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"Wir laden Sie ein, unsere Verfassung zu respektieren"

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Die größte humanistische Organisation in Italien, die "Union der Atheisten, Agnostiker und Rationalisten" (UAAR) hat den italienischen Außenminister Gulio Terzi kritisiert, "zwei Jahrhunderte zivilen, säkularen und demokratischen Fortschritts" wegzuwerfen. Damit reagierte die Organisation auf Terzis pauschale Verbotsforderung von Religionskritik anlässlich der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in dem französischen Satiremagazin "Charlie Hebdo".
Freitag, 5. Oktober 2012
UAAR

Italiens Außenminister Giulio Terzi hatte die Veröffentlichung neuer Mohammed-Karikaturen durch Charlie Hebdo vor dem Hintergrund der gewalttätigen Proteste gegen den islamfeindlichen Film Die Unschuld der Muslime als "unverantwortlichen Sensationalismus" kritisiert und von der Notwendigkeit gesprochen, dies "strafrechtlich zu verfolgen". Niemandem dürfe erlaubt sein, sich über religiöse Werte lustig zu machen, hatte Terzi gefordert.

Der Generalsekretär der UAAR, Raffaele Carcano, kritisierte den Minister in einem Schreiben deutlich. Solche Worte aus dem Mund eines Ministers, der einem säkularen Staat dient, seien nicht hinnehmbar, sagte Carcano und ergänzte:

Wir laden Sie herzlich ein, die Verfassung zu respektieren, auf die Sie ihren Amtseid geleistet haben.

Rhetorisch fragte Carcano den Minister, ob er denn nicht wisse, dass die Gewissens- und Meinungsfreiheit eine vereinbarte Grundlage des Zusammenlebens aller Menschen sei.

Carcano griff in seinem Schreiben auch die schon mehrfach kritisierte Nähe der italienischen Expertenregierung unter Mario Monti zur katholischen Kirche auf, deren Mitglieder sich in der Vergangenheit immer wieder für die Verteidigung der christlichen Werte stark gemacht und die Anerkennung der "christlichen Wurzeln" Europas eingefordert hatten. Erst im Dezember letzten Jahres hatte die UAAR im Rahmen einer großen Plakatkampagne ein Ende der Kirchenfinanzierung gefordert, um den wirtschaftlich angeschlagenen Staat zu entlasten.

Gulio Terzi

In der Kritik. Italiens Außenminister Gulio Terzi | wikimedia commons

Dem Außenminister warf der UAAR-Generalsekretär eine Amtsausübung mit zweierlei Maß vor. Während es bis heute keine Erklärung von Terzi gegeben habe, in der er die Inhaftierung von bekennenden Atheisten in Tunesien, Ägypten, Indonesien und anderen islamischen Ländern kritisierte, sei die Inhaftierung von Christen in diesen Ländern schon mehrfach durch Terzi verurteilt worden.

In diesen Fällen erhoben Sie laut Ihre Stimme gegen diese Verurteilung.

Carcano forderte Terzi auf, die Verfolgung und Verleumdung von Atheisten, Agnostiker und Humanisten, innerhalb und außerhalb Italiens mit der gleichen Sensibilität und dem gleichen Respekt zu bewerten, wie die von Gläubigen.

Bereits der italienische Außenminister unter dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, Franco Frattini, war mit abschätzigen Äußerungen gegenüber Nichtgläubigen aufgefallen. Während seiner Amtszeit bezeichnete er Atheismus, Materialismus und Relativismus als "perverse Phänomene", die von Intoleranz geprägt seien und die Gesellschaft bedrohen würden.

Auch in Deutschland hatten einzelne Politiker im Zuge der Debatte um den Film Die Unschuld der Muslime und die Publikation der Mohammed-Karikaturen durch Charlie Hebdo ein Blasphemieverbot gefordert. Die Mehrheit der Politiker auf Bundes- und Landesebene sowie politische Intellektuelle und Medienmacher reagierten aber besonnen und wiesen diese Forderung als unsinnig und die Meinungsfreiheit gefährdend zurück.Auslöder der Debatte war der Plan der rechtsextremen Splitterpartei Pro Deutschland, den Film öffentlich vorführen zu wollen. Die beiden größten säkularen Organisationen in Deutschland vertraten in dieser Angelegenheit zwei unterschiedliche Meinungen. Während der Humanistische Verband dies als pure Provokation kritisierte, verteidigte die Gordano Bruno Stiftung eine mögliche Aufführung des Films mit Verweis auf die Meinungsfreiheit.