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Humanismus nutzen, um den weniger Glücklichen in Afrika zu helfen

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Ein Bericht von George Ongere, Direktor der US-Skeptiker-Organisation „Center für Inquiry“ in Kenia, über die Herausforderungen für die Entwicklungshilfearbeit.
Donnerstag, 10. Juli 2014
Foto: CFI

Waisenkinder und Mitarbeiter des Hilfsprogramms der Skeptiker-Organisation "Center for Inquiry".

Als ich zum ersten Mal eine humanistische Lebenseinstellung einnahm, glaubte ich, dass es sich dabei lediglich um eine persönliche Angelegenheit handelt und mich nicht zum Engagement für soziale Gerechtigkeit bewegen würde. Die meisten Menschen, die eine säkulare Lebenseinstellung für sich entdeckt haben, meistens Atheisten, glauben: wenn man Religion hinter sich gelassen hat und sich dann engagieren möchte, beispielsweise in Aktivitäten wie der Unterstützung von Waisen, den Armen oder obdachlosen Witwen, wäre das wie die Imitation von Religion. Wenn jemand also den Glauben an Gott, Götter, den Satan o. ä. aufgibt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er sich für soziale Gerechtigkeit engagiert. Dennoch macht es der säkulare Humanismus möglich, hier an bestimmten Prinzipien festzuhalten. Und sich in dieser Hinsicht der Arbeit für soziale Gerechtigkeit zu widmen, stellt kein Problem für diejenigen dar, die sich für säkularen Humanismus entschieden haben.

Während ich als Aktivist auf dem Campus unterwegs war, hat diese Art des Denkens auf mich als Atheist in Afrika immer wieder einen Reiz ausgeübt. Anfangs war ich überzeugt, dass es meine einzige Mission sei, junge Menschen in den Institutionen der höheren Bildung zu inspirieren und zwar so, dass sie das rationale Denken für sich entdecken, um die Ketten, welche Kirchendogmen und traditionelle Gesellschaftsformen in sie eingepflanzt hatten, zu überwinden. Ich glaubte, dass dies die einzig wirkliche Sorge für Humanisten in Afrika wäre.

Diese Ansicht veränderte sich jedoch im Zuge der Hexenjagden 2009. Viele alte Frauen wurden umgebracht, weil man davon ausging, sie seien Hexen. Kinder wurden nur aufgrund der Vermutung, sie würden böse Geister in sich tragen, vergiftet und totgehackt. Frauen wurden ebenfalls mit der Beschuldigung, sie würden Hexerei betreiben, bei lebendigem Leib verbrannt. Zu der Zeit startete das Center for Inquiry-Transnational (CFI, US-amerikanische Skeptiker-Organisation) eine Anti-Aberglauben-Kampagne, um ihre afrikanische Sektionen zu ermutigen, die verschiedenen Gemeinden zu befähigen, innerhalb der Länder, in denen sie tätig sind, die Menschen über die Gefahr von Aberglaube aufzuklären. Das Hauptziel war, rationales Denken in diese Gemeinden zu bringen und sie darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, gegenüber Hexerei-Vorwürfen eine evidenzbasierte Herangehensweise zu entwickeln. Denn viele Familien wurden beschuldigt, Hexerei auszuüben und es gab keinerlei Beweise, die diese Behauptungen unterstützen konnten. Da sich die Gemeinden bei den Hexerei-Vorwürfen lediglich auf vagen Glauben und Hörensagen stützten, zeigte uns unsere Erfahrung, dass diese Auseinandersetzungen oft auf Familienstreitigkeiten um Land und andere Ressourcen fußten. Es hat uns so sehr geärgert, denn unschuldige Menschen starben und menschenrechtliche Krisen entstanden. Und die Ermordung von Eltern hinterließ Kinder als Gestrandete ohne Zukunft.

Die Arbeit mit den Gemeinden, in denen der Glaube an Hexerei verbreitet war, zeigte uns die Wirklichkeit des Elends, in dem die Kinder sich befanden. In vielen Gemeinschaften werden Kinder, deren Eltern wegen des Vorwurfs der Hexerei umgebracht worden waren, sogar von ihren entfernteren Familienangehörigen verstoßen. Die Ursache dafür ist, dass es dort den Glauben gibt, diese Kinder würden böse Geister in sich tragen und dass ihre gelynchten Eltern auf diese Weise Rache nehmen wollen. Diese Kinder haben keine Zukunft und die meisten von ihnen wandern entweder in städtische Gegenden aus und fangen dort an, als Straßenkinder zu leben, weil sie glauben, so vielleicht zur Ruhe kommen und ein neues Leben beginnen zu können. Das ist jedoch meist unmöglich, da die aktuelle Lage in Afrika für Straßenkinder sehr schwierig ist und sie voraussichtlich ihr gesamtes Leben auf der Straße und in extremer Armut verbringen werden. Einigen gelingt es irgendwann, erfolgreich aus so einer Existenz auszubrechen, jedoch vor allem dadurch, dass sie in die Kriminalität abrutschen.

Davon inspiriert und durch die unaufhörliche Unterstützung des Center for Inquiry, haben wir eine andere Richtung in unserer Anti-Aberglauben-Kampagne eingeschlagen, bei der unsere Aktivitäten nicht damit aufhören, die Gesellschaft darin zu unterrichten, welche Gefahren der Aberglaube birgt, sondern uns um die Kinder zu kümmern, die zurückgelassen wurden und deren Eltern gelyncht oder Opfer von anderer Irrationalität geworden sind. Auf diese Weise haben wir anfangen, uns für soziale Gerechtigkeit einzusetzen und das Projekt Support a Humanist Orphan („Unterstütze ein humanistisches Waisenkind“) gestartet.

Die Organisation Support a Humanist Orphan hat bereits viel erreicht, seit wir die Initiative 2011 begonnen haben. Der Höhepunkt ereignete sich, als Bill Cooke, Direktor von International Programs for CFI, Kenia besuchte und den Waisen Hoffnung verschaffte. Bill war von der misslichen Lage der Kinder bewegt und hat sich seither darauf konzentriert, die Initiative auf die nächste Ebene zu bringen. Seit diesem Besuch haben wir eine Menge positiver Schritte gesehen und CFI Kenia dankt dem CFI-Team sehr, dass es Bill zu uns geschickt hat und er den ganzen Weg von Neuseeland in das subsaharische Afrika gereist ist, um den Humanismus zu fördern. 

Dieses Projekt hat seitdem viele Besucher angezogen, die davon im CFI gehört oder auf den Websites darüber gelesen haben. Ein Beispiel: Anfang März, als wir gerade dabei waren, die neu geschneiderten Uniformen an die Waisen zu verteilen, wurden wir von einem Team aus Finnland kontaktiert, das uns im Rahmen eines Austauschprogrammes der Maseno University in Kisumu in Kenia besuchte. Sie waren daran interessiert, unsere Aktivitäten mit den Waisenkindern zu sehen und ihr Leben in der Gemeinschaft kennenzulernen, zusätzlich zu ihrem Verständnis vom gemeinschaftlichen Glauben an Hexerei.

Ich denke, die Richtung, die der Humanismus in Afrika eingeschlagen hat, gibt vielen Menschen Hoffnung, vor allem Kindern, die ansonsten in der Stadt als Straßenkinder leben müssten. Die traurige Realität: junge Mädchen aus diesen Gemeinden, in denen ihre Eltern so plötzlich den Tod fanden, wandern in die Stadtzentren aus, um dort Sex gegen Geld zu verkaufen. Auf diese Weise beginnt die Ausbeutung durch Kinder-Sex.

Foto: CFI  / HALEA

CFI-Projektdirektor Bill Cooke (Mitte) mit Vertretern humanistischer Organisationen in Uganda.

Ich möchte noch hinzufügen, dass die Humanisten in Uganda sich in dieselbe Richtung wie wir bewegen. Im November 2013 wurde ich zu einer ostafrikanischen Regionalkonferenz eingeladen, die von der International Humanist and Ethical Youth Organization (IHEYO) organisiert worden war, um Kenia zu repräsentieren. Viele der Delegierten aus der Umgebung ostafrikanischer Länder, wie Tansania, Ruanda, Süd Sudan, Kenia und Uganda, nahmen teil.

Die meisten Humanisten waren sehr enthusiastisch wegen ihrer Initiativen im Bereich sozialer Gerechtigkeit. In Uganda hat der Aufbau vieler humanistischer Schulen begonnen, die armen Kindern helfen, währenddessen das Projekt Ugandan Humanist Effort to Save Women vielen ehemaligen Prostituierten neue Perspektiven aufzeigt und ihnen bessere, alternative Möglichkeiten zum Verdienen des Lebensunterhalts vermittelt, sowie einer Menge weiterer Initiativen. Hier haben die Delegierten der ostafrikanischen Länder sich darauf geeinigt, zusammenzuarbeiten und die Ideale des Humanismus zu fördern. Am Ende der Konferenz hatte man sich zudem darauf verständigt, dass das Center for Inquiry in Kenia, als die vorherrschende Stimme Kenias, der Gastgeber für die nächste Konferenz im kommenden August in Nairobi sein sollte. Zahlreiche Delegierte aus Uganda, Tansania, dem Süd-Sudan und Ruanda werden sich hierfür auf den Weg machen. Wir haben begonnen, auf dieses Ereignis hinzuarbeiten.

Schließlich haben wir es geschafft, weiterhin unser Engagement auf dem Campus aufrechtzuerhalten, um hier Vernunft, Wissenschaft und die freie Forschung zu verteidigen. Dort haben wir die Studierenden mit Freidenkertum, Skeptizismus, Naturalismus und Atheismus vertraut gemacht. Das haben wir erreicht, indem wir kontinuierlich Debatten führten, Workshops organisierten und Studenten mit Austauschprogrammen in Kontakt brachten.

Übersetzung und Redaktion: Saskia Albarus, Arik Platzek.