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"Religion ist nicht unser Thema"

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Sebastian Bartoschek unterhielt sich mit dem Mitbegründer der Skeptikerbewgung Ray Hyman über kritisches Denken, Aberglaube, Parapsychologie und die Rolle von Vertrauen. In den ersten beiden Teilen ging es unter anderem um die Entstehung der skeptischen Bewegung und das Ausmaß des Aberglaubens in der Moderne. Im dritten und letzten Teil des Interviews spricht Sebastian Bartoschek mit Ray Hyman über die Verbindung von Skeptizismus und Atheismus und sein Engagement gegen eine Studie zur Parapsychologie.
Dienstag, 1. Januar 2013
Ray Hyman 3

Wie würden Sie Skeptizismus zu Atheismus in Verbindung bringen? Kann ein guter Skeptiker gläubig sein?

Dazu gab es seit Beginn der Skeptikerbewegung erbitterte Kämpfe. In den frühen 1990er gab es die Debatte darüber, wann ein Skeptiker ein guter Skeptiker sei. Paul Kurtz war zu dieser Zeit nicht nur Vorsitzender von CSICOP sondern auch einer humanistischen Bewegung. Das löste bei Randi, Martin Gardner und mir ein wenig die Befürchtung aus, dass CSICOP als Sprachrohr der Humanisten missverstanden werden könnte. Es ist schon so, dass viele Skeptiker in der Tat Humanisten sind, aber eben nicht alle.

Ich habe von Anfang an, übrigens in Übereinstimmung mit Kurtz, eine Unterscheidung getroffen, zwischen Skeptizismus und Humanismus. Und wir hatten von Anfang an auch Christen in unseren Reihen. Natürlich keine Fundamentalisten, sondern liberale Christen, zum Beispiel Katholiken. Die wurden sauer, weil dann einige zu den Treffen kamen, die sehr böse Sachen über Religion generell sagten. Die Religiösen beschwerten sich bei mir darüber, sagten, dass sie doch gar nicht andere von ihrem Glauben überzeugen wollten, und was das denn solle. Ich habe dann immer gesagt: „Wir treffen keine Aussagen über Religion, das ist nicht unser Thema. Aber: wenn jemand, im Namen der Religion, eine testbare Vorhersage macht, zur Heilung oder Wiederauferstehung, dann werden wir diese prüfen! Das ist nur fair." Das ist die Art, wie ich damit umgehe. Leider muss ich sehen, dass wir die Religiösen im Laufe der Zeit irgendwie verloren haben, denn in den Workshops treffe ich heute hauptsächlich Atheisten.

Etwas anderes: Im letzten Jahr hat Daryl Bem Ergebnisse veröffentlicht, die sich mit Parapsychologie beschäftigten. Er wurde dann vor allem stark für die Methodologie angegriffen. Was meinen Sie dazu?

Parapsychologie 2

Der Astralschlaf von Jeroen van Valkenburg

Ich wurde dazu ja viel in der New York Times zitiert, leider oft auch falsch. Zunächst gilt festzuhalten: Das Problem mit dieser Studie hat nichts mit Parapsychologie zu tun. Das Problem ist methodologisch. Dieses Paper hätte so niemals publiziert werden dürfen! Ich habe 50 Jahre lang für verschiedene Magazine Artikel reviewt, dazu zählen Magazine wie Nature, Science und wohl alle wichtigen Psychologiejournals, sowie Magazine in der Biologie. Ich kenne also den Publikationsprozess wirklich gut. Ich kann mich nicht an einen einzigen Artikel erinnern, der mit so offensichtlichen Fehlern und Schwächen wie Bems Studie publiziert wurde. Da sind Sachen drin, die man niemals hätte machen dürfen. Und es wird behauptet, dass alle vier Reviewer plus zwei Herausgeber meinten, dieser Artikel solle so publiziert werden. Ich kann das einfach nicht glauben. Das ist für mich eine Unglaublichkeit, geradezu unerklärlich.

Ich selbst habe 42 konkrete Schwachstellen benannt und an die Herausgeber weitergegeben. Bem verändert in der Mitte der Studie einfach das Experiment grundlegend, ohne Begründung. Ein Experiment wird doch geplant und nicht „´mal eben so" geändert. Das riecht doch alles geradezu nach Data-Mining, der gezielten Suche nach Signifikanzen. Stichproben werden solange neu gemischt, bis die Ergebnisse passen. Es wäre so dumm, wenn er das bewusst gemacht haben sollte. Die ersten Experimente der Studie sind so schwach, die hätten niemals Teil einer Publikation werden dürfen. Es handelte es sich schlicht nicht um Experimente, die diesen Namen verdient hätten. Wenn man die ausgelassen hätte, wäre das Paper deutlich beeindruckender gewesen. Aber die haben die drin gelassen, nur um die Anzahl der Versuchspersonen hoch zu schrauben.

Sie meinen, die Anzahl der Versuchspersonen wurde erhöht, ohne dass diese überhaupt für die signifikanten parapsychologischen Befunde relevant war?

Parapsychologie 1

Genau! Bem sagt auch nie, welche Hypothesen er eigentlich hat und woher diese kommen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das ein untrügliches Warnzeichen bei einer Studie ist. Und wieso die Herausgeber ihm dann soviel Platz gegeben haben, um über Irrelevantes zu schreiben, ist einfach völlig unbegreiflich. Die ganzen Beschreibungen der Randomisierung, der zufälligen Zuteilungen, da hätte doch ein einfacher Absatz gereicht. Aber nein, er darf das immer und immer wieder erklären. Dann nutzt er nochmal viel Platz, um sich über Quantentheorie auszulassen, was überhaupt nichts mit den Ergebnissen seiner Studie zu tun hat. Und auch das wurde Bem von den Herausgebern zugestanden. Das einzige was er dadurch zeigt, ist, dass er einfach keine Ahnung von Parapsychologie hat. Aber er glaubt, irgendwie die Quantentheorie dort einbauen zu können. Das sind doch alles Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Studie. Er sagt nie, warum er das Experiment ändert. Warum er die Art der Stimuli ändert, plötzlich im laufenden Versuch. Und die Herausgeber stellen das noch nicht einmal in Frage. Haben die das je gelesen? Nun gut, es ist kaum lesbar das von einem, der Studenten beigebracht hat, wie man Paper schreiben sollte. Es ist das unübersichtlichste Paper das je geschrieben wurde, es ist schlicht Pfusch! Und das zieht sich durch die ganze Studie. Im zweiten Experiment führt Bem aus, dass er keine passenden Ergebnisse bekam, und er deswegen bei den letzten Probanden die Versuchsbedingungen änderte. Nur um bessere Ergebnisse zu bekommen. Das ist doch echt schwach, so macht man einfach keine Experimente. Das führt doch jede Statistik ad absurdum, egal was man dann rechnet, das hat keine Bedeutung.

Zum Abschluss unseres Interviews noch eine Frage: Michael Shermer hat sich im Wahlkampf deutlich für Präsident Obama ausgesprochen. Würden Sie das für sich auch so sehen? Ist es wichtig, einen eher säkular orientierten Präsidenten zu haben?

Obama ist nicht säkular, er ist bekennender Christ. Aber er ist besser als jeder Republikaner. Die republikanische Basis glaubt ernsthaft den Klimawandel wegstimmen zu können. Das erinnert mich an Wien im 19 Jahrhundert, die wollten den Wert von Pi per Abstimmung verändern, damit es eine rationale Zahl würde. Genauso denkt die republikanische Basis. Sie wollen am liebsten den Klimawandeln abwählen. Die haben doch gar kein Verständnis von Wissenschaft.

Vielen Dank für dieses Interview!