Ethik an Schulen: „Unsere ethische Tradition ist älter als die christliche Moral“
Die Ziele der im vergangenen September in Österreich vorgestellten Kampagne „Ethik für alle“ erhalten prominente Unterstützung. In einem Interview mit der Tageszeitung Der Standard hat sich der Philosoph Konrad Paul Liessmann, Professor an der Universität Wien und Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2006, für einen allgemeinverbindlichen Ethikunterricht im Land ausgesprochen.
Die Initiative „Ethik für alle“ fordert einen vom Religionsunterricht losgelösten Ethikunterricht in ganz Österreich. Ein entsprechendes Modell gibt es bislang nur in der deutschen Hauptstadt Berlin, wo es im Schuljahr 2006/2007 eingeführt wurde und in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 unterrichtet wird.
Liessmann widersprach dabei der Auffassung, dass ein Schulfach Ethik nur als Ersatzfach zum traditionellen Religionsunterricht angeboten werden sollte. Ethik sollte nicht nur als „Restfach für jene, die keine Religion haben“ angeboten werden, da „unsere ethische Tradition, die in der Antike wurzelt, etwa in der aristotelischen Philosophie, älter ist als die christliche Moral.“
Der Philosoph sprach sich trotzdem klar dagegen aus, den Religionsunterricht ganz aus der Schule drängen zu wollen. „Ich glaube, Religion ist so wie Philosophie, Wissenschaft und Kunst eine Erscheinungsform des objektiven Geistes. Religion gehört zu unserer Kultur, Religionen gehören zu unseren Kulturen. Kenntnisse religiöser Texte und Ikonografie gehören zur Bildung“, so Liessmann.
Ferner betonte er, dass gerade eine säkulare Demokratie viel Religion vertrage: „Religionen haben nie nach Religionsfreiheit gerufen, im Gegenteil. Die dominanten Religionen wollten immer die nicht dominanten Religionen verbieten, verfolgen, ausrotten. In einer religiösen Gesellschaft gibt es die dominante Religion und die Ketzer.“
Mit Blick auf Debatten über die Zulässigkeit von Sterbehilfe, Präimplantationsdiagnostik oder die Jungenbeschneidung, sollte der Staat grundsätzlich eine breite Palette an Optionen für die eigene Entscheidung anbieten. Deshalb könnten „die Regeln, die für alle gelten, können nicht Resultat einer Religion sein.“
Zur Kontroverse um die Jungenbeschneidung sagte Konrad Paul Liessmann schließlich, dass bei der Diskussion über das Ritual die Geschichte mitberücksichtigt werden müsse und „dass das abstrakte Recht immer mit historischen Erfahrungen, Traditionen und Ritualen in Konflikt treten kann, die nicht einfach ignoriert werden können.“ Zwar bestehe das Projekt der Aufklärung darin, Traditionen und Praktiken zu hinterfragen. Doch dabei komme es auch auf Sensibilität und Augenmaß an, so Liessmann.







