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Presseschau: Zwischen Haltung und Haltungen

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Der New Humanist präsentiert die neuesten Apologeten der „Televangelikalen“, der Fernsehprediger, und blickt hinter die Kulissen ihrer Auftritte, berichtet vom Blasphemie-Fall des Inders Sanal Edamaruku, der inhaftiert wurde, weil er ein „Wunder“ wissenschaftlich erklärt und entmystifiziert hat, und blickt in die Tiefe des Universums, um in den schwarzen Löchern der Galaxis nach den Ursprüngen des Lebens zu suchen. Dies und mehr in der aktuellen Ausgabe des britischen New Humanist.
Montag, 21. Januar 2013
New Humanist 1-2013

Die Frage der Gleichberechtigung ist derzeit eine viel diskutierte – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. In den USA soll Präsident Barack Obama erklären, warum homosexuelle Paare heiraten dürfen sollen. In Frankreich gehen Hunderttausende auf die Straße, um schwulen und lesbischen Paaren das Adoptionsrecht vorzuenthalten, weil zu einer Familie angeblich Mutter, Vater und Kind gehören. In Deutschland diskutiert man die steuerrechtliche Gleichbehandlung von Hetero- und Homoehen – wobei geflissentlich all jene Familien diskriminiert werden, in denen keine Ringe getauscht, also nicht der „heiligen Institution Ehe" gefrönt wird.

Diese konservativ motivierten Debatten mag man als aufgeklärt denkendes Wesen irgendwie skurril finden, aber man muss sie als Teil der Wirklichkeit auch erst einmal akzeptieren. Den Höhepunkt der Skurrilität aber liefert die anglikanische Kirche in England, die wohl aufgrund des allgemeinen Priestermangels eine seltsame Einsicht zeigt: Um der Ungleichbehandlung vorzubeugen, duldet sie nun homosexuelle und sexuell enthaltsame (!) Priester in ihren Reihen, weibliche Bischöfinnen aber weiterhin nicht. Frauen dürfen gern das niedere Priesteramt ausfüllen, Bischof werden ist aber den Männern vorbehalten. Mal abgesehen, dass in diesen Beschlüssen die Diskriminierung zwischen Mann und Frau so offensichtlich ist, wie das Kreuz am Kirchportal, geht die anhaltende Diskriminierung noch weiter. Denn heterosexuell lebende Priester müssen keineswegs enthaltsam leben. „Der designierte Oberste Geistliche der Kirche, der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, ist zum Beispiel fünffacher Familienvater", berichtet die Zeit.

Just das Thema der Gleichberechtigung spielt auch in der aktuellen Ausgabe New Humanist der britischen Rationalisten eine gewichtige Rolle. Im Editorial wird aufgrund des geringen gesellschaftlichen Rückhalts für die anglikanische Kirche und den unverständlichen Entscheidungen gar deren Abbau gefordert. Weniger polemisch setzt sich Jason Wakefield mit 31 Argumenten gegen die Homo-Ehe auseinander und begründet, warum sie falsch sind. So etwa die von Konservativen immer wieder ins Feld geführte Behauptung, die Mehrheit der britischen Bevölkerung sei gegen die Homo-Ehe, während sich die Briten seit 2004 in verschiedenen repräsentativen Umfragen immer wieder mehrheitlich für die Homo-Ehe aussprachen. Er geht dabei aber auch auf persönliche Attacken von Gegnern der Homo-Ehe ein, die deren Verfechtern oft vorwerfen, diese seien emotional zu sehr involviert, um noch sachlich darüber zu diskutieren.

Ein ganz anderes Thema ist der gegenseitige Umgang zwischen Gläubigen und Konfessionsfreien. Der englische Autor Francis Spufford, der hierzulande zuletzt mit seinem russischen Faktenroman „Rote Zukunft" für Aufsehen sorgte, hat zu diesem Thema nun ein Buch veröffentlicht. „Unapologetic" heißt es und stellt im Untertitel eine Antwort auf die Frage in Aussicht, warum Christentum immer noch einen überraschend emotionalen Sinn machen kann. New-Humanist-Herausgeber Caspar Melville hat sich mit Spufford getroffen. Sie sprachen dabei über unterschiedliche Haltungen zu Religionen, über die Bedeutung der Wissenschaft, den Unterschied von rationalen und emotionale Botschaften, der Haltung von Konfessionsfreien Gläubigen gegenüber und diskutierten die Frage, ob Gläubige in Großbritannien verfolgt werden (Ohne im Detail vorzugreifen, aber auch Spufford ist der Ansicht, dass Gläubige in Großbritannien nicht verfolgt werden). Im New Humanist kann man nun ein Protokoll dieses Gesprächs nachlesen oder im Soundcloud-Kanal als Podcast nachhören.

Außerdem präsentiert der New Humanist die neuesten Apologeten der „Televangelikalen", also der Fernsehprediger und blickt hinter die Kulissen ihrer Auftritte, berichtet vom Blasphemie-Fall des Inders Sanal Edamaruku, der inhaftiert wurde, weil er ein „Wunder" wissenschaftlich erklärt und entmystifiziert hat, und blickt in die Tiefe des Universums, um in den schwarzen Löchern der Galaxis nach den Ursprüngen des Lebens zu suchen.

Auf den Titel der Ausgabe haben die britischen Rationalisten ein Theaterstück, das seit März 2011 die Bühnen rockt. Die Southpark-Macher Matt Stone und Trey Parker haben ein Musical über die Mormonen und deren Aufstieg geschrieben („The Book of Mormon"). Es hat neun Tony-Awards und einen Grammy gewonnen und ist auf Monate im Voraus ausverkauft. Einer der Macher, Trey Parker, beschrieb das Stück als einen „atheistischen Liebesbrief an Religionen", Natalie Haynes hat sich das Musical für den New Humanist angesehen.

Ein intellektuelles Vergnügen ist das Interview mit dem britischen Mediziner, Autor und Theaterregisseur Jonathan Miller.

Wenn ich sage, dass ich kein Atheist bin, dann nicht, um mich abzusichern. Ich glaube nur einfach nicht, dass es notwendig ist, für diese Haltung überhaupt eine Bezeichnung verwenden zu müssen, sagte Miller im überaus unterhaltenden Gespräch (Podcast hier) mit Laurie Taylor.