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„Es geht darum, Ängste zu nehmen“

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Erziehen ohne Religion – für viele Eltern in Deutschland heute eine Selbstverständlichkeit. Ein bislang auf dem deutschsprachigen Buchmarkt einzigartiger Ratgeber zu dem Thema ist nun im Reinhardt-Verlag erschienen. Im Interview erklären die Autoren, warum das Buch nicht nur konfessionsfreien und nichtreligiösen Eltern wertvolle Anregungen liefern kann.
Montag, 11. November 2013
Foto: SP-PIC / Fotolia.com

Ewige Fragen vor allem für die Heranwachsenden: Woran glauben, wie Sinn und wo Halt finden? Foto: SP-PIC / Fotolia.com

Verfasst wurde der knapp 150 Seiten starke Ratgeber von Ulrike von Chossy, Managerin der humanistischen Grundschule im fränkischen Fürth und Michael Bauer, der unter anderem als Vorstand eines freien Trägers von mehr als einem Dutzend Kindertagesstätten auf viele Jahre der praktischen Beschäftigung mit religionsfreier humanistischer Pädagogik zurückblickt. Sie sagen, die aktive Suche von Eltern nach guten Antworten auf die Fragen nach einem religionsfreien Wertefundament sei „ungemein lohnend“.

Das Gesetz über die religiöse Kindererziehung wird demnächst seit 92 Jahren in Kraft sein. Das zeigt wohl, dass der Bedarf an einer Klärung von Fragen auf religiöser bzw. weltanschaulicher Ebene im Bereich der Erziehung keineswegs neu ist. Warum hat es solange gedauert, bis dazu ein einschlägiger Ratgeber erschienen ist?

U. von Chossy & M. Bauer: Die Säkularisierung ist inzwischen in der Gesellschaft sehr weit fortgeschritten. Es gibt also einen größeren Markt für so ein Buch. Dadurch ist das Thema auch für einen Publikumsverlag interessant geworden.

Laut einer ALLBUS-Befragung aus dem vergangenen Jahr ist mittlerweile 40 Prozent der Eltern eine religiöse Erziehung wenig bis gar nicht wichtig. Aus welchem Grund sind in solch einer Zeit besondere Anregungen und Argumente für Eltern noch notwendig?

Dass Eltern die religiöse Erziehung für nicht wichtig halten, bedeutet ja nicht, dass sie Werte in der Erziehung grundsätzlich ablehnen. Wir meinen ganz im Gegenteil, dass das positive Potential, dass säkulare humanistische Werte haben, für die Gesellschaft als Ganzes stärker zur Geltung kommen sollte. Und das fängt zum Beispiel in der Kindererziehung an.

Was hat denn den Anstoß dazu gegeben, einen ausdrücklich einer religionsfreien Erziehung gewidmeten Ratgeber zu verfassen?

Es gab viele Anfragen von Eltern in unseren Kindertagesstätten, viele Situationen, in denen wir Erfahrungen sammeln konnten. Ausschlaggebend war aber, dass der Reinhardt-Verlag initiativ geworden ist und Autoren für das Thema gesucht hat.

Und wendet sich der Ratgeber eher an konfessionsfreie oder konfessionell gebundene Eltern?

Er wendet sich an alle, die eine religionsfreie Erziehung für ihre Kinder gestalten wollen. Ob die Eltern eine Religion haben, ist dabei nicht wichtig. Es geht auch darum, Ängste zu nehmen und Verständnis füreinander zu entwickeln, auch unter den verschiedenen Weltanschauungen und Religionen.

Cover

Im Ratgeber erklären Sie unter anderem, dass Religion vermittelt werden muss und kein „Selbstläufer“ ist. Festgestellt wird aber auch, dass sich viele im Erwachsenenalter von ihrem anerzogenen Glauben lösen. Welche Vorteile bietet denn der Aufwand, von der Geburt an bewusst auf eine religionsfreie Erziehung zu achten?

Religionsfreie Eltern fragen sich genauso wie religiöse, was sie ihren Kindern an Wertefundamenten mit ins Leben geben können. Die Religionen halten dafür aus ihrer Sicht Antworten bereit. Religionsfreie Eltern müssen sich selber auf die Suche machen. Wir wollen mit unserem Buch dabei helfen, auf dieser Suche einige gute Antworten zu finden. Und das aktiv und bewusst zu tun, halten wir für ungemein lohnend. Das Nachdenken über Werte und Ziele in der Erziehung bringt einen weiter, als Eltern und auch ganz allgemein menschlich. Diesen offenen Geist an die Kinder weiterzugeben, scheint uns eines der wichtigsten Ziele religionsfreier Erziehung zu sein.

Sie verwenden einen konstruktivistischen Ansatz, der davon ausgeht, dass jedes Wissen auf individuellen geistigen Konstruktionen basiert. Warum ist nach Ihrer Ansicht denn eine konstruktivistische Pädagogik am besten für eine religionsfreie und humanistische Erziehung geeignet?

Eine konstruktivistische Pädagogik lässt verschiedene Perspektiven nebeneinander gelten. Das ermöglicht eine Begegnung untereinander auf Augenhöhe. Dadurch können Kinder aus unterschiedlichen „Wahrheiten“ das für sie Richtige finden und in ihre individuelle Konstruktion ihrer Lebenswelt eingehen lassen. Wichtig ist dabei nur, offen für den Dialog zu bleiben und zu wissen, dass diese „Wahrheit“ nur eine individuelle ist.

„Kinder sind grundsätzlich auf wiederkehrende soziale Handlungen mit einem symbolischen Bedeutungsgehalt, also auf Rituale angewiesen.“ Das schrieb der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik in einem Aufsatz im Jahr 2010 unter dem Titel „Religiöse Erziehung sollte eine bewusste Entscheidung sein“. Auch Ihr Ratgeber plädiert für Zeremonien, weltliche Feste und Feiern und er beschreibt verschiedene Möglichkeiten und Anlässe. Werden da nicht religiöse Bräuche quasi zur Nachahmung empfohlen?

Nein. Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass alles, was mit Ritualen und Festen usw. zu tun hat, religiös sei. Es ist ein Zeichen des Erfolgs religiöser und kirchlicher Deutungsmuster, dass viele so etwas glauben. Dabei wird eigentlich genau umgekehrt ein Schuh draus: Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, Wendepunkte des Lebens festlich zu markieren, den Jahreslauf zu feierlich gestalten und ebenso rituelle Umgangsformen mit dem Tod zu finden usw. Diese kulturellen Praxen können dann religiös aufgeladen werden oder auch nicht. Es gehört zur Emanzipation der Religionsfreien, dass sie eigene Rituale praktizieren und eigene Feste feiern, das hat mit Religion nichts zu tun.

Eines der neun Kapitel widmet sich der Krisenbewältigung. Weshalb spielt das Thema denn bei der Erziehung eine wichtige Rolle? Und auf welche praktischen Erfahrungen können Sie sich hier beziehen?

Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen von Religion ist die „Kontingenzbewältigung“, also die Sinngebung der Sinnlosigkeit des Lebens, wenn man so will. Das betrifft natürlich besonders Krisensituationen. Hier geben kulturelle Handlungsgewohnheiten einen Außenhalt, der einem helfen kann, mit diesen Krisen zurechtzukommen. Das geht sehr gut, auch ohne dabei religiöse Muster zu verwenden. Bei einem Trauerfall in der Humanistischen Grundschule zum Beispiel haben die Kinder und die Lehrenden aus der kulturellen Vielfalt heraus gemeinsame Trauer-und Verabschiedungsrituale entwickelt. Schon dieser Prozess hat dabei mitgeholfen, diese schwierige Situation zu verarbeiten.

Besonders haben Sie sich den Kindertagesstätten und der Schule gewidmet, mit unter anderem sehr ausführlichen Checklisten. Diese Bereiche liegen Ihnen offenbar sehr am Herzen.

Das hat auch mit dem beruflichen Hintergrund zu tun. Wir erleben bei unserer weltanschaulichen Arbeit und in den eigenen Einrichtungen – 13 Kitas und die Humanistische Grundschule – natürlich viele Beispiele aus der Praxis heraus. Sei es, dass Eltern uns ihre Probleme mit einem religiös geprägten Umfeld schildern, oder ganz einfach dass Kitas um Rat bei der Gestaltung einer Jahresfeier fragen. Wenn man im Kita-Bereich beruflich tätig ist, kennt man natürlich auch die Situation bei anderen Trägern und wie dort die Dinge gehandhabt werden und worauf Eltern achten sollten.

Zuletzt: Ist mit diesem Buch aus Ihrer Sicht nun alles zum Thema gesagt oder können interessierte Eltern und Großeltern noch mehr dazu erwarten?

Es gibt einige Anfragen, ob wir nicht eine Fortsetzung schreiben wollen für Erzieherinnen und Lehrerinnen, also für eine stärker fachlich-pädagogische Zielgruppe. Wir diskutieren auch weitere mediale Kommunikationswege für das Thema, aber da ist noch nichts spruchreif.

Die Fragen stellte Arik Platzek.

Erziehen ohne Religion – Argumente und Anregungen für Eltern. Ernst Reinhardt Verlag 2013. 146 Seiten. 19,90 Euro.

Download: Leseprobe zum Buch