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„Gesellschaft basiert stets auf Vertrauen!“

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Sebastian Bartoschek unterhielt sich mit dem Mitbegründer der Skeptikerbewegung Ray Hyman über kritisches Denken, Aberglaube, Parapsychologie und die Rolle von Vertrauen. Im ersten Teil ging es um die Entstehung der skeptischen Bewegung und ihrer Kritiker. Im zweiten Teil stehen das Ausmaß des Aberglaubens, die Grenzen des Skeptizismus und die Notwendigkeit gesellschaftlichen Vertrauens im Mittelpunkt.
Montag, 31. Dezember 2012
Wunsch-Baum

"Wunschbaum" am Pfullinger Berg (Schwäbische Alb) | Foto: Ramessos via wikimedia commons

diesseits: Denken Sie, dass das Ausmaß des Aberglaubens in den letzten Jahren oder Jahrzehnten zugenommen hat?

Das ist sehr schwierig zu beantworten. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Mein Freund Martin Gardner hat diese Idee, dass wenn man einen bestimmten Ort betrachtet, wie die USA, der Aberglaube dort bis zu einem bestimmten Ausmaß anwächst und man nichts dagegen tun kann. Eine Verringerung des Aberglaubens durch Argumentieren ist nicht möglich. Man kann sich lediglich darüber lustig machen, aber du kannst es nicht verringern. Eine lustige Idee. Aber was schon interessant ist, dass es so etwas wie Trends zu geben scheint. Wenn ich zum Beispiel, die Pyramidologie betrachte, dann ist das etwas, über das heute kaum noch gesprochen wird, es ist nicht mehr wirklich ein Thema. Die Phrenologie gibt es auch nicht mehr.

Naja, nicht wirklich. Phrenologen gibt es noch in der Personalauswahl.

Doch, doch. Keiner nimmt das mehr ernst. Aber es gibt Sachen, die immer Thema sind. So wie Astrologie. Es ist aber ein Rätsel, welches Thema eine Modeerscheinung ist und welches überdauert. Wenn ich das richtig vorhersagen könnte, dann wäre ich Millionär. Es ist halt nicht wirklich messbar, ob das Ausmaß wächst. Was wir als Psychologen aber wissen, ist, dass die menschliche Kognition einfach gesprochen auf zwei Systemen beruht. Zum einen auf einem evolutionären älteren System, das wir mit Tieren und Säugetieren teilen, nach dem wir intuitiv handeln, nach dem wir auf der Grundlage von Erfahrungen reagieren, quasi automatisch, ohne dass wir da nachdenken.

Wenn wir über alles bewusst nachdenken müssten, dann wären wir handlungsunfähig. Denn bewusstes Handeln ist an Aufmerksamkeit gebunden und engen Kapazitätsgrenzen unterworfen, weswegen wir es nur für Handlungen gebrauchen sollten, die wirklich wichtig sind. Für die meisten Entscheidungen kann man seiner Intuition vertrauen – man hat ja letztendlich auch keine andere Möglichkeit. Aber als Resultat führt das dazu, dass dieses System, das uns oft zu den richtigen Entscheidungen im Alltag bringt, uns verletzlich macht gegenüber denjenigen, die uns ausnutzen wollen. Denn es gibt es keine Garantie, dass die automatischen Entscheidungen richtig sind. Deswegen ist die Arbeit der Skeptiker so wichtig, denn wir sind darauf angewiesen, dass wir einander vertrauen können.

Ray Hyman 2

Ray Hyman auf dem Weltskeptikerkongress in Berlin 2012 | Foto: Tokenskeptic via wikimedia commons

Wenn man beispielsweise die ehemalige DDR betrachtet, wo es einen Sicherheitsapparat gab, der so schlimm war, dass man seiner eigenen Familie nicht vertrauen konnte, dann musste das dazu führen, dass diese Gesellschaft bzw. dieser Staat zusammenbricht. Jede Gesellschaft baut darauf auf, dass wir einander nicht unaufhörlich misstrauisch begegnen müssen! Wenn aber Menschen wie Uri Geller unser Vertrauen missbrauchen und dass dazu führt, dass wir nicht vertrauen können, dann ist das in der Konsequenz eine ernste Bedrohung der Gesellschaft. Ich muss es wiederholen: Gesellschaft basiert stets auf Vertrauen! Ebenso wie Wissenschaft. Und wenn Wissenschaftler innerhalb ihrer disziplinären Matrix arbeiten wollen, dann können sie einander vertrauen. Sie können den Ergebnissen ihrer Kollegen vertrauen.

Wie sehen Sie die Rolle der sog. „Neuen Medien", im Speziellen des Internet. Ist es ein Medium, das die Menge des Misstrauens anwachsen lässt oder kann es etwas Nützliches sein?

Es kann nützlich sein, sicher, aber es gibt da schon ein Problem. Es gibt dazu eine Theorie, dir mir wirklich gefällt. Es gibt Untersuchungen zur Anzahl der wissenschaftlichen Journale. Zu solchen Journalen, die die Abstracts anderer Journale wiedergeben, und zu denen, die wiederum die Artikel über die Abstracts wiedergeben. Gerade die Anzahl der letzteren wächst exponentiell an. Das Faszinierende an dieser Entwicklung, dass obwohl das Ausmaß an Informationen in einem bestimmten Feld insgesamt wächst, das Ausmaß von guten, verlässlichen Informationen nicht im selben Ausmaß wächst. Man kann es mit einer Pyramide vergleichen. Der Zuwachs der guten Informationen entspricht der Höhe der Pyramide, aber die gesamt verfügbaren Informationen sind der Rauminhalt der Pyramide. Je mehr Informationen es also in einem bestimmten Bereich gibt, desto schwieriger wird es, die guten und die relevanten Informationen zu finden. Und so ist das Internet voll von guten Informationen, aber leider sind die nur schwierig zu finden, weil es immer mehr schlechte Informationen gibt, und das Ausmaß zudem schneller anwächst.

Wie könnte man dieses Problem lösen? Brauchen wir vielleicht eine nationale, politische Evaluation der verfügbaren Informationen?

Ein Weg kann sein, dass man Quellen findet, denen man vertrauen kann, wie der Staat das in den USA zum Beispiel im Bereich der Medizin durch staatliche Forschungseinrichtungen macht. Hierbei zeigen die staatlichen Internetseiten dann Screenings anderer Seiten im Internet und schreiben darüber, so dass man dann weiß, wem man trauen kann.

Wieder die Vertrauensthematik...

Ja, klar. Aber es ist tatsächlich ein Problem, das ich mal als „Informationsüberlastung" bezeichnet habe. Ich habe das öffentlich vorgetragen und war dann wirklich überrascht, wie viele und welch ausfallende Kommentare ich dazu im Internet erhielt. Ich konnte das echt nicht glauben, dass das für so viele anscheinend ein so hochemotionales Thema war.

Lesen Sie morgen im dritten und letzten Teil des Interviews, was Ray Hyman von der Verbindung von Skeptizismus und Atheismus hält und warum er sich gegen Parapsychologie engagiert.