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Jungenbeschneidung: Teil religiöser Sozialisation von Kindern?

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UN-Sonderberichterstatter Heiner Bielefeldt hat im Interview für den Auslandsrundfunk Deutsche Welle gesagt, er sei von der Heftigkeit der Debatte über die Beschneidung von Jungen erschrocken. Bielefeldt meinte, die Beschneidung gehöre zur religiösen Sozialisation von Kindern.
Freitag, 1. Februar 2013

„Der Begriff Religionsfreiheit ist eine Kurzformel für die Gedankenfreiheit, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Weltanschauungsfreiheit. Es geht um die Freiheit jedes Menschen, seinen Glauben zu äußern, seinen Glauben vielleicht auch zu ändern, seinen Glauben zu kommunizieren, sich mit anderen zusammenzuschließen“, so Heiner Bielefeldt,  Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit bei den Vereinten Nationen, zunächst im Interview mit dem Chefredakteur des katholischen Missionsmagazins kontinente.

Zur Frage über die Verfolgung von Christen ließ er sich nicht auf eine Festlegung über Zahlen ein. „Mit Zahlen bin ich generell vorsichtig, aber es sind zweifellos viele Menschen weltweit, auch viele Millionen von Christen, betroffen von Einschränkungen ihrer Religionsfreiheit“, so Bielefeldt. Die Gründe für eine Verfolgung aufgrund des Glaubens seien vielfältig: Die Durchsetzung einer staatlichen Ideologie, die Sorge vor dem Eigenleben von Religionsgemeinschaften oder die Bevorzugung bestimmter Religionen zählten dazu.

Bei der Diskussion über Einschränkungen der Religionsfreiheit müsse man immer im Blick haben, dass in Ländern, in denen christliche Gläubige verfolgt werden, dies meistens auch anderen religiösen Gruppen widerfährt. Verfolgungen aufgrund der Religion oder Weltanschauung könnten nur durch einen breiten Komplex an Maßnahmen abgebaut werden.

„Aufbau von Rechtsstaatlichkeit, von menschenrechtlicher Infrastruktur, von Zivilgesellschaft, von nationalen Menschenrechtsinstitutionen. Es geht meistens nicht allein um Religionsfreiheit, es geht auch um ein offenes Bildungssystem, um private und öffentliche Schulen, um religiösen Pluralismus im Schulsystem, um wirksame Antidiskriminierungspolitik, um Öffnung sozialer Räume, bis hin zum Pluralismus im Arbeitsmarkt.“

In Deutschland, so Bielefeldt schließlich, sehe es „in Sachen der Religionsfreiheit recht gut aus. Erschreckt hat mich aber die Heftigkeit in der Debatte über die Beschneidung. Die religiöse Sozialisation von Kindern wurde als barbarischer Akt diskreditiert. Die Wucht, die Aggression, spricht nicht für ein offenes, religionsfreundliches Klima. Ich gewinne den Eindruck, dass für viele Menschen Religion nicht in eine aufgeklärte Gesellschaft passt.“

Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk hatte er im Juli 2012 das Kölner Urteil als „hingerotzt“ bezeichnet, gegenüber dem Sender Deutschlandradio Kultur als „groben Unsinn“ beurteilt. Bielefeldt rief damals zur Schaffung von Rechtsklarheit auf.