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„Eigentlich ist die Kirche ja auch eine Sekte“

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Seit rund 20 Jahren beschäftigt sich Hexe Minerva mit Schamanismus, Ritualen und Paganismus. Doch wie wird man eigentlich Hexe? Und was glaubt man dann? Sebastian Bartoschek fragte nach.
Sonntag, 17. Februar 2013
Foto: privat

Prominente Fachfrau für Magie und Hexenkult: Nach zehn Jahren Geschäftsbetrieb zieht es Minerva an die Nordseeküste. Foto: privat

Minerva, du sagst, du seist in die gesamte Thematik „Paganismus“ reingewachsen. Haben deine Eltern auch so ein Interesse an dem Bereich? Die werden doch wahrscheinlich eher konfessionell kirchlich geprägt sein?

Minerva: Überhaupt nicht. Die waren immer total bodenständig, überhaupt nicht kirchlich geprägt. Mein Vater ist sogar eher Skeptiker. Der hat immer alles hinterfragt, gerade die kirchlichen Sachen. Da war er eher negativ drauf.  Aber auch was Esoterik oder solche Sachen angeht, da habe ich von meinen Eltern gar nichts mitbekommen. Ich interessiere mich aber seit meinem Teenager-Alter für diese Themen. Erich von Däniken war so einer der ersten Schriftsteller, die ich gelesen habe. Dann kamen diese Nahtod-Erfahrungen, dieser Moody, das war in den 80ern. Und dann kamen irgendwann Fantasy-Romane dazu sowie das Interesse fürs Christentum, für den Islam, Buddhismus. Ich habe all diese Themen angerissen. Ich habe einfach etwas Sinniges gesucht und bin dadurch auf die keltogermanischen Geschichten gestoßen, den Wicca-Kult und dann hat sich das andere so mit den Jahren ergeben.

Wicca – was verstehst du darunter?

Wicca ist ja eine – in den USA mittlerweile anerkannte – Religion oder religiöse Gemeinschaft. Die ist erst in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden und schon sehr strukturiert. Rituale und auch andere Sachen sind sehr in eine Form gepresst. So bin ich nicht. Ich sehe mich dann doch eher im Schamanismus, bzw. im europäischen Schamanismus. Also sehr frei, ich lasse mich da nirgendwo reinpressen.

Bekanntheit erlangte die „Hexe und Ritualfrau“ Minerva (42) vor allem auch durch Medienberichte zu ihrem langjährig betriebenen „Hexenladen“, ein Fachgeschäft für Magie und Hexenkult, in Dortmund. Nach über einem Jahrzehnt schließt sie diesen nun und wird mit leicht verändertem Angebot im Norden Deutschlands weitermachen. Mehr im Netz: Minervas Hexenhof Tossens

Für die, die bis jetzt so gar keinen Bezug dazu hatten: Was glaubt man denn als Wicca, als Schamanin und was glaubst du?

Also, wir befinden uns im Bereich der Natur-Religion, besser vielleicht: Natur-Glaube. Pagans, also Heiden sind erst einmal Leute, die alles als beseelt ansehen und die Mutter Erde ehren. Alles kommt von ihr und geht auch zu ihr zurück, wir sind alle miteinander verbunden, das ist ein ganz wichtiges Prinzip. Das gilt gleichermaßen im Schamanismus wie im Hexen-Kult: Alles ist miteinander verbunden!

Was heißt das konkret?

Wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, wirft der Wellen, auch Wellen, die ich nicht mehr sehe. Alles hat eine Wirkung. Wenn ich etwas tue, bekomme ich eine Gegenreaktion. Im Guten wie im Schlechten. Es ist alles quasi ein Energienetzwerk – Pflanzen, Tiere, Menschen. Alles kann auf seine Art miteinander kommunizieren.

Wenn du sagst, alles kann miteinander kommunizieren, meinst du wirklich direkte Kommunikation? Glaubst du, dass es möglich ist, mit einem Baum oder einem Hund zu kommunizieren?

Na klar, aber in einer bestimmten Sprache. Ein Stein sagt mir jetzt nicht „Hallo“, aber in einer bestimmten Sprache kommuniziert er. Schau mal zu den Urvölkern, die haben auch heute noch die Sprache des Trommelns, des Gesangs, das ist ja auch hier so gewesen. Des Rituals an sich. Ich sage mal, wenn ich mit einer Pflanze kommuniziere oder mit einem geistigen Wesen, mit meinen Ahnen, mit den Dingen, die man nicht sehen und anfassen kann, dann gibt es bestimmte Rituale dafür, um mein Bewusstsein zu öffnen, meinen Geist zu erweitern, um dann eben eine Antwort zu bekommen.

Du kriegst also auch eine Antwort?

In irgendeiner Form, nicht in der Form, wie man es gerne hätte, sondern schon in der Form, die dann „angepasst“ ist: in einer Botschaft, in einem Symbol, in einer Begegnung, in einem Traum, vielleicht auch mal in einem Stichwort.

Foto: privat

Ein Blick in Minervas Hexenladen Trudimonia.

Aber spielt sich das Ganze nicht nur im Hirn ab? Findet man nicht nur Zugang zu unbekannten Teilen seines Bewusstseins, ohne dass etwas von außen kommt? Meinst Du tatsächlich, dass da eine Außenwelt ist, die in deine Innenwelt eindringt?

Ja. Es kommt auch immer darauf an. Nimm zum Beispiel die Schutzwesen-Spirits, die jeder von uns auch hat und die auch ein  Teil von uns sind. Dann ist die Außenwelt Teil der Innenwelt. Und wir gehen im Wicca-Kult davon aus, dass alles immer wiederkommt, alles in Zyklen passiert.

Glaubst du also an Reinkarnation? An eine Seele, die immer wieder neu geboren wird?

Genau. So lernt die Seele ja dazu und hat auch viele Dinge, die versteckt und verborgen sind, die sie schon mal erfahren hat. Das macht natürlich auch ganz viel aus. Und ob das Input schließlich von innen oder von außen kommt, das kommt auf die Fragestellung an, womit ich kommunizieren will, so sehe ich das. Wenn man eine Antwort bekommt und die ist für einen richtig, dann zählt das. Und mir ist dann unterm Strich egal, ob die Antwort von außen oder innen kommt – da bin ich pragmatisch.

Bei Reinkarnation denke ich immer: Wie kann das denn sein mit der Reinkarnation von Menschenseelen, wo doch die Anzahl von Menschen, die auf der Erde leben, massiv zunimmt?

Also es gibt ja auch neue Seelen, es gibt ja nicht nur alte Seelen. Es gibt Menschen, die haben schon x-mal gelebt und es gibt Menschen, die kommen das erste Mal.

Und woher sollen diese Seelen kommen?

Vielleicht aus dem Universum. Ich denke, wir sind nicht alleine und die Erde ist auch Teil eines viel komplexeren Systems. Wer weiß? Vielleicht sind wir nur eine kleine Bakterie auf einem streunenden Hund.

Glaubst du, dass die Erde selbst auch ein Organismus ist?

Ja, ich glaube schon. Alles hängt miteinander zusammen und steht in Verbindung. Sie regeneriert sich ja immer selber, zum Teil, natürlich gibt es Dinge, die sie einfach nicht schafft, weil wir ihr einfach viel zu viel zumuten. Aber ich glaube schon, sonst wäre sie schon längst nicht mehr da.

Wenn wir den Klimawechsel nehmen: Meinst Du das ist ein Selbstreinigungsmechanismus der Erde, um sich vom Menschen zu befreien?

Nein, ich glaube nicht, dass die Erde sie da befreien möchte, denn jedes Teilchen hat einen Sinn. Dieses „du böser Mensch, mir geht es besser ohne dich“, da halte ich nix von.

Du sprachst davon, dass es bei Ritualen zu Eingebungen kommt. Ein kirchenforciertes Klischee ist das von nackten Frauen, die alle auf Drogen um irgendwelche Feuer hüpfen.

Ach wie schön. Ja, das gibt es immer noch. (lacht lange)

Mal im ernst, welche Rolle spielen Drogen im Wicca-Kult?

Ich bin ja nicht Wicca, das ist ja ganz wichtig.

Dann eben für dich. Welche Rolle spielen für dich bewusstseinsverändernde Substanzen?

Eigentlich gar keine, wenn man Drogen im Alltagssinn meint. Aber natürlich wird geräuchert. Ich habe auch schon mal ein Ritual gemacht mit Fliegenpilz-Räucherwerk, Stechapfel und sowas. Also schon das ganze Programm, allerdings würde ich keine harten Sachen nutzen oder einnehmen, das trau ich mir nicht zu.

Ich habe auch noch nie Drogen genommen. Obwohl, doch, auf meinem 40. Geburtstag habe ich meinen ersten Joint geraucht und habe mich gewundert, warum nichts passiert. Ich trinke auch so gut wie keinen Alkohol – schmeckt mir einfach nicht.

Wicca ist ja eine relativ neue Begriffsschöpfung. Wie viel von dem, was du an Glauben lebst, baut wirklich auf einer kelto-germanischen Tradition auf, wie viel davon ist rekonstruiert oder vielleicht gar falsch neu rekonstruiert?

Es geht gar nicht um richtig oder falsch. Es geht darum, dass im Schamanismus und auch im Hexen-Kult Mutter Erde geehrt wird und dass jeder von uns einen Teil zur Heilung beiträgt. Zu unserer Heilung aber auch zum Kontakt mit den Naturzyklen und auch zur Erdheilung.

Man kann keltische oder germanische Rituale nicht Eins-zu-Eins nachvollziehen, es gibt keine Aufzeichnungen, wir wollen das auch gar nicht. Ich will keine Tiere opfern und ich will auch nicht Menschen den Kopf abschlagen oder so. Darum geht es nicht. Es ist schön, den Leuten beizubringen, dass es auch hier ein Naturvolk gab und man sieht das an den Natives in den USA und auch an den afrikanischen Ureinwohnern, dass viele Rituale sehr, sehr ähnlich sind. Und warum sollen unsere Vorfahren nicht so ähnlich gewirkt und gearbeitet haben?

Das verbindende Elemente ist diese Naturreligiosität, aber die konkrete Ausgestaltung, das ist eine Schöpfung des 20. oder 21. Jahrhunderts?

Muss es auch sein. Jede Glaubensrichtung, jedes Wissen um eine Religion muss ja auch mit den Menschen weiterentwickelt werden. Man sieht es ja an der katholischen Kirche.

Ja, das ist ein Beispiel für das Gegenteil. Die sagt, wenn ich die Reinheit des Glaubens halten will, dann darf ich mich dem Geist der Zeit nicht einfach unterwerfen.

Wo bin ich denn dann? Da bin ich weltfremd, menschenverachtend und ich habe keinen Zugang mehr, ich bin realitätsfremd.

Der Papst würde sagen, die Welt ist glaubensfremd, nicht er ist realitätsfremd.

Ja, genau. (lacht) Eigentlich ist es ja auch eine Sekte. Wenn man die katholische Kirche beschreiben würde, ohne den Namen zu nennen, würde jeder sagen, dass es eine Sekte ist. Mit einem Oberhaupt und Dogmen und dem Abgabenzwang. Die besteht nur aus Macht und Männern.

Nächstes Klischee: Hexen beten Satan an.

Kennen wir ja gar nicht.

Kennt ihr nicht?

Das ist ja eine christliche Definition, für uns gibt es ja auch keinen Gott in dem Sinne.

Gibt es denn mächtige metaphysische Wesen für euch?

Es gibt Götter, natürlich. Aber die sind immer und überall da und in der Natur sehr stark zu finden. Jeder ist auch ein Teil dieser Heiligkeit. Die Götter sind alles. Sie sind gut, sie sind böse, wie der Mensch eben auch – das Reine gibt es nicht.

Aber es gibt doch Verknüpfungen zum „formalen Satanismus“, wie in den USA zwischen  Paganisten und der Church of Satan oder nicht?

Es gibt natürlich Leute, die nach schwarzmagischen Aspekten arbeiten, die sicherlich auch mit dämonischen Geschichten arbeiten, da will ich aber nichts mit zu tun haben. Ich lebe halt in diesem germanischen Glauben und da gab es das nicht, weder Satan noch Engel. Das ist für mich eine Sache, die gar nicht in Frage kommt, weil so nicht arbeite.

Foto: privat

Minerva und Sebastian Bartoschek (v.r.)

Triffst du denn im Alltag auf die benannten Klischees?

Selten, weil ich so ja auch gar nicht rumlaufe. Viele erwarten bei Hexen: schwarz angezogen, verkehrtes Pentagramm, generell so gothic-mäßig. Das ist natürlich Quatsch.  Wogegen ich eher kämpfe, ist das Klischee von Rechtsradikalismus. Wenn ich bspw. von Germanen spreche, dann kommt immer: „Oh je, ihr feiert Winter- und Sommerwende? Wie jetzt?“ Und da kommen dann eben so Fragen.

Sind für dich Rechts-Esoteriker eine reale Gefahr?

Ja, finde ich schon, da muss man aufpassen. Die benutzen ja auch unsere Symbole und unsere Farben. Weiß, rot, schwarz.

Welche Bedeutung haben diese Farben denn für dich?

Die haben im Keltischen eine Bedeutung. Man muss da echt aufpassen, weil gerade im Heidnischen  alle Leute willkommen sind. Wir haben auch einen Verleger, der immer noch mit diesen Sachen zu kämpfen hat, der hat immer noch im Nacken, dass er irgendwann einmal aus der rechten Szene kam. Der war, soweit ich weiß, im jugendlichen Alter mal bei solchen Leutchen dabei, ist jetzt so um die 50, das kriegt der nie wieder los. Und es gibt tatsächlich auch diese gefährlichen Geschichten.

Ich habe das mitbekommen im Rahmen dieser neugermanischen Religion „Àsatrú“, wo auch versucht wurde, ich glaube von der NPD, das mit einzubinden.

Das Dilemma ist eben, dass der Paganismus eine offene Gemeinschaft ist, weil es ja auch so viele unterschiedliche Glaubensmodelle gibt. Andererseits will man mit solchen Leuten nichts zu tun haben. Wir wehren uns da auch immer wieder, da können die ganzen Organisationen aber mehr zu sagen, Pagan Federation, Rabenklan. Ich glaube, die müssen sich ständig rechtfertigen.

Die Pagan Federation distanziert klar von all diesen Tendenzen. Sagt aber auch, dass wenn sich jemand nach Monaten rechtsradikal äußert, dann war er davor möglichweise monatelang Mitglied einer paganistischen Gemeinschaft.

Ich hatte ja auch Aufkleber an den Fenstern, dass wir uns gegen rechtes Gedankengut wehren. Ich habe auch grundsätzlich einige Symbole gar nicht eingekauft. Das letzte mal sind wir angesprochen worden auf dem Kaiserstraßen-Fest im Oktober von jemanden der die „Schwarze Sonne“ suchte.

Und ich war so perplex, mir ist alles aus dem Gesicht gefallen, ich hab dann nur gesagt: Haben wir nicht. Für mich ist das eindeutig ein rechtsradikal geprägtes Symbol. Ich bin übrigens nie dafür angefeindet worden, dass ich mich von solchen Sachen distanziere.

Wo wir jetzt gerade so über die Binnenverhältnisse reden, wie viele und was für Leute sind das, die dein Glaubensmodell teilen?

Also es werden auf jeden Fall mehr, wenn auch nach Internet und speziell Facebook geht. Der bittere Beigeschmack ist, dass das auch viele Leute sind, die sich dadurch in irgendeiner Weise hervorheben wollen, weil es halt was Besonderes ist. Die sehen das dann als hippes Alleinstellungs-Merkmal.

Doch die Menge derer, die das wirklich leben geht durch die ganze Bandbreite von Menschen. In den letzten Jahren gibt es aber die Tendenz der Männer, die sich Schamanismus und Naturreligionen zuwenden.

Was glaubst du, woran liegt es, dass es generell mehr Menschen und insbesondere mehr  Männer werden?

Ich glaube, es liegt an der Umwelt, an unserem Leben, alles ist schneller, jeder ist durchgängig erreichbar. Ich habe einige Männer kennengelernt die an Burnout erkrankt sind, die dadurch zum Schamanismus gefunden haben. Weil die einfach nicht mehr konnten und dann den Sinn hinter allem gesucht haben, die eigene Mitte finden mussten.

Schamanismus geht in vielen Kulturen einher mit dem Glauben, sich in ein Tier verwandeln zu können. Glaubst du das für dich?

Nicht in ein Tier, aber sich mit dem Tiergeist zu verbinden und dann durch diese Seelenwanderung mit diesem Tier zu kommunizieren, mit denen fliegen zu können, jagen zu können. Und was heißt hier „glauben“, ich weiß, dass das geht.

Cover

Gedankenwelten – Interviews zwischen Science und Fiction erschien vor kurzem im JMB Verlag (Hannover) und enthält 15 abwechslungsreiche und einzigartige Interviews, die Sebastian Bartoschek in den Jahren 2011 und 2012 mit Menschen sowohl aus der Skeptikerszene als auch mit Menschen, die sich den Parawissenschaften verschrieben haben, geführt hat. Emsig bemüht, den Phänomenen unserer Gesellschaft auf den Grund zu gehen, ist er stets auf der Suche nach der nächsten „interessanten“ Person. Dabei kann das Interessante der Glaube an eine Filmreligion, die Überzeugung von prähistorischen Besuchern aus dem Weltall, Songwriting oder das Gebiet der Fußballastrologie sein. Der Sammelband enthält Interviews mit u.a. Präastronautik-Urgestein Erich von Däniken, Lorenz Meyer (Charismatischer Sheng-Fui-Sektenguru), Bernhard Hoëcker (nachdenklicher Comedian), Aran Aryono (Kurator des deutschen Jedi-Ordens) und den anonymen Betreibern von Esowatch/Psiram.

Du hast das erlebt oder kennst andere?

Ich kenne andere. Und da kenne ich auch sehr kompetente Menschen, die da auch bei waren. Aber das sind Urvölker in Nepal und Peru und so, die schon seit Jahrhunderten diese Verbindung haben.

Das heißt, hier in Deutschland ist dir noch niemand begegnet, von dem du sagen würdest, dass der das kann?

Also ich habe das manchmal, dass ich mein Tier losschicken kann. Aber ich bin dann nicht in einem Vogel und kann die Welt von oben sehen, also in dieser Realität nicht. Ich kenne auch niemanden bei dem das hier so wäre. Ich kenne das aber sequenzweise aus der Meditation, dass man sein Tier losschicken kann oder eine Sequenz hat, wo man meint, in diesem Tier zu sein.

Nochmal zu deinem Glauben: Du glaubst an Seelenwanderung, aber nicht an ein  jenseitiges Leben?

Meine Meinung ist, dass wenn wir sterben, unsere Seele ruht, so lange wie sie zur Reinkarnation braucht. Das ist ganz unterschiedlich.

Und wo sind eure Götter und Dämonen?

Also die Götter sind im Endeffekt überall. Sie können auch menschliche Gestalt annehmen, man kann ihnen also auch begegnen. In der griechischen Mythologie gibt es das ja auch, da ist es ja Zeus.

Wenn ich an Reinkarnation denke, denke ich so an das buddhistische oder hinduistische Ziel der Befreiung von der Wiedergeburt.

So sehen wir die Welt ja nicht. Wir sehen die Welt ja nicht als furchtbar an und dass wir erlöst werden müssen. Die Paganisten sehen die Welt als wundervoll an, als erstrebenswert und rettenswert. Wir sehen das nicht als schlecht an, immer wieder zu kommen. Im Gegenteil, wir sehen das als Lernaspekt.

Wozu lernt die Seele denn? Was ist das letztgültige Ziel?

Die Erkenntnis zu haben, dass alles miteinander verbunden ist und einen guten Zugang zu bekommen.

Gibt es eine Endzeit-Vorstellung?

Bei den Germanen gibt es das. Es gibt den letzten Kampf, der soll am Hellweg stattfinden.

Glaubst du an so ein Konzept?

Diese Weltunterganggeschichte. Alles geht irgendwann zu Ende, um dann neu anzufangen. Immer wieder ein Kreislauf, wie bei Mutter Natur auch. Nach dem Winter kommt der Frühling, alles in Zyklen.

Das führt dazu, dass man nie einen letzten Zustand für sich erreicht, sondern immer auf der Reise ist.

Ja. Und dass man eigentlich immer anpassungsfähig sein sollte.

Ist das nicht stressig ohne Ende?

Weiß ich nicht. Meine Überzeugung ist ja, dass die Seelen auch eine ganze Weile in der Anders-Welt verbleiben. Ich weiß ja auch nicht, ob das jetzt grade der optimale Zustand ist oder ob nicht der Zustand des Todes erstrebenswerter wäre.

Wir können das ja auch nicht mal eben ausprobieren.

Ja, was ja sinnig ist. Genau, wie man nicht weiß, was vor diesem Leben war. Da sind Türen zwischen, die man durch Hypnose zum Beispiel aufmachen kann. Ich habe das selbst erlebt.

Wie würdest du dein Verhältnis zu Wissenschaft und Technik beschreiben?

Ich bin mit Technik groß geworden, ich war die erste in der Klasse, die einen Computer hatte. Mein Vater war schon immer sehr technikverliebt. Ich habe bei AOL gearbeitet in einem Frauenforum, ich habe bei Ebay verkauft, als Ebay noch ganz klein war.

Handy und so habe ich nicht, da komme ich auch nicht mit klar. Dieses ständige und überall Erreichbar-Sein. Aber ich habe auch Internet-Auftritte und bin auch bei Facebook.

Du lehnst aber das Handy nicht ab, weil du glaubst, dass du dadurch eine Art Schädigung hast?

Auch. Ich glaube, wir sind alle sowieso geschädigt. Wir haben so viele Strahlen in unserer Umgebung, sei es durch schnurlose Telefone, Funkwellen.

Stichwort: Medizin, wie verhältst du dich da?

Ich gehe da symbolisch immer von der Zaunreiterin aus. Das heißt, immer die Linie zwischen der modernen und der Natur-Welt. Wenn Antibiotika sein müssen, wieso denn nicht? Hilft doch!

Ich habe meine Kinder auch impfen lassen. Klar habe ich die Nebenwirkungen abgewogen. Es gibt blödsinnige Impfungen, die habe ich damals auch bei meinen Kindern nicht machen lassen. Aber ich würde nie sagen, das eine ist superschlecht und das andere supergut.

Ich denke, das Mittelmaß ist in vielen Dingen ganz gesund. Ich sage meinem Arzt immer, bitte auf Naturbasis, ich muss aber auch gestehen, dass ich nicht zum Heilpraktiker gehen kann, weil ich es mir nicht leisten kann.

Wobei die meisten Heilpraktiker keinen medizinischen Hintergrund haben. Da frage ich mich immer, wie gut ist die Qualität eines interessierten Laien ist im Vergleich zu jemanden, studiert hat.

Es gibt Menschen, die auch studieren, aber nicht in der Öffentlichkeit. Eine Urkunde oder ein Abschluss, genau wie die schulische Leistung, sagt nichts über den Menschen aus. Aber trotzdem gibt es Dinge, die in der modernen Medizin besser sind, keine Frage. Es ist immer eine Sache der Abwägung, wie sind die Nebenwirkungen, sind die mehr als die Krankheit selbst? Bei Heilpraktikern würde ich immer gucken, wer das ist und wie der mir erscheint.

Wann merkt denn jemand in dem Paganismusbereich, dass man in einen bedenklichen oder gefährlichen Bereich kommt?

Man sollte erstmal das Gehirn nicht ausschalten und sich in keiner Weise abhängig machen.

Aber Abhängigkeit kriege ich ja meist nicht mit. Das ist ein schleichender Prozess.

Ich weiß nicht, ob das ein schleichender Prozess ist. Ich hatte letztens eine Kundin, die jemanden in ihrer Ausbildung hatte, der psychisch labil ist. Sowas kommt für mich nicht in Frage, sowas will ich nicht. Menschen, die psychisch ein Problem haben, haben in dieser Szene nichts zu suchen. Die müssen sich erst mal mental festigen, das eigene Familienumfeld stabilisieren, um dann eventuell mit diesem Thema zu arbeiten.

Wieso genau?

Weil man besondere Erlebnisse haben kann. Viele Dinge können schon sehr abgehoben sein. Das ist emotional sehr bewegend. Man darf sich dabei nicht verlieren und die Verbundenheit zur Realität. Ich habe Menschen gesehen, die das komplett ausschalten, das ist so kurios, die sind wirklich in einer ganz anderen Welt, die interessieren sich nicht mehr für ihre normale Umgebung. Das ist echt heftig.

Auf der anderen Seite – nervt dich das, wenn pubertierende Jugendliche reinkommen, hier irgendetwas an Ritualen kaufen und kichernd verschwinden?

Hm, Jugendliche, es sind eigentlich eher Erwachsene. Die ärgern mich eher. Es gibt aber auch Sachen, die für das Geschäft eigentlich nicht gut sind. Es gibt so ein Produkt, das ich nicht toll finde, aber wegen der Nachfrage doch verkaufe: Quicha-Boards – aber die verkaufe ich nicht an Jugendliche, ich verkaufe die erst ab 18. Ich halte persönlich überhaupt nichts davon. Da zieht man sich Sachen rein, die gehen gar nicht.

Wenn man mich danach fragt, bin ich da auch sehr ehrlich. Ich sehe die Dinger als gefährlich oder zumindest als mögliche Gefahr an.

Ich weiß aber auch, dass du Voodoo-Puppen verkaufst. Als ich das gesehen habe, habe ich geschmunzelt und du auch. Ist das für deine Kunden auch so, oder kaufen die das ernsthaft?

Die meisten sehen sofort, dass es nicht ernst ist. Original Voodoo-Puppen sehen einfach anders aus, es steht hinten auch drauf, dass es nur ein Scherzartikel ist. Wenn es Fragen gibt, erkläre ich das. Erkläre auch, dass man grundsätzlich nichts macht, das einem anderen Menschen schadet.

Das ist aber eine Entwicklung in der letzten Zeit, dass es Menschen gibt, die beeinflussen wollen, ohne Hintergrund, die wollen ihr Leben nur auf Kosten anderer besser machen. Das hat so ein bisschen was von einem Supermarkt der schnellen Lösungen.

Mindestens einmal in der Woche bekomme ich einen Anruf von Frauen: mein Partner ist weg und ich will den wieder haben, egal was es kostet. Das finde ich echt extrem.

Das wird von anderen „Hexen“ aber angeboten.

Das sind für mich keine Hexen.

Aber kann das denn überhaupt funktionieren?

Ja, es gibt Dinge, die funktionieren. Das kommt drauf an, wie gut es gemacht ist. Aber meistens kommt es dadurch nur noch schlimmer. Es hat einen Sinn, wenn zwei Menschen sich trennen, das ist so. Und wenn die wieder zusammenkommen, dann kommen die aufgrund der eigenen Kraft wieder zusammen. Menschen zu beeinflussen, in jeglicher Hinsicht, halte ich für echt nicht ok.

Aber ist das nicht die Grundidee von einem Glaubenssystem? Menschen zu beeinflussen, auf einen guten Weg zu kommen?

Vielleicht im Christentum. Wie kann ich denn sagen, was ein guter Weg für mein Gegenüber ist?

Du würdest also auch sagen, es gibt Leute...

...die sind im Christentum wunderbar aufgehoben.

Würdest du dir denn mehr Anerkennung für den heidnischen Glauben wünschen? Also auch formalisiert?

Ja, daran arbeite ich seit 10 Jahren. Aber ich weiß nicht, ob man das hinbekommt. Da gibt es ja Grundsätze. Die Pagan Federation ist da immer dran. Aber wenn sich diese ganzen Gemeinschaften untereinander schon nicht einig werden, wie soll das dann gehen?

Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?

Also Hexen reiten nicht auf dem Besen, sie sind nicht grün im Gesicht. Eine moderne Hexe hat nichts mit den Hexen im Mittelalter zu tun, auch nicht mit der Hexenverbrennung und sieht sich auch eher als europäische Schamanin. Es hat auch nichts mit der Frau im Fernsehen zu tun, die in die Kugel guckt oder Karten legt. Eine Hexe ist viel mehr.

Minerva, herzlichen Dank für das Interview!