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Humanisten sollen als Vorbilder dienen

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Der neue Präsident der Europäischen Humanistischen Föderation, der Belgier Pierre Galand, erklärt im Interview, warum sich Humanisten in Europa nicht in ein direktes Kräftemessen mit den Kirchen begeben sollten und dass es wichtig ist, neben den „klassischen Aufgaben“ auch einige grundsätzliche Fragen zur europäischen Integration ins Auge zu nehmen.
Donnerstag, 7. Februar 2013

Herr Galand, wie geht es Ihnen nach wenigen Monaten an der Spitze der Europäischen Humanistischen Föderation?

Pierre Galand: Als stellvertretender EHF-Präsident war ich in der komfortablen Situation, die Organisation und ihre Anliegen schon sehr gut zu kennen. Ich muss an dieser Stelle aber noch einmal besonders die hervorragende Arbeit meines Vorgängers David Pollock würdigen, der die EHF seit 2006 zur mutmaßlich stärksten humanistischen Stimme Europas gemacht hat. Ich bin daher hoch motiviert, die humanistische Bewegung in den nächsten drei Jahren zu führen.

Welche Aufgaben und Ziele haben Sie sich und der EHF gesteckt?

Zusätzlich zu unseren „klassischen Aufgaben“ hinsichtlich der Staat-Kirche-Trennung, den Rechten und Freiheiten von Nicht-Gläubigen, dem öffentlichen Dienstleistungs- und Bildungswesen, der Glaubens-und Gewissensfreiheit, den Geschlechterfragen, den Konzepten von Leben und Tod und der Wissenschaftsfreiheit ist es dringend notwendig, dass wir über Europa, die europäische Staatsbürgerschaft und die europäische Demokratie diskutieren sowie eigene Ideen entwickeln. Bislang haben wir den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Europa nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Wir müssen einen Dialog anregen, bei dem junge Menschen, Intellektuelle, soziale Gruppen und NGOs ihre Visionen und Gedanken für eine gemeinsame europäische Zukunft austauschen. Ich glaube, dass Solidarität in einem gemeinsamen Europa einer der wichtigsten Werte sein sollte. Und demokratische Wachsamkeit ist auch auf der europäischen Ebene dringend erforderlich.

Wir müssen auch über Migration von und nach Europa nachdenken und uns zu einem offenen Europa bekennen, das säkulare Prinzipien gegenüber fundamentalistischen Bestrebungen verteidigt. Dieses Thema wird uns beschäftigen, solange das Wohlstandsgefälle zwischen Europa und seinen Nachbarn derart groß ist. Es ist aus meiner Sicht notwendig, dass die EHF langfristig denkt sowie Ambitionen und Strategien zu diesen Fragen präsentiert.

Was erwarten Sie von dem neuen Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz? Halten Sie ihn für einen Befürworter eines humanistischen Europas?

Es ist schwer zu sagen. Vor einigen Monaten war er bei einem Treffen des parlamentarischen Arbeitskreises für säkulare Politik (EPPSP), der von der Europaparlamentarierin Sophie In’t Veld geführt wird. Dort machte er einige bemerkenswerte Aussagen zu Säkularismus und Religion in Europa, etwa dass die Bedrohung für ein friedliches Leben in unserer Gesellschaft nicht von säkularen Organisationen komme und dass die Aufklärung „Europas beste kulturelle Tradition“ sei. Wir haben Grund genug, dem Austausch mit dem Europäischen Parlament während seiner Amtszeit optimistisch entgegenzublicken.

Was halten Sie momentan für wichtiger: Den Einsatz für die säkularen Prinzipien in Europa oder die Stärkung der humanistischen Gemeinschaften als Orte geistiger Heimat?

Wir brauchen beides. Wenn wir auf starke Organisationen zurückgreifen können, die ihre Rechte verteidigen, wird das unsere Stimme in Europa nur stärker machen. Ich glaube, zum Selbstverständnis unserer Mitglieder sollte es gehören, das Säkulare in ihren Gesellschaften zu stärken und zugleich ihre eigenen Prioritäten an den Bedürfnissen vor Ort auszurichten.

Pierre Galand

Pierre Galand (*1940) ist Soziologe, Politologe und Philosoph. Der Experte für Entwicklungszusammenarbeit ist einer der Organisatoren des sog. Russell-Tribunals zu Palästina. Pierre Galand vertrat die frankophonen Sozialisten im belgischen Senat. Seit 2006 ist er Präsident der belgischen Centre d'Action laique (CAL), seit Mai vergangenen Jahres Präsident der EHF.

Wie steht es um die Selbstbehauptungskräfte des Humanismus' in Europa? Zeigen sie Wirkung oder leben wir in einer Zeit des neo-konservativen Rückfalls?

Wir erleben tatsächlich einen neo-konservativen Rückfall. Zeitgleich deuten die meisten Erhebungen auf ein Voranschreiten des Säkularismus in Europa hin. Meiner Ansicht nach bilden die neo-konservativen Religiösen keineswegs eine Mehrheit in der europäischen Bevölkerung und sind sich dessen bewusst. Darum sind sie so aggressiv und machen lautstark auf sich und ihre Anliegen aufmerksam, etwa bei „Blasphemie“. Die Neo-Konservativen sind gut organisiert und versuchen mit ihren Geldern und Mediennetzwerken die europäische Politik zur Stammzellforschung, bei der Sterbehilfe oder bei Fragen der sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen zu beeinflussen.

Aber wir können auch optimistisch sein. Die humanistischen Stimmen mehren sich und die meisten europäischen Freidenker scheinen zu realisieren, wie wichtig das Zusammenführen der Kräfte gegenwärtig ist, um die Meinungs- und Glaubensfreiheit sowie Demokratie, Gleichheit und Gerechtigkeit in Europa zu unterstützen.

Was wollen Sie dem starken Einfluss der religiösen Lobbyisten in Brüssel entgegensetzen?

Es kann nicht darum gehen, den religiösen Lobbyisten etwas direkt entgegenzusetzen. Wir müssen auf unserem Terrain kämpfen, nicht auf dem der anderen. Unsere Basis sind Demokratie und Menschenrechte, und ich glaube, wir sind deutlich effektiver, wenn wir als Vorbilder dienen und durch konkretes Handeln unsere Verbundenheit mit diesen Werten zeigen.

In ganz Europa sind Menschen mit Blasphemie-Vorwürfen konfrontiert. Selbst die Anklage gegen die russische Punkband „Pussy Riot“ basierte auf einem solchen. Brauchen wir eine europaweite Kampagne gegen Gotteslästerungsgesetze?

Zunächst rate ich, nicht in Panik zu verfallen! Wie ich schon sagte, schreien die religiösen Lobbygruppen zwar besonders laut, sind mit ihren Ansichten aber nicht in der Mehrheit. Die Meinungsfreiheit wird durch alle wichtigen Menschenrechtsabkommen geschützt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat mehrmals betont, dass die Meinungsfreiheit „für die demokratische Gesellschaft von konstitutiver Bedeutung“ ist und dass sie „nicht nur anwendbar auf ‚Informationen‘ und ‚Ideen‘ ist, die positiv aufgenommen oder als harmlos oder als indifferent angesehen werden, sondern auch auf solche, die den Staat oder einen Teil der Bevölkerung verletzen, schockieren oder beunruhigen.“

Es gibt also kein Grundrecht, nicht in seinem religiösen Gefühl verletzt zu werden. Kirchen und religiöse Gruppen sollten Kritik akzeptieren, wie jede andere Gruppe in der Gesellschaft auch. Wir müssen aber natürlich auch überall dort aktiv werden, wo diejenigen, die die Prinzipien der Meinungsfreiheit verteidigen, Unterstützung benötigen – vor allem in Ländern, in denen Blasphemie-Gesetze als Waffe gegen demokratische Standards eingesetzt werden.

Wie können Humanisten in Deutschland die EHF unterstützen?

Als allererstes ihre gute Arbeit fortsetzen. Wie ich schon sagte, ist es wichtig für uns, auf Organisationen zurückgreifen zu können, die in ihrer nationalen und regionalen Umgebung gut verwurzelt sind. Zweitens hilft es uns, wenn sie unsere Pressemitteilungen und Informationen in ihre Netzwerke streuen, vor allem auch an Journalisten, denn unsere Medienarbeit kann noch deutlich besser werden. Und drittens ist es hilfreich, wenn sie uns mit nationalen und regionalen Informationen zu bestimmten Fragen versorgen, die entweder wir aufwerfen oder die in ihren Kontexten aufkommen und von europäischem Belang sind. Wenngleich wir ein wachsendes Netzwerk sind, sind schweigende Mitglieder nicht sehr hilfreich. Wir müssen unbedingt unsere Erfahrungen und Informationen auf allen Wegen teilen, also von oben nach unten und von unten nach oben. Wenn es uns gelingt, unsere Arbeit in diesem Sinne zu verbessern, dann, da bin ich sicher, werden wir künftig große Dinge erreichen können.

Herr Galand, vielen Dank für das Gespräch.