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Yes they can

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In Hamburg und Berlin haben sich gestern Atheisten und Agnostiker zu einer „Sunday Assembly“ versammelt. Zum Auftaktevent in der Hauptstadt ließen sich rund 160 Besucher dazu verlocken, bei Popsongs, einem philosophischen Vortrag und einer Lesung gemeinsam das Leben zu feiern. Deutlich wurde: die Assemblies verdienen einen Platz im Kulturkalender.
Montag, 29. September 2014
Foto: Frank Nicolai

Foto: Frank Nicolai

Es war ein gewagtes Experiment in den beiden deutschen Städten, in denen sich jeweils kleine Gruppen von nichtreligiösen Menschen am gleichen Tag wie Atheisten und Agnostiker in mehr als 30 weiteren Städten am globalen Auftakt der neuen Sonntagsversammlungen versuchten. Ihr gemeinsames Ziel: die aus ihrer Sicht wertvollen Elemente der Versammlungen von Religionsgemeinschaften zu erleben – auf Dinge wie „Gott“ und „Religion“ hingegen zu verzichten. Begegnung und Gemeinschaft, Musik und Gesang, inspirierende Gedanken und Momente der bewussten Besinnung auf Fragen des Lebens- und Zusammenlebens zählten dazu – sowie ein Becher Kaffee und ein Stück Kuchen im Anschluss daran.

Ein gewagtes Experiment – und nicht nur, weil zur gleichen Zeit der Berlin-Marathon die Innenstadt mit tausenden Läufern, Schaulustigen und umfangreichen Absperrungen füllte. Gewagt auch deshalb, weil kirchenferne Menschen nur selten dazu neigen, sich auf Grund der Tatsache, dass sie keinen religiösen Glauben haben, zu versammeln. Dementsprechend ließen etwa die Kommentare von – allerdings ausschließlich männlichen – Lesern eines Spiegel-Online-Berichts zum Ereignis kein gutes Haar an der Initiative: „Land der Bescheuerten und Bekloppten“, meinte da Ruediger B. und Manfred L. stimmte ihm zu: „Bescheuert.“ Roland R. fragt: „Gibt es denn nur noch Spinner auf dieser Welt?“ und Marc K. urteilt: „Es gibt immer mehr Kranke.“ Harold T. sieht sogar einen Haufen „dummsinniger Rattenfänger“.

Am Ort der ersten Sonntagsversammlung in Berlin gegenüber der Technischen Universität zeigte sich allerdings ein Bild, das diesen harschen Schmähungen einiger Facebook-Benutzer deutlich widerspricht.

Sonntag, halb zwei am Ernst-Reuter-Platz 2: „Free Hugs – kostenfreie Umarmungen“ steht da auf einem Schild, hochgehalten von einer jungen Studentin vor dem Eingang zur Assembly, die offenkundig weder krank noch dumm ist. Angehörige des Assembly-Teams, erkennbar an grünen Namensschildern, begrüßen die Besucher mit einem „herzlich willkommen!“ Während sich der Saal mit neugierigen und teilweise auch etwas unsicher wirkenden Gästen füllt, werden im Versammlungsraum Stuhlreihen ergänzt. Mit so vielen Besuchern hat man offenbar nicht gerechnet. Personen jeden Alters haben sich eingefunden, das Verhältnis von Frauen und Männern scheint ausgewogen, manche haben sogar ihre Jüngsten mitgebracht. Auf den Plätzen der Sitzreihen liegen Buttons mit dem Motto der Sunday Assembly: Lebe besser. Hilf öfter. Staune mehr.

Foto: F. Spade

Jung und alt bunt gemischt. Rund 30 Minuten vor Beginn war abzusehen, dass der Platz knapp wird. Foto: F. Spade

In einem proppenvoll gefüllten Saal eröffnet dann Sue Schwerin von Krosigk, Drehbuchautorin aus Charlottenburg, mit einer knappen Begrüßung die Versammlung und zum Auftakt ertönen „Lean on me“ (Bill Withers) und „Walking on sunshine“ (Katrina and the Waves). Mitsingen, mitwippen, mitklatschen – Unsicherheit bei einigen Besuchern ist sichtbar, doch wem die Liedtexte nicht ausreichend vertraut sind, dem hilft eine Leinwand hinter der Bühne.

„Don’t it feel good – yeah!“ Als die letzte Liedzeile auf der Leinwand erscheint, ist die Zahl der fröhlichen Gesichter im Raum gewachsen. Das Sonnenschein-Wetter draußen und die Stimmung drinnen passen nun perfekt zusammen. Das Publikum applaudiert sich, es gibt einige Jubelrufe. Das Eis scheint gebrochen.

Was dann kommt, entspricht dem bewährten Vorbild der Erfinder der Sunday Assembly aus London, den Komikern Sanderson Jones und Pippa Evans. Anna-Lena, Psychologin aus dem Prenzlauer Berg, liest eine kurze Passage aus einem Buch. „Angst ist ein guter Ratgeber, aber ein lausiger Anführer. Man kann auf ihren Rat hören, darf ihr aber nicht die Führung überlassen. Mut ist ein weiser Anführer. Dem sollten Sie folgen“, zitiert sie.

Stephen Cave, promovierter Philosoph, Autor des Buches Unsterblich: Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben als Triebkraft unserer Zivilisation und Gastredner der Versammlung, spricht über die Ursachen und Wirkungen, die das Denken an die Begrenztheit des eigenen Lebens auf Menschen ausübt und er erklärt, wie und warum man die natürlichen Reflexe auf die Vorstellungen vom Ende des Lebens in eine produktive Haltung umwandeln kann – abwechselnd in fließendem Deutsch und auf Englisch. „Seid dankbar dafür, dass ihr diesen Zufall, überhaupt am Leben zu sein, erleben könnt“, rät er dem Publikum. Und ob das Buch des eigenen Lebens nun ein dicker Wälzer oder eine Novelle sei – wichtig sei, dass es eine gute Geschichte ist, so Cave. Auch hier folgt lauter Applaus, dann wieder ein Song. Anschließend berichtet ein junger Mann über den Wert von Erfolgen und des Scheiterns anhand von Beispielen aus seinem eigenen Leben. Das Publikum dankt erneut mit lautem Beifall. Dann folgen zwei Minuten der besinnlichen Stille. Für manchen macht der Wechsel zwischen Singen, Lachen und philosophischen Impulsen die Assembly zur emotionellen Achterbahnfahrt. Moderatorin Sue Schwerin von Krosigk jedenfalls gesteht vor der Bühne: „Ich bin etwas nah am Wasser gebaut.“

Lebe besser. Hilf öfter. Staune mehr. Nachdem von Krosigk nun um Spenden für die Finanzierung der Raummiete und anderer Ausgaben für die Sunday Assembly Berlin gebeten hat und Hüte durch die Reihen zu wandern beginnen, spricht sie über ihre persönlichen Gedanken zum Assembly-Motto. Sie erklärt dabei anhand von Beispielen aus ihrem Alltag, wie die Ideen hinter dem Motto das individuelle und das Leben in der Gesellschaft prägen, und wie die bewusste Beachtung dazu beiträgt, dass ein in ihren Augen fast vergessener Begriff wieder Bedeutung gewinnen kann: Herzensbildung. Und die Aufforderung, mehr zu staunen, sagt sie, sei einfach nur ein absolut positiver Leitsatz im Leben.

„I’m walking“ – Nach dem letzten Song wird klar, wie schnell eine Stunde vorüberziehen kann, sogar in einer Sonntagsversammlung für Menschen, die sich auch dadurch verbunden fühlen, dass sie eben zu der kleinen Gruppe von Menschen gehören, die keinen religiösen Glauben haben. Ein heiteres und in Diskussionen vertieftes Publikum versammelt sich schließlich vor der Kaffee- und Kuchenbar, Dutzende tragen sich in eine Liste zum Mitmachen und –helfen bei künftigen Versammlungen ein. Die nächste soll es in einem Monat geben. Eine gute weitere Stunde später verabschieden sich die letzten Gäste voneinander. Keiner der vielen Buttons mit dem Motto der Sunday Assembly bleibt liegen.

Vereint nur in der Negation, so lautet eine landläufige Diagnose von Beobachtern über die in Deutschland und einigen anderen Ländern wachsende Gruppe der Menschen, die sich von den christlichen Kirchen und anderen Religionen abgewandt haben. An diesem Sonntagnachmittag in Berlin scheint das ein ganzes Stück weniger wahr zu sein. Gemeinsam und auf inspirierende Weise das eine Leben zu feiern, von dem Atheisten und Agnostiker wissen, dass sie es haben – für einige von ihnen ist bewiesen: Yes they can.