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Refugee Forum Gießen: „Da ist es ganz egal, wo man herkommt und welche Sprache man spricht“

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Die Alte Universitätsbibliothek der Universität Gießen wurde Ende Oktober 2015 zu einem Ort der Begegnung für Geflüchtete, Hilfsorganisationen und viele interessierte Menschen. Das Refugee Forum unter der Schirmherrschaft der Landtagsabgeordneten Mürvet Öztürk war vom Humanistischen Verband Hessen als Austauschplattform ins Leben gerufen worden.
Dienstag, 24. November 2015
Foto: Anna Beniermann

Mit Stecknadeln wurden auf einer großen Weltkarte die Herkunftsorte der Besucher des Refugee Forums markiert. Foto: Anna Beniermann

Ein Plakat mit Willkommensgrüßen in vielen Sprachen wies den Weg zum Refugee Forum in Gießen. Viele ehrenamtliche Helfer und Helferinnen fanden sich am 24. Oktober im Georg-Büchner-Saal der Justus-Liebig-Universität Gießen ein. Ziel der durch Spenden finanzierten Veranstaltung war es, eine Möglichkeit der Begegnung und des Austausches zwischen an ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe Interessierten, örtlichen Hilfsorganisationen und geflüchteten Menschen zu bieten.

Foto: Anna Beniermann

Im Laufe des Tages entstanden bilinguale Namensschilder. Foto: Anna Beniermann

Jeder Gast wurde dazu eingeladen an einer großen Weltkarte seinen Geburtsort mit einer Stecknadel zu markieren. Die meisten Besucher wurden in Deutschland geboren oder hatten die weite Flucht aus Syrien hinter sich. Beim Blick auf die Weltkarte wurde jedoch auch schnell deutlich, in welcher Nähe sich Syrien global betrachtet zu Deutschland befindet. Um den Geflüchteten einen besseren Überblick über die Straßen und Gegenden der Stadt Gießen zu ermöglichen, spendete das städtische Vermessungsamt einen riesigen Stadtplan. Dieser hing gut erreichbar aus, sodass Informationen zu interessanten Orten mit anderen geteilt werden konnten. Außerdem erhielt jeder Mensch auf dem Refugee Forum ein Namensschild. Es dauerte nicht lang, bis auf den ersten Schildern mit deutschen Namen die jeweilige Entsprechung auf Arabisch ergänzt wurde. Der insgesamt überschaubare Beginn am Vormittag bot den Organisationen gleichzeitig die Möglichkeit sich untereinander besser kennenzulernen, gesammelte Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzen.

Foto: Benjamin Richter

An den Informations-Ständen informierten sich die Besucher über die verschiedenen Hilfsorganisationen. Foto: Benjamin Richter

Wertvolle Arbeit durch ehrenamtliche Hilfe in Gießen und Umgebung

Die verschiedenen örtlichen Hilfsorganisationen bildeten mit ihren Infoständen im Saal eine Art Markplatz, um dort über ihre Arbeit zu informieren und bei Fragen zur Stelle zu sein. Die Initiative an.ge.kommen bietet neben persönlicher Beratung und Hilfestellung für Geflüchtete und Migrierte außerdem Deutschkurse auf verschiedenen Niveaus an. Die vielen hier aktiven Ehrenamtlichen legen zudem großen Wert auf Zusammenhalt. Sie planen regelmäßig gemeinschaftsstiftende Veranstaltungen, wie gemeinsames Kochen oder kreative Freizeitaktivitäten und haben außerdem ein Mentorenprogramm ins Leben gerufen. Mit rechtlichen Fragen rund um das Asylverfahren und das Leben in Deutschland beschäftigt sich die Refugee Law Clinic der Justus-Liebig-Universität Gießen. Hierbei handelt es sich um ein einjähriges Ausbildungsprogramm, in dem die Teilnehmenden im Asylrecht geschult werden und schließlich selbst geflüchtete Menschen juristisch beraten können. Erst kürzlich besuchte Bundespräsident Joachim Gauck die Studierenden der Refugee Law Clinic, um ihr Engagement zu würdigen.

Foto: Mohamad Osman

Am Basteltisch konnten Masken, Hui-Maschinen, Tischkicker, Knalltüten und vieles mehr gebastelt. Foto: Mohamad Osman

Auch Gießener Medizin-Studierende engagieren sich für Flüchtlinge: Das medinetz Gießen bietet kostenlose medizinische Beratung für geflüchtete Menschen und vermittelt diese an behandelnde Ärzte und Ärztinnen weiter. Beim Refugee Forum des HVD Hessen zeigten die Ehrenamtlichen des medinetzes außerdem vollen Einsatz am Waffeleisen und verteilten Gebäck an zahlreiche große und kleine Gäste. Die Betätigungsfelder der Asylbegleitung Mittelhessen e.V. sind äußerst vielfältig. Neben Deutschkursen erhalten Geflüchtete hier praktische Hilfe im Alltag, sowohl bei den anfänglichen Behördengängen als auch beim häufig schwierigen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Auch Freizeitangebote wie eine Fahrradwerkstatt, sportliche Aktivitäten und Kinderbetreuung werden von den Ehrenamtlichen angeboten, die vor allem im Landkreis Marburg-Biedenkopf aktiv sind.

Engagement vereinfachen und direkte Hilfe bereitstellen

Die Menschen hinter dem Projekt Teachers on the Road starteten ihre Aktivitäten mit einer Tour durch mehr als 50 Flüchtlingsunterkünfte in Hessen und Rheinland-Pfalz, bei der sie auf zahlreiche prekäre Zustände, wie Überbelegung, heruntergekommene Sammelunterkünfte, mangelnde medizinische Versorgung, fehlende Internetzugänge und Sprachkurse, stießen. Der am häufigsten geäußerte Wunsch von Geflüchteten auf dieser Tour - sowie auch während des Refugee Forums - war die Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Daraus ist vor zweieinhalb Jahren das Projekt Teachers on the Road geworden, die durch das Angebot regelmäßigen Deutschunterrichts die gesellschaftliche Isolation von Flüchtlingen durchbrechen möchten: „Bildung muss für alle da sein!

Mit dem Refugee-Wiki soll in der Flüchtlingshilfe tätigen Ehrenamtlichen die Hilfe und Geflüchteten das Ankommen erleichtert werden. Dort finden sich hilfreiche Informationen für alle Beteiligten, die durch die offene und durch jeden editierbare Struktur sukzessive weiter ausgebaut werden sollen. Der Gießener Medizinstudent Dennis Küppers, der für das Refugee-Wiki kürzlich vom Magazin Stern mit dem „Stern der Woche“ ausgezeichnet wurde, hat sich auch auf dem Refugee Forum in Gießen mit der Vernetzung der Hilfsangebote beschäftigt. Er hofft, dass sich die Seite mit der Zeit immer mehr zu einer Austauschplattform mit transparenten Informationen etabliert: „Damit sich Leute möglichst einfach engagieren können – und letzten Endes die Integration vieler toller Menschen erleichtert wird.“

Raum für ein entspanntes und unterhaltsames Kennenlernen

Neben den vielen Vernetzungs- und Informationsangeboten richteten sich verschiedenste Angebote des Refugee Forums auch direkt an Geflüchtete. Als Plattform des zwanglosen Kennenlernens bot das Forum einen ganzen Tag lang vielen Menschen die Gelegenheit, bei vielen Aktivitäten aufeinander zuzugehen und in Kontakt miteinander zu kommen.

Foto: Benjamin Richter

Für die kleinsten Besucher gab es Unterhaltung in Form von Spielen und Luftballons. Foto: Benjamin Richter

Ein buntes Angebot stand für die kleinsten Besucher bereit. Im Obergeschoss wartete auf sie ein umfangreich ausgestatteter Bastelstand mit verschiedensten Möglichkeiten ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. „Das Malen, Falten, Hämmern und Kleben sorgte für eine konzertierte und ausgelassene Atmosphäre“, berichteten Mona Birkner und Julian Roth, die den Bastelstand ins Leben riefen und betreuten. Im Erdgeschoss konnten sich die Kinder sowie Erwachsenen zu Hunden, Säbeln und Blumen geformte Luftballons mitnehmen, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Ketten und Armbänder aus Perlen konnten selbst angefertigt werden - oder es wurde einfach eine Runde Fußball oder Basketball gespielt. Der neunjährige Linus Kolb meinte: „Am besten hat mir das Fußballspielen gefallen. Da ist es ganz egal, wo man herkommt und welche Sprache man spricht. Hauptsache man spielt gut.“

Foto: Benjamin Richter

Um gemeinsam zu Spielen sind häufig gar keine Sprachkenntnisse notwendig. Foto: Benjamin Richter

Auch bei älteren Besuchern kam der Spaß nicht zu kurz. Spiele, für die man nur wenige Worte braucht, wie „Twister“, Ringe werfen oder „Jenga“, lockerten die Stimmung zwischen den Gesprächen auf, erleichterten das Kennenlernen und führte zum gegenseitigen Sprachen-Training. Am Eingang der alten Universitätsbibliothek war eine Slackline zwischen zwei Bäumen gespannt, auf der jeder seinen Gleichgewichtsinn auf eine harte Probe stellen konnte. Unter der Hilfestellung von Julia Brennecke gelang dem ein oder anderem der schwierige Drahtseilakt.

Ebenfalls im Obergeschoss waren Bilder und Videos des ursprünglich aus Syrien stammenden Fotografen Mohamad Osman ausgestellt. Wer es also ruhiger mochte, hatte hier die Gelegenheit, die sehr nachdenklich stimmenden Fotografien der Ausstellung zu betrachten.

„Das Asylrecht ist ein Menschenrecht und darf nicht weiter ausgehöhlt werden“

Am Eingang des Saals stand zudem ein Büchertisch bereit, für den im Vorfeld und während des Forums Bücher gesammelt wurden. Romane, Wörter- und Kinderbücher lagen zum Mitnehmen bereit, um mit ihrer Hilfe selbstständig evtl. einige weitere deutsche oder englische Sprachkenntnisse sammeln zu können. Neben Softgetränken konnte man außerdem in den Genuss eines selbstgepressten hessischen Apfelsaftes kommen, der von Wolf Gebhard und den Kelterfreunden Hüttenberg gespendet wurde. Der Saft wurde kurz zuvor in Hüttenberg gemeinsam mit afghanischen, syrischen und irakischen Flüchtlingen gekeltert.

Foto: Mohamad Osman

Viele geflüchtete Menschen kamen auf der Suche nach Dolmetschern und Deutschkursen. Foto: Mohamad Osman

Die Schirmherrin des Refugee Forums war Mürvet Öztürk, ehemalige flüchtlingspolitische Sprecherin der grünen Fraktion im Landtag. Die Landtagsabgeordnete war im September aus Unzufriedenheit mit der schwarz-grünen Flüchtlingspolitik aus ihrer Fraktion ausgetreten: „Das Asylrecht ist ein Menschenrecht und darf nicht weiter ausgehöhlt werden.“ Leider war sie am Samstag des Refugee Forums verhindert, meldete sich jedoch mit einer Grußbotschaft per Video zu Wort und dankte den Organisatoren und Besuchern für ihren Einsatz. Sie unterstrich zudem die Bedeutung eines offenen Umgangs mit dem Thema Asyl und würdigte in diesem Zusammenhang derartige Veranstaltungen zum Kennenlernen.

Video © Mürvet Öztürk (MdL), Verwendung nur mit Genehmigung der Urheberin

Lebhafter Ausklang bei stimmungsvoller Reggae-Musik

Während einige Besucher nur kurz durch den Saal schlenderten oder mit einem bestimmten Ziel – wie der Suche nach einem Dolmetscher – vorbeigekommen waren, blieben viele Besucher fast den ganzen Tag und informierten sich, spielten und tauschten sich aus.

Foto: Anna Beniermann

Die „Lionics“ aus Gießen brachten zum Abschluss des Refugee Forums die Besucher zum Tanzen. Foto: Anna Beniermann

Einige Gäste lockte außerdem der musikalische Abschluss des Refugee Forums an. Das kostenlose Benefiz-Konzert der Reggae-Band Lionics aus Gießen bot die Gelegenheit beim gemeinsamen Tanzen, Mitwippen oder ruhigen Zuhören die Eindrücke des Tages zu verarbeiten. „Es war ein unglaublich schönes Gefühl, gemeinsam zu der wunderbaren Musik zu tanzen und den Abend zu genießen“, fasste Julia Brennecke zusammen, die den ganzen Tag über ehrenamtlich mitarbeitete. Es war der fröhliche Ausklang einer lebendigen, informativen und friedlichen Veranstaltung, die in vielerlei Hinsicht neuartig und wiederholenswert erscheint. Dies spiegelten auch die Einträge im ausgelegten Gästebuch sowie die positiven Presseechos im Gießener Anzeiger und der Gießener Allgemeinen Zeitung wider.

Foto: Benjamin Richter

Auch für die Ehrenamtlichen war es ein unterhaltsamer Tag. Foto Benjamin Richter

Ein großer Dank geht an alle helfenden Hände, die bei der umfangreichen Vorbereitung und vor Ort geholfen haben, an das Präsidium der Justus-Liebig-Universität Gießen für die Unterstützung und die Bereitstellung der Räume, sowie an all jene, die mit Sach- und Geldspenden das Refugee Forum unterstützt haben. Ohne die große Unterstützung und das Engagement vieler Freiwilliger, die die verschiedenen Stände betreuten, Namensschilder verteilten, beim Auf- und Abbau halfen, wäre die Veranstaltung nicht denkbar gewesen.

„Das sollten wir unbedingt in Zukunft häufiger machen!“

Die lebhafte und entspannte Atmosphäre, das voneinander Lernen und die angenehmen Gespräche werden sicherlich noch vielen Menschen lange in Erinnerung bleiben. So lautet die Quintessenz vieler Gespräche während des Refugee Forums: „Warum treffen wir uns eigentlich nicht regelmäßig, um zu spielen, zu basteln und einfach nur Spaß zu haben? Das sollten wir unbedingt in Zukunft häufiger machen!“ So wird momentan tatsächlich darüber nachgedacht, die Bastel-Aktivitäten und Spiele ohne Sprache weiterhin regelmäßig für Interessierte anzubieten.