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„Nichtreligion sieht noch immer sehr westlich aus“

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Aufklärung durch das Internet, wirtschaftlicher Aufschwung und internationale Vernetzung: Die philippinische Gesellschaft ist im Aufbruch, sagt Thomas Fleckner, früher Mitglied im Humanistischen Verband in Osnabrück. Seit April ist er Vizepräsident der philippinischen Atheistenvereinigung PATAS und hilft der säkularen Bewegung in Asien, sich zu organisieren.
Sonntag, 28. April 2013
Foto: PATAS

PATAS-Regionalgruppe auf Cebu. Thomas Fleckner: „Filipinos sind Menschen, die sehr gerne Gruppen bilden und Dinge in Gemeinschaft unternehmen“ Foto: PATAS

Zum diesjährigen Welthumanistentag am 21. Juni beginnt auf Cebu der erste Humanistische Kongress in Asien. Woher rührt der Anlass für das Ereignis?

Thomas Fleckner: Nun, die Jugend bildet eine große gesellschaftliche Gruppe auf den Philippinen. Bessere Aufklärung und der Zugang zu internationalen Medien hat sie in der vergangenen Zeit aufstehen lassen. Denn die Kirche besitzt hier einen riesigen Einfluss in Schulen und in der Politik. Aber viele Menschen wollen sich nicht mehr nur oder gar überhaupt auf Religion verlassen. Und so geht es hier um die Forderung nach einem säkularen Staat, einer klaren Trennung von Kirche und Staat, bessere Aufklärung, das Recht auf Familienplanung und die Stärkung der Rechte für Schwule und Lesben.

Auf welche Weise genau hat das denn angefangen und wie organisieren sich die nichtreligiösen Filipinos?

Die nichtreligiöse Bewegung hat ihren Neuanfang an zwei Stellen gefunden: Einerseits haben sich Gruppen innerhalb bestimmter Universitäten wie der UP (University of The Philippines, d. Red.) gebildet. Diese nennen sich zum Beispiel „Atheist Circles“, atheistische Kreise. Außerdem sind heute viele Filipinos auch im Ausland und haben dadurch säkulare Staaten kennengelernt. Marissa Torres-Langseth ist eine von diesen Menschen. Sie lebt in den USA und hat dann ihrem Heimatland die Philippine Atheists and Agnostics Society, die Gesellschaft der philippinischen Atheisten und Agnostiker, gegründet. Allgemein ist bessere Aufklärung, wie sie besonders durch die Nutzung des Internet möglich wird, ein riesiger Faktor.

Gerade war von „der Kirche“ die Rede, aber wie verbreitet sind denn nichtreligiöse Weltanschauungen auf den Philippinnen? Die offiziellen Zahlen sagen, dass der ganz überwiegende Teil der Gesellschaft der römisch-katholischen Kirche angehört, daneben gibt es noch diverse religiöse Minderheiten.

Die offiziellen Zahlen, die Statistiken also, sind nicht korrekt. Ich wage diese Aussage, da die Philippinen keine „Kirchenaustrittserklärung“ in ihren staatlichen Ämtern haben. Wenn ein Kind getauft wird und später nicht mehr in der Kirche sein möchte, kann dieser Mensch nur der Organisation fern bleiben. Offiziell ist diese Person also noch in der Kirche, also ein Mitglied. Die Situation wird dadurch verschärft, dass Kinder die nicht getauft sind an vielen Schulen und Universitäten gar nicht erst angenommen werden. Das macht es für Eltern und besonders atheistische Familien schwierig. Sie müssen sich selber belügen, um den Zugang zu bestimmten Schulen zu haben, oder sich mit den wenigen Ausnahmen zufrieden geben. Doch das Internet und die über zehn Millionen im Ausland lebenden Filipinos haben die virtuelle Mauer, die die Kirche brauchte, um ihre Doktrinen zu verteidigen, schon teilweise einstürzen lassen.

Thomas Fleckner. Foto: privat

Thomas Fleckner. Foto: privat

Der Einfluss scheint trotzdem noch erheblich zu sein. Radio Vatikan berichtete am letzten Freitag von einer halben Million Menschen, die gegen die im vergangenen Dezember beschlossene Zulassung von Verhütung und Schwangerschaftsabbrüchen demonstrierten. Wie ist denn hier die Stimmung in der Gesellschaft derzeit?

Die Gesellschaft ist im Aufbruch würde ich sagen. Frauen und LGBT kämpfen für mehr Rechte, auch die Jugend bewegt sich mehr gegen das verkrustete System des kirchlichen Einflusses.  Zugegeben, es gibt noch sehr viele junge Leute, die mit der Kirche mitlaufen. Aber da das Land im Aufwärtstrend ist, haben mehr junge Leute Arbeit und können somit ihre Familien stützen. So haben sie es leichter, ihren eigenen Weg zu gehen und ein freieres Leben zu führen. Wichtig ist: Obwohl die katholische Kirche hier stark ist, sind die Philippinen ein demokratischer Staat.

Welche Rolle spielt die Religion denn im Alltag der Menschen konkret?

Religion spielt bei den Gläubigen eine riesige Rolle und dieser Einfluss ist kaum zu übersehen. Zunächst bemerkt man die Stellung der Religion im alltäglichen Vokabular. Vieles wird mit Gott begründet: ob es der Erfolg in der Schule ist, die Genesung von einer Krankheit oder einfach nur das Beten am Tisch. Die Kirchen werden oft nicht nur sonntags besucht, sondern auch in der Woche. Kirchliche Feiertage sind nicht nur die Zeit für einen kleinen Urlaub, sondern Tage wo die Kirchen ein fester Bestandteil der Aktivitäten des Tages sind. Gläubige tragen ihren „Gott“ und „Jesus“ überall mit. Religiöse Symbole wie Kreuze, Mini-Jesus-Statuen, Maria-Figuren stehen und hängen in Taxis, Autos, Bussen, Jeepneys…

Welche Aufgaben und Ziele hat nun in so einer Situation die humanistische Konferenz?

Das erste Ziel ist es, die Atheisten, Agnostiker und Humanisten im Lande zu stärken und ihnen Unterstützung zu geben. Bei der Konferenz wird am ersten Tag ein Workshop durchgeführt, bei dem Aktivisten unterstützt und unterwiesen werden sollen. Denn es ist wichtig, den vielen Menschen, die sich noch nicht als Atheisten geoutet haben, zur Seite zu stehen. Man kann das vergleichen mit dem „Coming out“ als Schwuler oder Lesbe zum Beispiel. Viele Atheisten hier gehen der Familie zuliebe noch zur Kirche.

Bei dem Entwurf unserer Pläne für die Zukunft können wir nicht mehr allein in unser unmittelbares Umfeld oder höchstens nach ganz Deutschland schauen, sondern wir sollten auch an die Humanistinnen und Humanisten in den vielen Ländern denken, in denen die Ideale des Humanismus und der Aufklärung noch weniger verwirklicht sind als hierzulande – Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, in einer Rede zum 20-jährigen Jubiläum des Bundesverbandes am 14. Januar 2013

Und so geht es nun darum, hier Wege aufzuzeigen, wie man seiner Familie und seinem Freundeskreis zeigen kann, das man auch als nichtreligiöser Mensch ein Leben mit Freude, Moral und Sinn führen kann. Durch dieses positive Vorbild wird es auch einfacher für andere Skeptiker, diesen Weg einzuschlagen, weil er oder sie sieht, dass es auch anders geht.

Desweiteren geht es darum internationale Verbindungen zu knüpfen. Diese Konferenz zielt ja nicht nur auf Filipinos, sondern auf den gesamten asiatischen Raum. Desweiteren sollen, wie schon erwähnt, Frauen, Kinder und LGBT gestärkt werden, um für mehr Rechte kämpfen zu können. Die Existenz von Atheisten, Agnostikern und Humanisten kann nicht mehr von der Bevölkerung und der Politik ignoriert werden. Auch die Presse ist zur Konferenz eingeladen. Die Konferenz soll letztlich zeigen, dass nichtreligiöse Menschen keine Satanisten oder „Dämonen“ sind – ein leider zu oft gezogener Vergleich hierzulande.

Vorhin war schon die Rede von Schulen und Universitäten, die ungetaufte Kinder und Erwachsene nicht annehmen. Gibt es noch anderen Formen von Diskriminierung oder Verfolgung nichtreligiöser Menschen auf den Philippinen, wie etwa durch strenge Gesetze gegen „Blasphemie“ oder Kirchenkritik?

Die Kirchen haben versucht, entsprechende Gesetze durchzusetzen. Jedoch ohne Erfolg. Es gibt hier die Freiheit alles zu sagen. Das fällt unter die Rede- und Meinungsfreiheit. In der Gesellschaft gibt es aber oft sehr starke Diskriminierung von nichtreligiösen Menschen. Einmal geoutet, können Familien ihr Kind sogar verstoßen, weil dieses dann als „Werk des Teufels“ oder „Dämon“ benannt wird. Manche Firmen stellen nichtreligiöse Menschen nicht ein. Ich würde sagen, dass die Diskriminierung hauptsächlich im privaten Bereich vorhanden ist.

Und wie geht es den Menschen aus der Gruppe der LGBT?

LGBT erleben eine zwiespältige Situation. Auf der einen Seite sind die Philippinen ein gegenüber Schwulen und Lesben, Transgender und Bisexuellen ziemlich offen eingestelltes Land. Berühmte Persönlichkeiten geben sich offen im Fernsehen zu erkennen. Meistens sind sie aus dem Showgeschäft.

Auf der anderen Seite haben wir aber den Einfluss der katholischen Kirche und anderer religiöser Gruppen. Wenn also LGBT in der Familie nicht akzeptiert werden, wird auf verschiedenen Wegen versucht, es ihnen auszutreiben. Eine schlimme Methode ist das „Drowning“: Kinder werden unter Wasser gedrückt. So glaubt man ihnen das Schwulsein austreiben zu können.

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PATAS wurde am 14. Februar 2011 auf Initiative von Marissa Torres-Langseth gegründet. Einen maßgeblichen Aufschwung erhielt die kleine Gruppe philippinischer Atheisten und Agnostiker, nachdem Torres-Langseth auf der jährlichen Konferenz der American Humanist Association den britischen Evolutionsbiologen und weltweit bekannten Religionskritiker Richard Dawkins getroffen hatte. Die Bilder verbreiteten sich in Windeseile und innerhalb kurzer Zeit verdreifachte sich die Zahl der Mitglieder von PATAS, die heute mittlerweile bereits rund 4.000 Anhänger und Unterstützer zählt. Zu den Zielen der Arbeit von PATAS gehört die Verbesserung des Verständnisses von atheistischen und agnostischen Geisteshaltungen und die Bekämpfung von Vorurteilen gegenüber nichtreligiösen Menschen. PATAS will auch dabei helfen, ein soziales Verantwortungsbewusstsein zu fördern, das auf rationalen und säkularen Überzeugungen anstatt auf den Vorgaben eines Glaubens an übernatürliche Dinge basiert. Im Netz: http://patas.co/

Oft streben die LGBT danach, Hauptverdiener der Familie zu werden. Denn wenn sie Geld in die Familie bringen, können sie sich die Akzeptanz erarbeiten. LGBT werden somit zwar generell akzeptiert, aber schon das Zusammenleben zweier Männer oder Frauen wird nicht gerne gesehen. Die Diskriminierung ist auch im Beruflichen zu spüren. Viele Firmen stellen keine LGBT ein. Daher findet man Schwule und Lesben zum Beispiel meist nur in Call Centern, Schönheitssalons, Friseursalons und im Showbusiness oder Theater. Das sogenannte „Bullying“ findet außerdem in Schulen, auf der Straße und in Gemeinden statt.

Evolutionstheorie ist noch ein aus humanistischer Sicht wichtiges Thema: Wie sieht es denn hier in der philippinischen Gesellschaft aus? Was glauben die Menschen darüber, wie die Dinge entstanden sind, woher sie kommen und wohin sie gehen?

Hier werden kreationistische Theorien gelehrt und verbreitet. Allerdings hat die katholische Kirche verstanden, dass sie dem Thema Evolution nicht entfliehen kann. Also werden an katholischen Schulen, und die bilden die Mehrheit hier neben den staatlichen, auch Faktoren des Evolutionismus gelehrt, z.B. wenn es um Dinosaurier geht. Damit soll der internationale Standard gehalten werden, aber da sogar in den Universitäten das Fach „Christentum“ ein Pflichtfach ist, wird die Entstehung des Lebens eben mit kreationistischen Lehren begründet.

Foto: Syrinx666pan / Wikimedia / CC-BY-SA

Richard Dawkins und Marissa Torres-Langseth auf der jährlichen Konferenz der American Humanist Association 2011 in Cambridge, Massachusetts (v.l.) Foto: Syrinx666pan / Wikimedia / CC-BY-SA

Der Glaube ist, dass ein Gott den Menschen das Leben geschenkt hat und dass der Mensch zu diesem Gott kommt, wenn er stirbt. Auch die Idee der Hölle wird hier noch oft als Tatsache gelebt und nicht nur als symbolische Idee. Museen wie das „Mind Museum“ in Global City Manila gehören hier eher zu den Aufklärern und Trendsettern mit dem Ziel, die Besucherinnen und Besucher aufzuklären.

Wie sind die säkularen und nichtreligösen Menschen untereinander vernetzt? Eher gut oder eher schlecht? Neigen sie eher dazu, sich zu organisieren oder gibt es da ähnliche Phänomene wie in der westlichen Welt?

Die Philippinen gehören zu den Ländern, wo Facebook am meisten verbreitet ist. Social Media ist ein ganz wichtiger Vernetzungsfaktor. Da die Philippinen ein Land mit über 7000 Inseln sind, sind persönliche Treffen eine Herausforderung, weil lange Wege mit Fähren oder Flugzeugen überbrückt werden müssen. Daher hat PATAS mehrere regionale Gruppen, wo sich Mitglieder der unterschiedlichen Orte dort zusammenfinden können. Filipinos sind Menschen, die sehr gerne Gruppen bilden, Dinge in Gemeinschaft unternehmen und sich gerne unterhalten. Wenn man also von den Distanzen absieht ist die Vernetzung sehr gut.

Marissa Torres-Langseth, die heute in den USA lebt, hat PATAS gegründet. Du bist Vizepräsident bei PATAS. Gibt es noch weitere Unterstützung oder Kooperationen auf internationaler Ebene?

Unsere letzte Verbindung sind wir mit der IHEYO, der Jugendorganisation der IHEU, eingegangen. Das hat ja diese Convention überhaupt erst möglich gemacht. Desweiteren arbeiten wir mit der IHEU sowie der Atheist Alliance International und den American Atheists zusammen. Die US-amerikanische Seite ist natürlich stark durch die Anwesenheit von Marissa Torres-Langseth. Ich bemühe mich jedoch, auch nach Europa Kontakte und mögliche Verbindungen zu knüpfen. Ein sehr erfolgreicher und fruchtbarer Kontakt besteht zu den belgischen Humanisten, Humanistisch-Vrijzinnige Vereniging. Und bei meinem letzten Besuch in Bangkok habe ich angefangen, eine Zusammenarbeit mit den Thai Atheists aufzubauen.

Zum Schluss: Wie blickst du von den Philippinen aus auf die Debatten in Deutschland?

Mir fällt bei den Debatten in Deutschland auf, dass bei vielen Themen, wo ein Vertreter der Nichtreligiösen angebracht wäre, keiner anwesend ist. Wenn es um Säkularismus geht, Kirchensteuer oder Skandale in der Kirche. Es sieht so aus, als wären die Medien auch in Deutschland beeinflusst und nichtreligiöse Menschen lässt man nicht gerne zu Wort kommen. Ich vermisse außerdem die Unterstützung und Erwähnung von Atheisten und Humanisten in Ländern, die nicht europäisch oder nordamerikanisch sind. Nichtreligion sieht noch immer sehr westlich aus.

Thomas, herzlichen Dank für das Interview!