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Presseschau: Humanist Perspectives 3/2011

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Warum wird die Welt nicht satt?
Montag, 21. November 2011
Humanist Perspectives 3-2011

Wie das tobende Ungeheuer füttern, fragen die kanadischen Humanisten in der aktuellen Ausgabe ihres Verbandsmagazins Humanist Perspectives. Wie geht eigentlich Kanada mit der Tatsache um, dass die Weltbevölkerung wächst, innenpolitisch als auch außenpolitisch? Die Präsidentin des Kanadischen Bevölkerungsinstituts Madeline Weld geht dieser Frage in einem teils fundierten, teils haarsträubenden Beitrag auf zwölf Seiten nach und konstatiert Überraschendes.

Etwa dass Familienplanungsinstrumente und -initiativen in der kanadischen Entwicklungspolitik seit Jahren nicht nur systematisch vernachlässigt werden, sondern dass der globale Bevölkerungswachstum überhaupt nicht als singuläres Problem betrachtet wird. Die Erklärung liefert Weld gleich mit. Ihren Recherchen zufolge hat der Vatikan Mitte der 1990er Jahre gehörigen Druck auf die kanadische Regierung ausgeübt, um diese von ihrer Position Pro-Familienplanung abzubringen. Die kanadischen Bischöfe sollen anlässlich eines Volksbegehrens 1995 zur Abtrennung von Quebec damit gedroht haben, Gläubige dazu aufzurufen, für die Abspaltung des französischsprachigen Quebecs vom englischsprachigen Kanada zu stimmen. Die kanadische Regierung ließ sich offenbar beeindrucken und kappte seine Unterstützung für Familienplanung.

Weld geht in ihrem Beitrag auch auf Fragen der Einwanderung ein. Hier gleitet Weld allerdings in Populismus ab, der sich oft des eindimensionalen Arguments bedient, Einwanderer würden der heimischen Bevölkerung am unteren Ende des Bildungssystems die Arbeit wegnehmen. Dazu kommt dann noch die dubiose Erklärung, die Einwanderung in Kanada (und anderen Staaten) würde das Bevölkerungswachstum in den Herkunftsstaaten verursachen. Dass sie nur wenige Seiten vorher richtigerweise Bildung, Aufklärung und Gesundheitspolitik ursächlich dafür genannt hatte, hat sie in populistischem Anfall vergessen. Welds Ausführungen zur Außen- und Entwicklungspolitik eröffnen interessante Blicke hinter die Kulissen des kanadischen Regierungsverhaltens der vergangenen 20 Jahre. Ihre Argumente bezüglich der Innen- bzw. Einwanderungspolitik hingegen wirken schwach, an den Haaren herbeigezogen und populistisch, so dass man diese nur schwer ernst nehmen kann in der Debatte, wie man das tobende Ungeheuer füttern kann.

Der Direktor des Forschungszentrums an der Universität von York Alexandre Brassard hinterfragt in einem pointierten Beitrag das Finanzierungssystem der öffentlichen Schulen in Kanada, die sich in öffentliche französischsprachige und öffentliche englischsprachige sowie öffentliche französischsprachige katholische und öffentliche englischsprachige katholische Schulen aufteilen. Es sei Zeit, die katholischen Schulen zu säkularisieren, fordert Brassard in seinem Beitrag, denn die „öffentlichen Bildungseinrichtungen dürften nicht für sektiererische Indoktrination" genutzt werden.

Der humanistische Psychologe Lloyd Hawkeye Robertson widmet sich einer Frage, die auch die Humanisten hierzulande beschäftigt: Wie verhält sich der Humanismus zur Spiritualität. Robertson rät zu einem gelassenen Umgang mit Konzepten, die nicht mit Algorithmen und wissenschaftlichen Herleitungen erklärbar sind, warnt aber zugleich vor religiösen Interpretationen:

Menschen leben in einer materiellen Welt und besitzen die Fähigkeit, eigene spirituelle Momente zu entwickeln und zu genießen. Wir sollten und diese Fähigkeit bewahren und sie von der Kontrolle durch religiösen Glauben freihalten.

Außerdem lesen Sie in der aktuellen Ausgabe, wie eine Theologin zum Atheismus kam und warum Palästina ein modernes Israel ist. Online sind derweil einige Beiträge der vorletzten Ausgabe frei zugängig.

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