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Komm ins Offene, Atheist!

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Der Wessi glaubt vor allem an sich, der Ossi an die Weltrevolution – und beide an die Kraft der Vernunft. Dieses verblüffende Ergebnis präsentierte Rita Kuczynski zusammen mit ihrem Buch „Was glaubst du eigentlich? Weltsicht ohne Religion“ in Berlin. Sollen wir ihr das glauben?
Freitag, 11. Oktober 2013
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„Wenn du nicht an Gott glaubst, dann glaubst du doch daran, dass es keinen Gott gibt. Also glaubst du doch an etwas. Du glaubst, dass es keinen Gott gibt“, führte kürzlich eine schlaue Schülerin, die dem Anschein nach nicht älter als elf oder zwölf Jahre alt sein konnte, an einer Berliner Bushaltestelle ihren Lehrer aufs Glatteis. Auf den nahe liegenden Einwand, dass, wer kein Fußball spielt, eben kein Fußball spielt und nicht ein Spiel namens Keinfußball spielt, kam er nicht. Die rhetorisch begabte Schülerin legte nach und unterstellte ihrem Lehrer nicht nur strukturell einen Glauben. Nein, auch glaube er genauso, wie sie an Gott glaube, an etwas: an den Urknall. Basta. Ihr Lehrer murmelte etwas und ergriff die Flucht. Der Bus kam, er stieg ein und hatte Wichtiges zu tun.

Für Rita Kuczynsk glauben alle Menschen an etwas. Nicht nur diejenigen, die an einen Gott oder etwas Übernatürliches glauben. Die Fähigkeit, „dass alle Menschen glauben, (bleibe) die anthropologische Grundlage dessen, dass wir überhaupt hier sitzen.“ Basta. Allein die Dominanz der Kirchen sei schuld daran, dass Glaube mit Glaube-an-Gott gleichgesetzt würde, argumentiert sie für eine Erweiterung des Glaubensbegriffs in säkulare Welten. Auf dieser bewusst gewählten, begrifflichen Unschärfe beruht ein großer Teil der publizistischen Schlagkraft ihres Buches. Und die ist durchaus erheblich. Denn Ungläubige, Rita Kuczynski nennt sie lieber Konfessionslose, hätten ebenso wichtige ethische Einstellungen. Der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen sehe sie allein im Inhalt des Glaubens und nicht darin, dass die einen ethischer als die anderen seien.

Foto: T. Wiethüchter

Rita Kuczynski (r.) und Lektor Patrick Oelze. Foto: T. Wiethüchter

Die Kirche habe kein „Recht auf Alleinbesitz“ mehr. Die Spiritualität sei aus den Räumen der Kirche in die Welt gegangen, beschreibt die 1944 geborene und in Ost-Berlin aufgewachsene Autorin unser säkulares Zeitalter. Ihr Buch, für das sie 40 „Ost“- und 40 „West“-Atheisten nach ihren Einstellungen und Werten befragte, bestätigt diese Ansicht eindrucksvoll. Wobei insbesondere der Unterschied zwischen den DDR- und den BRD-sozialisierten auffällt und erstaunt. Die Westdeutschen hätten „im Gegensatz zu den Ostdeutschen das, was Charles Taylor die individualisierende Revolution genannt hat, durchlaufen. Das Resultat war die Zugewandtheit zum eigenen Ich und zwar als Massenphänomen.“

Daraus destilliert sie eine „westdeutsche Charakteristik“: „Leben heißt gestalten und Spaß haben“. Für die Ostdeutschen habe das Zauberwort nicht Authentizität sondern Weltrevolution geheißen. Der Lebenssinn sei von der Partei vorgegeben worden: der Sieg des Sozialismus zur Befreiung des Menschen. Wenn man Rita Kuczynski Glauben schenken kann, dann wirkt dieser Unterschied auch 23 Jahre nach der deutschen Einheit fort. 80 Prozent der von ihr interviewten Ostdeutschen sähen den Sinn des Lebens darin, etwas für die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu tun. Der alte Gegensatz: messianischer DDR-Kollektivismus versus egoistischen BRD-Individualismus.

Foto: T. Wiethüchter

Verleger Christoph Links fordert Rechte für nichtreligiöse Menschen. Foto: T. Wiethüchter

Rita Kuczynski ist es mit ihrem Buch gelungen, den sonst so stummen Atheisten eine Stimme zu verleihen. Allein das macht ihr Buch zu einem Ereignis. Dabei kann es keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Dafür ist die Auswahl der Interviewpartner nicht repräsentativ genug und leider nur nach dem Schneeballprinzip erfolgt: Der eine kennt jemanden, der jemanden kennt. So sind auch durchaus seltsame Ergebnisse erklärbar. Wie dasjenige, dass für die Westdeutschen die Familie als Sinngebung für das eigene Leben kaum eine Rolle spiele. Wichtiger ist, dass „die Religiösen endlich mal erfahren, wie die anderen so ticken“, bringt es ihr Verleger Christoph Links auf den Punkt und hofft, „dass wir mit dem Buch tatsächlich eine Diskussion anstoßen, die diese Unsichtbarkeit von mehr als ein Drittel der Bevölkerung überwindet und auch die Einbeziehung Nichtreligiösen Gesellschaftsteilen in die Debatte – sei es Rundfunkräten, sei es  bei öffentlichen Gremien – damit ein bisschen stärken und fördern können.“

Image of Was glaubst du eigentlich? Weltsicht ohne Religion

Rita Kuczynski: Was glaubst du eigentlich? Weltsicht ohne Religion. Ch. Links Verlag 2013, Taschenbuch, 192 Seiten