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Gentleman des weltlichen Humanismus geehrt

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Der Philosoph Joachim Kahl wurde kürzlich 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass lud der HVD-Nürnberg zu einem Festkolloquium ein, bei dem Erinnerungen wach wurden und aktuelle Fragen des säkularen Humanismus diskutiert werden konnten.
Freitag, 27. Mai 2011
Joachim Kahl

Joachim Kahl | Foto: Helmut Walther

In gediegenem Rahmen, im Marmorsaal des Presseclubs, hieß der Vorsitzende des HVD-Nürnberg, Helmut Fink, den Jubilar und die Referenten und Gäste willkommen. Schon in den Eröffnungsworten wurden als die beiden Spezialgebiete Kahls, die seine intellektuelle Biographie nachhaltig prägten, das Christentum und der Marxismus angesprochen. Von beidem hat er sich längst verabschiedet, doch jeder dieser beiden Phasen verdankt er einen Doktortitel. "Wer kann das schon von seinen Irrtümern sagen?", fragte Fink ironisch und erinnerte an die vielfältige Vortragstätigkeit und die zahlreichen Veröffentlichungen des Jubilars in den vergangenen Jahrzehnten.

Drei Grußworte unterstrichen die Beliebtheit und Wirkung des Kahlschen Lebenswerkes: Helmut Steuerwald blickte als langjähriger Vorsitzender des Bundes für Geistesfreiheit Nürnberg und heutiges Ehrenmitglied der Nachfolgeorganisation HVD-Nürnberg auf die Zeit der 70er und 80er Jahre zurück, als Kahl u.a. als Bildungsreferent regelmäßig in Nürnberg aktiv war. Das Nürnberger Interesse an Kahl war durch seinen einflussreichen Bestseller Das Elend des Christentums von 1968 ausgelöst worden.

Auf die gute Zusammenarbeit und die vielen erschienenen Aufsätze Kahls in der Zeitschrift Aufklärung und Kritik seit Mitte der 90er Jahre wies der Vorsitzende der Gesellschaft für Kritische Philosophie (GKP) und der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft (LFG), Helmut Walther, in seinem Grußwort hin. Weiterhin erfuhr Kahls Umgang mit den Vertretern religiösen Denkens hohes Lob durch Prof. Hans-Joachim Türk, der ihm schon seit Ende der 60er Jahre immer wieder begegnet war und Grundmaximen seines Denkens zwar nach eigener Aussage nicht teilen könne, aber ihn gleichwohl eines "Fairness-Preises" für würdig halte.

In einem Zwiegespräch von Fink mit Kahl wurden die großen Wendungen seines Denkens 1968 und 1990 vertieft und auch sein heutiges Verhältnis zur Giordano Bruno Stiftung angesprochen. Plakative Aussagen, der Mensch sei ein nackter Affe oder das Christentum sei die dümmste Religion, lehne er zwar strikt ab, empfinde seine Einstellung als Fördermitglied der gbs aber als kritisch-konstruktiv, so Kahl.

Der erste der drei Vorträge des Programms wurde von Dr. Gerhard Engel, Präsident der Humanistischen Akademie Bayern, gehalten und beleuchtete die schrittweise Weiterentwicklung der Kahlschen Argumentation über die Jahrzehnte anhand seiner Hauptwerke:

Während im Elend des Christentums von 1968 die Abrechnung mit den inneren Widersprüchen der christlichen Lehre im Mittelpunkt stand, wurde in Warum ich Atheist bin von 1977 ein stärker strukturell ausgerichteter, kämpferisch-marxistischer Zug spürbar. Im Nachwort zur Neuausgabe des Elend des Christentums von 1993 steht dann die Suche nach zeitgemäßen Leitmotiven des Humanismus im Vordergrund, und im Buch Weltlicher Humanismus von 2005 schließlich sind diese eher vermittelnden Züge vorherrschend.

Engel wies am Beispiel der spanischen und südfranzösischen Inquisition auf die Gefahr hin, durch ideologisch bedingte Vorurteile die komplexe historische Wahrheit zu verfehlen - und zwar gerade auch im Namen der Aufklärung! Denn die frühe Inquisition sei ein Vorläufer des Rechtsstaats und Mittel gegen den Volkszorn gewesen.
In einem kämpferischen Atheismus gerieten solche Aspekte leicht aus dem Blick. Das Kahlsche Spätwerk ist ihm demgegenüber Ausdruck eines realistischeren und offeneren Denkens, das sich vom Leitmotiv des "oder" im 19. Jahrhundert (ausgrenzendes Denken) über das "und" im 20. Jahrhundert (einbeziehendes Denken) zum Leitmotiv des "mit" (bündnisfähiges Denken) weiterentwickelt habe.

Zwiegespräch Fink - Kahl

Helmut Fink (r.) mit Joachim Kahl (l.) im Gespräch

Im zweiten Beitrag erläuterte der Jurist Dr. Gerhard Czermak die rechtliche Lage der Konfessionsfreien und ihre unterschiedlichen organisatorischen Antworten auf diese Lage. Dabei wies er auf mögliche Missverständnisse und begriffliche Unklarheiten hin, etwa beim Rechtsbegriff des Privilegs oder beim Konzept der Trennung von Staat und Kirche. Das sei aber kein Grund, dass Forderungen des HVD nach Gleichbehandlung, solange sie nicht verfassungswidrig seien, von anderen Organisationen verurteilt würden - genauso wie umgekehrt das andersartige Auftreten kleinerer Gruppen völlig legitim sei. Die säkulare Szene brauche mehr Dialog als Konfrontation - und hierfür könne der KORSO (Koordinierungsrat säkularer Organisationen) ein geeigneter Rahmen sein.

Den abschließenden Vortrag hielt Prof. Armin Pfahl-Traughber zu einem ebenso aktuellen wie schwierigen weltanschaulichen Thema: Wie ist die Rolle des Islam in der deutschen Gesellschaft der Gegenwart zu bewerten und wie soll Religionskritik in diesem Zusammenhang geübt werden? Pfahl-Traughber sparte nicht mit kritischen Aussagen zum Islam (so ist schon dessen historische Grundlage höchst ungewiss, ähnlich wie beim Christentum auch), arbeitete aber eine klare Linie für den säkularen Humanismus heraus: Religionsfreiheit für Muslime, ohne Diskriminierung - bei gleichzeitiger Kritik an den Inhalten oder Gebräuchen des Islam, die natürlich erlaubt sein müsse, auch in humoristischer Form. Die Religionsfreiheit finde ihre Grenze zwar dort, wo die Freiheit anderer bedroht werde. Aber das öffentliche Ausleben von Religiosität innerhalb der vom säkularen Staat garantierten Grenzen stehe allen religiösen Menschen zu, auch muslimischen.

Joachim Kahl entließ die Gäste nicht nur mit Dank an Veranstalter und Redner, sondern - fast schon typisch für seine literarisch und ästhetisch geprägte Form des Humanismus - mit einer besinnlichen Gedichtinterpretation. Der ironischen Bemerkung, dies sei zum Schluss eine säkulare Predigt gewesen, widersprach er nicht. Auf einen Segen musste allerdings mangels Transzendenz verzichtet werden.

Die Beiträge dieses weit gespannten Programms werden in schriftlicher Fassung gesammelt und in der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Bayern herausgegeben. Der Titel wird derselbe sein wie der des Festkolloquiums: Vom "Elend des Christentums" zum "weltlichen Humanismus". Damit ist der Denkweg Joachim Kahls beschrieben - aber auch der Auftrag eines jeden säkular denkenden Menschen.