm am 23. November 2011 in Bonn

Lieber Peter Henkel – so begann ja auch Ihr Streitpartner seine Antworten auf Ihre Briefe –,  in Ihrer Korrespondenz bezeichnen Sie den Gedanken vom menschlichen Dasein als ein einsames Rasen durch den Kosmos“ als „grässlich und grauenvoll“. Warum finden Sie denn eigentlich nicht die Idee großartig, dass es einen Gott gibt und er uns Menschen ein unvorstellbar riesiges Universum zum Erforschen und Erkunden geschenkt hat?

Peter Henkel: Es mindert die Großartigkeit eines Gedankens nun mal ganz beträchtlich, wenn schon seine Voraussetzung falsch ist und sie auch nicht vom Menschen geschaffen werden kann – denn so etwas wie Gott existiert nicht, und herbeizudenken oder zu -beten vermag ihn auch niemand. Im Übrigen erforscht ja nicht die Gattung Mensch dieses alle Vorstellung weit übersteigende Universum, sondern nur eine winzige Schar von Wissenschaftlern. Uns Normalsterblichen bleibt im Wesentlichen die staunende Betrachtung eines majestätischen Nachthimmels. Und das  Bemühen, nicht denselben Fehler zu machen wie zig Generationen zuvor, nämlich in diesem nur scheinbar so harmonischen, stabilen, vertrauenerweckenden „Himmelszelt“ schon das Ganze zu sehen und dahinter die ordnende göttliche Hand.

Die maximal ca. 5000 mit bloßem Auge sichtbaren Sterne stellen aber nur einen winzigen Bruchteil der nach heutiger Schätzung zig Trilliarden Himmelskörper dar, in einem Kosmos, in dem sich jede Sekunde die gigantischsten Entstehungs- und Untergangsprozesse ereignen. Meine Vermutung: Wären wir deren Augenzeugen, gäbe es wohl gar keine Religion, es sei denn als Ausdruck schierer Angst und Verzweiflung über dieses sinnlose, hochbedrohliche Stirb und Werde. Die ungeheuerliche kosmische Realität ist eines der Indizien dafür, dass der christliche Glaube vom Menschen als Ziel und Mittelpunkt göttlicher Schöpfung nicht nur hochgradig spekulativ ist, sondern schlicht falsch, weil illusionär.

Sie zeigen sich in einem ersten Brief überzeugt, dass Religion in den nächsten Jahrzehnten eine zentrale Rolle in vielen Weltregionen spielen wird. Was meinen Sie, welche Rolle wird oder soll in so einer Welt dann der Atheismus, den Sie ja als Autor schon seit mehreren Jahren vertreten, spielen?

Auf sehr lange Zeit wird der Atheismus keine guten Karten haben. Sein „Angebot“ ist in unserer  Welt des allgegenwärtigen Marketing bei weitem nicht attraktiv genug. Global ist eine übergroße Mehrheit religiös eingestellt, je nach Tradition und Kultur. Atheisten müssen sich bewusst machen: Da wirkt das Prinzip der Evolution. Religion bringt Vorteile – dem Einzelnen wie der Gesellschaft, und keineswegs bloß eingebildete, sondern ganz reale – und steht deshalb so hoch im Kurs, unabhängig von ihrer jeweiligen Gestalt. Unterschlagen, verdrängen, vergessen werden dabei bekanntlich nur zu oft die Nachteile, nämlich die vielfältigen und gewaltigen Schäden, die Religion in der Menschheitsgeschichte anrichtete. Und die Frage nach ihrer Wahrheit wird oft nicht mehr gestellt. Wünschenswert wäre es, wenn ein säkularer Humanismus einen globalen Siegeszug anträte – also einerseits die prinzipielle atheistische Absage an alle jenseitigen Phantasien und andererseits das Bekenntnis zu einer lebensdienlichen Ethik, die ohne alle Hybris den Menschen und seine konkreten Interessen ins Zentrum rückt. Aber auch hier sollten wir uns hüten vor Wunschdenken. Eine realistische Weltbetrachtung, die bewusst ohne Religion, Esoterik, Aberglaube etc. auskommt, scheint eher auf dem Rück- denn auf dem Siegeszug.  

Foto: Reiner Pfisterer

Die Devise „Anything goes“ überwuchert alles, hat Peter Henkel festgestellt. Foto: Reiner Pfisterer

Norbert Blüm schrieb Ihnen, dass „die Sehnsucht nach Gott dem Menschen wesenseigen“ sei. Für Sie ist Gott „ein Produkt menschlichen Denkens, Fühlens, Hoffens, anzutreffen allein in den Köpfen derer, die an ihn glauben“, und Sie halten Ihrem Briefpartner entgegen, dass Durst kein Wasser herbeischafft. Nun kann man aber Durst schon als ein sehr deutliches Indiz dafür sehen, dass es so etwas wie Wasser geben muss.

Aus ganz natürlichen biologischen Sachverhalten sollte man keine metaphysischen Kurzschlüsse ableiten. Organisches Leben braucht Wasser, und Durst veranlasst uns, das Nötige zu trinken. Das sagen uns Erfahrung und Logik. Religiöse Sehnsüchte geben aber eine Parallele in dem Sinne, dass folglich auch ihr Objekt ein real existierendes sein müsse, nicht her. Die Gotteshypothese ist jenseits aller Erfahrung angesiedelt, und alle Versuche, sie logisch zu begründen, gelten zu Recht als gescheitert. Religiöse Sehnsüchte sind vielmehr nachvollziehbar entstanden als menschliche Antworten auf unterschiedlichste, aber immer sehr diesseitig erklärbare Fragestellungen und Herausforderungen.    

Norbert Blüm eröffnet sein Plädoyer für Gott unter anderem mit dem Satz „Wir twittern uns hemmungslos mit Belanglosigkeiten zu Tode. Wir schwätzen uns besinnungslos. Und da sollen wir über Gott schweigen?“ Sie gestehen ihm in Ihrer Antwort zu, dass „der Tanz um das Goldene Kalb der Belanglosigkeiten, das Breittreten des Quarks um Stars und Sternchen, das kurzatmige Twittern und gedankenarme Posten“ auch Gegengewichte brauchen. Verraten Sie uns welche, wenn nicht Gott?

Nicht Gott ist da das gemeinte und taugliche Gegengewicht, sondern wieder mehr Besinnung auf existenzielle Fragen anstelle der permanenten geräuschvollen Unterhaltung durch dieses und jenes. Zu den wesentlichen Themen zählt der Kern des Religiösen. Allerdings mache ich als jemand, der mittlerweile drei Bücher dazu geschrieben hat und entsprechend oft einschlägige Gespräche führt, fortwährend die Erfahrung, dass wohl auf keinem anderen Felde so schludrig und kurzatmig gedacht – oder besser gefühlt – wird wie hier. Oft könnte man annehmen, die Epoche der europäischen Aufklärung habe nur in den Geschichtsbüchern stattgefunden, nicht aber in den Köpfen. Die Devise „Anything goes“ überwuchert alles. Geglaubt wird, was man bloß ererbt hat, was irgendwie nützlich oder angenehm erscheint und spirituellen Kitzel verschafft, was vermeintlichen Sinn produziert oder den Allmächtigen nicht verärgert, den es ja vielleicht doch irgendwie gibt. Das Ganze wird dann noch überhöht als Realisierung von Freiheitsrechten, auf die jede(r) Anspruch hat.

Cover

Der Glaube an Gott – tröstlich, aber unredlich? Oder Kaschierung von Machtansprüchen? Und die Kirchenkrise – eine Krise des Gottesglaubens? Was heißt das überhaupt: »Gott«? Was wäre, wenn Er nicht existiert? Peter Henkel und Norbert Blüm sprechen Klartext und streiten leidenschaftlich: ein politischer Journalist, der davon überzeugt ist: der Himmel ist leer. Der andere ist sicher: Der Mensch ist nicht der letzte Maßstab. Der traditionsreiche Verlag Herder veröffentlichte 2012 den Briefwechsel in einem 220 Seiten starken Band.

Als Immanuel Kant – der ja beileibe kein Atheist war – verlangte, Religionen müssten vor einem „Gerichtshof der Vernunft“ Rede und Antwort stehen, da hat er sich wohl nicht träumen lassen, dass dieses Ansinnen gut zwei Jahrhunderte später ganz überwiegend als absurd und als anmaßend empfunden würde, als Ausgeburt eines von Herzen verachteten „Rationalismus“, von dem viele Zeitgenossen unter tätiger Mithilfe unserer Theologen die trübsten und absonderlichsten Vorstellungen hegen.  

Und was halten Sie eigentlich von den Vorschlägen des britischen Philosophen Alain de Botton, der dafür plädiert, Religionen als Fundgrube voll wertvoller Dinge zu betrachten und sich diese zu Nutze zu machen?

Alain de Botton ist Atheist, diese Information sollte nicht unter den Tisch fallen. Ich stimme ihm voll zu: Religion ist eine solche Fundgrube. Es ist beispielsweise abwegig – leider tun viele Atheisten das -, ihren immensen Beitrag zur Entwicklung von Wissenschaft und Kunst zu ignorieren oder zu leugnen. Ein fairer Atheist erkennt aber problemlos an, was sie etwa zur Ethik, zur Würde des Menschen, zum sozialen Zusammenhalt zu sagen hat, beitragen kann und tatsächlich beiträgt (und teilt es, mit Ausnahme religiöser Letztbegründungen). Insofern können säkulare Humanisten sogar Bündnisse mit ihren Anhängern eingehen. Dies aber immer in dem Bewusstsein der unendlich vielen Irrwege und Schandtaten, die Religion und Kirche zu verantworten haben; und eben des Umstands, dass ihr Fundament aus frommer Fiktion besteht.    

Laut dem aktuellen Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung besitzen religiöse Menschen ein höheres soziales Kapital. Halten Sie das für möglich und wie erklären Sie sich den Befund?

Ich halte das sogar für sehr wahrscheinlich. Wenn jemand seine religiöse Überzeugung ernst nimmt, in unseren Breiten also im Normalfall eine christliche, dann steigt zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass ihm auch das Gebot der Nächstenliebe am Herzen liegt. Dass Christentum auch zu bigotter Kaltherzigkeit führen kann und bis heute oft genug geführt hat, ändert daran nichts. Atheismus hingegen ist als solcher noch keine Quelle, aus der moralische Impulse fließen könnten. Die können sich erst dann einstellen, wenn Gottlose sich obendrein zu einem Konzept wie dem säkularen Humanismus bekennen. Das aber, wiederum siehe oben, ist einigermaßen kompliziert, wärmt viel weniger und ist ohnehin nur einer kleinen Minderheit vertraut.   

Würden Sie sich eigentlich freuen, wenn es Ihnen gelänge, Ihren Gesprächspartner zum Atheismus zu bekehren? Oder besitzt der diskursive „Kreisverkehr“ für Sie einen immanenten Wert?      

Anders als Richard Dawkins ziele ich nicht aufs Bekehren, sondern aufs Argumentieren, und welche Schlüsse Norbert Blüm selbst oder der Leser aus unserem Disput ziehen, will und muss ich ihnen überlassen. Hinzu kommt die Erfahrung, dass gottlose Erwägungen, so triftig sie unsereinem erscheinen, an gläubigen Mitmenschen abprallen. Und doch würde ich sie nicht als „Religioten“ und anderes verächtlich machen, wie das in atheistischen Kreisen leider immer wieder geschieht – ich kenne zu viele gläubige Menschen, denen Intelligenz und/oder Integrität abzusprechen abwegig wäre.   

Offen gesagt, würde es mich sogar eher stören, wenn ein Christ eines meiner Bücher läse, es am Ende zuschlüge und sagte: „Jetzt bin ich auch Atheist.“ Für so etwas braucht man Zeit – wie vor vielen Jahren auch ich selbst. Weit wichtiger ist aber die entschiedene Zurückweisung des so überaus beliebten Missionierungsvorwurfs an Atheisten, die aus ihrer Überzeugung kein Hehl machen, sondern sie so deutlich nach außen hin vertreten, wie viele Gläubige das ganz selbstverständlich mit der ihren halten. Dieser Vorwurf ertönt ja reflexhaft, sobald Religionskritik offensiv geäußert wird. Er zeugt von Voreingenommenheit und Blindheit für die permanente, ganz und gar einseitige Durchdringung der Gesellschaft von Seiten von Kirche und Religion. Und er zeigt, wie verklemmt der Diskurs über religiöse Kernfragen bei uns ist, wenn er denn überhaupt stattfindet. Für gewöhnlich sind sie ja ohnehin tabu. Diese Tabuisierung ist aber nicht zu akzeptieren. Denn es kann nicht sein, dass ein Land, das trotz allem immer noch so sehr religiös geprägt ist wie das unsere, eine offene Kontroverse ausgerechnet über die Basis dieser Prägung so beharrlich meidet. Die üblichen Debatten über christliche Werte, über Päpste oder Pädophilieskandale sind wichtig und richtig. Sie werden aber auch dazu genutzt, bewusst wie unbewusst, den Disput über religiöse Kernfragen zu meiden. Also: Was Norbert Blüm und ich da unternommen haben, wird viel zu selten unternommen – in Buchform eine absolute Rarität –, und es trägt seinen Wert und seinen Sinn in sich selbst.

Foto: PR

Streit über Gott – Live in Stuttgart Am 9. Juni 2013 stellen Norbert Blüm und Peter Henkel ihr Buch im Humanistischen Zentrum Stuttgart vor und diskutieren miteinander und mit dem Publikum. Mehr Informationen: www.dhuw.de

Sie haben im Briefwechsel nicht nur tiefe Einblicke in Ihre persönliche Glaubensentwicklung und -erfahrung gewährt, sondern auch gezeigt, dass man beim ziemlich frommen Herder-Verlag mit der radikalen „Blasphemie“ mittlerweile gut umgehen kann. Ein Amazon-Rezensent schlug vor, diesen „Streit über Gott“ zu einer Reihe auszubauen. Zum Beispiel mit Hans Küng und Michael Schmidt-Salomon als Streitgegner, Margot Käßmann und Karlheinz Deschner. Können Sie diesem Vorschlag etwas abgewinnen?                                                                                                                                                                                         

Im Prinzip ja, sehr viel sogar. Aber es müssten die Autoren sich tatsächlich auf den nervus rerum einlassen und nicht die sattsam bekannten Schlachten in der Peripherie schlagen. Abgesehen davon bleibt es ein Skandal und eine Schande, dass eine angemessene Auseinandersetzung mit Karlheinz Deschners kirchen- und glaubenskritischem Lebenswerk seitens der Amtskirche und der akademischen Theologie bis heute aussteht.             

Zum Schluss: Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, dass selbst eine recht respektvoll vorgetragene Kritik am theistischen Glauben wie die Ihre in vielen Gegenden unserer Welt nur unter Gefahren möglich ist?     

Religiöse Intoleranz ist eine menschheitsgeschichtliche Tragödie. Der Koran- und Allah-Fanatismus in manchen islamischen Ländern der Gegenwart ist auch das Ergebnis von Rückständigkeit, von Unbildung, aber auch von traditionsfixierter Denkverweigerung bei den schmalen Eliten. Jedenfalls in Europa hat ein weitgehend weichgespültes Christentum ähnliche Phasen inzwischen glücklicherweise hinter sich gelassen. Und täte doch gut daran, nicht zu vergessen, dass religionsgetriebene Unterdrückung und Vernichtung von Menschen auch hier noch vor nicht allzu langer Zeit gang und gäbe waren.

Politisch: Ein kategorischer Gewaltverzicht gegenüber Un- oder Andersgläubigen müsste herausragender Bestandteil einer universal akzeptierten Verständigung werden. Kulturell: Ebenso universal müsste dem Irrationalismus entgegengetreten werden, wegen seiner vielen destruktiven, ablenkenden und in die Irre führenden Aspekte. Dies auch in der nüchternen Erkenntnis, dass weltweit scheinbar harmlose Irrationalismen den nächsten, schon nicht mehr ganz so harmlosen die Legitimation verschaffen – bis zuletzt wieder Kriege geführt und Menschen ausgelöscht werden im Namen erfundener Götter.  

Lieber Herr Henkel, herzlichen Dank für das Gespräch!