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Darwin, Evolution und Gottesfrage: Wider die seltsamen Allianzen

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Der Begründer der Evolutionstheorie war kein Atheist. Der Religionswissenschaftler Michael Blume wendet sich mit seinem neuen Buch daher gegen eine religionskritische Vereinnahmung Charles Darwins. Denn Menschen zwingen zu wollen, sich zwischen Wissenschaft oder Religion entscheiden zu müssen, sei ein „gefährlicher Schwachsinn“.
Montag, 4. Februar 2013
National Portrait Gallery

Britischer Naturforscher und anglikanischer Theologe: Charles Darwin, 1881. Bild: National Portrait Gallery

Im Januar 1844, rund 15 Jahre vor der Veröffentlichung seines Buches Über die Entstehung der Arten, meinte Charles Darwin in einem Brief, er habe das Gefühl, einen Mord zuzugeben, wenn er seine Erkenntnisse veröffentlichen würde. War er nicht der Ansicht, dass die Evolution das Nichtvorhandensein eines Gottes nahelegt?

Dr. Michael Blume: Darwin war klar, dass er mit der Veröffentlichung die sogenannte „Natural Theology“ herausfordern würde, die Gottes Existenz aus Naturbeobachtungen heraus „beweisen“ wollte. Für ihn war das auch selbst schlimm, da er als junger Theologe sehr lange auch selbst der „Natural Theology“ von William Paley gefolgt war.

Gleichwohl betonte er immer und immer wieder, dass sich Evolution und Gottesglauben nicht ausschlössen, zumal ja viele seiner wissenschaftlichen Freunde und Mitstreiter, zum Beispiel der Botaniker Asa Grey oder Alfred Russel Wallace, weiterhin fröhlich gottesgläubig waren.

In seinem letzten Lebensjahr war Darwin von einem Buch zur Vereinbarkeit von Gottesglauben und Wissenschaft sogar so begeistert, dass er dem jüngeren Kollegen William Graham „Fanpost“ schrieb und sich ein Treffen wünschte. Leider kam es dazu nicht mehr.

Zugleich hat er durch die Erklärung einer Entstehungsgeschichte ohne göttliches Eingreifen Wasser auf die Mühlen von Atheisten gegossen.

Ja, er vollendete die Unterscheidung zwischen Religion und Wissenschaft. Damit wurde es für Menschen leichter, vermeintlich ohne Religion zu leben – und religiöse Gelehrte konnten nicht mehr so einfach „Gottesbeweise“ konstruieren. Ich denke, dieser Prozess ist aber für die Religion ebenso hilfreich wie die Demokratie für die Politik: Echtes Engagement erwächst aus Freiheit, nicht aus Zwang. Die Menschen sind heute freier, sich für oder gegen Gott zu entscheiden, in der Wissenschaftssprache: Es wächst die Bedeutung der intrinsischen Motivation.

Die drei großen Weltreligionen verbreiten die Geschichte der Schöpfung – mehr oder weniger – gleich. Zu Zeiten von Charles Darwin war der Mehrheit der Menschen auf der Erde eine andere Schöpfungsgeschichte kaum vorstellbar. Und Darwin hat die religiöse Schöpfungsgeschichte nicht absichtlich infrage gestellt. War er also verantwortlich für den großen Bruch zwischen der Wissenschaft und der Theologie?

Tatsächlich war der „Bruch“ zwischen Wissenschaften und wörtlichen Lesarten der Schöpfungsgeschichte schon da, vor allem mit Bezug auf das Alter der Erde, man denke an die Geologie und die Noah-Sintflut. An der Universität Cambridge, an der Darwin Theologie studierte, war das bereits ein großes Thema. Was Darwin dann neu entwickelte, war eine Theorie, die auch die Entstehung des Lebens und des Menschen ohne notwendiges, göttliches Eingreifen erklären konnte. Viele Menschen glauben seitdem irrtümlicherweise, die Evolution sei „atheistisch“. Das stimmt natürlich nicht, auch nicht für Darwin selbst.

Müsste man nicht zwischen Darwinismus und Evolutionstheorie trennen? Müsste man nicht auch immer zwischen dem heutigen Stand der Evolutionstheorie und dem damaligen Wissensstand Darwins unterscheiden? Die Evolutionsforschung ist schließlich heute schon viel weiter als zu seinen Lebzeiten.

Ja, das sehe ich ganz genauso! Evolutionstheorie und -forschung bezeichnen empirische – natur- und kulturwissenschaftliche – Disziplinen, wogegen -ismen wie Darwinismus oder Sozialdarwinismus Weltanschauungen – also Deutungen – bezeichnen. Da muss man sorgsam und klar unterscheiden. In Deutschland hatten wir ja auch schon unseren „Richard Dawkins“ namens Ernst Haeckel. Ein Biologieprofessor, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine riesige Anhängerschaft hatte, sich in Rom zum „Gegenpapst“ ausrufen ließ und den „Monistenbund“ leitete, der die neue, absolute Weltanschauung verkünden wollte. Heute kennen ihn nur noch wenige Spezialisten, die von ihm totgesagten Kirchen und Religionen sind dagegen sehr lebendig...

Cover

Dr. Michael Blume promovierte 2005 in Tübingen über Religion und Hirnforschung („Neurotheologie. Chancen und Grenzen aus religionswissenschaftlicher Perspektive“, 2009 als erweiterte Neuauflage im Tectum Verlag erschienen) und spezialisierte sich auf die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen. International bekannt wurde er vor allem mit seinen Forschungen zum durchschnittlich höheren Kinderreichtum religiöser Familien, beispielsweise bei den Old Order Amish. Gemeinsam mit dem Philosophen und Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Vaas veröffentlichte er 2011 das bereits in der dritten Auflage vorliegende Buch „Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität“. 

Wieso ist es überhaupt von Bedeutung für die Evolutionstheorie, was Darwin über die Existenz von Göttern dachte?

Es ist von Bedeutung für das „Verständnis“ von Evolutionstheorie. Wir Menschen reden uns ja gerne ein, völlig sachlich und rational an die Themen heranzugehen. In Wirklichkeit haben wir jedoch – durch die Evolution! – sehr starke Gefühle, die auch die größten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beeinflussen. Daher ist es meines Erachtens nach wichtig, sich auch immer wieder mit unterschiedlichen Auffassungen zu befassen und dadurch zu verhindern, dass man sich unbemerkt in die eigenen Vorurteile einmauert. Und nochmal: Das gilt gerade auch für Experten! Ein „schönes“ Beispiel sind selbsternannte „Darwinisten“ wie Richard Dawkins, die ganze Bücher über bzw. gegen Religion schreiben, ohne dort wenigstens zu erwähnen, was Darwin selbst zur Evolution der Religion meinte. Verschweigen sie es, oder wissen sie es gar nicht? Und was wäre eigentlich schlimmer?

Doch ist die Vereinnahmung Darwins durch atheistische Bewegungen aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive nicht höchst plausibel? Jesus, der jüdische Erweckungsprediger, ist von der christlichen Religion vereinnahmt worden...

Oh ja, und auch für das Christentum war es zum Beispiel zur Überwindung von Antisemitismus wichtig, dass dieser „Vereinnahmungsprozess“ historisch-kritisch beleuchtet und aufgearbeitet wurde und wird. Ebenso könnten „Darwinisten“ von einem differenzierteren Blick auf ihren Begründer profitieren. Am Ende könnte ein wissenschaftlich reicheres und damit auch weniger vorurteilsbeladeneres Bild auch von Darwin stehen. Das wäre ziemlich genau das, was ich mir in kühnen Träumen wünsche!

Wie soll Ihr Buch also von Atheisten verstanden werden? Als Rechtfertigungsschrift für den religiösen Glauben?

Als Chance, sich über den historischen, vielschichtigen Darwin zu informieren und daraus auch für sich selbst neue Informationen, Gedanken und Einsichten zu gewinnen. Als Religionswissenschaftler ist es weder mein Job noch Ziel, religiösen Glauben zu „rechtfertigen“. Auch Musik- oder Sprachwissenschaftler „rechtfertigen“ ihre Forschungsbereiche ja nicht, sondern erkunden und beschreiben, wie sie wurden und wie sie sich auswirken.

Ist das denn schließlich nicht eigentlich nur ein guter alter Personenkult, um den sich die ganze Debatte zu Darwin dreht?

Ja, wiederum aufgrund der Evolution interagieren die meisten Menschen lieber mit Personen als mit Sachen. Obamas Gesundheitsreform? Viel zu kompliziert. Obamas Hund? Oh, super! Das gilt natürlich auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, so dass sich um große Geister wie Darwin oder Einstein bald viele Erzählungen, Gedenktage usw. ranken. Und eine Aufgabe von Wissenschaft ist es natürlich, hin und wieder nachzuschauen, ob die gängigen Annahmen über den Helden überhaupt noch historisch haltbar sind. Bei Darwin war ich überrascht, wie viele Leute sich auf ihn berufen – und wie wenige davon seine eigenen Aussagen überhaupt kannten...

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...was die Erkenntnisse zur Evolutionstheorie nach heutigem Stand freilich nicht beeinträchtigt, oder? Und diese lassen wenig Raum für Götter, aber viel Raum für ... ?

Nach heutigem Stand der Evolutionsforschung gehören religiöse Glaubensüberzeugungen und Mythen ebenso zur menschlichen Wirklichkeit wie Literatur, Musik- und Kunststücke, wissenschaftliche Theorien, Sehnsucht nach Sinn usw. Religionen scheinen sogar überlebensnotwendig zu sein – obwohl wir seit der griechischen und indischen Antike atheistische Bewegungen kennen, haben diese, vor allem mangels Kindern, bislang nie eine dauerhafte Gesellschaft begründen können. Ich sehe für Religiöse also keinerlei Grund, den wissenschaftlichen Fortschritt zu fürchten. Wenn Gott der Schöpfer sei, warum sollte man dann die Erforschung der Schöpfung ablehnen?

Das wäre aber nur bedingt ein Argument für die Glaubenssätze der Konfessionen und ihre Wahrheitsansprüche.

Ja, sogar nur sehr bedingt. Freilich ist es erkenntnistheoretisch interessant: Nehmen wir Menschen über unsere je rationalen, emotionalen, narrativen, künstlerischen und eben auch spirituellen und religiösen Veranlagungen nur Illusion(en) wahr oder befinden wir uns auf dem Weg zu höheren Wahrheiten? Das kann die Evolutionsforschung aus sich selbst heraus nicht beantworten, aber anregen kann sie schon.

Die Vorstellung, Ihr Buch könnte einen Vorschub dazu leisten, dass Charles Darwin von einigen Kreationisten eingemeindet wird, könnte skeptischen Beobachtern eine Heidenangst einjagen. Wenn Sie das Bild von ihm als das eines säkular denkenden, wenig religiösen Menschen einreißen, bleibt vielleicht am Ende nur noch Richard Dawkins als Ikone für die – global besehen – nicht übermäßig zahlreichen Vertreter einer wissenschaftlichen Evolutionstheorie übrig. Die britische Tageszeitung The Guardian berichtete vor wenigen Tagen, dass derzeit in vier US-Bundesstaaten darüber nachgedacht wird, religiöse Interpretationen der Evolution an Schulen zu lehren.

Letztlich vertreten die religiösen Kreationisten und die ideologischen Atheisten das gleiche Programm – sie wollen die Menschen davon überzeugen, dass man nur entweder für Gott oder für die Wissenschaft sein könne. Das ist meines Erachtens nach nicht nur Schwachsinn, sondern gefährlicher Schwachsinn, weil er sowohl die Religionen wie die Wissenschaften – und damit letztlich uns alle – beschädigt. Daher schlage ich mich da auf keine Seite, sondern erneuere, was schon Darwin selbst wusste: Wo Menschen bereit sind, ihre jeweiligen Vorurteile zu hinterfragen, können Wissenschaften und Religionen gedeihen!

Ein humanistisch klingendes Plädoyer, gegenüber dem manchen Menschen aber sicherlich erhebliche Zweifel beim Blick auf die tatsächlich gedeihenden Religionen aufkommen werden. Unberechtigterweise?

Als Evolutionsforscher habe ich ja immer nur historische bis gegenwärtige Daten vor mir - für Zukunftsvorhersagen sind die Propheten zuständig! Im Ernst aber: Es gibt tatsächlich säkular orientierte Kollegen wie zum Beispiel Eric Kaufmann, Autor von Shall the Religious Inherit the Earth?, die davon ausgehen, dass der kinderreiche Fundamentalismus weiter erstarken wird. Andere, wie Robert McCauley, Autor von Why Religion is Natural and Science is Not, warnen vor allem die Wissenschaftler davor, die eigene Bedeutung zu überschätzen.

Ich gehöre eher zu den Optimisten, die davon ausgehen, dass es gelingen kann, in einer freiheitlichen Gesellschaft religiöse und weltanschauliche Vielfalt zusammen zu bringen, in der die verschiedenen Milieus auch ihre Beiträge zum großen Ganzen leisten. So hat ja auch in den USA die „Regenbogenkoalition“ unter Obama dem Ansturm der religiösen Rechten standgehalten.

Es ist interessant, aber eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass sich zwischen religiösen Kreationisten (die die Evolutionstheorie zugunsten religiöser Dogmen ablehnen) und atheistischen Ideologen eine seltsame Allianz gebildet hat: Beide Seiten wollen der Öffentlichkeit und auch sich selbst glauben machen, bei Charles Darwin habe es sich um einen Atheisten gehandelt. Weiteres Nachdenken würde sich dann erübrigen. Doch der echte, historische Darwin war sehr viel demütiger, interessanter und nach Erkenntnis suchender, schrieb seitenweise nicht nur über die Fragen religiöser Wahrheit(en), sondern auch über die Evolution von Religiosität und Religionen. Charles Darwin macht es uns nicht leicht, weil er es sich selbst nicht leicht gemacht hat! – Michael Blume in seinem Blog Natur des Glaubens

Wie sehen Sie dann die Entwicklungen in evangelikalen und anderen religiösen Gruppen, in denen die Möglichkeit, die Schöpfungsgeschichte wörtlich zu nehmen, heute wieder viel stärker präsent ist?

Zu den durchaus beunruhigenden Befunden der Evolutionsforschung von Religion gehört, dass auch fundamentalistische Gruppen sehr erfolgreich sein können. Denken Sie zum Beispiel auch an die evangelisch-baptistischen Amish, die höhere Bildung ablehnen, aber durch Kinderreichtum enorm wachsen. Dagegen haben Nichtreligiöse (zu) wenige Kinder, so dass säkulare Milieus immer wieder schrumpfen. Die Evolution selbst richtet sich ganz offensichtlich nicht nach unseren gängigen Vorstellungen von „Fortschritt“.

Hörtipp Ein Vortrag von Michael Blume zur Einführung in die interdisziplinäre Evolutionsforschung zu Religiosität und Religion an der Technischen Universität Dortmund wurde vor kurzem Teil der Sendereihe Hörsaal von DRadio Wissen. Blume schildert darin seine Sicht auf die Frage, warum die meisten Menschen auch heute noch einen religiösen Glauben haben. Und wenige Tage zuvor sprach der Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas in der Reihe über seine Erkenntnisse zu den Auswirkungen des religiösen Glaubens auf Gesellschaften. Beide Beiträge können auf den Seiten von DRadio Wissen nachgehört werden.

Was halten Sie eigentlich vom Darwin Day, zu dessen Feier regelmäßig säkulare Gruppen aufrufen?

Den Darwin Day, auch Evolution Day genannt, finde ich großartig! Er wird ja gerade auch in den USA auch von vielen Kirchengemeinden, jüdischen Gemeinden und anderen Religionsgemeinschaften mit begangen. Ich hoffe, dass diese Tradition auch stärker nach Europa überspringt - und tue meinen kleinen Teil dazu.

Zum Schluss bitte einfach mal eine Mutmaßung: Wie würde ein Forscher wie Charles Darwin heute auf die Gretchenfrage antworten?

Naja, inzwischen dürfte er ja wissen, was da oben los ist! Scherz beiseite: Ich vermute, Darwin wäre doch eher enttäuscht, dass wir an seinen Forschungen zum Thema so wenig angeknüpft und kaum das Niveau von ihm und William Graham erreicht haben. Die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen würde ihn sicher sehr interessieren und er würde dafür plädieren, sie im interdisziplinären Dialog fortzuführen.

Image of Evolution und Gottesfrage (HERDER spektrum)

Michael Blume: Evolution und Gottesfrage (HERDER spektrum). Verlag Herder GmbH 2013, Taschenbuch, 176 Seiten