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„Er muss nicht mehr aussehen wie sein Vater“

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Vor einem Jahr wurde das Kölner Beschneidungsurteil gefällt. Daraufhin folgte ein gewaltiger Rückschritt im gesetzlichen Kinderschutz, sagt Stefan Schritt vom Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im Verein MOGiS. Im Interview spricht er über die Motive des „Worldwide Day of Genital Autonomy“, einem neuen Aktionstag für genitale Autonomie.
Montag, 6. Mai 2013
Foto: F. Nicolai

Unterwegs nicht nur vor dem Bundeskanzleramt: Wagen der Kampagne "Pro Kinderrechte" im September 2012. Foto: F. Nicolai

Am Dienstag jährt sich zum ersten Mal das sogenannte Kölner Beschneidungsurteil. Dann wird es auch ein knappes halbes Jahr her sein, dass der Deutsche Bundestag ein ausdrückliches Recht auf die Beschneidung von einwilligungsunfähigen Jungen im Bürgerlichen Gesetzbuch festgeschrieben hat. Wie blickt der Facharbeitskreis auf das vergangene Jahr zurück?

Stefan Schritt: Die Debatte ist nicht so gelaufen, wie wir uns das gerne gewünscht hätten. Wir hatten uns gleich von Anfang an einen Dialog erhofft, in dem sich die betroffenen Religionsgemeinschaften, Mediziner, Pädagogen, die Rechtswissenschaften und natürlich von der Beschneidung negativ betroffene Männer zusammensetzen und über ein Konzept nachdenken: Wie kann man die religiöse Tradition und die grundgesetzlichen Vorgaben und das Rechtsverständnis der Bevölkerung unter einen Hut bekommen? Das hat leider nicht stattgefunden, denn etwa den zuvor angeregten auf zwei Jahre angelegten Runden Tisch, den wir auch immer noch fordern, hat es nicht gegeben.

Welche Probleme haben sich denn für den Facharbeitskreis konkret gezeigt?

Wir haben große Schwierigkeiten gehabt, an der öffentlichen Debatte teilzunehmen. Sowohl bei den Anhörungen im Bundesjustizministerium und Rechtsausschuss des Bundestages wie auch beim Ethikrat. Man hat die von der Beschneidung betroffenen Männer dort nicht als Experten oder Referenten hören wollen, sondern sie wurden gar nicht oder höchstens auf den Publikumsplätzen zugelassen. Auch wenn gerne Gegenteiliges behauptet wird – mit den Vertretern der negativ Betroffenen hat es keine Gespräche gegeben. Und es sind zwar mehrere Studien zu dem Thema im Umlauf, doch leider hat sich die Bundesregierung primär auf die US-amerikanische Studie von der American Academy of Pediatrics gestützt, die aber weltweit isoliert steht und von keinem anderen Kinderarztverband weltweit anerkannt wird.

Gibt es aus der Sicht des Facharbeitskreises eine Perspektive für eine Reform der aktuellen Regelung? Glauben Sie, sie könnte sogar rückgängig gemacht werden?

Ich denke, das muss zwangsläufig passieren. Denn das Gesetz zeigt sehr stark, dass es mit der heißen Nadel gestrickt wurde. Es ist schwammig und unpräzise formuliert. Viele Dinge, die der Ethikrat gefordert hatte, sind nicht mit eingeflossen und wir haben auch heute noch einen sehr starken Gegensatz: So ist die Gleichbehandlung der Geschlechter beim gegenwärtigen Paragraphen 1631d des BGB überhaupt nicht geklärt. Das wird früher oder später zu Problemen führen. So hat die SPD Mitte April in einem Antrag vorgeschlagen, die weibliche Beschneidung auch dann zu ahnden, wenn sie im Ausland durchgeführt wird. In einer Stellungnahme für den Rechtsausschuss sagte Prof.Dr. Bernhard Hardtung aus Rostock:

§ 1631d BGB, der ausdrücklich nur für die Knabenbeschneidung konzipiert wurde, muss entsprechend auch auf diejenigen Formen der Mädchenbeschneidung angewendet werden, die in ihrem Schweregrad der Knabenbeschneidung gleichstehen oder sogar dahinter zurückbleiben. Art. 3 GG lässt keine Differenzierung zu, er stellt das gleich doppelt klar: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ (Abs. 2 S. 1); „Niemand darf wegen seines Geschlechtes … benachteiligt oder bevorzugt werden“ (Abs. 3 S. 1).12

Wie steht es denn um das Interesse der Öffentlichkeit an der Sache? Ist es noch da oder wurde das Thema bereits wieder vergessen und ist versandet?

Das Interesse ist immer noch sehr stark. Gerade beim gerade vergangenen Humanistentag in Hamburg habe ich festgestellt, dass das Interesse sich über die Hintergründe und Details zu informieren sehr groß ist und auch viele Dinge immer noch unbekannt sind. Denn in Deutschland war das jahrzehntelang eine Sache, wo man nur dachte: Das machen nur ein paar wenige aus Tradition, da haben wir nichts mit zu tun und das interessiert uns nicht. Und durch das Beschneidungsurteil in Köln ist es nun in die Köpfe ganz vieler Menschen gekommen, dass da tatsächlich ja ein ganzes Stückchen mehr geschieht als nur das Abschneiden eines Stückchens Haut.

Was ist geschehen, nach dem der Bundestag das Gesetz im letzten Dezember verabschiedet hatte?

Wir haben im Dezember letzten Jahres bei Infratest dimap eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, ob die Menschen dem Gesetz zustimmen oder nicht. Und dort haben sich 70 Prozent der Befragten negativ geäußert und gesagt, dass sie dieses Gesetz nicht gut finden. Nur 24 Prozent sagten, sie fänden das in Ordnung. Das heißt, dass die Bevölkerung definitiv nicht hinter dem Gesetz steht.

Am Dienstag findet zum ersten Mal der „Worldwide Day of Genital Autonomy“ statt. Was soll dieser Tag?

Er soll helfen, an das wichtige und unserer Ansicht nach richtige Urteil des Landesgerichts Köln zu erinnern und noch einmal klarstellen, dass die Richter damals richtig entschieden haben. Deshalb wird die Kundgebung in diesem Jahr auch am Landgericht Köln beginnen.

Das Ereignis ist als weltweiter Tag deklariert. Gibt es da denn einen Austausch und Kontakt oder Kooperationen mit Organisationen in anderen Ländern?

Ja, denn besonders die US-amerikanische Aktivistenszene zu diesem Thema gibt es schon sehr lange. Dort wird bereits seit fast vier Jahrzehnten aktiv gegen die Beschneidung von Neugeborenen und Kindern gekämpft. Sie haben damit die Beschneidungsquote in den USA von über 90 Prozent auf heute rund 55 Prozent reduzieren können. Mit ihnen stehen wir also in sehr engem Kontakt, aber auch mit Aktivisten aus Kanada, Dänemark und Australien. Wir wollen das Datum nun als eine feste Größe im Jahreskalender etablieren, denn die männliche Beschneidung von Kindern ist ja nicht ein rein deutsches Problem, sie findet weltweit statt. Und auch wenn wir das Gesetz in diesem Jahr loswerden würden, wäre das Problem ja nicht aus der Welt.

Plakat: Worldwide Day of Genital Autonomy

Plakat: Worldwide Day of Genital Autonomy

Aktionstag für genitale Autonomie Zum Dienstag hat auf Initiative von MOGiS e.V. ein Bündnis aus rund einem Dutzend Organisationen zu einer Demonstration in Köln für das Recht auf genitale Selbstbestimmung aufgerufen. Als die Unterstützer des Aufrufs werden unter anderem die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, pro familia und der Humanistische Verband Deutschlands genannt. Über die Ziele des neuen Aktionstages, mit dem der Auftakt für die Debatte um die körperliche Unversehrtheit von Kindern gefeiert werden soll, informiert die Webseite genitale-selbstbestimmung.de

Wie ist denn der Kontakt mit Vertretern der Religionsgemeinschaften, die ein Recht auf die Beschneidung von einwilligungsunfähigen Jungen beanspruchen? Hat man sich mit ihnen in Verbindung gesetzt, gab es im Vorfeld der gesetzlichen Regelung oder im Nachgang einen Dialog?

Ich sprach vor kurzem erst mit einer SPD-Politikerin, die meinte, dass es sich bei der Beschneidung um eine religiöse Tradition handelt, in die sich der Staat auf keinen Fall einmischen darf. Auch die laufende Strafanzeige gegen einen jüdischen Beschneider in Berlin hat viele Reaktionen hervorgerufen, wo die Praxis des Blutabsaugens von einigen Verbänden nur zögerlich abgelehnt wurde. Obwohl extrem fraglich ist, ob das sogar vom geltenden Gesetz, was ja von den Regeln der ärztlichen Kunst spricht, gedeckt sein kann. Hier ist also weiter kein Entgegenkommen zu spüren.

Bisher befand sich die Debatte nun immer auf der Ebene der gesetzlichen Regulierung bzw. Legalisierung. Warum versucht man nicht, in die Gemeinden reinzugehen und vor Ort mit den Eltern, die das für eine akzeptable Praxis halten,  in das Gespräch zu kommen?

Das Gesetzgebungsverfahren wurde damals im Eiltempo durchgedrückt. Den Dialog, den wir uns im Zuge eines zweijährigen Moratoriums und der Einrichtung eines Runden Tisches gewünscht hätten, konnte es da natürlich nicht geben. Wir versuchen jetzt, hier weiter eine Aufklärung zu betreiben. Wir haben festgestellt, dass viele Menschen, die aus beschneidenden Kulturen kommen, sich über die gesamte Tragweite der Operation gar nicht bewusst sind. Vielfach wird sogar gesagt, dass man sie nicht durchführen müsste, aber die Familie erwarte das eben. In dem wir jetzt über die medizinischen Hintergründe und möglichen Komplikationen und Spätfolgen informieren, wollen wir einen Denkprozess anregen, um auch von innen heraus die Abkehr von der Zwangsbeschneidung der Minderjährigen zu ermöglichen. Wir sind ja auch nicht gegen eine Beschneidung an sich. Wer urteils- und einsichtsfähig ist und selbst beschließt, sich beschneiden zu lassen und sagt: Ich möchte meinem Gott die Vorhaut opfern – Der hat da natürlich meinen Segen und sollte das tun dürfen.

Wo sucht der Facharbeitskreis denn sonst den Kontakt, neben etwa der Durchführung von Infoständen für die Öffentlichkeit?

Wir gehen auch in Onlineforen, wo es um Kindererziehung geht und sich werdende Mütter bzw. Eltern austauschen. Im Internet sind wir sehr aktiv und versuchen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Weil wir diese Arbeit rein ehrenamtlich machen, ist es leider sehr schwierig, häufiger direkt in die Gemeinden zu gehen und die Menschen dort anzusprechen. Außerdem geben sich nur wenige Männer, die von einer Beschneidung negativ betroffen sind, gerne zu erkennen und trauen sich, öffentlich aufzutreten.

Kommt es eigentlich zu Vorfällen von Bedrohungen wegen der Aktivitäten gegen die Beschneidung von minderjährigen Jungen?

Der Kölner Pirat Ali Utlu hat einmal ein abgeschnittenes Schweineohr im Briefkasten gehabt, aber mehr ist mir hier zum Glück, von den Beleidigungen im Internet mal abgesehen, an ernstzunehmenden Bedrohungen noch nicht begegnet.

Was ist aus der Sicht des Facharbeitskreises der effektivste Weg, um mit dem Problem der Beschneidung von Neugeborenen und Kindern umzugehen: Eine gesetzliche Regelung oder die Aufklärung der Eltern?

Ich denke, wir brauchen beides und es muss Hand in Hand gehen. Je nachdem wie wandlungsfähig die Gruppen sind, lässt sich mit Aufklärung etwas erreichen. Bei den sehr traditionellen und orthodoxen Gruppierungen glaube ich, dass wir in absehbarer Zeit mit reiner Aufklärung nur wenig erreichen werden. Wenn man jedenfalls die Kontinuität des Kinderschutzes im Grundgesetz sieht, dann ist der Paragraph 1631d im Bürgerlichen Gesetzbuch definitiv ein schwarzer Fleck. Es wurde die physische, die psychische und die sexuelle Unterdrückung oder Ausbeutung von Kindern gesetzlich verboten. Der Kinderschutz schritt einmal immer voran. Jetzt haben wir einen gewaltigen Rückschritt, bei dem das Kind wieder zum Gegenstand und Objekt der Eltern degradiert wird.

In den USA geht die Beschneidungsrate auch ohne Gesetz zurück.

Dort ist die Lage bisher ähnlich wie sie früher bei uns war. Es gibt kein Gesetz, das die Beschneidung ausdrücklich erlaubt oder verbietet. Das ist dort eine über 150 Jahre alte Tradition, die aus puritanischen Moralvorstellungen resultiert. Die Aufklärung in den USA darüber, dass all die früheren Theorien zur Begründung der Beschneidung falsch sind und die Beschneidung eben nicht gegen Krankheiten wie AIDS, Epilepsie, Klumpfüße oder Schlaflosigkeit hilft, wirkt hier natürlich. Das Ziel, die Kinder an der Masturbation zu hindern, wird in der heutigen Gesellschaft immer unwichtiger, auch der Uniformismus verliert an Bedeutung. Individualität und Selbstbestimmung werden eher akzeptiert. Er muss nicht mehr aussehen wie sein Vater.

Herr Schritt, vielen Dank für das Interview.