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Menschen nicht im Regen stehen lassen

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Unter dem Motto „Armgespeist. 20 Jahre Tafeln sind genug!“ macht an diesem Wochenende ein Aktionsbündnis auf die Vernachlässigung einer staatlichen Mindestsicherung aufmerksam. Wir sprachen mit dem Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. und Vorstandsvorsitzenden des Freidenker Barnim e.V. Norbert Weich über die die Bedeutung der Tafeln und die nun geäußerte Kritik.
Freitag, 26. April 2013
Bernauer Tafel e.V.

Lebensmitelspenden in der Ausgabestelle der Bernauer Tafel | Foto: Freidenker Barnim e.V.

Herr Weich, der Freidenker Barnim e.V. unterhält eine der wenigen Tafeln unter dem Dach des HVD. Die deutschlandweite Tafel-Organisation feiert in diesem Jahr ihr 20jähriges Bestehen. Seit wann gibt es die Bernauer Tafel und wie viele Menschen erreichen Sie?

Norbert Weich: Zunächst sei gesagt, dass wir tatsächlich nicht die einzigen sind, wenngleich sich die Tafeln im HVD auf Brandenburg beschränken. Die Nauener und Falkenseer Tafel des Humanistischen Freidenkerbunds Havelland gehören auch dazu und das schon seit 15 Jahren. Der Bernauer Tafel e.V. wurde im September 2002 gegründet. Mittlerweile versorgen wir wöchentlich mehrere hundert Personen im Niederbarnim zusätzlich mit Lebensmitteln. Die Ausgabe der Lebensmittel erfolgt in Bernau im Tafelladen fünf Mal wöchentlich. Des Weiteren betreiben wir momentan einmal wöchentlich eine Ausgabestelle in Werneuchen und ab Ende Mai eine weitere in Klosterfelde. Außerdem erreichen wir alte und kranke Menschen mit unserem Tafelmobil. Mit diesem bringen wir den Betroffenen die Lebensmittel einmal in der Woche nach Hause.

Die Bernauer Tafel ist Teil des Bernauer Sozialwerks bei den Freidenkern. Was genau verteilen Sie über Tafel und Sozialwerk?

Die Bernauer Tafel gibt alles das an die Betroffenen aus, was mit Lebensmitteln zu tun hat. Die Lebensmittel werden in den Discountern, Supermärkten und Bäckern abgeholt, werden dann durchsortiert und anschließend im Tafelladen ausgegeben. Das Barnimer Sozialwerk betreibt das soziale Möbellager. In diesem werden Möbel, Haushaltsgegenstände und funktionstüchtige Elektroartikel ausgegeben. Diese Dinge werden von den Bürgern in der Region Niederbarnim gespendet und von uns bei den Spendern abgeholt.

Norbert Weich

Norbert Weich, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. und Vorstandsvorsitzender des Freidenker Barnim e.V. | Foto: Freidenker Barnim e.V.

Welche Rolle spielt die Bernauer Tafel in der Region?

Im Niederbarnim sind wir die einzige Anlaufstelle dieser Art. Wir sind ein Zusatzversorger. Eine Vollversorgung können und wollen wir nicht leisten. Wir verstehen unsere Arbeit dahingehend, als dass wir den Bürgern eine soziale Teilhabe ermöglichen. Denn das, was sie an den Lebensmitteln einsparen können, das kann dann auch mal für Kino- oder Theaterbesuche oder ähnliches verwendet werden. In unserer Region ist die Arbeitslosenquote zwar nicht außergewöhnlich hoch, aber die Einkommen befinden sich in der Region im unteren Bereich. Somit sind nicht nur die arbeitssuchenden ALGII-Empfänger von Armut betroffen, sondern auch die sogenannten „Aufstocker“. Außerdem nimmt die Altersarmut in den Gegenden des Barnims zu, weil in der Region viele im landwirtschaftlichen Bereich tätig waren und kaum Rücklagen erarbeiten konnten oder in Rentenkassen eingezahlt haben. Aber auch unter Kindern steigt die Armut, da an die nachkommende Generation die Konsequenzen des niedrigen Einkommensniveaus weitergereicht werden.

Wer ist denn am stärksten von dieser Armut getroffen?

Das kann man nicht genau aufschlüsseln. Es trifft Kinder ebenso wie alte Menschen, Alleinstehende in gleichem Maße wie Familien. Armut ist breit gestreut, sie zieht sich durch die ganze Gesellschaft.

Was bieten Sie den Betroffenen über die Versorgung mit Lebensmitteln hinaus?

Wir sind Ansprechpartner für die großen und kleinen Sorgen des Lebens. Mal reicht es einfach nur ein offenes Ohr zu haben. Und wenn wir von Problemen hören, bei denen wir nicht direkt helfen können, benennen wir die entsprechenden Anlaufstellen. Netzwerkarbeit mit vielen anderen sozialen Einrichtungen ist hier ein wichtiger Schlüssel.

Armgespeist

Das "Kritische Bündnis 20 Jahre Tafeln" macht an diesem Wochenende auf sich aufmerksam

Die Tafeln können ja nur bestimmte Aspekte der Armut begleiten. Zunehmend wird die Kritik laut, dass die Tafeln die Ursachenbekämpfung mit Aktionismus vertauschen und zur Manifestierung der strukturellen Armut beitragen. Ihr Service trage dazu bei, dass die Politik die staatliche Existenzsicherung vernachlässige. Wie sehen Sie das?

Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. sagte dazu folgendes: „Die Hilfe der Tafeln ist kein Ersatz für sozialstaatliche Leistungen. Daseinsvorsorge ist Aufgabe des Staates - und muss es bleiben. Gemeinnützige Initiativen können Armut nicht beseitigen, sie können nur bei einem Teil der Betroffenen ihre Folgen lindern.“ Genauso sehe ich das auch. Und solange es Nöte gibt, halte ich es als Humanist für geboten, Hilfe anzubieten, um die Menschen nicht im Regen stehen zu lassen. Wir können nichts abnehmen, aber wir können unter die Arme greifen. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe.

Aber es besteht schon ein Widerspruch, auf der einen Seite eine Nothilfe anzubieten und auf der anderen Seite dauerhafte Strukturen aufzubauen. Oder meinen Sie, dass die Tafeln irgendwann eine ganz andere Aufgabe übernehmen können im Sinne einer Art gesellschaftlichen Nachbarschaftshilfe?

Sobald die Tafeln nicht mehr gebraucht werden, werden wir uns auflösen. So steht es auch in unserer Satzung! Und je eher das ist, umso lieber soll mir das sein, denn das hieße, dass unsere Gesellschaft nachhaltige Lösungen für ein immer dringlicheres Problem gefunden hat.

Ein weiterer kritischer Punkt ist der, dass die Tafeln auf Lebensmittelspenden angewiesen sind und damit kaum Argumente gegen die Lebensmittelverschwendung vorbringen können, wie sie immer lauter wird. Wie gehen Sie mit diesem Vorwurf um?

Wir haben mit unserer Arbeit erst auf diese Verschwendung aufmerksam gemacht. So gab es zu Beginn unserer Arbeit Discounter, die täglich – ich betone: täglich! – 25 Prozent ihrer Lebensmittel entsorgt haben. Mittlerweile haben sie das auf fünf Prozent reduziert. Das merken wir natürlich auch bei uns, wir bekommen weniger Lebensmittel aus den Märkten. Aber das ist besser, als wenn alles einfach nur weggeworfen wird. Dafür hat der Bundesverband der Tafeln nicht umsonst den Innovationspreis 2012 erhalten.

Kritisches Bündnis 20 Jahre Tafeln

Kritisches Bündnis 20 Jahre Tafeln

Laut Aussagen des Kritischen Bündnisses belegen 20 Jahre Tafeln in Deutschland,

  • dass es in unserer Gesellschaft an sozialer Gerechtigkeit fehlt.
  • dass der Staat seine aktive und verantwortungsvolle Rolle in der Armutsbekämpfung zunehmend einbüßt.
  • dass die Stigmatisierung und Entwürdigung von Armutsbetroffenen mittlerweile zur gesellschaftlichen Normalität geworden ist und als politisches Steuerungsinstrument eingesetzt wird.
  • dass mit den derzeitigen Transferleistungen (ALG II, Grundsicherung im Alter, Asylbewerberleistungsgesetz) keine sozio-kulturelle Teilhabe möglich ist.

Das „Kritische Bündnis 20 Jahre Tafeln“ fordert daher eine armutsvermeidende, existenzsichernde und bedarfsgerechte Mindestsicherung als Garant für ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges und beschämungsfreies Leben. Dies sei die Voraussetzung für ein Deutschland unter dem Leitbild sozialer Gerechtigkeit.

Mehr auf der Internetseite des Bündnisses.


An diesem Wochenende bekommt das „Kritische Bündnis 20 Jahre Tafeln“ für eine beachtliche Aufmerksamkeit, indem es eine staatliche Existenzsicherung forderte, die die Tafeln langfristig überflüssig macht. Haben Sie das Gefühl, dass hier ein künstliches Feindbild gegen die Tafeln aufgebaut wird oder unterstützen Sie diese Forderung grundsätzlich?

Grundsätzlich sind alle Bewegungen gut, die zu Diskussionen über dieses Thema führen. Denn nur so können Lösungswege gefunden werden. Kritik jeglicher Art ist gut, da sie uns in unserem Denken und Handeln vorantreibt. Durch die Tafelarbeit hat die Armut in Deutschland ein Gesicht bekommen. Ein Feindbild sehe ich hier nicht erzeugt, dafür haben sich die Kritiker den falschen Adressaten ausgesucht.

Herr Weich, wir danken Ihnen für das Gespräch.