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„Noch immer überschätzen Menschen ihre persönlichen Erfahrungen“

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Leuchtturm der Aufklärung: Vor zehn Jahren wurde das Nürnberger Wissenschaftsmuseum turmdersinne eröffnet. Im Interview verrät Geschäftsführer Dr. Rainer Rosenzweig, was das Erfolgsrezept der beliebten Erlebnisausstellung ist, warum Skepsis gegenüber den eigenen Sinnen angebracht ist und was wir aus der Erfahrung der Täuschbarkeit lernen können.
Mittwoch, 13. März 2013
Foto: privat

Die wissenschaftlichen Symposien des turmdersinne locken jedes Jahr hunderte Teilnehmer aus ganz Deutschland an.

Herr Dr. Rosenzweig, Sie waren von Anfang an bei der Entwicklung des Projektes beteiligt. Warum ist der turmdersinne anders als andere Wissenschaftsausstellungen?

Dr. Rainer Rosenzweig: Der turmdersinne fokussiert sich auf ein eng umgrenztes Thema: auf Phänomene unserer Wahrnehmung, deren kognitions- und neurowissenschaftliche Hintergründe sowie deren erkenntnistheoretische Konsequenzen. Er versammelt also nicht einfach eine Vielzahl naturwissenschaftlicher Experimente, sondern konzentriert sich auf Grundprinzipien der menschlichen Wahrnehmung. Wahrnehmung ist dabei nicht nur Inhalt, sondern auch Methode. So haben Besucher die einmalige Gelegenheit, mit verblüffenden Illusionen und faszinierenden Effekten am eigenen Leib zu experimentieren und dabei spielerisch einem erkennbaren roten Faden zu folgen, der an die Grenzen unserer Erkenntnis heranführt und die Frage thematisiert, wie wir angesichts der Täuschbarkeit unserer Wahrnehmung dennoch an verlässliche Erkenntnis gelangen können.

Gibt es einen besonderen Grund, aus dem das Projekt geboren wurde und was ist neben der Unterhaltung das eigentliche Ziel dieses Mitmach-Museums?

Unterhaltung ist eher ein erfreulicher Nebeneffekt, der dazu beiträgt, dass die hinter dem Konzept steckenden Ideen bei den Besucherinnen und Besuchern begeistert aufgenommen werden. Eine der Motivationen für die Gründer war sicherlich der oft zitierte Spruch „Aber ich hab‘s doch am eigenen Leib erlebt. Davon bin ich jetzt aber wirklich ganz fest überzeugt.“ Dass diese subjektive Überzeugung – so tief und stark sie im einzelnen Fall auch immer sein mag, noch nichts über den Wahrheitsgehalt der betreffenden Aussage aussagt, ist eine erstaunliche Erkenntnis, die sich erst erschließt, wenn man verstanden – also etwa „be-griffen“ – hat, wie die menschliche Wahrnehmung organisiert ist und was da im Kopf abläuft, während wir wahrnehmen.

Der turmdersinne entsprang ja maßgeblich einem säkular-humanistischen Umfeld. War das in einer doch noch relativ religiös geprägten Region wie Franken auch mal ein Nachteil oder eher ein Vorteil?

Das hat in den Anfängen keine große Rolle gespielt. Wir tragen das säkular-humanistische Gedankengut ja nicht vor uns her, vielmehr stehen die Inhalte im Vordergrund. Was die Menschen, die das erfahren, dann damit machen, ist deren Sache. Ich denke aber, dass der säkular-humanistische Gedanke in den Phänomenen als Ganzes sehr gut zum Ausdruck kommt. Wer bereit ist, das zu erkennen, kann das im turmdersinne sehr gut erleben.

Was waren ganz besondere Höhepunkte in den vergangenen Jahren?

Höhepunkte sind natürlich die jährlichen Symposien, die bereits seit 1998 stattfinden. Nach der Eröffnung des Hands-on-Museums folgt in diesen Tagen das zehnjährige Jubiläum, das kräftig gefeiert wird: Wer hätte am Anfang gedacht, dass der turmdersinne sich so positiv entwickeln würde und nach zehn Jahren noch immer so prosperiert! Das ist für uns Grund zum Feiern.

Seit der Eröffnung des Museums hat sich im Bereich der Popularisierung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und skeptischem Denken viel verändert. Spiegelt sich das eigentlich auch in den Ausstellungen wieder und wenn ja, wie?

Solche Veränderungen können sich natürlich nicht in einer statischen Hands-on-Ausstellung abbilden. Allerdings berichtet der turmdersinne über aktuelle Trends in täglichen Twitter-Meldungen, beteiligt sich in zwei Blogs an aktuellen Diskussionen und ist darüber hinaus bei Facebook und Google+ aktiv. An der weiteren gesellschaftlichen Debatte beteiligt sich der turmdersinne als Veranstalter von Vorträgen, Workshops und Sonderführungen

Vielfältiges Angebot, breites Engagement Neben dem Betrieb des Hands-on-Museums am Westtor der Nürnberger Stadtmauer ist der turmdersinne als Veranstalter von Vortragsreihen, Workshops und Symposien etabliert, die auch außerhalb des Museums stattfinden. Der turmdersinne koordiniert und organisiert die lokalen Veranstaltungen zur internationalen Woche des Gehirns „brainWEEK“ in Nürnberg, bietet Vortragsreihen zu den Themen „Wahrnehmung und Gehirn“ sowie „Paranormales und Skepsis“ im Nürnberger Planetarium an und hat sich als Anbieter populärwissenschaftlicher Symposien zu kognitions- und neurowissenschaftlichen Themen einen Namen gemacht. Zu den jährlich im Herbst stattfindenden turmdersinne-Symposien kommen jedes Jahr über 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Darüber hinaus besitzt der turmdersinne eine buchbare mobile Ausstellung „tourdersinne“, die vielfältig einsetzbar ist für Schulveranstaltungen, Kongresse, Firmenfeiern oder für das Foyer in Einkaufszentren, Banken oder als Sonderausstellung in anderen Museen oder Science Centern. Zusätzlich steht ein niederschwelliges Angebot „boxdersinne“ für Schulen oder Bildungsstätten zur Verfügung, das nach Bedarf ausgeliehen werden kann.

Wer ist das typische Publikum des Museums?

Ursprünglich war der turmdersinne als Jugendprojekt konzipiert, also „für Menschen ab 14 Jahren“. Die Idee war es, (natur-)wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Kognitionswissenschaften für Jugendliche verständlich, interessant und motivierend so zusammenzustellen, dass auch Erwachsene sich trauen, sich damit zu befassen – nach dem Motto: Wenn Jugendliche das verstehen, dann ist das ja vielleicht auch was für mich...

Gibt es denn ein Exponat oder eine Sache, die besonders beliebt beim Publikum ist?

Das „Star“-Exponat des turmdersinne ist der so genannte Ames-Raum im Erdgeschoss des Turms. In einem verzerrten Raum ist eine Kamera so installiert, dass der Raum aussieht als wäre er rechtwinklig. Wenn man nun in dem Raum umher geht, dann kann man live vom Riesen zum Zwerg mutieren und umgekehrt – das gibt hervorragende Bilder und zeigt gleich auf sehr inspirierende Weise ein Grundprinzip, das sich wie ein roter Faden durch den Turm zeigt: Wahrnehmung ist Interpretation, ein aktiver Prozess, der in unserem Gehirn stattfindet – zumeist ohne dass wir ihn willentlich beeinflussen können.

Warum gerade dieses Exponat?

Der Effekt ist verblüffend, weil man eigentlich ja sieht, wie der Raum gestaltet ist, man sich sogar darin bewegen kann. Und dennoch kann man sich der Täuschung nicht entziehen – sie ist „kognitiv undurchdringlich“. Das heißt: Obwohl ich genau sehe, wie das gemacht ist, falle ich trotzdem drauf herein – unsere Wahrnehmung ist eben so gestrickt, dass sie nicht anders kann als das Bild so zu deuten, wie sie das gewohnt ist.

Foto: privat

Auch der Beuchet-Stuhl bietet beliebte Beispiele für Wahrnehmungstäuschungen.

Woher stammen eigentlich die Exponate und Ausstellungsstücke?

Diese Sammlung von faszinierenden Wahrnehmungsphänomenen wurde speziell für den turmdersinne in dieser Ausstellung zusammengetragen, existiert in dieser Zusammenstellung also auch nur im turmdersinne. Natürlich haben wir die Phänomene alle nicht völlig neu oder von uns erfunden, sie sind allesamt in der wissenschaftlichen Literatur bekannt und gut beforscht. Allerdings haben viele der Phänomene in der Öffentlichkeit nicht die Bekanntheit, die sie aus meiner Sicht verdient hätte – das wollen wir ändern.

Seien Sie mal ehrlich: Fehlt auch etwas im turmdersinne?

Was für eine Frage! Da fehlt unfassbar viel! Das Thema „Wahrnehmung und Gehirn“ ist viel reichaltiger als wir das in einer kleinen Ausstellung behandeln können und die wahrnehmungspsychologische Forschungsliteratur ist voll von neuen Phänomenen und überraschenden Effekten – da könnten wir mehrere Türme befüllen! Aber der Platz ist begrenzt, ebenso wie das Aufnahmevermögen der Besucherinnen und Besucher. Vor diesem Hintergrund ist es sicher kein Nachteil, dass wir man eine Auswahl getroffen haben und sich auf besonders plakative, ausnehmend verblüffende und einige sehr aussagekräftige klassische Phänomene beschränkt haben.

Und erfährt der turmdersinne mit seiner Arbeit mehr als nur regionale Beachtung?

Der turmdersinne ist Teil des internationalen Netzwerks „ECSITE“ von Science Centern und Hands-on-Museen. Insbesondere über die Arbeiten zum sensorischen Homunkulus, den ein Team des turmdersinne ein Jahr nach der Eröffnung 2004 in Zusammenarbeit mit der Universität Bochum nach aktuellen Forschungsdaten neu rekonstruiert hatte, wurde im ECSITE-Newsletter vom Sommer 2004 berichtet und hat große Beachtung erfahren.

Foto: privat

Sakkadenblindheit: Momente vorübergehender Blindheit werden vom menschlichen Gehirn mit plausibler Information auffüllt.

Halten Sie es eigentlich für möglich, dieses erfolgreiche Konzept auch in anderen Städten zu etablieren?

Darüber haben wir oft nachgedacht. Prinzipiell ist so etwas natürlich mit dem vorliegenden Konzept denkbar. Allerdings muss es eine Grundfinanzierung und eine Finanzierung für den laufenden Betrieb geben, da ein kostendeckender Betrieb wohl nur unter speziellen Bedingungen möglich ist.

Zu welchen Anlässen und bei wem sind die „tourdersinne“ und die „boxdersinne“  besonders gefragt?

An Schulen eignet sich die tourdersinne besonders für Projekte oder die in Bayern üblichen P-Seminare. Darüber hinaus wird die tourdersinne aber auch immer wieder gerne für Sommerfeste verschiedenster Institutionen gebucht, für Weiterbildungsveranstaltungen in Firmen oder einfach nur als begleitende Ausstellung für eine Unternehmenspräsentation oder eine interne Firmenveranstaltung. Die boxdersinne dagegen wird oft von Bildungs- und Jugendeinrichtungen angemietet, gerne auch von Kliniken oder Altersheimen, um die Patientinnen und Patienten oder die Bewohnerinnen und Bewohner auf einfache Weise mit spannenden Phänomenen in Kontakt zu bringen.

Wird die Bedeutung der Angebote des turmdersinne in den kommenden Jahren aufgrund der wachsenden Popularisierung von skeptischem Denken abnehmen oder doch eher zunehmen?

Ich kann nicht erkennen, dass die Bedeutung der im turmdersinne behandelten Inhalte und Methoden abnimmt, im Gegenteil. Noch immer überschätzen Menschen ihre persönlichen Erfahrungen, ist kritisches Denken nicht weit genug verbreitet, noch immer wird die Erkenntnismethode eher geringgeschätzt und zu Unrecht als langweilige, „verkopfte“ oder „positivistische“ Position verunglimpft.

Was ist denn die Ursache dafür?

Es ist verlockend, die dürftigen Erkenntnisse, die wir durch Sinneserlebnisse gewinnen und damit die vermeintlichen „Wahrheiten“, in deren Besitz wir uns wähnen, zu überhöhen und sich dadurch eine herausragende Position in der Gesellschaft herbei zu reden. Zu oft gelingt das auch. Kritiker und Skeptiker sind dagegen meist eher unangenehme Zeitgenossen. Dass wissenschaftliche Erkenntnis nie absolut ist, können Menschen, die nach letztgültiger Wahrheit gieren, nur schwer verkraften. Dass sie dennoch die verlässlichsten Erkenntnisse liefert, die wie überhaupt erlangen können, ist für manche schwer auszuhalten. Allerdings sind Kritik und Skepsis nicht etwa lästige Spielverderber, die einem das Leben schwer machen, sondern nützliche Werkzeuge, mit denen wir es schaffen unser Wissen zu erweitern und unsere Erkenntnisse fortzuschreiben.

Erfolgsbilanz zum Jubiläum In den letzten Jahren konnte der turmdersinne auf seinen 120 Quadratmetern jeweils um die 30.000 Besucherinnen und Besucher zählen. Seit Eröffnung haben insgesamt 275.000 Menschen die Hands-on-Ausstellung besucht. Im Büro sind derzeit vier Mitarbeiter für Museumsleitung und Organisation beschäftigt, dazu gibt es einen Stamm von zehn bis zwölf Besucherbetreuerinnen und –betreuern sowie fünf bis sechs Mitarbeiter an der Kasse. Von den Gründungsmitgliedern sind neben Geschäftsführer Rainer Rosenzweig noch der Pädagoge Rudolf Pausenberger und der Physiker und Publizist Helmut Fink in aktiven Rollen beim turmdersinne tätig. Zum Förderkreis des Museum gehören bisher über 140 Personen, Tendenz steigend.

Welche Projekte dürfen denn in Zukunft noch zu erwarten sein?

Derzeit hat sich der turmdersinne zwei ambitionierte Projekte vorgenommen. In „Sinneszauber. Wahrnehmung und Philosophie“ geht es darum, Schülerinnen und Schüler ab der 8. Jahrgangsstufe für Philosophie zu begeistern und „MEIN turmdersinne“ soll das Museum fit machen für künftige Herausforderungen: Künftig wird es Besucherinnen und Besuchern möglich sein, Phänomene in elektronischen Formaten von zu Hause abzurufen, die sie im turmdersinne angefertigt haben und in denen sie selbst Teil einer verblüffenden Illusion sind. Wer würde nicht gerne mal ein Bild von sich und seiner Freundin oder seinem Freund als Riese und Zwerg im Amesraum auf Facebook posten oder die umgedrehte Monsterfratze des eigenen Gesichts bei der Thatcher-Illusion und an alle Bekannten und Freunde im Web 2.0 verschicken??

Herr Rosenzweig, vielen Dank für das Interview!