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Demografischer Wandel in Japan: Minister schockiert mit Sterbeaufruf für Alte

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Immer mehr ältere Menschen, immer mehr Pflegebedürftige. Die japanische Gesellschaft ringt schwer mit den Folgen des demografischen Wandels. Für Japans Finanzminister Taro Aso war das offenbar Anlass genug, um mit Vorschlägen von sich reden zu machen, die einen Sturm der Empörung ausgelöst haben.
Mittwoch, 23. Januar 2013
Foto: World Economic Forum / Flickr / CC-BY-SA

Taro Aso beim Weltwirtschaftsforum 2009 in Davos. Foto: World Economic Forum / Flickr / CC-BY-SA

Nicht nur die deutsche Gesellschaft, sondern auch in Japan steckt die Bevölkerung mitten in gravierenden Veränderungen: Die Gesellschaft des Landes hat mit einer massiven Überalterung zu kämpfen. Die Versorgung der zunehmend älteren Bevölkerung belastet die Sozialsysteme enorm. Taro Aso, Abgeordneter der Liberaldemokratischen Partei in Japan und seit Dezember 2012 Finanzminister des Landes, löste daher am vergangenen Montag mit dem Aufruf Empörung aus, dass die Alten und Pflegebedürftigen endlich sterben sollten.

Eine extrem niedrige Geburtenrate von 1,35 Kindern pro Frau, eine hohe Lebenserwartung und eine Bevölkerung von 128 Millionen Menschen, die schon heute zu einem Viertel über 60 Jahre alt ist. Wie einschneidend der demografische Wandel in Japan sich auswirkt, illustrierte im vergangenen Mai die Meldung des auf die Herstellung von Windeln spezialisierten Unternehmens Unicharm: Erstmals seit Beginn der Produktion seien 2011 mehr Windeln für Erwachsene als für Kleinkinder verkauft worden.

Bei einem Treffen zur Diskussion über eine Reform der Sozialversicherung schockierte der 72-jährige Finanzminister Aso nun deshalb mit dem Aufruf, dass die Pflegebedürftigen sich mit dem Sterben beeilen sollten. Das berichtete die britische Tageszeitung The Guardian und zitierte den Minister mit den Worten: „Der Himmel möge es vergeben, wenn Du zum Leben gezwungen bist und sterben willst. Man kann nicht ruhig schlafen bei dem Gedanken, dass all die Pflege von der Regierung bezahlt wird.“ Das Problem könne nicht gelöst werden, bis man sie [die Pflegebedürftigen] sich beeilen und endlich sterben ließe.

Pflegebedürftige, die künstlich ernährt werden müssen, bezeichnete er zudem als „Röhrenmenschen“. Auch dem Sozialministerium sei dabei sehr wohl bewusst, dass es mehrere Dutzend Millionen Yen pro Monat koste, einen einzigen Patienten in der letzten Phase seines Lebens zu pflegen. Für sich selbst habe Taro Aso verfügt, „schnell sterben“ zu wollen.

Es ist nicht die erste Äußerung des wohlhabenden Finanzministers, mit der er Empörung auslöst. 2008 bezeichnete er die Rentner des Landes als Bürde für den Haushalt und „tattrige Pensionäre“, die besser auf ihre Gesundheit achten sollten. „Ich sehe Leute im Alter von 67 oder 68 Jahren bei Klassentreffen, die herumtappen und ständig zum Arzt gehen“, sagte er bei einem Treffen von Wirtschaftsexperten. „Warum muss ich für Leute bezahlen, die nur essen und trinken und sich um nichts bemühen?“

Auch im Jahr 2001 zog Aso irritierte Aufmerksamkeit auf sich, weil er sagte, er wolle Japan zu einem so erfolgreichen Land machen, dass dort „die reichsten Juden leben wollen“. Ein anderes Mal pries er die Vorzüge der früheren japanischen Besatzung Taiwans oder erklärte US-Diplomaten, dass diese in Verhandlungen im Mittleren Osten aufgrund ihrer blauen Augen und blonden Haaren niemals mit Vertrauen rechnen dürften.

Aufgrund der rasch steigenden Ausgaben des Sozialsystems beschloss die japanische Regierung erst im vergangenen Jahr, während der nächsten drei Jahre die Konsumsteuer auf zehn Prozent zu verdoppeln. Einem aktuellen Bericht zufolge befindet sich die Zahl der Empfänger von Sozialleistungen auf einem neuen Höchststand, in 19 Prozent der Haushalte leben Kranke und Verletzte, in weiteren 40 Prozent Menschen über 65 Jahre.

Auf die harsche Kritik hin versuchte der Minister, seine Äußerungen zu relativieren und erklärte, nur seine private Meinung geäußert zu haben. „Es ist wichtig, dass man seinen Lebensabend in Ruhe verbringen kann“, so Taro Aso.

Mehr zum Thema Zu den Auswirkungen des demografischen Wandels auf Krankenhausbehandlungen und Pflegebedürftige hat das Statistische Bundesamt eine eigene Vorausberechnung veröffentlicht. Eine besonders starke Zunahme von bis zu 46 Prozent wird es demnach bis zum Jahr 2020 in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern geben. Link zur Broschüre

Der Wandel im Land wird sich jedenfalls fortsetzen. In den nächsten fünfzig Jahren soll der Anteil der über 60-Jährigen auf 40 Prozent der Bevölkerung anwachsen, schon heute sind nur noch knapp 14 Prozent der Menschen im Land 15 Jahre oder jünger.

Vergleichbar sieht auch die Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland aus. Doch während sich beide Länder mit Blick auf die demografische Entwicklung stark ähneln, hätten solche Äußerungen wie die des japanischen Finanzministerns in Deutschland vermutlich einen noch größeren Aufschrei zur Folge – insbesondere seitens der christlichen Kirchen, die sich schließlich seit Jahren für eine weitestgehende gesetzliche Strafbarkeit der Suizidhilfe einsetzen und auch mit der Warnung für ihre Positionen werben, dass eine Legalisierung dazu führt, dass ältere und todkranke Menschen „entsorgt“ werden. Äußerungen wie die des japanischen Finanzministers würden da wie Wasser auf diese Mühlen wirken.

Im Land von Taro Aso hatte das freilich weniger Effekte auf diese Debatte, denn die Kultur ist von den Dogmen der christlichen Kirchen weitgehend unbeeinflusst: 2007 legte die „japanische Gesellschaft für Akutmedizin“ daher Richtlinien fest, die Suizidhilfe für todkranke Menschen unter fest definierten Bedingungen erlaubt. Und mit rund 100.000 Mitgliedern ist die japanische Sterberechtsvereinigung die größte Gruppe dieser Art weltweit.