Direkt zum Inhalt

Sexueller Missbrauch: Opfervereinigung muss um Fortbestand bangen

Druckversion
„Ich kann nicht mehr“ – Der im April 2010 gegründete Zusammenschluss von Opfern sexueller Gewalt „netzwerkB“ steht möglicherweise vor dem Aus. Anfang Juni soll über die Fortführung der Vereinsarbeit entschieden werden. Norbert Denef, Vorstandsvorsitzender und Missbrauchsbetroffener, hält mehr finanzielle Unterstützung für unverzichtbar.
Montag, 22. April 2013
Bild: Screenshot / ARD

Die Wut ist noch da, die Kraft schwindet: Norbert Denef im Februar 2010 beim ARD-Talk "hartaberfair". Bild: Screenshot / ARD

Katholische Bischöfe und Politiker wird es freuen: Die im Zuge der Enthüllungen unzähliger Fälle des sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Funktionsträger vor drei Jahren gegründete unabhängige Vereinigung für die Rechte und Belange von Betroffenen von sexualisierter Gewalt netzwerkB stellt möglicherweise noch in diesem Jahr ihre Arbeit ein.  

Denn Norbert Denef, Gründer und treibende Kraft hinter dem Betrieb von netzwerkB, ist erschöpft. Die Gründe bringt er so auf den Punkt: „Niemand kann dauerhaft rund um die Uhr arbeiten, sieben Tage in der Woche und 365 Tage im Jahr.“

Er hat es versucht. Nicht erst seit im Januar 2010 erstmals Berichte über die jahrzehntelange Vertuschung sexuellen Missbrauchs am Canisius-Kolleg in Berlin die breite Öffentlichkeit erreichten, setzte sich Norbert Denef nicht nur unermüdlich dafür ein, angemessene Entschädigungen für die Opfer und ihre Angehörigen zu erkämpfen.

Zu den Zielen gehört auch, politische Reformen im Sinne der Prävention von zukünftigen Taten zu erreichen: Eine Anzeige- und Meldepflicht, die Aufhebung von Verjährungsfristen und mehr Schutz für Betroffene sollten aus Sicht des Vereins durch Politik und Gesetzgebung gewährleistet werden.

Doch wie leicht die Rufe nach Gerechtigkeit und Veränderung zugunsten früherer und zukünftiger Opfer auf taube Ohren stoßen, zeigte sich für Norbert Denef bereits im Februar 2010, wo er sich im ARD-Talk „hartaberfair“ nicht nur den selbstgefälligen und kaum einsichtsfähigen Kirchenvertretern in Gestalt des Hamburger Weihbischofs Hans-Jochen Jaschke und des BILD-Korrespondenten Andreas Englisch gegenüber sah.

Ihm, dem die katholische Kirche den sexuellen Missbrauch durch einen ihrer Pfarrer quasi „amtlich“ bestätigte, scheint auch die Gesellschaft nicht helfen zu wollen. Oder sie tut nur, was Benedikt XVI. tat, nachdem ihm Denef in einem Brief von der Vertuschung des Missbrauchs berichtete. Benedikt XVI. ließ ihm in einem Schreiben ausrichten, dass er für ihn bete. Norbert Denef steht hier als einer für viele.

Und während nun am katholischen Canisius-Kolleg, ein Gymnasium in freier Trägerschaft des Jesuiten-Ordens im Zentrum der deutschen Hauptstadt, die Enthüllungen um die Skandale von gestern vorübergegangen zu sein scheinen und die Schulstiftung fröhlich zum Frühjahrskonzert lädt, sieht man sich bei netzwerkB nicht am Ziel der eigenen Arbeit, sondern nur am Ende der eigenen Möglichkeiten.

Deshalb soll vom 8. bis 9. Juni im schleswig-holsteinischen Scharbeutz über den Fortgang der Vereinsarbeit beraten werden: „Auflösung des Vereins?“ fragt der Titel der Jahrestagung. Eine Bilanz der bisherigen Arbeit hat netzwerkB am Montag vergangener Woche veröffentlicht. Knapp 200 Pressemitteilungen, 42 Radiointerviews, 83 Fernsehauftritte und 376 Medienberichte versuchten, den Blick der Öffentlichkeit auf die Forderungen der Angehörigen von netzwerkB zu richten.

Er hat es geschafft, stark zu bleiben in all den Jahren

Dazu kommen, heißt es beim netzwerkB, über 8.000 Telefongespräche, die in den letzten drei Jahren geführt wurden. Rund 16.500 Leserbriefe seien bearbeitet worden. Rund 850 Mitglieder haben sich im Netzwerk zusammengeschlossen. Ein Ehrenamt für Menschenrechte und die Nöte beschädigter Leben.

Doch es reicht nicht aus. Weder angemessene finanzielle Entschädigungen noch tiefgreifende Reformen stehen bislang in Aussicht. Den Rufen der Opfer gelingt es nicht, Oberwasser in der Flut des medialen Wettbewerbs zu behalten. Die Lage der Banken in Zypern scheint wichtiger als die Schmerzensschreie der Menschen im netzwerkB. Für sie ist kein Geld da.

Viele der von sexueller Gewalt Betroffenen, die sich im netzwerkB für etwas mehr an Gerechtigkeit einzusetzen versuchen, tragen bis heute nicht nur seelische Narben vom früheren Leid. Auf ihren Schultern lastet oft auch die Erkenntnis, mit dem eigenen Schicksal allein bleiben zu müssen. Nichts erleben zu können, das sich als eine Art Wiedergutmachung anfühlen könnte. Ein Teufelskreis der Enttäuschung von einem Leben, in dem sich Wut und Verzweiflung vermischen. Der die eigene Seele krank macht, für immer. Norbert Denef steht hier als einer für viele. Er hat es geschafft, stark zu bleiben in den all den Jahren.

„Bisher haben oft unsere Mitglieder, die nicht selten unter dem Existenzminimum ihr Dasein fristen müssen, uns mit ihrem jährlichen Beitrag von 25 Euro unterstützt“, berichtet Norbert Denef über die finanzielle Lage des Vereins. „Einige Spender haben unsere Fahrkosten für Gespräche mit Bundestagsabgeordneten in Berlin übernommen.“

Wiederholte Bitten an den Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig, das Familienministerium oder frühere Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann blieben ohne Erfolg, so Denef. Für die Unterstützung des gemeinnützigen Vereins war kein Geld da.

Die weitere Existenz von netzwerkB steht deshalb nun auf Messers Schneide: „Der jetzige Verein mit 853 Mitgliedern, Tendenz steigend, kann mit den aktuellen personellen Kapazitäten nicht mehr organisiert werden. Wenn wir wirklich politische Veränderungen wollen, müssen wir uns professioneller aufstellen“, erklärt Norbert Denef. Denn nicht nur Pressemitteilungen oder Medienauftritte gehören zum Tagesgeschäft, auch Aufklärungs- und Informationsveranstaltungen sind ein Teil der Vereinsarbeit.

„Um die Arbeit von netzwerkB verstärkt fortführen und den politischen Druck für die dringend notwendigen Veränderungen deutlich erhöhen zu können, sind wir auf eine solide finanzielle Basis mit einem vernünftigen personellen Einsatz angewiesen.“ Mit dem reinen Ehrenamt allein und den geringen Mitgliedsbeiträgen ist gegen den Lobbyismus der politischen Gegner nicht anzukommen.

Dann will er auch nicht mehr

Denef konkret: „Wir brauchen ein professionelles Sekretariat mit einer festangestellten Bürokraft.“ Eine Geschäftsführung, eine Bürokraft und die anfallenden Bürokosten müssten bezahlt werden, damit etwas Arbeit von seinen Schultern genommen werden kann.* Rund 178.000 Euro seien „für den Anfang notwendig, um wirklich eine schlagkräftige Organisation aufbauen zu können“, rechnet der fast 64-Jährige Vorstandsvorsitzende vor. 178.000 Euro, das entspricht auch etwa den jährlichen Bezügen und Unterhaltskosten für einen einzelnen Bischof oder Kardinal. Und Norbert Denef steht dann immer noch als einer gegen viele.

Doch kann der Verein ohne einen Kämpfer wie ihn noch lange überleben? Die Zukunft scheint äußerst ungewiss. Denef jedenfalls sagt, er werde sich „ohne Unterstützung von Sponsoren zur nächsten Wahl als Vorstandsvorsitzender von netzwerkB nicht mehr aufstellen lassen“. Er, ein Stachel im Gewissen der deutschen Öffentlichkeit, kann nicht nur nicht mehr. Norbert Denef will dann nicht mehr. Auch der Starke unter den vielen resigniert. Katholische Bischöfe und Politiker wird es freuen.

*In einer früheren Version verwendeten wir hier versehentlich eine Formulierung, die einzelnen Funktionen Geschlechterrollen zuteilte. Wir bitten das zu entschuldigen.