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Neue Studie zeigt: Sklaverei in religiösen Gesellschaften besonders oft verbreitet

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Rund 30 Millionen Menschen weltweit leben als Sklaven. Das schätzt ein vor kurzem vorgestellter Bericht der „Walk Free Foundation“, für den Daten aus 162 Ländern ausgewertet wurden. Den höchsten Bevölkerungsanteil bilden versklavte Menschen in Mauretanien.
Donnerstag, 17. Oktober 2013
Bild: Screenshot

Ergebnisse des neuen Berichts werden im Internet auch auf einer interaktiven Karte präsentiert.

Ganz neu sind solche Zahlen nicht. Bereits im Juni 2012 hatte der vom Außenministerium der Vereinigten Staaten veröffentlichte Jahresbericht zum Menschenhandel auf die erschreckenden Zahlen hingewiesen. Damals hieß es, dass Schätzungen zufolge weltweit bis zu 27 Millionen Menschen Opfer moderner Sklaverei sind, Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO aus dem gleichen Monat beliefen sich auf eine Zahl von rund 21 Millionen Sklaven.

Als versklavt gilt, wer als Eigentum anderer Menschen behandelt und kontrolliert wird mit dem Ziel, aus ihm als Arbeitskraft oder andere Weise Profit zu schlagen. Dem im Jahr 1956 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Zusatzübereinkommen über die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels sind bis heute 135 Staaten beigetreten, daneben gibt es Abkommen gegen Menschenhandel.

Doch dem neuen Bericht der australischen „Walk Free Foundation“ nach sollen es sogar bis zu 30 Millionen Menschen sein, die ein Schicksal ohne jede Mitbestimmung über das eigene Leben fristen müssen: Oft in Verbindung mit harter Arbeit ohne Lohn, Isolation und mit Gewalt auf vielfältige Weise konfrontiert – obwohl Sklaverei eigentlich seit Jahrzehnten weltweit geächtet ist.

Die größte Zahl an Sklaven gibt es unter den 1,24 Milliarden Einwohnern Indiens, wo laut den Erhebungen des neue Global Slavery Index 2013 etwa 14 Millionen Menschen unter vollständiger Fremdherrschaft leben. Im benachbarten und ähnlich bevölkerungsreichen China sind es den Schätzungen nach knapp drei Millionen Menschen.

Den höchsten Anteil an der Gesellschaft bilden versklavte Menschen in Mauretanien, auf Haiti und in Pakistan. Obwohl die Staaten der UN-Konvention seit langem beigetreten sind oder sogar zu den ersten Unterzeichnern gehörten, leiden hier besonders viele  Menschen bis heute unter einem Leben als Sklave. Doch auch in Ländern wie der Bundesrepublik Deutschland oder Frankreich geht man von bis zum 10.000 versklavten Personen aus. Wie diese Zahlen ermittelt werden, erläuterte SPIEGEL ONLINE in einem Bericht über den neuen Sklaverei-Index.

Im westafrikanischen Flächenstaat und islamischen Republik Mauretanien etwa, wo laut Global Slavery Index sich jeder 20. Einwohner in Sklaverei befindet, ist Sklaverei seit 1961 gesetzlich verboten. Hier ist besonders stark die ethnische Gruppe der Haratin betroffen, trotzdem sie etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die im Land ansässige Organisation „SOS Esclaves Mauritanie“ schätzt die Zahl der versklavten Menschen in Mauretanien sogar auf mehr als 500.000.

Fehlende Gleichheit zwischen den Geschlechtern geht Hand in Hand mit sklavereiähnlichen Verhältnissen, wie der Bericht im Fall von Indien deutlich macht. Zwangsheiraten sind in Indien weitverbreitet. In einem UN-Bericht hieß es 2012 dazu: „Die Hauptursache für Zwangsheiraten ist Geschlechterungleichheit, bei der Mädchen und Frauen aus kulturellen und religiösen Überzeugungen als Gebrauchsgegenstände, unfähig zur eigenen und angemessenen Entscheidung, wen sie wann heiraten sollten, wahrgenommen werden.“

Ein Blick auf die interaktive Karte zum Bericht zeigt auch deutlich, dass Sklaverei nicht nur ein Problem von ärmeren, sondern auch vor allem ein Problem religiöser Gesellschaften ist. Die Länder, in denen Religion fast kaum noch eine Rolle für den Alltag der meisten Menschen spielt, liegen fast durchweg auf den hinteren Plätzen im neuen Index der „Walk Free Foundation“. Eine Ausnahme bildet das kommunistische China, welches in der Rangliste noch hinter den meisten arabischen Staaten rangiert.

Anlass für vorzeitigen Jubel über die Vorteile säkularer Gesellschaften gibt es schließlich aber nur bedingt. Finanziert wurde die neue Erhebung zur bis heute weltweit verbreiteten Sklaverei vom australischen Bergbau-Magnaten Andrew Forrest, laut Forbes-Liste mit einem Vermögen von etwa 5,7 Milliarden US-Dollar fünfreichster Mann des Landes. Forrest hatte sich laut CNN-Bericht zur Ausrottung der Sklaverei entschlossen, nachdem eine seiner drei Töchter im Zuge ihrer ehrenamtlichen Arbeit in einem nepalesischen Waisenhaus in Kontakt mit Kindern kam, die Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung geworden waren.

Forrest, gläubiger Christ und regelmäßiger Kirchgänger, hat auch den von den US-amerikanischen Atheisten Warren Buffett und Bill Gates initiierten Giving Pledge unterzeichnet, laut dem die milliardenschweren Philanthropen mindestens die Hälfte ihres Vermögens einem guten Zweck zukommen lassen wollen. Insgesamt 100 Millionen US-Dollar sollen der „Walk Free Foundation“ zur Verfügung stehen, um das Aus für die Sklaverei weltweit voranzutreiben.

www.globalslaveryindex.org