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Ist Gott eine gute Idee?

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Das Philosophie-Magazin macht sich in seiner aktuellen Ausgabe Gedanken über Gott. Was ist Gott? Eine Idee? Eine Hilfskonstruktion? Eine Person? All diese Positionen kommen in der im Magazin geführten Debatte, deren Höhepunkt in einem sehr harmonischen „Streitgespräch“ zwischen Herbert Schnädelbach und Margot Käßmann liegt, zum Ausdruck.
Montag, 26. November 2012
Philosophie-Magazin

Welch Wohltat ist dieses Heft. Schon der Titel der aktuellen Ausgabe des Philosophie-Magazins Gott. Eine gute Idee? macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um den x-ten Versuch einer Begründung des Religiösen handelt, sondern um eine philosophische Debatte dessen, was Gott – philosophisch betrachtet – sein kann. Und wer das noch junge Philosophie-Magazin (seit einem Jahr auf dem Markt) von Anfang an verfolgt hat, der weiß, dass Philosophie hier nicht als rein theoretische Debatte betrieben wird, sondern als tätiges und der Welt zugewandtes Denken. Entsprechend wartet das Magazin auch beim Thema Gott mit Menschen und ihren Geschichten auf. Aber der Reihe nach.

Chefredakteur Wolfram Eilenberger, vormals Cicero-Chef, stellt in seinem Leitartikel den preußischen Aufklärer Immanuel Kant gegen den amerikanischen Religionsphilosophen James Williams – die philosophische und daher weniger radikale Variante des „Glaubenskrieges" um die Idee Gottes – um schließlich dem Leser folgende Leitfrage für die weiteren Beiträge mit auf den Weg zu geben: Wäre die Idee eines Gottes, der den modernen Menschen in seinem „unstillbaren Ermächtigungshunger" Einhalt gebietet, der eine Art „freiwillige Fremdkontrolle im Namen eines Gottes, von dessen Existenz wir im Sinne der Aufklärung nichts wissen können", darstellt, nicht sinnvoll?

Es wird auch gemenschelt im aktuellen Magazin. Zwei Frauen und drei Männer erklären, warum sie zum Glauben zurückgefunden oder jenen verloren haben. Die Frage nach der Gottesidee wird hier vom subjektiven Glauben abgelöst, was ebenso misslich wie anregend ist. Misslich deshalb, weil die Frage nach der Form der Idee eines göttlichen Prinzips verloren geht. Anregend, weil deutlich wird, dass sowohl Glauben als auch Glaubensfreiheit eng mit persönlichen Erfahrungen verbunden sind. Es sind oft einschneidende Erlebnisse oder biografische Wegmarken – positive wie negative – die die Menschen zum Glauben hin oder vom Glauben wegführen. Wenn der an Multipler Sklerose erkrankte 39-jährige Maximilian Dorner sagt, dass sein Gott eine „Hilfskonstruktion" sei, um sein Leben anzunehmen und damit umzugehen, trifft er mit dieser Formulierung der Kern der Sache. Gott als Hilfskonstruktion anderer Menschen wahrzunehmen und zu verstehen mag insbesondere für die Weltanschauungsgemeinschaften mit angeschlossener Praxis von Belang sein, weil hier der Anknüpfungspunkt gesellschaftlicher Relevanz zu verorten ist.

Zurück zum Thema findet das Magazin über die Frage, ob wir Gott in der Politik brauchen. Schon in der Frage verbirgt sich die philosophische Zumutung, dass es ein Wir gebe, auf dass diese Frage treffen und vor allem, dass diese Frage in der Lage wäre, zu diskutieren. Wie schnell sich Wir-Perspektiven auflösen, ist in der gegenwärtigen Eurokrise und den diversen Separierungstendenzen in zahlreichen europäischen Staaten zu erleben. Der französische Essayist Jean-Claude Guillebaud sieht die Notwendigkeit Gottes in der Politik darin begründet, dass ein bestimmtes Grundverständnis, etwa über die Gleichheit der Menschen, ohne das Gottesbild nicht möglich sei, da der Monotheismus den Menschen „unter dem Blick des einzigen Gottes gleichgemacht" habe. Der Israeli Avishai Margalit hält dem die zahlreichen extrem-religiösen Tendenzen in seinem eigenen Land und im ganze Mittleren Osten entgegen, deren gesamte Ausrichtung den „Grundregeln demokratischer Willensbildung" widerspreche. Doch egal, ob wir ihn brauchen oder nicht, er ist schon längst da – zumindest in der Wirtschaftspolitik, wie der tschechische Starökonom und aktuelle Wirtschaftsbuchpreisträger Tomáš Sedláček betont. Er verberge sich in der Marktgläubigkeit der vergangenen Jahre einerseits und dem Misstrauen in das Wirtschaftssystem andererseits. Die ökonomischen Ideen seien die neuen Götzen, die die einen anbeten und die anderen stürzen wollen, erklärt Sedláček.

Philosophie-Magazin Ausschnitt

Völlig aus der Debatte heraus fällt ein Interview mit Richard Swinburne, der seit Jahrzehnten an wissenschaftlich haltbaren Argumenten für die Existenz Gottes arbeitet. Hier geht es nicht um Philosophie, sondern um Dogmatik, wie dessen These des Theismus belegt:

Die Lehre des Theismus behauptet, dass es ein göttliches Wesen gibt und dass es sich dabei um eine Person handelt, die allmächtig, allwissend und vollkommen frei ist. Diese Person erschuf das Universum und ist für seinen bestand weiterhin verantwortlich. Dies stellt meiner Überzeugung nach die einfachste und deshalb sehr wahrscheinlich wahre Erklärung für unsere Existenz und die Existenz unseres Universums dar.

Der Mensch bevorzugt ja bekanntlich die einfachen Antworten, die Philosophie jedoch nicht. Swinburn Theismus-These steht nur fest auf dem Sockel des britischen Religionsphilosophen, und selbst da nur, wenn man Vielgötterei akzeptiert. Oder wer soll für die ganzen anderen Universen verantwortlich sein, deren Existenz belegt ist? Aber wahrscheinlich ist selbst das ein von Gott geschaffenes Trugbild, denn dieser zeichne sich nicht zuletzt auch „für die physikalischen Gesetze verantwortlich."

Den Abschluss des Dossiers im aktuellen Philosophie-Magazin bildet ein Interview zwischen der EKD-Botschafterin Margot Käßmann und dem Philosophen Herbert Schnädelbach, die nicht argwöhnisch, sondern interessiert zugewandt miteinander über die Gottesnotwendigkeit in der Moral diskutierten. Dies ist nicht nur argumentativ spannend, sondern auch erkenntnisreich. So hat Margot Käßmann bei der Frage, ob die Menschenwürde einen Gottesbezug braucht, sogleich auch die humanistische Perspektive parat:

Natürlich ist das ohne Gott begründbar. Ich kann mich mit Humanisten zusammentun, die mit ihrer Ethik dieselben Standpunkte vertreten. Meine Überzeugung ist, dass der Mensch eine Würde hat, weil jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Oder zumindest einen Schimmer dieses Ebenbildes mit sich trägt. Das andere wäre zu sagen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, weil ich als Humanist davon überzeugt bin."

Käßmann und Schnädelbach reden über Horkheimer und Adorno, den Glauben der Aufklärer, die Bedeutung der Vernunft und deren Macht in Fragen des Egoismus, über die Frage, ob es ein Recht auf ein gesundes Kind gibt und die Gelassenheit in kritischen Lebensphasen. Lässt sich Käßmann in Not in Gottes Hände fallen, vertraut Schnädelbach auf die Welt.

Es macht Spaß, diesen zugewandten Austausch der Argumente lesend zu verfolgen. In dem respektvollen Umgang miteinander stellt dieses Gespräch ein Ideal der Debatte über Gottes Existenz dar – fernab der extremen Pole, die in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder die Deutungshoheit erlangen. Schon deshalb sei diese Ausgabe des Philosophie-Magazins jedem aufgeschlossenen Leser empfohlen, ganz egal ob er in Gott eine Person, eine Hilfskonstruktion oder eine Idee vermutet.

„Das Recht, Gottes Existenz infrage stellen zu dürfen, ist das höchste Gut der Meinungsfreiheit", schreibt Eilenberger. Natürlich hat er Recht mit diesem Argument. Aber nicht, weil jede Provokation im Namen der Meinungsfreiheit erlaubt sein muss, sondern weil erst dieses Infragestellen der Existenz Gottes die die Sinne schärfende Debatte eröffnet, die zu führen ist, wenn eine Gesellschaft in Toleranz miteinander leben will.

Nachtrag: Nicht nur aus säkularer Perspektive ist über das Dossier hinaus die Auseinandersetzung mit Jean-Jacques Rousseau spannend, der nicht nur einer der größten Aufklärer war, sondern auch einer der größten Skeptiker der Aufklärung. Und jene, die sich auf ihn berufen haben, etwa Robespierre oder Fidel Castro, besitzen im Rückblick nicht den besten Leumund. Das Philosophie-Magazin setzt sich mit Leben und Werk des Franzosen, dessen Geburt sich in diesem Sommer zum 300. Mal jährte, auseinander.