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„Abtreibungsgegner tragen eine direkte Verantwortung an diesen Todesfällen“

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Seit Jahren mobilisieren auch in Deutschland und Europa zunehmend christlichen Fundamentalisten gegen Einrichtungen und Personen, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Selbst ernannte „Lebensschützer“ werben zunehmend erfolgreicher dafür, dass ein totales Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen gesetzlich normiert wird.
Donnerstag, 20. September 2012

Am Samstag gehen sie dafür in Berlin wieder bei einem sogenannten „Marsch für das Leben“ auf die Straße. Die Kulturwissenschaftlerin und Publizistin Sarah Diehl, Vertreterin der internationalen „Pro Choice“-Bewegung, wird bei der Gegenkundgebung am 22. September um 13.30 Uhr am Brandenburger Tor reden. Im Interview spricht sie über die Strategien der Abtreibungsgegner.

Sarah Diehl

"Einschüchterung und Belästigung, juristische Klagen und Stigmatisierung, so kann man einige der Vorgehensweisen knapp zusammenfassen." | © Thomas Hummitzsch

Seit Jahren engagierst Du Dich für Frauenrechte. Nimmst Du ein Rollback des Religiösen und damit auch konservativer Forderungen wahr?

Sarah Diehl: Ich glaube, dass Konservative ihre Strategien weiterentwickelt haben, die Selbstbestimmung der Frauen als gefährlich für unsere Gesellschaft und den Erhalt der Kleinfamilie darzustellen. Besonders schlimm wirkt sich hier z.B. aus, dass die katholische Kirche als Staat bei den UN mitreden darf und wichtige Programme zur Frauengesundheit und -emanzipation sabotiert. Die katholische Kirche ist eine Institution, die international immer noch viel politische Macht hat. Das Thema Kirche wird aber gerne zu einem persönlichen Problem heruntergespielt, weil man ja austreten kann, wenn man will.

Du kennst dich mit den Strategien der Abtreibungsgegner aus. Kannst Du uns da ein paar Beispiele nennen?

Einschüchterung und Belästigung, juristische Klagen und Stigmatisierung, so kann man einige der Vorgehensweisen knapp zusammenfassen. Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten, erfahren in vielen Gegenden immer mehr Einschüchterung, Belästigung und Gewalttätigkeit bei der Ausführung ihrer Arbeit. Zudem versuchen Abtreibungsgegner die Entscheidung von Frauen, die eine Klinik betreten wollen mit manipulierten Informationen emotional zu erschweren. Es gibt Belagerungen, Verleumdungskampagnen, Brandstiftungen, Morddrohungen, Sprengstoffanschläge, Verwüstungen von Kliniken und sogar Ermordungen, wie im Sommer 2009 mit dem Mord an Dr. George Tiller in den USA. Diese Drohungen und Belästigungen beziehen oft den Wohnsitz und Familien der Ärzte mit ein.

Bei den juristischen Mitteln gibt es beispielsweise vorgeschriebene Verzögerungen und erzwungene und beeinflussende Beratung. Für Frauen, die wenig Einkommen haben und aufgrund ihres Wohnsitzes weit reisen müssen, um erforderliche Maßnahmen zu treffen, wirkt sich dies am schlimmsten aus. In Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass der Schwangerschaftsabbruch immer noch als illegal gilt und es Ärzten somit erschwert wird, darauf hinzuweisen, dass sie diese anbieten.

Und die Stigmatisierung von Abbrüchen legitimiert Belästigung und Einschüchterung und bringt auch andere staatliche und gesundheitliche Institutionen dazu, Ärzte, die Abtreibungen durchführen nicht zu unterstützen und Abtreibung nicht als normalen Bestandteil der Gynäkologie anzubieten. Viele Kliniken und Krankenhäuser, auch in Berlin, weigern sich, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, wenn eine Frau dies will. Die negative Haltung des medizinischen Personals trägt zu den negativen Erfahrungen einer Frau bei einer Abtreibung bei.

Pro Familienplanung

Kundgebung für Vielfalt und sexuelle Selbstbestimmung

Am 22. September 2012 werden Abtreibungsgegner in Berlin erneut einen „Marsch für das Leben“ veranstalten, um in der Bevölkerung für ein europaweites Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen zu werben. Mittlerweile finden diese Märsche in zahlreichen europäischen Städten statt und erhalten wachsenden Zulauf. Gegen die Ziele der Abtreibungsgegner wird es deshalb am kommenden Samstag um 13.30 Uhr eine Kundgebung „Für Vielfalt und sexuelle Selbstbestimmung – gegen christlichen Fundamentalismus und Abtreibungsverbot“ auf dem Platz des 18. März in Berlin geben. Das Projekt der AG Sexuelle Selbstbestimmung wird unter anderem vom Humanistischen Verband Deutschlands unterstützt. Mehr im Netz.

Mit welchen Argumenten wird denn dafür geworben, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland und ganz Europa verboten werden sollen?

Am häufigsten heißt es, dass Schwangerschaftsabbrüche ein ungeborenes Kind töten. Dennoch sollte zwischen potentiellen Leben und einer Person unterschieden werden. Zu der Zeit, in der 97 Prozent aller Abbrüche vorgenommen werden, hat der Embryo weder ein Schmerzempfinden noch ein Bewusstsein entwickelt. Im Gegensatz dazu arbeiten Abtreibungsgegner oft mit Bildern von Spätabtreibungen, die normalen Abbrüchen nicht im Geringsten ähnlich sind.

Außerdem wird verbreitet, dass Frauen Abtreibung als Verhütungsmittel benutzen, wenn es ihnen zu leicht gemacht wird. Dieser Mythos speist sich aus der Situation in Ländern, in denen Frauen außer Abtreibung kaum Zugang zu Familienplanung haben. Tatsächlich wirkt sich vor allem die Zugänglichkeit zu Verhütungsmitteln darauf aus, wie Frauen Familienplanung vornehmen. Bedenklich ist hier zum Beispiel, dass armen Frauen in Deutschland der Zugang dazu erschwert wird. Zudem muss berücksichtigt werden, dass Verhütungsmittel immer noch eine Fehlerquote von bis zu 15 Prozent aufweisen.

Marsch fuer das Leben

Jedes Jehr ziehen fundamentalistische Christen und radikale Abtreibungsgegner durch Berlins Zentrum, um ihre Forderungen unters Volk zu bringen. Dass sie damit das Selbstbestimmungsrecht jeder Frau infrage stellen, merken viele nicht | © Thomas Hummitzsch

Betont wird aber auch besonders häufig, dass Abtreibungen die Familie als soziale Gemeinschaft zerstören. Damit lässt sich sicherlich gut bei vielen Menschen punkten.

Ja, das ist auch regelmäßig zu hören. Tatsächlich haben viele Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, bereits Kinder und wollen durch Familienplanung die finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten aller erhalten. Außerdem gibt es noch Behauptungen, laut denen das Post-Abtreibungssyndrom Frauen depressiv und suizidal macht oder anders ihrer Gesundheit schadet. Wissenschaftliche Studien, die unter anderem auf den Daten der Weltgesundheitsorganisation basieren, bestätigen all das nicht. Stattdessen versuchen Abtreibungsgegnern mit der Gleichsetzung von Embryo und Kind Schuldgefühle bei Frauen auszulösen oder zu verstärken, was tatsächlich einen immensen psychologischen Druck auslösen kann. Unsere Gesellschaft muss einen Weg finden Frauen in ihrer Entscheidung zu unterstützen und nicht zu verurteilen.

Was die Behauptung der generellen Gesundheitsschädlichkeit betrifft, ist eine Abtreibung  tatsächlich weniger gesundheitsschädlich als eine Geburt. Auch die von Abtreibungsgegnern behaupteten Folgeerscheinungen wie Brustkrebs oder erhöhte Unfruchtbarkeit können in seriösen Studien nicht bestätigt werden. Wenn ein Abbruch medizinisch korrekt durchgeführt wird, belaufen sich Komplikationen bei 0,5 bis 1 Prozent. Hingegen sterben jedes Jahr etwa 48.000 Frauen, weil sie keinen Zugang zu einem sicheren legalen Abbruch hatten. Abtreibungsgegner tragen eine direkte Verantwortung an diesen Todesfällen und daran, dass etwa 220.000 Kinder dadurch zu Waisen werden.

Woran liegt es, dass hierzulande nur wenig über die selbst ernannten Lebensschützer bekannt ist, sie aber enormen politischen Einfluss ausüben?

Die sind gut in Lobbyarbeit! Sie können auf die Ignoranz und Uninformiertheit von konservativen Kräften bauen, da das Thema Abtreibung tabuisiert und dämonisiert wird. Das grundsätzliche Problem bei diesem Thema weltweit ist, dass es gerade so eine Institution wie die Kirche mit Scham und Schuld besetzt hat, um Frauen im Kampf um ihre Rechte zum Schweigen zu bringen. Daher muss man, glaube ich, ein ganz anderes Reden über dieses Thema etablieren. Denn nicht Abtreibungen sind das Problem, sondern die Tatsache, dass viele Frauen keinen Zugang dazu haben. Mit den moralischen Einwänden versucht man nur, eine politische Diskussion über die Lebensrealität und die Bedürfnisse von Frauen zu verhindern.