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Namaste – Ich ehre in Dir die Menschlichkeit, die uns verbindet

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In Darmstadt hatte zum Monatswechsel der Interreligiöse Arbeitskreis zu einer Dialogveranstaltung in die örtliche Ahmadiyya-Moschee eingeladen. Drei Ahmadiyya-Muslime, zwei Bahai-Anhängerinnen, zwei Christinnen und ein Humanist finden Gemeinsamkeiten in ihren Vorstellungen über gute Nachbarschaft, Mitmenschlichkeit und Solidarität. Ist das eine aussichtsreiche Brücke für den Dialog zwischen Religionen und Weltanschauungen?
Mittwoch, 15. Oktober 2014
Bild: Himalayan Academy Publications, Hawaii / CC BY-SA

Namaste in der Kunst. Bild: Himalayan Academy Publications, Hawaii / CC BY-SA

Es ist der Tag der deutschen Einheit und der Tag der offenen Moscheen. Im großen Gebetsraum der Ahmadiyya-Moschee im Darmstädter Industriegebiet sitzen etwa siebzig Menschen im Kreis. Vor der Gebetsnische aufgereiht tragen einige Mitglieder des Darmstädter Interreligiösen Arbeitskreises Texte und Erzählungen vor, die für sie die Grundlage für praktische Mitmenschlichkeit darstellen. Die goldene Oktobersonne durchleuchtet den Raum, es herrscht eine freundliche und aufmerksame Stimmung – passend zum gewählten Thema.

Gründe für die Mitmenschlichkeit

Die Ahmadiyya-Muslime stützen sich etwa auf die Sure 4 Vers 37 des Korans, in dem Allah von den Gläubigen Güte verlangt: für die Eltern, die Verwandten, die Waisen, die Bedürftigen, den Nachbarn (ob anverwandt oder fremd), den Gefährten an der Seite und den Wanderer. Ergänzend wird eine Geschichte vorgetragen, in der Mohammed sich liebevoll um eine erkrankte Frau kümmert, die ihn zuvor missachtet und gekränkt hatte.

Die Bahai-Vertreterinnen zitieren einen Text ihres Religionsstifters aus dem 19. Jahrhundert, wonach die Erde nur ein Land und alle Menschen ihre Bürger seien. Von dem Sohn des Religionsstifters wird erzählt, wie er eine wohlmeinende amerikanische Pilgerin dazu anleitete, einen kranken Menschen zu versorgen, der in armen und schmutzigen Verhältnissen lebte. Sie hatte sich die Mitmenschlichkeit einfacher vorgestellt und musste ihre inneren Widerstände überwinden.

Für die Christinnen ergibt sich die Antwort auf die Frage nach Mitmenschlichkeit insbesondere aus dem Gleichnis des Barmherzigen Samariters aus dem Lukasevangelium. Gerade der von der damaligen Gesellschaft ausgegrenzte Samariter, der ohne besondere Kenntnis der religiösen Regeln ist, kümmert sich um den überfallenen und ausgeraubten Juden. Der Feind zeigt Barmherzigkeit. Die christliche Nächstenliebe umfasst danach alle Mitmenschen, auch die Feinde.

Für den Humanisten gibt es kein Gleichnis aber ein Bekenntnis zu Empathie, zu menschlicher Zuwendung und zur Solidarität als wesentlicher Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Und er würdigt die Menschenrechtserklärungen der Vereinten Nationen, der Europäischen Union und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als wichtige Maßstäbe für ein gutes Leben und soziale Gerechtigkeit.

Mitmenschlichkeit im großen Horizont

Ging es in den vorgetragenen ethischen Grundaussagen der Religionen zunächst um das direkte Verhältnis zwischen Helfer und Bedürftigem, wird der Horizont dann selbstverständlich erweitert: Mitmenschlichkeit kann auch mittelbar über karitative Organisationen ausgeübt werden und generell über soziale und gerechte Verhältnisse in der jeweiligen Gesellschaft wirksam werden. Persönliche Konsumentscheidungen können Fernwirkungen haben auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Industriestaaten und in der dritten Welt. Empathie muss deshalb auch komplexe Wirkungszusammenhänge erfassen, um schließlich beim „Nächsten“ anzukommen. Als besonders brennendes aktuelles Problem und Prüfstein für Mitmenschlichkeit wird in der Gesprächsrunde der solidarische Umgang mit Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten und Afrika angesehen.

Massive Unmenschlichkeit als Schattenseite

Der interreligiöse Dialog in der Moschee klammert auch die ethischen Schattenseiten der Religionen und Weltanschauungen nicht aus.

Dass Flüchtlinge zum Beispiel vor dem sogenannten „Islamischen Staat“ aus Syrien und dem Irak fliehen müssen, gibt Anlass für eine Klarstellung seitens der Ahmadiyya-Muslime. Sie distanzieren sich von der Instrumentalisierung des Islam für politische Machtinteressen und unterstreichen die eigentlich friedliche Botschaft des Islam. Viele von ihnen sind aus Pakistan wegen religiös motivierter Verfolgung geflohen.

Die christliche Seite sieht sich mit der Gewalt der Kreuzzüge und der Brutalität der Religionskriege zwischen den Konfessionen konfrontiert. Schwer erträglich ist auch das Vorschützen christlicher Motive beispielsweise durch den amerikanischen Präsidenten Bush bei den Invasionen im Irak und Afghanistan.

Der Humanist räumt ein, dass der von Marx als humanistisches Projekt entworfene Kommunismus unter Lenin, Stalin oder Mao zur unbarmherzigen Tötung und Unterdrückung Andersdenkender in großem Maßstab geführt hat. Im Westen wird die Durchsetzung von Menschenrechten leider nicht selten als Kriegsziel proklamiert, um die eigentlichen geostrategische Interessen und die angestrebte Kontrolle über wichtige Rohstoffe zu bemänteln. 

Also muss sich jede Religion und Weltanschauung fragen lassen, welche Elemente in ihren kulturellen und theoretischen Grundlagen vorhanden sind, die inhumane Interpretationen und Praktiken zulassen. Bevor man die Anderen wegen Unmenschlichkeit kritisiert, sollte man den Balken im eigenen Auge wahrnehmen. Die Voten für Barmherzigkeit sind nur glaubwürdig, wenn sie nicht durch parallele unbarmherzige Aktivitäten neutralisiert oder sogar überkompensiert werden.

Konsequente Mitmenschlichkeit?

Außer den guten ethischen Grundsätzen und den mächtigen historischen Belastungen teilen die Religionen und Weltanschauungen auch das Problem mangelnder Konsequenz ihrer Organisationen und Mitglieder. Wenn man die Gleichnisse und Lehrerzählungen wörtlich nähme, müsste man dann nicht den Obdachlosen oder frisch gestrandeten Flüchtling bei sich aufnehmen? Oder wenn das nicht geht, müsste man einen größeren Teil seines Einkommens direkt an Bedürftige oder ausgewählte karitative Einrichtungen geben? Sollte man mehr Urlaub und Freizeit opfern zugunsten ehrenamtlicher Aufgaben? Wie kann der interreligiöse Dialog in Darmstadt und anderswo fortgeführt werden, damit er das gute Zusammenleben in der Stadt spürbar fördert und gemeinsame soziale Projekte hervorbringt? Da ist also noch viel Gesprächsstoff vorhanden und viel Raum für solidarisches Handeln.

Interreligiöser Dialog in göttlicher Perspektive?

Der im Sanskrit verwendete Gruß „Namaste“ heißt „Verehrung Dir“. In Indien hat das eine religiöse Bedeutung: „Ich ehre in dir den göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit eins sind“ (zitiert nach Wikipedia). Der „göttliche Geist“ stiftet also die Einheit zwischen den Menschen, die sich mit diesem Gruß begegnen. Auch im Christentum stiftet die Beziehung zu dem einzigen Gott die Gleichheit und Gemeinschaft der Menschen. Im interreligiösen Dialog wird nicht selten der Versuch gewählt, das Göttliche als verbindende Brücke zur Verständigung der Religionen untereinander zu wählen. So wird im Dialog zwischen Judentum, Christentum und Islam teilweise angenommen, dass alle drei Buchreligionen letztlich den „Gott Abrahams“ verehren, was offensichtliche Differenzen dieser drei Weltreligionen überbrücken soll. Auch in der berühmten Ringparabel von Lessing liegt die Vorstellung eines gemeinsamen einzigen Gottes zugrunde. Bei den Bahai wird der Versuch unternommen, die Einheit aller Religionen und der ganzen Menschheit unter dem erweiterten Dach dieser im 19. Jahrhundert begründeten Religion herzustellen und alle Gottesvarianten in eine erweiterten Vorstellung zu vereinen. Tatsächlich haben die Bahai aber eine zusätzliche Weltreligion begründet. Eine verallgemeinerte Form ihrer Idee geht davon aus, dass die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen nur unterschiedliche, aber legitime Wege auf der Suche nach einem gemeinsamen Ursprung des Lebens sind, für den die unterschiedlichen Gottesvorstellungen stehen. In diesem Gott hinter allen anderen wird die Menschheit als vereint angesehen und gegenseitige Toleranz und Mitmenschlichkeit begründet.

Interreligiöser Dialog in menschlicher Perspektive!

Wer nicht an einen Gott glaubt, bleibt naturgemäß von dieser Verständigungsstrategie ausgenommen, was insbesondere für den areligiöse Humanismus – aber auch für relevante Teile des Buddhismus gilt. Der seitens der Religionen angebotene Weg, auch der Atheist sei ja ein Gotteskind, löst das Problem nur aus der religiösen Blickrichtung. Aber für die Religionen selbst sollte die Geschichte genug Material dafür liefern, dass sich die Gläubigen aller Art gerade an den unterschiedlichen Vorstellung über Gott zerstritten haben. Gleichzeitig wurden damit die Trennungsgründe überhöht, weil die Andersdenkenden ja dasjenige in Frage stellten, was für den eigenen Glauben von höchster Bedeutung und Heiligkeit war. Es erscheint daher aussichtsreicher, für den Dialog zwischen Religionen und Weltanschauungen Anknüpfungspunkte zu suchen, die grundsätzlich allen Menschen zugänglich und verständlich sein könnten: Das sind die Würde des Menschen und die Mitmenschlichkeit.

Menschenwürde

Die meisten Religionen und Weltanschauungen haben eine Vorstellung von der Würde des einzelnen Menschen. Die jeweilige Ausprägung des Konzeptes und die Begründungen sind zugestandermaßen sehr verschieden und oft inkompatibel untereinander. Trotzdem erscheint eine Auseinandersetzung darüber interessant, notwendig und nicht von vorneherein aussichtslos. Hilfreich ist dabei, dass die humanistischen Vorstellungen von Menschenwürde und Menschenrechten seit Renaissance und Aufklärung sowie seit der Deklaration der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen im 20. Jahrhundert auch die Argumentationen in Religionen und Weltanschauungen beeinflusst haben. In den Augen vieler Gläubigen ist heute beispielsweise die Zumutung an Abraham, seinen Sohn Isaak opfern zu sollen oder die Zumutung, die Sintflut als gerechte Strafe für fast die ganze damalige Menschheit anzusehen, eine unmenschliche Vorstellung – und damit auch eine kaum noch akzeptable Vorstellung von Gott – die Ebenbildlichkeit mal anders herum betrachtet. Die Menschenwürde und die Menschenrechte, die doch überwiegend in der Auseinandersetzung von Aufklärern und Humanisten mit Staaten und Kirchen entwickelt wurden, gelten heute als genuiner Bestandteil des Christentums - in dem sie ja auch tatsächlich Anknüpfungspunkte haben.

Mitmenschlichkeit

Die meisten Religionen und Weltanschauungen vertreten eine Ethik der Mitmenschlichkeit. Über die unterschiedlichen und auch trennenden Begründungszusammenhänge hinweg erscheint sie als mögliche gangbare Brücke zwischen den religiösen und weltanschaulichen Lagern, die sich sicher nicht auflösen werden. In seinem bemerkenswerten Buch „Rückkehr zur Menschlichkeit“ plädiert der Dalai Lama für eine neue weltweite säkulare (!) Ethik des Mitgefühls, die am gemeinsamen Menschsein und der gegenseitigen Abhängigkeit anknüpft. Karen Armstrong ist mit ihrem Buch „Die Botschaft“ eine weitere Stimme für eine Fokussierung der Menschen auf eine Kultur des Mitgefühls. Beide Autoren und viele andere knüpfen damit an humanistische Traditionen an, die es nicht nur in Europa gibt. Es ist sinnvoll die Elemente von guter Nachbarschaft, Mitmenschlichkeit und Solidarität in allen Religionen und Weltanschauungen zu stärken, damit unmenschliche Traditionen und ihre Begründungen blamiert und isoliert werden.

Für die Menschen guten Willens können wir dem alten Gruß NAMASTE also einen neuen Sinn geben:

Ich ehre in Dir die Menschlichkeit, die uns verbindet!

So sprach jedenfalls der Humanist in der Dialogrunde in Darmstadt. Mal sehen, wie es weiter geht.

Skeptische Fußnote

Wird der Dialog der Religionen und Weltanschauungen über die Brücke der Mitmenschlichkeit gelingen? Gibt es genügend Mitstreiter auf allen Seiten? Können wir mit diesem Ansatz auch Menschen aus der großen Gruppe der Gleichgültigen gewinnen, die der Schar der aktiven Religions- und Weltanschauungsanhänger gegenüberstehen? Was ist darüber hinaus mit Individuen und Organisationen, die diese Grundwerte aktiv ablehnen und leider zu den beherrschenden Größen in Politik, Wirtschaft und Finanzen gehören?