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Worin liegt die Schönheit der Wissenschaft?

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Ray Hyman (83), mittlerweile emeritierter Psychologieprofessor, gründete gemeinsam mit Anderen Skeptikerorganisationen, wie CSICOP („Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal“) in den USA. Einem bereiteren Publikum wurde er mit Studien übers Hellsehen und zur Technik des „cold reading“ bekannt. Am Rande des Weltskeptikerkongresses in Berlin unterhielt er sich mit Sebastian Bartoschek über kritisches Denken, Aberglaube, Parapsychologie und die Rolle von Vertrauen.
Sonntag, 30. Dezember 2012
Wissenschaftsfoto 2012

Auf der Suche nach der Schönheit der Wissenschaft - Kandidaten für das Wissenschaftsfoto 2012

Herr Hyman, man könnte Sie den „Mitbegründer des Skeptzismus in den USA“ nennen. Wie gefällt Ihnen diese Bezeichnung?

Ja, das könnte man tatsächlich so sehen. Die Geschichte ist die: 1973 war James Randi mit Alice Cooper auf Tour und quasi Teil der Show. Als die dann in Portland waren, rief Randi mich an und sagte: Ray, Alice Cooper würde Dich gerne bei einer seiner Shows dabei haben. Er hätte gerne deine Meinung darüber, warum er so ein seltsames Publikum hat. Das besteht aus sehr junge Burschen, aber auch älteren College- und High School- Studenten. Das klang seltsam für mich. Ich dachte zu dieser Zeit noch, dass Alice Cooper eine Frau sei. Und dann traf ich ihn.

Naja, wie auch immer. Ich bin also da hin und wir haben uns unterhalten. Ein echt netter Typ, dieser Alice Cooper. Und dann kam Randi plötzlich mit einer ganz anderen Sache um die Ecke. Er sagte: „Ray, wir müssen was wegen diesem Uri Geller und seinem Zeugs machen.“ Und wir gründeten dann das SIR (Sanity in Research) als Reaktion auf das SRI (Stanford Research Institute), deren Forscher Uri Geller als wirklich paranormal begabt eingestuft hatten. Wir waren damals nur zu dritt: Martin Gardner, ich selbst und Randi. Und für eine ganze Zeit hatten wir Drei Meetings und wir hatten Ideen, aber keiner wusste genau, wie wir diese umsetzen sollten. Dann hörte Marcello Truzzi von uns und trat mit uns in Kontakt. Er hat uns angeboten, uns zu unterstützen. Truzzi wiederum traf sich dann mit Paul Kurtz und, ohne uns drei zu fragen, führte er unsere Gruppe mit der von Kurtz zusammen. Schließlich trafen wir uns alle 1976. Und so kam es zu der Gründung von CSICOP.

In den 1980ern gab es Kritik von dem Autor Robert Antown Wilson, der den Skeptikern vorwarf, dass diese nur Sachen schlecht redeten, ohne aber selbst zu forschen. Wie würden Sie heute mit diesem Vorwurf umgehen? 

Naja, vielleicht hatte er einfach Recht... Untersuchungen machen wir ja selbst tatsächlich nicht. Und ich weiß immer noch nicht, ob wir wirklich welche machen sollten. Das war nicht unser Ziel. Unser Ziel war es, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, dass Behauptungen für Paranormales im Raum standen, ohne dass dafür Beweise geliefert wurden und dass diejenigen, die so etwas behaupten, Beweise liefern müssten. Und dass solche Beweise mit Rationalität und kritischem Denken zu betrachten sind. Wir wollten den Menschen also hauptsächlich zeigen, wie man Belege sinnvoll bewertet.

Die oben abgebildeten Kandidaten für das Wissenschaftsfoto 2012 sind der Zusammenstellung der Bild der Wissenschaft entnommen.

Was würden Sie sagen, wieso skeptisches oder kritisches Denken so wichtig ist?

Eine interessante Frage. Es gibt ja verschiedene Bedeutungen von kritischem Denken. Ich persönlich mag den Begriff des „wissenschaftlichen Denkens“. Es geht im Kern um die Frage, wie wir zu reliablen, verlässlichen Fakten gelangen können. Und wie wir Fakten von Fiktion trennen können. Das ist gar nicht so einfach. Man kann das „kritisches Denken“ nennen, ja. Dabei hängen wir quasi dem Esel die Möhre vor die Nase und wir zeigen, wie man voran kommt. Aber wir können oft nicht genau benennen, was wirklich wahr ist, sondern nur wie der Weg dorthin verläuft. Die wichtigste Sache ist, zu lernen, Minimalstandards zu etablieren, um an gute Fakten zu gelangen. Dabei ist sicherzustellen, dass bei Erzählungen – gerade bei Wundern und so – das, was Menschen beschreiben, dasselbe ist, wie das, was wirklich geschehen ist. Die Schönheit der Wissenschaft besteht dabei darin, dass sie sicherstellt, dass man darauf vertrauen kann, dass das, was Du liest, tatsächlich auch so geschehen ist. Es ist genau beschrieben, wer mit welchen Mitteln in welcher Umgebung eine Beobachtung gemacht hat. Natürlich nur relevante Details, die Temperatur der Zunge des Untersuchers ist zum Beispiel irrelevant. Wir würden in Details versinken, wenn Wissenschaftler hier nicht aussortieren würden. Es ist wichtig, dass man weiß, dass man diesen Ergebnissen vertrauen kann. Die Öffentlichkeit braucht einen solchen Rahmen dem sie vertrauen kann, deswegen haben und brauchen wir Wissenschaftler, die Wissen bewerten und anhäufen.

Ray Hyman

Ray Hyman demonstriert Uri Gellers Trick des Löffel-Verbiegens | Foto: Sgerbic via wikimedia commons

Der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn sprach stets davon, dass die Anhäufung von wissenschaftlichen Wissen auch durch Paradigmenwechsel erfolgen kann.

Das hat er dann später relativiert und sprach eher von einer disziplinären Matrix. Bis dahin hatte er dem Begriff „Paradigma“ dreizehn oder vierzehn verschiedene Bedeutungen gegeben, die einander teilweise völlig widersprachen. Was er bis dahin unter Paradigmen verstand, waren klassische Lehrbeispiele, typische Versuche einer Wissenschaftsrichtung, aus denen idealtypisch gelernt werden sollte als eine Art prototypischer Experimente. Aus diesen entwickeln Wissenschaftler seiner Meinung nach ein intuitives Gefühl für die Wahrheit in einer Fachrichtung. Unter der „disziplinären Matrix“ verstand er dann alle Überzeugungen, Werte, theoretische Matrizen und die gesamte Methodologie – eben alles, was eine Gemeinschaft von Wissenschaftler hat – und was sie miteinander teilt. Das ist normalerweise eine explizierte Richtschnur, die ermöglicht dem Wort des Anderen vertrauen zu können. Und das hält eben die Wissenschaft am Laufen. Genau das nennt Kuhn er die Normalwissenschaft.

Und die Paradigmenwechsel?

Es kann tatsächlich auch außerordentliche oder revolutionäre Phasen geben, die geprägt sind von großen Kontroversen. Das gefällt Sozialwissenschaftlern, und vor allem Soziologen sehr. Die sagen dann, es gäbe keine echte Erkenntnis, sondern alles wäre eben nur soziale Konvention.

Und dem würden Sie widersprechen? Sie würden sagen, dass es eine reale Wirklichkeit gibt, die man beschreiben kann?

Tja, da gehen die Meinungen der Philosophen auseinander. Es gibt Naturalisten, Instrumentalisten, Realisten, die alle etwas anderes dazu glauben. Aber mir ist das unterm Strich egal. Denn wichtig ist, dass ich in ein Labor gehen kann, und vorhersagen kann, wie ein bestimmter Versuch aus der Vergangenheit auch heute ausgehen wird. Das ist dann unabhängig vom Glaubenssystem irgendeines Menschen, von der Soziologie oder ähnlichem. Es ist demonstrierbar und zwar für alle.

Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews mit Ray Hyman, in dem er über die Zunahme des Aberglaubens in der Moderne, die Grenzen des Skeptizismus sowie die Notwendigkeit gesellschaftlichen Vertrauens spricht.