Presseschau: Humanist Perspectives 3/2012
Ist die kanadische Regierung auf einer evangelikalen Mission? Diesen Vorwurf erheben die kanadischen Humanisten in der aktuellen Ausgabe ihres Magazins Humanist Perspectives. Anlass geben zahlreiche Entscheidungen der Regierung, die es an wissenschaftlicher Erkenntnis nicht nur mangeln lassen, sondern wider besseres Wissen gefällt wurden sowie die Tatsache, dass der konservative Premierminister Kanadas, Stephen Harper, Mitglied in der Christian and Missionary Alliance (CAMA) ist, einer evangelikalen amerikanischen Freikirche mit etwa zwei Millionen Mitgliedern.
In der Kritik stehen insbesondere umweltpolitische Entscheidungen der Tory-Regierung Harpers. So fehle es an einem nationalen Plan zur Reduzierung der CO2-Ausstöße gemäß Kyoto-Protokoll, zahlreiche Maßnahmen des Gewässer- und Trinkwasserschutzes sind durch politische Entscheidungen zugunsten der Industrie verwässert worden, die Umweltschutzorganisation Greenpeace wird von öffentlichen Sicherheitskräften als extremistische Gruppe eingestuft.
Hinter den Maßnahmen vermutet der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Journalist Andrew Nikiforuk die Ideologie der Evangelikalen, genauer gesagt einen „evangelikalen Klimawandel-Skeptizismus". Nikiforuk zielt hier nicht auf die seit 2006 existierende Evangelical Climate Initiative an, die den Klimawandel als „Bedrohung der Schöpfung" betrachtet, sondern auf die so genannte Cornwall Alliance, eine evangelikal-konservative Denkfabrik, die den Klimawandel leugnet und für einen „marktkonformen" Umgang mit der Umwelt plädiert. Darunter ist nichts anderes zu verstehen als eine Ausbeutung der Umwelt zugunsten von Industrie und Kapital. Konkret liest sich das folgendermaßen:
Es gibt keine überzeugenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass menschliches Verhalten den Treibhauseffekt, der die gefährliche Erderwärmung bewirkt, fördert.
Kanadas Premier Stephen Harper lasse sich von den Marktliberalen der Cornwall Alliance seine Politik diktieren, so Nikiforuk in seinem erhellenden Beitrag. Darin geht er auch auf die Wurzeln der klimaskeptischen evangelikalen Bewegung ein, die sich durch sieben Wesensmerkmale auszeichne:
- Verachtung für die Umweltschutzbewegung
- Misstrauen gegenüber der Wissenschaft im Allgemeinen
- Misstrauen gegenüber den Leitmedien
- Parteiloyalität
- Marktliberaler Ansatz als Gotteswille (Gott ist der Gegenpol zu staatlicher Regulierung und Steuersystem)
- Missverständnis der göttlichen Souveränität (Gott würde uns nicht die Zerstörung des Planeten erlauben)
- Verteidigung einer unhinterfragten göttlichen Herrschaft (Gott möchte, dass sich die Menschen unterordnen und seiner Schöpfung gehorchen)
Dies sei auch die radikal-evangelikale Agenda, die Stephen Harper und seine Regierung verfolgten. Es sei an der Zeit, dass Kanada über die Werte seiner Demokratie und über Theokratie spricht, denn das Unterlaufen der politischen Agenda mit evangelikalen Positionen kann nicht im Interesse einer offenen Gesellschaft sein, in der nicht einmal jeder zehnte sich selbst als evangelikal bezeichnen würde. Andrew Nikiforuks Beitrag ist ein Lehrstück über das Abgleiten einer Demokratie in einen jeder rationalen Erkenntnis zuwiderlaufenden Glaubensstaat.
Außerdem in der aktuellen Ausgabe
+++ Essay über die Religionskritik +++ Porträt eines Weltkriegsveteranen, der auf dem Schlachtfeld den Humanismus für sich entdeckt hat +++ Beitrag über die Ent-Demokratisierung der kanadischen Politik +++ Auszug aus dem Roman Secret Selves von Jamie Johnson +++ Abdruck einer Übersetzung von Günter Grass' Israelkritik +++ Nachruf auf die kanadische Humanistin und säkulare Aktivistin Yvonne Dobson








